Fußball-Fanbuch "Der 12. Mann" "Jetzt schreiben wir zurück!"

Ein Haiku über Greuther Fürth, eine Chaos-Liste zum Zustand bei 1860 München und Lieblingserinnerungen an den Klub des Herzens - das Buch "Der 12. Mann" stellt ausgewählte Texte von Fußballfans vor.

Fans von RB Leipzig: Klatsch! Klatsch! Klatsch!
DPA

Fans von RB Leipzig: Klatsch! Klatsch! Klatsch!


Theo Weiss war 1989 der erste Fan-Beauftragte der Bundesliga, kaum jemand kennt sich mit den Befindlichkeiten der Anhänger so aus wie er. Kein Wunder also, dass Weiss - wie auch die Ex-Profis Fredi Bobic und Axel Kruse sowie der Autor Frank Willmann - zu einer Jury gehörte, die aus 737 Zuschriften die 52 besten Texte von Fußballfans auswählte. Diese sind nun im Buch "Der 12. Mann" im Spielmacher-Verlag erschienen.

"Viel wird über uns Fußballfans geschrieben, oft Unsinniges mit dem Fokus auf Gewalt und Unanständigkeiten. Jetzt schreiben wir zurück", erklärt Weiss das Motto im Vorwort.

Und tatsächlich finden sich im Buch alle Emotionen wieder, die man sonst am Wochenende in den Stadionkurven erlebt. Als "kreativ, leidenschaftlich, witzig, tiefsinnig, gefühlvoll und hintergründig", bezeichnet Weiss die Texte und Comics. Wir haben für Sie einen Comic des Cartoonisten-Duos Rattelschneck ausgewählt (unten in der Fotostrecke) sowie den Text "Tradition seit 2009" über den Zweitligisten RB Leipzig von André Herrmann.

Fotostrecke

6  Bilder
Rattelschneck-Comic: Echte Männer haben einsame Hobbys
André Hermann - "Tradition seit 2009"

"Es ist doch ein ganz einfacher 4/4-Takt!", rufe ich genervt. "Wenn wir", ich klatsche in die Hände, "in Block acht-", ich klatsche, "undzwanzig steeehn", ich klatsche, nicke und klatsche erneut. "Seit vier Jahren stehen wir hier jedes zweite Wochenende, und bis heute hat sie es nicht gepackt, einen simplen 4/4-Takt zu lernen!"

Julius und ich drehen uns um und blicken auf die Frau in kompletter Fanmontur. Sie hat schon wieder den Einsatz verpasst und singt: "Weeeeeenn", klatsch! "WirinBlock", Klatsch! Klatsch! Klatsch! "Achtundzwaaaaaanzig stehn!"

"Vielleicht macht sie das absichtlich?", sinniert Julius. Seit geraumer Zeit versucht er heimlich, den Verein zum ersten ironischen Fußballverein der Welt umzufunktionieren. Denn wenn schon die gesamte Fußballwelt gegen uns ist, dann müsse man sich auch nicht wie ein traditioneller Fan verhalten, so sein Credo.

Wenn alle rufen "Hier regiert der RBL", ruft Julius deshalb "Hier regiert der OBM" oder wiederholt bei Ansagen des Stadionsprechers absichtlich besonders unwichtige Worte.

"Du meinst, sie will den Verein vielleicht auch ironisch führen?", frage ich.

Julius nickt begeistert.

Währenddessen fällt ein Tor für unsere Mannschaft. Alles um uns herum jubelt und der Stadionsprecher brüllt: "Tooor füüür RB..." Der Block antwortet geschlossen: "Leipzig!"

Stadionsprecher: "In der siebzehnten..."

"Spielminute!", brüllt Julius und ich muss kichern.

"Trifft unser Mann mit der..."

"Nummer!", schreit Julius, ich kichere.

Als das Spiel weiter läuft, tippt mir die Frau von hinten auf die Schulter: "Was seid'n ihr für Spinner? Ihr sollt den Namen des Spielers rufen, nicht so was Sinnloses!"

"Oh, das wussten wir nicht!", sage ich reumütig, gelobe Besserung und folge weiter dem Spiel.

Nach ein paar Minuten stupst mich Julius an: "Ich hab 'ne Idee!", ruft er, "Wie wär's, wenn sie alle zwanzig Jahre den Verein auflösen und direkt neu gründen?"

"Und was soll das bringen?", frage ich.

"Na einfach, damit keine Tradition aufkommt!"

luk



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