Stadionstreit mit der DFL Prüfstein Kiel

Das Kieler Holstein-Stadion gehört zu den traditionsreichsten in Deutschland. Für die Bundesliga ist es zu klein - sagt die DFL. Aber sollte man einen möglichen Aufsteiger deshalb zum Umzug zwingen?

Das Holstein-Stadion in Kiel
DPA

Das Holstein-Stadion in Kiel

Von


Eines steht definitiv fest: Holstein Kiel wird sein Heimspiel am Sonntag um 15.30 Uhr gegen Eintracht Braunschweig im eigenen Stadion austragen. Viel mehr allerdings weiß man nicht im Stadionstreit zwischen dem möglichen Bundesligaaufsteiger Holstein Kiel und der Deutschen Fußball-Liga (DFL).

Falls die Kieler sich in der Erstliga-Relegation gegen ihren bislang noch unbekannten Gegner (17. und 21. Mai) durchsetzen sollten, dürften sie ihre Heimspiele in der kommenden Saison nicht daheim durchführen. So will es zumindest die DFL, die auf Regeln pocht, nachdem ein Erstligastadion mindestens 15.000 Zuschauern Platz zu bieten hat, 8.000 von ihnen sollen zudem die Möglichkeit haben, sitzen zu können. Das Holstein-Stadion hat nur eine Kapazität von 10.200 Plätzen, Sitzplätze gibt es lediglich 2404. So weit, so klar.

Beide Bedingungen gelten auch für die zweite Liga, aber hier hat die DFL den Kielern eine Ausnahmegenehmigung erteilt - die sie für den Fall des Aufstiegs nicht erneut ausstellen will. Wenn Arminia Bielefeld zu Gast ist, ist das noch in Ordnung. Wenn Bayern München kommt, nicht mehr.

Vom eigenen Erfolg überholt

Eine Sichtweise, für die man in Kiel kein Verständnis hat. "Wenn es keine Ausnahmen für solche Ausgangslagen gibt, wird es für Vereine wie Holstein Kiel, die keinen großen Investor im Rücken haben, unmöglich, ein Märchen wie unseres auch tatsächlich wahr werden zu lassen", sagt Holstein-Geschäftsführer Wolfgang Schwenke.

Das Märchen - damit ist gemeint, dass Holstein als Aufsteiger in die zweite Liga die direkte Durchreise in die Erstklassigkeit gelingen könnte. Als die Kieler vor einem Jahr den Aufstieg aus der dritten Liga perfekt machten, hat in Schleswig-Holstein kein Mensch daran gedacht, das Stadion für einen eventuellen Bundesligaaufstieg zu rüsten. Es ist sozusagen ein Fluch des Erfolgs, der die Kieler jetzt einholt. Überholt.

Machen Sie mit bei der großen Fan-Umfrage von SPIEGEL ONLINE

Geschäftsführer Schwenke kommt eigentlich aus dem Handball, beim THW Kiel war er als Nationalspieler einer der Publikumslieblinge über viele Jahre. (Lesen Sie hier eine Reportage zu Schwenke, THW und Holstein Kiel.) Er spielte dort in der Ostseehalle, die bei Handballspielen mit 10.288 Plätzen skurrilerweise ungefähr so viele Zuschauer beherbergt wie das Holstein-Stadion in der Nachbarschaft. Schwenke weist darauf hin, dass Kiel bereits für die übernächste Saison den Ausbau auf 15.000 Plätze plane, es ginge also lediglich um diese eine Spielzeit - und ob Kiel danach noch erstklassig sein würde, das ist derzeit die noch offenere Frage als die, ob Holstein überhaupt Bundesligist werden wird.

Thema Umzug ist noch tabu

Unterstützung hat Holstein seit der DFL-Entscheidung vom Dienstag jedenfalls bundesweit erfahren. In den Medien ist Holstein jetzt eine Art Sympathieträger geworden, der Druck auf die DFL hat zugenommen. Ob die Einmischung des Kieler Oberbürgermeisters Ulf Kämpfer mit dem Satz: "Ich finde, nicht wir müssen uns bewegen, diese blöde DFL muss sich bewegen", allerdings besonders hilfreich ist, wenn es gilt, mit der DFL zu verhandeln, kann man anzweifeln. Dann schon eher die Tatsache, dass Polizei und Feuerwehr Kiels der DFL versichert haben, es gebe aus ihrer Sicht keine Sicherheitsbedenken gegen Erstligaspiele im Holstein-Stadion.

Mit einem möglichen "Zwangsumzug" habe man sich noch nicht im Ansatz befasst, sagt Schwenke. Bisher kann man auch nicht behaupten, dass sich viele Alternativen anbieten. Ins nahe Dänemark, zum Beispiel nach Kopenhagen, darf man nicht umziehen, auch das unterbinden die Regularien, so charmant diese Idee auch wäre. Der Hamburger SV besteht auf Eigenbedarf, ligaunabhängig sozusagen, das Wort der Stunde. Der FC St. Pauli verspürt auch keine große Lust, das Millerntor ausgerechnet an Holstein auszuborgen, die Kieler Fanszene ist nicht unbedingt als linksalternativ bekannt. Die Lohmühle in Lübeck und Rostock wären noch Optionen, so richtig anheimelnd findet man in Kiel dies alles nicht.

Die Erfahrungen anderer Teams, die für die Bundesliga in größere Arenen umgezogen sind, tragen auch nicht dazu bei, die Motivation für einen Ortswechsel zu heben. In Berlin erinnert man sich noch an die Bilder vom gähnend leeren Olympiastadion, in dem Blau-Weiß 90 sein Bundesligajahr absolvierte. Sankt Paulis Ausflüge ins ungeliebte Volksparkstadion waren auch keine Erfolgsgeschichte, 1860 München ist früher im Olympiastadion auch nie heimisch geworden. Borussia Mönchengladbach hat im Düsseldorfer Rheinstadion zwar so manches Europapokalfest gefeiert, die Atmosphäre war aber nie vergleichbar mit der am engen Bökelberg.

Das Holstein-Stadion ist seit 107 Jahren die sportliche Heimat von Holstein Kiel, es gehört zu den 20 ältesten und traditionsreichsten Fußballstadien in Deutschland. Für die Fußball-Bundesliga reicht das als Argument aber nicht aus. Wahrscheinlich ist es mittlerweile sogar ein Gegenargument.

insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gnarze 11.05.2018
1. AusnahmeAusnahmeAusnahme
Schon in der zweiten Liga mit Ausnahmegenehmigung spielen, aber ansonsten eher träge, was einen Umbau angeht, und nun wieder um Ausnahme betteln. Sorry Kiel, professionell geht anders. Und.... Herr Ahrens, auch die Lohmühle würde formal erst mal nicht den Kriterien entsprechen, da zu wenig Sitzplätze vorhanden...lieber ein wenig mehr Recherche, als mal wieder die Bayern ins Spiel bringen.
jnek 11.05.2018
2. Einfache Frage - einfache Antwort
"Aber sollte man einen möglichen Aufsteiger deshalb zum Umzug zwingen?" Ja, das sollte man tun und das muss man tun. Denn außer dieser seltsam anmutenden Fußballnostalgiker-/Underdogromantiker-/Klein-gegen-Groß-Masche gibt es nämlich keine Gründe die man für eine weitere Ausnahme anführen könnte. Komisch finde ich im übrigen, dass der spon sich nun bereits im dritten Artikel mit diesem Randthema befasst. Es gibt seit Jahr und Tag bestimmte Kriterien die erfüllt sein müssen um eine bestimmte Liga spielen zu dürfen. Und alle Jahrzehnte taucht mal ein Team auf, das meint, das sollte man doch nicht so eng sehen. Und immer wird es begleitet von Nostalgikern die dem "armen, kleinen Traditionsclub" im leider viel zu kleinen Traditionsstadion beispringen und die pöse DFL unter Druck zu setzen versuchen.
spiritofeden 11.05.2018
3. Die Pläne...
...für den Bau einer großen Tribüne stehen ja schon, die Bauarbeiten starten in der Sommerpause, so dass ab der Saison 2019/20 alle Kriterien erfüllt werden. Ich frage mich, warum die DFL so ein Gewese um eine Ausnahmegenehmigung für eine Saison macht - zumal es für andere Clubs ja auch problemlos ging, z.B. für die Lilien.
cs01 11.05.2018
4.
Man sollte Kiel die Ausnahme erteilen, unter der bedingung, dass die Anzahl der Gästeplätze nach der Mindestkapazität für die erste Liga berechnet wird.
appenzella 11.05.2018
5. 1950
fand im Kieler Holstein-Stadion ein Endspiel vor 25000 Zuschauern statt. Der THW Kiel gewann 10:9 gegen Polizei Hamburg. Heute ist nur noch Platz für 12000? Laßt nur die Dünnen rein, dann paßt das schon.. Ja Grüezimo der appenzella
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.