Fußball-Ikone Zidane Engel in der Hölle

Zinedine Zidane hätte seine einzigartige Karriere mit dem zweiten WM-Titel krönen können. Stattdessen zeigte er im letzten Spiel seiner Laufbahn seine dunkle Seite. Was in Berlin geschah, geht über das Drama Zidanes hinaus. Es bleiben Fragen an die Entwicklung des Fußballspiels.

Von , Paris


Frankreich hat sich schnell ausgesöhnt mit Zinedine Zidane, schon Minuten nach dem Ende des WM-Finales leuchtete vom Arc de Triomphe die Schrift: "Merci, Zizou", als wäre zuvor, in jener 110. Spielminute von Berlin, nichts weiter geschehen. In schneller Folge trafen die solidarischen Grüße alter Weggefährten ein, Didier Deschamps, Marcel Desailly, die Weltmeister und Mitstreiter Zidanes von 1998, sie warfen sich für den Großen, für ihren Größten, in die Bresche, sie sagten, dieser Gott sei eben auch nur ein Mensch, und der Fehltritt zur Unzeit mache ihn nur umso liebenswerter, nahbarer, menschlicher.

Der Rest der Welt kann es sich so leicht nicht machen. Drei Milliarden Menschen, darunter Millionen gläubige Kinder, darunter Millionen im Trikot ihres global geliebten Idols mit der Rückennummer 10, wurden zu Zeugen einer unerhörten, unfassbaren Begebenheit. Wie konnte Zidane, dieser Engel, seit Jahren auf einer Wolke weltweiter Verehrung gebettet, so tief in die Hölle hinab stürzen? Wie konnte er, dessen Name sich verbindet mit schöner Klarheit, mit heiterer Präzision, mit Demut auch, sich verwickeln in solche Hässlichkeit?

Für jene, die den Fußball nur von fern verfolgen, die nicht viel wissen von der immensen Aggression und der Brutalität, die dem Spiel heute inne wohnen, war das Bild vom Kopfstoß Zidanes gegen Italiens Marco Materazzi ein elementarer Schock, ein zerrüttendes Ereignis wie ein Unfall, der eine heil geglaubte Welt zerreißt, eine sinnlose, urplötzlich erlittene Verletzung. Jenen, die den Fußball lieben, die Zidane lieben, und die auch seine dunklen Seiten immer kannten, seine kleinen und großen Blackouts, ihnen wurde in dieser Nacht das Herz gebrochen.

Alle Welt wünschte Zidane, dass er einen würdigen Abschied würde feiern dürfen bei dieser WM. Und wirklich wollten sich alle Kräfte und Zufälle eines Turniers zu diesem Ziel vereinen. Wirklich schaffte Frankreich, was niemand hätte hoffen dürfen, den Sprung ins Viertelfinale, ins Halbfinale. Und wirklich sollte das WM-Endspiel selbst zu Zidanes Abschiedsspiel werden, zu seiner ganz persönlichen Gala, so als hätten Drehbuchautoren auf zu viel Kokain sich diesen Plot genau so ausgedacht. Die ganze Welt, von ein paar Italienern abgesehen, wollte ein Happy-End für Zidane. Der Held, er allein, wollte es anders.

Ich bin ihm begegnet vor zwei Jahren, während der Arbeit an einem Porträt über ihn, es kam zu einem Treffen kurz vor der Europameisterschaft in Portugal. Wir hatten, in Frankreichs Trainingszentrum Rambouillet, elf Minuten unter vier Augen, elf Minuten, nicht mehr, aber sie reichten aus, dem Zauber dieses Menschen auch abseits des Fußballfelds zu erliegen. Zidane sprach von Mensch zu Mensch, ohne die geringste Attitüde, er war zugewandt und konzentriert, er öffnete sich freundlich, gab bereitwillig Auskunft, er sprach über seine Liebe zum Fußball und wehrte den Gedanken ab, sein immenser Ruhm könnte auch eine Last sein. Er habe, so sagte er damals, soviel geschenkt bekommen im Leben, durch den Fußball, dass er die moralische Pflicht verspüre, soviel wie möglich davon zurückzugeben.

Dass ihm das gelungen ist, wird niemand, auch nach diesem Endspiel nicht, bezweifeln. Wer ihn hat spielen sehen im Bernabeu-Stadion von Madrid, wer Zeuge werden durfte, wie er gerade jetzt im Viertelfinale gegen Brasilien noch einmal all seine Gaben herrlich auslebte, wer ihn beobachten durfte, wie er, mit kleinem Aufwand oft, große Wunder erzeugte, wem einmal der Atem stockte, wenn er dem Spiel wieder eine neue Lösung erfand, wer ihm zuschauen durfte bei seiner Arbeit, die eine Arbeit an der ganzen Grammatik des Fußballspiels war, der wird seine einmalige Größe nie vergessen können, nie bezweifeln, auch nicht nach dieser 110. Spielminute im Berliner Olympiastadion.

Und doch: Das Bild seines Kopfstoßes, unermesslich aufgeladen durch die Zeugenschaft von Milliarden Menschen, wird zu einer Ikone werden. Es wird, dieses Bild, die andere Seite von Zinedine Zidane illustrieren, die dunkle, archaische, die es immer gab und die er nie vollständig zu kultivieren in der Lage war. Es wird sich einbrennen, dieses Bild, und fortan davon erzählen, dass selbst einer wie Zidane, auch er, der dem Ideal so nahe kam, am Ende der Gebrechlichkeit der Welt unterworfen ist.

Niemand steigt in einem kämpferischen Sport zu dieser Größe auf, dessen Tugend allein die Bescheidenheit wäre. Fußball heute ist eine knallharte Angelegenheit, und wer den Italiener Fabio Cannavaro gesehen hat, wie er im Endspiel von Berlin seinem Gegenspieler Thierry Henry fast den Hals brach, der weiß, dass die Übergänge zwischen Spiel und Körperverletzung im Fußball heute fließend sind. Zidane wusste das, er weiß es, seit frühester Jugend, gut.

Er war, am Beginn seiner Karriere, ein zorniger, junger Mann aus einem Ausländerghetto im Norden von Marseille, und die legendäre Place Tartane, wo er gegen die ersten Bälle trat, war ein Kampfplatz mehr denn ein Spielfeld. In seinen ersten Einsätzen für kleine Vereine an Frankreichs Südküste sah der Jugendspieler Zidane regelmäßig Rot für kleine und große Tätlichkeiten, er verlor, der stets Überlegene, der von Beginn an von allen Gejagte, wieder und wieder die Nerven.

Er hatte Trainer, später, die ihn davor warnten, dass er sein Talent vergeigen werde, wenn er jedes dritte Spiel vorzeitig durch grobe Fouls beendete. Er putzte, als Therapie gegen seine giftige Wut, in Vereinshäusern wochenlang die Toiletten, um Demut zu lernen und seinen Aggressionen nachzusinnen. Er arbeitete an sich, fieberhaft, er kennt, bis heute, diese seine große Schwäche, er hat sie bekämpft auf allen seinen Stationen in Bordeaux, in Turin, in Madrid, aber sie hat ihn immer wieder heimgesucht, spektakulär bei der WM 1998, wo er einen am Boden liegenden Spieler in den Rücken trat.

Zidanes Nerven rissen seltener, aber sie blieben rissig. Und während die Werbeindustrie, mit der er verflochten ist wie kaum einer, an seinem engelsgleichen Image strickte, an seinem Status als moderner Gott, verdeckte sie, was diesen Spieler auch kennzeichnet, was ihn auch zu dieser Größe getrieben hat: Sie vertuschte den inneren Kampf dieses Giganten, den die Gefühle immer wieder zu einem Zwerg schrumpfen ließen.

Alle Welt ist nun, als es wieder passierte, unfreiwillig zum Zeugen geworden. Als hätte sich Zidane nicht verabschieden, sondern gleich umbringen wollen aus Angst vor dem Leben danach, fuhr er, und auch noch im unwahrscheinlichsten Moment, aus der Haut, ein Dramen-Held auf allerhöchster Fallhöhe, dessen Sturz beim Publikum jähes Entsetzen auslöst. So buchstabiert sich Tragödie. Und der Geschlagene schlich, ratlos, weinend, vom Feld.

Aber es bleiben nicht nur Fragen und Rätsel über Zidane. Was hier geschah, geht über diesen Einzelnen hinaus. Es bleiben auch Fragen an die Entwicklung des Fußballspiels insgesamt. Der Sport hat sich in den vergangenen Jahrzehnten derart mit Körperkraft, Tempo und Aggression aufgeladen, dass die Spieler, physisch stärker denn je, psychisch überfordert scheinen. Auch der große Luis Figo setzte im Achtelfinale zum Kopfstoß an, als Portugal gegen Holland spielte, auch Ballack segelt immer wieder am Rande der Tätlichkeit. Es ist, als wäre im Spiel um den Ball eine Grenze der physischen Zumutungen erreicht, die sich in brutalen Eruptionen entladen will, entladen muss. Dies ist Zidane, ganz am Ende, widerfahren. Er hatte noch zehn Minuten bis zur Ewigkeit, aber etwas in ihm hielt das Warten nicht mehr aus.



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