Fußball in Afrika Glücklos zwischen Kap und Kairo

Sie sehen sich als Entwicklungshelfer in Sachen Fußball, doch überzeugt haben nur wenige: Deutsche Fußballtrainer wie Rudi Gutendorf oder Berti Vogts, die ihr Glück in Afrika versucht haben, sind meist kläglich gescheitert. Einer von ihnen wurde zum Abschied gar verprügelt.


Fotostrecke

9  Bilder
Deutsche Trainer in Afrika: Entwicklungshilfe von Schäfer, Vogts und Co.

Anthony Baffoes Satz ist legendär. Der ghanaische Diplomatenspross, zwischen Mitte der Achtziger und Mitte der Neunziger Jahre in der Bundesliga für den 1. FC Köln und Fortuna Düsseldorf aktiv, soll rassistischen Pöbeleien einst mit dem charmanten Satz "Du kannst auf meiner Plantage arbeiten" entgegengetreten sein. Damals gehörten Affenlaute und rassistische Gesänge zum Alltag in deutschen Stadien. Mittlerweile hat sich das Klima aber in den meisten Arenen gebessert.

So sollte es ja auch sein. Schließlich pflegt unser Nachbarkontinent Afrika seit geraumer Zeit schon eine besonders innige Beziehung zu europäischen, insbesondere deutschen Fußball-Lehrern. Ganze Heerscharen versuchten ihr Glück zwischen Kap und Kairo, und "mittlerweile wollen alle einen deutschen Trainer haben, nicht nur Kamerun, sondern in ganz Afrika" ( Winfried Schäfer).

Begonnen hatte es mit dem Paradiesvogel Rudi Gutendorf, der 1961 von Bundeskanzler Konrad Adenauer mit den berühmt gewordenen Worten "Machen Se et jut, Herr Jutendorf" zum Entwicklungsdienst nach Tunesien verabschiedet wurde, es ging weiter mit dem "Fußballprofessor" Dettmar Cramer bis zum Pechvogel Burkhard Ziese, den der malawische Fußballverband 2006 rüde verabschiedete. Weil Ziese sich beim Sportminister des Zwergstaats darüber beschwert hatte, dass ihm monatelang das vereinbarte Gehalt nicht ausgezahlt worden war, wurde dem Deutschen kurzerhand ein Schlägertrupp auf den Hals geschickt. Der 62-Jährige wurde, nach eigenen Angaben, im Nationalstadion von Blantyre "bedrängt, geschubst, aus dem Stadion gezogen, gegen einen Zaun gestoßen" und später noch getreten und verprügelt.

Mangelnde interkulturelle Kompetenz also auch südlich der Sahara. Und Zieses Erfahrungen sind beileibe keine Ausnahme. Zwar gehört die körperliche Züchtigung des Nationaltrainers nicht unbedingt zum Standardrepertoire afrikanischer Verbandsfunktionäre, ihre mangelhafte Zahlungsmoral ist jedoch längst Legende.

Gutendorf als "König der Welt"

Verdorben von jahrzehntelang sprudelnder Entwicklungshilfe, haben sich allerorten Schmarotzer breitgemacht. Kaum ein europäischer Coach in Afrika, der unter Arroganz und Misswirtschaft der Funktionärsclique nicht zu leiden hatte. Einige von ihnen habe ich getroffen: Winnie Schäfer durfte ich mit der Mannschaft Kameruns zum Empfang bei Präsident Paul Biya in Yaoundé begleiten, mit Berti Vogts und seinen nigerianischen "Super Eagles" reiste ich von Nairobi nach Uganda, wo sie ihr Qualifikationsspiel gegen die "Cranes" verloren.

St. Paulis Aufstiegshelden von 2001, Dietmar Demuth, traf ich im ghanaischen Busch, wo er das Team von Ashanti Gold trainierte, und der französische Kongo-Coach Claude Le Roy gewährte mir während des Africa Cup of Nations in Kairo wertvolle Einblicke in seinen aussichtslosen Kampf gegen die kongolesische Fußballbürokratie. "Ich liebe den afrikanischen Fußball, aber ich hasse den Fußballbetrieb", sagte er. Kurze Zeit später warf Le Roy entnervt das Handtuch.

Einer der wenigen, die Afrika jedoch immer in guter Erinnerung behalten werden, scheint Rudi Gutendorf (Jahrgang 1926) zu sein. "In den afrikanischen Fußball habe ich mich während meiner Wanderschaft richtig verliebt", sagt Gutendorf, "er ist phantastisch: so kraftvoll, so leidenschaftlich, so technisch." In Afrika haben sie den Weltenbummler aus Koblenz allerdings auch in guter Erinnerung behalten. Wenn die deutschen Trainer Peter Schnittger (seit 1968 fast ununterbrochen Coach in Afrika) und der 2008 verstorbene Reinhard Fabisch (zuletzt Benin) die Könige von Afrika seien, "muss Rudi Gutendorf der König der Welt sein", meint der südafrikanische Fußballreporter Peter Auf der Heyde.

Siege im Fußball werden politisch instrumentalisiert

Klar: Gutendorf ist ein Extremfall, er absolvierte 54 Trainerstationen in seiner Laufbahn, allein in acht verschiedenen afrikanischen Ländern war er tätig: Tunesien, Botswana, Tansania, Ghana, Sao Tomé, Simbabwe, Mauritius und Ruanda. Doch auch Typen mit mehr Bodenhaftung sollten in Afrika über eine gesunde Flexibilität verfügen: "Die durchschnittliche Haltbarkeit eines afrikanischen Trainers liegt kaum über der eines Tetrapacks H-Milch", bemerkte noch anlässlich des Africa Cups 2006 Christian Eichler in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Winnie Schäfer, Berti Vogts, Otto Pfister - sie alle können davon ein Lied singen. Sie alle sind an den teils irrwitzig hohen Anforderungen ihrer Auftraggeber gescheitert. Denn wohl nirgendwo gilt die Devise "The winner takes it all" so gnadenlos wie in Afrika. Gegen das dort praktizierte Recht des Stärkeren erscheint die Wall Street zahm wie eine Waldorfschule. Egal ob in Politik oder Sport: Es gibt nur Sieger oder Verlierer. Krieg oder Frieden. Friss oder Stirb!

"In den meisten Drittweltländern wird der Sieg einer Fußballnationalmannschaft als ein Sieg des Regimes und seiner Politik gewertet", sagt der ägyptische Kolumnist Salama Ahmed Salama, "Niederlagen hingegen sind das Ergebnis einer internationalen Verschwörung von denjenigen, die das Land hassen und um seine Geschichte und Zivilisation beneiden."

Positiv formuliert: "Vom Fußball erhofft sich Afrika die Anerkennung, die dem Kontinent ansonsten versagt bleibt", wie Andreas Mehler und Eric Tchouamou Njoya in einer Studie des Hamburgischen Instituts für Afrika-Kunde schreiben, "Fußball gilt als eine afrikanische Erfolgsgeschichte, die vermarktet werden kann - politisch und kommerziell." Oder mit den Worten des Fußballautors Simon Kuper: "Fußball war die einzige Gelegenheit Afrikas, gegen die Welt zu gewinnen."

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ein nördlicher Beobachter 27.12.2009
1. World cupin Süd-Afrika
Was für ein eifriges Talk hier... Warum so?? Interessieren sich die Deutschen nicht für Fussball ? Ich glaube, Süd-Afrika steht einige Wochen im Blickpunkt der Öffentlichkeit, aber sonst nichts. So ist es, leider.
Toradac 28.12.2009
2. Nachdem der erste...
Zitat von sysopErstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das Turnier nachhaltig auswirken? Oder ist die WM nur eine Momentaufnahme? Was verbinden sie mit dem Kontinent?
...Post gestern aus welchen Gründen auch immer mal wieder nicht durchgegangen ist, der zweite Versuch: Was ist das für ein leeres und inhaltsloses Thema? Dabei kann man doch nur "rumschwallen". Hattet Ihr über Weihnachten Langeweile?
Brieli 28.12.2009
3.
Zitat von sysopErstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das Turnier nachhaltig auswirken? Oder ist die WM nur eine Momentaufnahme? Was verbinden sie mit dem Kontinent?
Löwen, Sand und Hitze
malbec freund 28.12.2009
4.
Zitat von BrieliLöwen, Sand und Hitze
Sysop, ich bitte Sie schließen Sie das Thema JETZT. Danke.
ohmscher 13.05.2010
5. Bitte?
Zitat von sysopErstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das Turnier nachhaltig auswirken? Oder ist die WM nur eine Momentaufnahme? Was verbinden sie mit dem Kontinent?
Bei diesen seltsamen Fragen ohne sichtbaren Zusammenhang kann ich die rege Beteiligung hier verstehen. Ja, Wissenschaftler haben mal herausgefunden, dass 2,78 Jahre nach einer Fußball-WM im Gastgeberland mit 56,22% Wahrscheinlichkeit ein Wirtschaftsaufschwung wie in Griechenland nach der Olympiade 2000 stattfindet, aber das hilft mir beim Verständnis der Fragen auch nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.