Von Thilo Thielke
Wenn Kuper und Fickert recht behalten sollten, muss man pessimistisch sein. Die Lage in Afrika stagniert bestenfalls auf erschreckend niedrigem Niveau. Der Kongo kommt so wenig zur Ruhe wie der Sudan, Äthiopien ist in einen Bürgerkrieg in Somalia verwickelt, Nigeria wird ausgeplündert, der Tschad sowieso, Simbabwe wird genauso ruiniert wie Äquatorialguinea. Um die Zentralafrikanische Republik war es schon einmal besser bestellt. Kenia torkelt von Krise zu Krise. Armes Eritrea, das von Steinzeitsozialisten ruiniert wird. Und wenn man an Südafrika denkt, kann einem auch angst und bange werden. Das Land macht derzeit hauptsächlich durch Kriminalität, fremdenfeindliche Unruhen und eine massive Abwanderung der weißen Mittelschicht Schlagzeilen.
Ach, Südafrika!
Einer der wenigen Helden Schwarzafrikas, die immer alles richtig zu machen scheinen, ist "Madiba". Am fünfzehnten Mai 2004 reckte der 85-jährige Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela im Bankettsaal des Zürcher World Trade Center den Weltpokal in die Höhe, als habe er selbst gerade das entscheidende Tor im Finale erzielt, und stammelte: "Ich fühle mich wie ein junger Mann von fünfzig Jahren." Kurze Zeit zuvor hatte Fifa-Boss Joseph Blatter unter allgemeinem Jubel den Zettel mit Südafrikas Namen in die Luft gehalten.
Im Jahre 2010 soll in der Regenbogennation der "Cup der guten Hoffnung" ausgetragen werden - 124 Jahre nachdem in der südafrikanischen Provinz Natal das erste offizielle Fußballspiel des Kontinents ausgetragen worden war, 80 Jahre nach der ersten Fußballweltmeisterschaft in Uruguay, 76 Jahre nach der ersten Teilnahme einer afrikanischen Mannschaft an einer WM (Ägypten 1934 in Italien) und 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid.
"Afrika hatte das Recht auf diese Weltmeisterschaft", erklärte der Fifa-Präsident und Afro-Lobbyist Sepp Blatter nachher, "bisher durfte es nur seine besten Fußballer auf andere Kontinente entsenden und zuletzt in Atlanta und Sydney zweimal das olympische Turnier gewinnen. Nun kann Afrika zeigen, dass es richtig war, die WM in seine Hände zu legen."
"Unser Volk ist aus der Asche auferstanden"
Mandela, der jahrelang als Sportbotschafter seines Landes gewirkt hatte, hatte sich also endlich seinen großen Traum erfüllen können, nachdem er zweimal zuvor gescheitert war - bei der Vergabe der Olympischen Spiele 2004 an Athen und der des World Cups 2006 an Deutschland. Auf den Straßen von Johannesburg und Kapstadt, Soweto und Alexandria tanzten die Menschen und sangen. Ganz Afrika taumelte vor Freude.
"Unser Volk ist aus der Asche einer schmerzhaften und geteilten Vergangenheit auferstanden", sagte Danny Jordaan, farbiger Chef des südafrikanischen WM-Komitees, "1985, während der Apartheid, als in unserem Land der Notstand ausgerufen wurde, zweifelten viele daran, dass wir jemals die Freiheit unseres Landes erleben würden. Bis 1994 durfte ich in meinem eigenen Land nicht wählen. Dass wir da sind, wo wir heute sind, ist ein wahres Wunder", so Jordaan.
Und auch der Berichterstatter der "Süddeutschen Zeitung", Michael Bitala, würdigte die politische Bedeutung der Fifa-Entscheidung: "Es ist, als hätte das Land nun endlich alle Fesseln gesprengt, als seien die Südafrikaner von nun an erst wirklich freie Menschen." Schnell aber ist es wie so oft in Afrika: Maßloser Freude folgen maßlose Erwartungen.
Das Weltturnier soll nun alle Probleme auf einmal lösen: die überbordende Kriminalität, die Armut, die krassen sozialen Ungleichheiten, am besten noch Aids. Touristenströme werden erwartet, ausländische Investoren, Geld für die Infrastruktur und Arbeitsplätze, sogar der WM-Titel für eine afrikanische Mannschaft. "In unserem Land gibt es so viel Licht und Hoffnung und Offenheit", glaubt Jordaan, "die Demokratie blüht, und die Wirtschaft boomt. Noch nie ist es unserem Land besser gegangen als jetzt."
Hoffen wir, dass das so bleibt. Es wäre mal eine gute Nachricht.
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