Von Thilo Thielke
Das musste Mobutu, dem "machtvollen Krieger, der wegen seiner Ausdauer und seines unbeugsamen Siegeswillens von Eroberung zu Eroberung schreitet" und selten ohne Leopardenfellmütze aus dem Haus ging, gefallen haben. Er war eben aus ähnlichem Tropenholz geschnitzt wie sein ugandischer Amtsbruder, Seine Exzellenz Al Hadschi General Idi Amin Dada. Der war jahrelang ugandischer Meister aller Klassen im Boxen gewesen und ein guter Freund des deutschen Fußballtrainers Burkhard Pape, der sechs Jahre lang die Kraniche, so der Name der ugandischen Nationalmannschaft, trainierte.
Er werde "nicht eher seine Augen schließen, bis der World Cup hier auf diesem Tische liegt", verkündete die Sportskanone, nebenbei noch passionierter Schwimmer und Rugbyspieler. Zwar gelang das Kunststück mit dem Welttitel natürlich nicht, aber immerhin schafften es die Ugander dreimal zur Teilnahme an der Endrunde des Afrikapokals, und Pape, "der nordische Athlet" aus dem Münsterland, erhielt "stets freien Zugang zum Präsidenten" und durfte zur Freude des Potentaten sogar ungestraft trainingsfaulen Spielern in den Hintern treten.
"Ihr seid elf, die sind elf. Also sucht sich jeder einen Gegenspieler"
"Pape hat den Deutschen mehr an Reputation eingetragen als die ganze übrige deutsche Entwicklungshilfe zusammen", schrieb der damalige Nairobi-Korrespondent des SPIEGEL, Erich Wiedemann, "einmal trieb ihm Big Daddy fast sein gesamtes Kabinett auf den Rasen und befahl ihm, die schwarzen Exzellenzen frischzumachen. Pape ließ sich nicht zweimal bitten. Die Trainingsstunde im Stadion war eine der bittersten im Leben einiger Minister."
Der "Herr über alle Tiere der Erde und Fische des Meeres und Eroberer des britischen Reiches in Afrika" trieb es dann allerdings doch irgendwann zu weit. 1979 verjagte ihn die Armee seines tansanischen Kollegen Julius Nyerere - ein Jahr nachdem die Kraniche zum ersten und bislang einzigen Mal das Finale des Afrika-Cups erreicht hatten. Ugandas Kicker fielen hernach zurück in die fußballerische Bedeutungslosigkeit, und Idi Amin kroch bei seinen Freunden in Libyen und später Saudi Arabien unter.
Und dann war da noch der dritte in diesem dämonischen Bunde, Jean-Bédel Bokassa, Kaiser und Kannibale aus der Zentralafrikanischen Republik. Er ließ sich auf einem Adlerthron krönen wie weiland Napoleon, er ließ seine Feinde aus offenen Flugzeugen werfen, er soll Kinder verspeist haben, und er glaubte, auch die Gesetze des Fußballspiels begriffen zu haben. Kurz vor einer Begegnung mit der Nationalmannschaft von Zaïre kam er in die Kabine und verkündete "mit der Überzeugung des Verirrten" (Jorge Valdano): "Ihr seid elf. Die sind elf. Also sucht sich jeder von euch seinen Gegenspieler, und dann los."
Fußball für die kollektive Seele unbezahlbar
"Erfolg im Fußball als Möglichkeit, kollektive Depressionen zu überwinden - das hat es in Deutschland doch auch gegeben", sagt Andreas Mehler, Direktor des Instituts für Afrika-Kunde, das in einem alten Kontorhaus direkt an Hamburgs Binnenalster residiert: "Denken Sie nur an das "Wunder von Bern" und das dadurch gewonnene neue Selbstbewusstsein der Deutschen nach dem verlorenen Krieg. Dass afrikanische Führer den Sport instrumentalisieren, ist an und für sich also nichts Besonderes. In Afrika kommt aber dazu, dass es neben dem Fußball kaum andere 'Exportartikel' gibt, auf die man stolz sein kann. Dadurch wird diese Sportart so wichtig. Volkswirtschaftlich mag der Fußballglanz also wenig Bedeutung für diese Länder haben, für die kollektive Seele ist er unbezahlbar."
Nigerias ehemaliger Militärdiktator Sani Abacha habe auf diese Weise versucht, sein durch Folterungen und willkürliche Morde ramponiertes Image aufzupolieren, aber auch Senegals demokratisch gewählter Präsident Abdoulaye Wade "surfte auf dieser Welle" und nicht zuletzt Kameruns autokratischer Herrscher Paul Biya, der 1990 gegen den Willen des russischen Kamerun-Trainers Walerij Nepomniatschi den 38-jährigen Fußballrentner Roger Milla in die Nationalmannschaft beorderte und den Torwart Antoine Bell aus dem Kader und mit diesen beiden Entscheidungen einen Skandal provozierte. Im Nachhinein entpuppte sich die Einmischung des Laien dann doch als weise Entscheidung. Milla schoss vier Tore, und Kameruns Equipe verzauberte die Fußball- und Reporterwelt.
"Lauft, meine kleinen schwarzen Freunde, lauft!", schrie Marcel Reif in sein Mikro - und half ihrem Herrscher Paul Biya damit durch die schwerste innenpolitische Krise seiner bisherigen, damals achtjährigen, Amtszeit als Präsident. Im Jahre 2009 war Biya immer noch Kameruns Staatschef und mit Robert Mugabe (Simbabwe) einer der dienstältesten des Kontinents.
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