Fußball in Asien Chinas großer Kicker-Kauf

Asiens Fußballclubs locken Stars mit gigantischen Gehältern, auch europäische Trainer sind gerne gesehen. Doch nicht überall halten die Strukturen mit dem Entwicklungstempo schritt. Ausgerechnet in der Finanzmetropole Hongkong waschen Spieler ihre Trainingsanzüge selbst.

Aus Hongkong berichtet Roger Stilz

Fritz Schmid

Die Summe ist beeindruckend: Rund 233.000 Euro pro Woche soll der ehemalige französische Nationalspieler Nicolas Anelka bei seinem neuen Arbeitgeber verdienen. Der Angreifer wechselte in der Winterpause vom englischen Premier-League-Club FC Chelsea zum chinesischen Erstligisten Shangai Shenhua. Der Arbeitgeberwechsel hat sich für den 32-Jährigen gelohnt: Sein Gehalt ist nun doppelt so hoch wie zuletzt in London.

Den Transfer möglich gemacht hat der ehrgeizige, milliardenschwere Präsident Zhu Jun, der sein Vermögen mit Videospielen gemacht hat. Er lockte auch Anelkas Landsmann Jean Tigana, 56 Jahre alt, als Trainer zum Club. Und noch einen Top-Transfer wünscht sich Zhu Jun: Chelseas Weltklassestürmer Didier Drogba.

Nicht nur im Reich der Mitte, sondern in fast ganz Asien ist der Fußball in Bewegung: Seit dem vergangenen Sommer betreut der 62 Jahre alte frühere KSC-Trainer Winfried Schäfer die thailändische Nationalmannschaft. Der ehemalige Weltfußballer Fabio Cannavaro, 38, sowie der argentinische Stürmer Hernán Crespo, 36, wechselten nach Indien. Der Franzose Robert Pirès, 38, soll folgen. Der ehemalige Weltklasseangreifer Frederik Ljungberg, 34, steht bei Shimizu S-Pulse in Japan unter Vertrag. Das Engagement von Ex-Manchester-United-Star Nicky Butt, 37, in Hongkong war allerdings nur von kurzer Dauer.

"Mit dem verrückten Anelka-Transfer ist eine neue Ebene erreicht. Das ist ein Zeichen. China will mehr", sagt Jan Kocian, Trainer des Hongkonger Erstligisten South China. Der 53-jährige Slowake war früher Profi beim FC St. Pauli, später Co-Trainer in Frankfurt und Köln. Im vergangenen Jahr arbeitete er in China und sieht einige positive Entwicklungen. Problemen in der chinesischen Liga sei entschieden begegnet worden: In jüngster Vergangenheit seien etliche korrupte Funktionäre und käufliche Schiedsrichter verhaftet worden, so Kocian.

Ein Fußball-Leben wie in der Kaserne

Doch wie werden die Spieler aus dem Westen mit den Gepflogenheiten vor Ort umgehen? Chinesische Spieler werden laut Kocian regelrecht einkaserniert. "Sie essen, wohnen und trainieren zusammen. Sieben Tage die Woche. Zu ihren Frauen dürfen sie nur, wenn das Team gewinnt", sagt Kocian, der die Verhältnisse aus seiner Zeit bei Jiangsu Guoxin Sainty kennt. Die spezifischen Eigenschaften der einzelnen Akteure würden im Keim erstickt. "Alle sind gleich, gleich fleißig", sagt er. Deshalb würden den Teams Ausstrahlung und Charakter fehlen, so Kocian.

Der chinesische Torwart Hou Yu, 25, der derzeit für den FC Sunray Cave in Hongkong spielt, bestätigt diesen Kollektivgedanken: "Es ist einfach so, dass in China das Team und nie der Einzelne zählt. Die individuelle Show hat keinen Wert - es geht extrem ums Kollektiv." Auch er sieht den chinesischen Fußall auf dem Vormarsch. So habe der Immobilienkonzern Dalian Wanda 2011 dem nationalen Verband (CFA) eine dreijährige Unterstützung von insgesamt 53 Millionen Euro zugesichert, auch für die Nachwuchsarbeit. "Es tut sich was. China öffnet sich, bildet sich auch auf dem Fußball-Segment weiter und holt sich nicht nur abgehalfterte Stars, sondern Qualität und Know-how aus Europa", sagt Yu.

Rekordmeister FC Bayern beobachtet den asiatischen Markt genau

Auch die europäischen Top-Clubs beobachten die Entwicklung in Asien genau. "Es ist klar, dass wir uns mit dem Markt langfristig und intensiv auseinandersetzen", sagt etwa Martin Hägele, der Asien-Beauftragte des FC Bayern München. Der deutsche Rekordmeister gehe zwar nicht davon aus, dass man dort übermorgen einen neuen Superstar fände, aber man wolle in Asien präsent sein, so Hägele.

Auch in Hongkong ist Fußball populär. In vielen Bars werden Premier League- und Bundesliga-Partien übertragen. Die heimische Liga allerdings findet wenig Beachtung. Selbst Spitzenspiele schauen sich selten mehr als 4000 Zuschauer an. Vereinsgelände? Clubheim? Fehlanzeige. Die Teams müssen Plätze bei der Stadt anmieten. "Hinzu kommen in Asien noch ungeduldigere Funktionäre als in Europa", sagt Kocian. Der Nachwuchs wird zudem stiefmütterlich behandelt. Es fehlt an Förderstrukturen, Lehrgängen, kurzum: an einem Konzept.

Doch die Missstände sind erkannt. "Die Regierung hat den zehn Vereinen für die Saison 2012/2013 bereits sechs Millionen Euro zugesprochen. Das Geld soll in die Nachwuchsförderung fließen und bessere Strukturen ermöglichen", sagt Raymond Chow, Präsident des Hongkonger Erstligisten Sun Hei FC.

Derzeit haben viele Profis noch mit amateurhaften Umständen zu kämpfen. Oftmals sind sie gezwungen, mit ihren Mannschaftskollegen zusammen zu wohnen. Zu hoch sind die Mietpreise in der pulsierenden Hafenstadt, zu niedrig die Gehälter. Bei Ligakrösus South China verdienen die Spieler zwar umgerechnet 6000 Euro monatlich, doch in einem Mittelklasse-Verein gibt es gerade einmal 2500 Euro. Für die tägliche Trainingseinheit waschen die Profis ihre Klamotten selbst.

In Kambodscha fehlt es an Nötigstem

Noch viel weiter weg von professionellen Bedingungen ist der Fußball in Südostasien, zum Beispiel in Kambodscha. An Fußball war hier über Jahrzehnte nicht zu denken. Die kommunistischen Roten Khmer bestimmten mit Massenmord und Guerillakrieg den Alltag der Bevölkerung. In den vergangenen Jahren berappelte sich das Land ganz langsam.

Seit zwei Jahren ist der Schweizer Samuel Schweingruber Coach der Frauen-Nationalmannschaft in Kambodscha. Er kam als Lehrer und Jugendcoach in das südostasiatische Königreich. Als er das Land 2003 zum ersten Mal bereiste, gab es weder Frauen- noch Jugendfußball. Es fehlten ausgebildete Trainer und geschulte Schiedsrichter.

Auch heute gibt es noch viele Probleme: "Die einzige Liga der Männer wird andauernd reformiert. Es gibt sportpolitische Probleme zwischen der Jugendbehörde und dem Fußballverband", sagt Schweingruber. Erstligaspieler verdienen 70 bis 300 Euro pro Monat. Sie studieren oder jobben nebenher. "Fußball muss hier", so Schweingruber, "nach wie vor das Ziel verfolgen, die Jungs und Mädchen von der Straße zu bekommen - auch ohne Flutlicht".

Von solchen Problemen wird Fußball-Millionär Nicolas Anelka verschont bleiben.



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Seite 1
hirnbenutzer 21.02.2012
1. ....
Zitat von sysopRoger StilzAsiens Fußballclubs locken Stars mit gigantischen Gehältern, auch europäische Trainer sind gerne gesehen. Doch nicht überall halten die Strukturen mit dem Entwicklungstempo schritt. Ausgerechnet in der Finanzmetropole Hongkong waschen Spieler ihre Trainingsanzüge selbst. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,812595,00.html
Welch Frevel, man soll es kaum glauben!
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