Fußball in China Shanghai stürzt den Serienmeister - und kaum einer kriegt es mit

Zum ersten Mal seit 2010 heißt der chinesische Fußballmeister nicht Guangzhou Evergrande. Den Titel holte Shanghai SIPG vor heimischer Minuskulisse. Der Grund ist kurios und nicht die einzige Absurdität der abgelaufenen Saison.

Spieler von Shanghai SIPG
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Spieler von Shanghai SIPG


Es war ein historischer Moment im chinesischen Fußball: Durch ein 2:1 (1:0) gegen Beijing Renhe hat sich Shanghai SIPG am vorletzten Spieltag den Titel in der Chinese Super League 2018 gesichert. Zuvor hieß der Meister siebenmal in Folge Guangzhou Evergrande.

Doch der Moment des größten Erfolgs in der Vereinsgeschichte fand vor größtenteils leeren Rängen statt. Gerade einmal 18.998 Zuschauer verloren sich im Shanghai Stadium, das bei Fußballspielen knapp 50.000 Fans aufnehmen darf - Saisonminuskulisse beim neuen Meister, dessen Zuschauerschnitt mit 21.631 ohnehin schon weit hinter dem der Konkurrenz aus Guangzhou, Beijing und Tianjin lag.

Kurioser Grund: Zunächst sollten "wegen einer Baustelle neben dem Stadion" nur Dauerkartenbesitzer Zutritt zum Stadion erhalten - "aus Sicherheitsgründen". Wahrscheinlicher dürfte die Angst der Offiziellen vor Kontrollverlust gewesen sein. Am Spieltag selbst gelangten dann plötzlich auch Anhänger ohne eine solche Berechtigung ins Stadion. Eine Lösung so sprunghaft wie typisch chinesisch.

Bei 1860 gescheitert, in China erfolgreich

Sportlich ist der Erfolg für Shanghai eine gute Nachricht für den chinesischen Fußball. Die langjährige Übermacht von Guangzhou Evergrande ist gebrochen, mit den charismatischen Ausländern Hulk und Oscar und dem aktuell besten chinesischen Fußballer Wu Lei in seinen Reihen, bietet SIPG, der Verein der Shanghai International Port Group, Identifikationsfiguren für den Nachwuchs. Wu Lei ist einen Spieltag vor Saisonende auch die Torjägerkrone nicht mehr zu nehmen. Mit 27 Treffern liegt er sechs Tore vor dem Nigerianer Ighalo.

Vítor Pereira
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Vítor Pereira

Vater des Erfolges ist ein in Deutschland Gescheiterter: Vítor Pereira war 2017 mit 1860 München aus der 2. Fußball-Bundesliga abgestiegen - in China konnte er als Nachfolger seines Landsmannes André Villas-Boas an seine besten Zeiten beim FC Porto anschließen, mit dem er 2012 und 2013 die Meisterschaft in Portugal gewann.

Für die deutschen Trainer in der CSL verlief die Saison unbefriedigend: Roger Schmidt verpasste mit dem ambitionierten Team von Beijing Guoan die Qualifikation für die AFC Champions League. Nur Platz vier sprang für den Klub heraus, der vor der Spielzeit mit dem seltsamen Transfer von Cédric Bakambu für den größten Aufreger der Transferperiode gesorgt hatte.

Deutsche in Abstiegsgefahr

Uli Stielike muss mit Tianjin Teda vor dem letzten Spieltag (Sonntag, 8 Uhr, MEZ) noch um den Klassenerhalt bangen. Gleich vier Teams liegen vor der abschließenden Partie mit 32 Punkten gleichauf und werden den zweiten Absteiger unter sich ausmachen. Stütze des Stielike-Teams war der Ex-Bochumer Felix Bastians. Nur zwei Ligaspiele hat der Verteidiger verpasst, landesweite Begeisterung wie 2003 Jörg Albertz, der als erster und bislang einziger Deutscher zum "Fußballer des Jahres" in China gewählt wurde, konnte er mit seinen Leistungen wie erwartet nicht auslösen.

Kurioser U25-Kader

Aktuell auf dem Abstiegsplatz steht derzeit Bernd Schusters Team von Dalian Yifang, das wohl am meisten unter einer absurden Entscheidung des chinesischen Fußballverbandes leiden musste. Gleich drei Stammspieler stellten sie für einen 55 Mann starken "U25-Kader" ab, der mitten in der Saison aus dem Spielbetrieb abgezogen wurde, um mit kurzgeschorenen Haaren und militärischem Drill auf zukünftige Aufgaben vorbereitet zu werden. Ein klarer Verstoß gegen die Fifa-Regeln, doch weder in China, noch vom Weltverband gab es nennenswerten Protest gegen diese Maßnahme.

Angeblich soll der chinesische Verband über eine Eingliederung dieses U-Teams in den regulären Spielbetrieb nachdenken, wie es bereits zwischen 1988 und 1991 der Fall war. Auf Proteste wie beim gescheiterten Deutschland-Ausflug in die Regionalliga Südwest würde man zwar nicht stoßen, die sportliche Sinnhaftigkeit ist allerdings zweifelhaft. Die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona verpasste man damals trotz der außergewöhnlichen Maßnahme.

Nationaltrainer Lippi geht

Marcelo Lippi
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Marcelo Lippi

Der Funktionärswunsch, ein sauberes und erfolgreiches Produkt planen zu können, scheint erneut über allem zu stehen. Wer sich bei der Nationalhymne nach Meinung der Tugendwächter daneben benimmt wird bestraft, wer nicht gut genug Fußball spielt, muss nur mit ordentlich Drill auf Linie gebracht werden. Fraglich, ob die Rezepte der Vergangenheit den Weg in die Zukunft für den chinesischen Fußball weisen. Nationaltrainer Marcelo Lippi möchte zumindest kein Teil mehr davon sein. Nach den harschen Niederlagen beim China-Cup (0:6 gegen Wales, 1:4 gegen Tschechien) ohnehin unter Druck geraten, wird seinen Vertrag nach dem Asien-Cup im Januar 2019 nicht mehr verlängern.

Erneute Minuskulissen drohen

Als letzte Highlights des Kalenderjahres 2018 stehen noch die Pokal-Finals zwischen Beijing Guoan und Shandong Luneng an. Und auch für diese Partien hat sich der Verband etwas Besonderes ausgedacht: Sowohl Hin- als auch Rückspiel wurden zu solch später Uhrzeit terminiert, dass es laut "South Morning China Post" für Auswärtsfans unmöglich sei, noch am selben Abend in die Heimatstadt zurückzukehren. Erneute Minuskulissen dürften garantiert sein - eine gute Nachricht für die Offiziellen, eine schlechte für Chinas Fußball.



insgesamt 2 Beiträge
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spazpresser 10.11.2018
1. Nur am Rande
Interessiert die Chinesen ihre eigene Liga.Es ist viel reizvoller für sie auf BL /PL/..zu wetten weil die Spielernamen jedem bekannt sind.Jede Braugaststätte sperrt Nachts auf weil deutsches Bier und live BL ansehen für viele Chinesen zum Wochenende dazugehört. Gruß von einem der seit Jahren in China in der Gastronomie arbeitet.
LuPy2 11.11.2018
2. Wie stelle ich mir
eine Minuskulisse vor? Es fehlen die Stühle, oder gar die gesamte Gegentribüne? Die Anwesenden des Fußballspiels sind Konzertbesucher und warten, dass das Orchester zu spielen beginnt? Oder ist das eine speziell chinesische Wortkreation für chinesische Parteitage, wenn einzelne Sitze frei geblieben sind?
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