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23. März 2012, 09:05 Uhr

Erinnerungen eines Fans

Als der Fußball noch nicht modern war

Von Mutti gestrickte Fanschals, Nationalisten in der Nationalmannschaft und hässliche Parolen: In der Siebzigern und Achtzigern war der Fußball anders als heute. In einem Spezial des Magazins "11FREUNDE" erinnert sich Christoph Biermann an das Fanleben vor dem Bundesliga-Boom.

Als der Fußball noch nicht modern war, trug ich im Stadion einen Schal, den ich mir vielfach um den Hals wand und dessen Fransen trotzdem über meine Schuhe wischten. Leider rollte er sich immer nach innen zusammen, weshalb ich im Grunde eine blau-weiße Stoffwurst um mich geschlungen hatte. Ich konnte mich bei meiner Mutter darüber nicht beschweren, denn sie hatte ihn auf mein Bitten hin gestrickt, weil es Mitte der siebziger Jahre noch keine Schals für Fußballfans zu kaufen gab. Vermutlich war nicht einmal das Wort "Merchandising" erfunden worden.

Als der Fußball noch nicht modern war, wurde ich Mitglied des Fan-Clubs von Westfalia Herne. Wir trafen uns vor allem, um Busse zu Auswärtsfahrten zu organisieren und darüber zu sprechen, was uns unterwegs wohl passieren würde. In Lüdenscheid hatten sie uns mit Steinen beworfen.

Bei Spielen gegen Rot-Weiss Essen, den Wuppertaler SV oder Hannover 96 ließen wir unsere Schals und Fahnen zu Hause und bestaunten die ungeheuer betrunkenen Neandertaler in ihren Rockerjacken und Kutten, die mit Schlagringen, Totschlägern und Messern in der Tasche nach Herne kamen. Bei meinem zweiten Besuch im Stadion in der Castroper Straße in Bochum sah ich, wie ein paar Bochumer einen Düsseldorfer über die Ränge jagten. Als er stürzte sprangen sie auf ihm herum als sei er ein Trampolin.

Ich fand das normal, das waren halt Fußballrocker

Ich fand es auch normal, dass es für dreitausend Zuschauer drei Klos gab, weil sowieso alle ins Gebüsch pissten. Irgendwann fing ich an, mir regelmäßig auch Bundesligaspiele anzuschauen. In den Stadien gab es mehr Toiletten, die aber meist weitgehend zerstört waren, weshalb sich einige Fans keine Mühe mehr machten auszutreten, sondern die vor ihnen Stehenden aufforderten, zu Seite zu gehen und sich in aller Öffentlichkeit erleichterten.

Auch wurden Geschmacklosigkeiten gesungen: "Gib Gas, gib Gas, wenn Hitler mit den Schalkern in die Gaskammer rast." Oder: "Schlagt die Kölner tot!" Das war nicht nur Maulheldentum. Im Oktober 1982 wurde der 16-jährige Glaserlehrling Adrian Maleika, ein Fan von Werder Bremen, auf dem Weg ins Hamburger Volksparkstadion von einem Stein tödlich am Kopf getroffen.

Ich fand das nicht normal, aber es überraschte mich auch nicht

Die "Sportschau" zeigte samstags nur drei Bundesligaspiele. Die des VfL Bochum waren meist nicht dabei und wenn doch, verwechselten die Reporter des NDR oder HR munter die Namen der Spieler, weil sie sich für den HSV oder Kaiserslautern interessierten. Was der vermutlich großartige Bernd Schuster in Spanien zeigte, sah man bestenfalls in 20-Sekunden-Schnipseln bei "Sport aus aller Welt", sonntags in der "ZDF-Sportreportage" nach dem ausführlichen Bericht über die Radball-WM.

Als der Fußball noch nicht modern war, war er in der Hand von schrecklichen Spießern, die nichts dabei fanden, dass die Weltmeisterschaft 1978 in einer Militärdiktatur stattfand, in der Menschen einfach so verschwanden und gefoltert wurden. In Argentinien lud DFB-Präsident Hermann Neuberger ins Quartier der deutschen Mannschaft sogar den Alt-Nazi Hans-Ulrich Rudel ein, der nach dem Krieg für einige Jahre von Argentinien aus ein NS-Hilfswerk betrieben und später in Deutschland für die rechtsextreme DVU Wahlkampf gemacht hatte. Niemand enthob Neuberger seines Amtes.

Ich fand auch das normal, denn die Nationalmannschaft war für mich halt ein Magnet für verschwitzte Nationalisten.

Am 29. Mai 1985 saß ich vorm Fernseher und weinte. Ich hatte an diesem Tag eigentlich nach Brüssel fahren wollen, um mir das Europapokalfinale zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool anzuschauen. Jetzt sah ich, dass dort Menschen starben und dachte, dass ich durchaus auch unter ihnen hätte sein können. Es reichte jetzt! Das dunkle Zeitalter war endgültig nachtschwarz geworden.

Ich hätte jetzt einfach aufstehen, gehen und nie mehr wiederkommen können, aber es lag etwas anderes in der Luft.

Die vormoderne Zeit war nicht besser, als es die heutige ist

Der Fußball damals war in seiner allübergreifenden Dumpfheit und Primitivität schrecklich. Doch genau darin lag ein besonderer Reiz. Es war auch deshalb toll, Fußballfan zu sein, weil alle dagegen waren.

Damals gab es keine glaubwürdige Lesart des Fußballs, bei dem er gut wegkam. Aus linker Sicht war Fußball eine Art Opium fürs Volk, die Konservativen sahen ihn als Ausdruck des gesellschaftlichen Niedergangs. Denn warum sonst konnten Menschen so weitgehende Leidenschaften anhand eines völlig belanglosen Gegenstandes entwickeln? Bestenfalls war das dumm, vermutlich aber gefährlich.

In London lernte ich 1986 Mike Ticher und Andy Lyons kennen, die gerade ein Fußball-Magazin im Stil von Punk-Fanzines gegründet hatten, das "When Saturday Comes" hieß, nach einem Song der Undertones, die sie so liebten, wie ich es auch tat. Ihr Magazin pries in großer Selbstironie die Absurdität, ein Fußballfan zu sein und kritisierte zugleich die Auswüchse des Spiels. Sie behaupteten, dass Fans etwas zu sagen hätten, indem sie es einfach taten. Sie bezogen Position in einem Drei-Fronten-Krieg, gegen die Idiotie auf den Rängen, gegen die Ignoranz der Funktionäre und gegen die Herablassung der Fußball-Hasser.

Und dann erschien "Fever Pitch"

In meinem Buchregal steht eine englische Ausgabe von Nick Hornbys "Fever Pitch", die ich im Jahr des Erscheinens (1992) in England gekauft hatte. Ich hätte gedacht, dass es früher gewesen wäre, denn das Buch fasste die neue Haltung zum Fußball der vorangegangenen Jahre zusammen. Hornby ironisierte und adelte unsere Gefühle, weil er Sätze dafür fand, die man auf T-Shirts drucken konnte. "Der natürliche Zustand eines Fußballfans ist bittere Enttäuschung, ganz egal, wie das Spiel ausgegangen ist", war einer davon. Hornby machte Fußball-Besessenheit zu einer coolen Sache, jetzt konnte man Logen bauen.

Zugegeben, das ist eine gemeine Pointe. Aber damals lief eine Debatte darüber, was es mit dem Fußball nun eigentlich auf sich hatte. Fußballfans gegen Rechts engagierten sich in Deutschland erfolgreich gegen Rassismus im Stadien, halfen aber auch, die Türen des Fußballs für Sponsoren weiter zu öffnen. Denn Neonazis sind geschäftsschädigend, Hooligans natürlich auch und tumbe Fußballer und spießige Funktionäre ebenfalls. Für den rohen Matsch traditioneller Fußballbegeisterung war ab Beginn der neunziger Jahre kein Platz mehr, auch wenn es in Deutschland bis 1998 dauern sollte und erst der Polizist Daniel Nivel zu einem Pflegefall getreten werden musste, um die Vorherrschaft der Hooligans in den Kurven zu brechen.

"Gegen den modernen Fußball" ist eine der für mich rätselhaftesten Parolen im Zeitalter des modernen Fußballs. Ich verstehe ihn als das Mantra der "Ultra-Bewegung", wenn er sich etwa gegen so praktische Fragen wie zersplitterte Spieltage richtet oder das Gefühl ausdrückt, dass alles im Fußball nur daran gemessen wird, was man damit verdienen kann. Aber ich befürchte, dass darin die Sehnsucht nach einer vormodernen Zeit liegt, die besser war. Ich kann versichern, das war nicht der Fall.

Lesen Sie die ungekürzte Version dieses Artikels im 11FREUNDE-Spezial "Die Geschichte der Fußballfans"

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