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Erinnerungen eines Fans: Als der Fußball noch nicht modern war

Von Mutti gestrickte Fanschals, Nationalisten in der Nationalmannschaft und hässliche Parolen: In der Siebzigern und Achtzigern war der Fußball anders als heute. In einem Spezial des Magazins "11FREUNDE" erinnert sich Christoph Biermann an das Fanleben vor dem Bundesliga-Boom.

Uerdinger Funkel: Pokalsieger 1985 Zur Großansicht
picture alliance / dpa

Uerdinger Funkel: Pokalsieger 1985

Als der Fußball noch nicht modern war, trug ich im Stadion einen Schal, den ich mir vielfach um den Hals wand und dessen Fransen trotzdem über meine Schuhe wischten. Leider rollte er sich immer nach innen zusammen, weshalb ich im Grunde eine blau-weiße Stoffwurst um mich geschlungen hatte. Ich konnte mich bei meiner Mutter darüber nicht beschweren, denn sie hatte ihn auf mein Bitten hin gestrickt, weil es Mitte der siebziger Jahre noch keine Schals für Fußballfans zu kaufen gab. Vermutlich war nicht einmal das Wort "Merchandising" erfunden worden.

Als der Fußball noch nicht modern war, wurde ich Mitglied des Fan-Clubs von Westfalia Herne. Wir trafen uns vor allem, um Busse zu Auswärtsfahrten zu organisieren und darüber zu sprechen, was uns unterwegs wohl passieren würde. In Lüdenscheid hatten sie uns mit Steinen beworfen.

Bei Spielen gegen Rot-Weiss Essen, den Wuppertaler SV oder Hannover 96 ließen wir unsere Schals und Fahnen zu Hause und bestaunten die ungeheuer betrunkenen Neandertaler in ihren Rockerjacken und Kutten, die mit Schlagringen, Totschlägern und Messern in der Tasche nach Herne kamen. Bei meinem zweiten Besuch im Stadion in der Castroper Straße in Bochum sah ich, wie ein paar Bochumer einen Düsseldorfer über die Ränge jagten. Als er stürzte sprangen sie auf ihm herum als sei er ein Trampolin.

Ich fand das normal, das waren halt Fußballrocker

Ich fand es auch normal, dass es für dreitausend Zuschauer drei Klos gab, weil sowieso alle ins Gebüsch pissten. Irgendwann fing ich an, mir regelmäßig auch Bundesligaspiele anzuschauen. In den Stadien gab es mehr Toiletten, die aber meist weitgehend zerstört waren, weshalb sich einige Fans keine Mühe mehr machten auszutreten, sondern die vor ihnen Stehenden aufforderten, zu Seite zu gehen und sich in aller Öffentlichkeit erleichterten.

Auch wurden Geschmacklosigkeiten gesungen: "Gib Gas, gib Gas, wenn Hitler mit den Schalkern in die Gaskammer rast." Oder: "Schlagt die Kölner tot!" Das war nicht nur Maulheldentum. Im Oktober 1982 wurde der 16-jährige Glaserlehrling Adrian Maleika, ein Fan von Werder Bremen, auf dem Weg ins Hamburger Volksparkstadion von einem Stein tödlich am Kopf getroffen.

Ich fand das nicht normal, aber es überraschte mich auch nicht

Die "Sportschau" zeigte samstags nur drei Bundesligaspiele. Die des VfL Bochum waren meist nicht dabei und wenn doch, verwechselten die Reporter des NDR oder HR munter die Namen der Spieler, weil sie sich für den HSV oder Kaiserslautern interessierten. Was der vermutlich großartige Bernd Schuster in Spanien zeigte, sah man bestenfalls in 20-Sekunden-Schnipseln bei "Sport aus aller Welt", sonntags in der "ZDF-Sportreportage" nach dem ausführlichen Bericht über die Radball-WM.

Als der Fußball noch nicht modern war, war er in der Hand von schrecklichen Spießern, die nichts dabei fanden, dass die Weltmeisterschaft 1978 in einer Militärdiktatur stattfand, in der Menschen einfach so verschwanden und gefoltert wurden. In Argentinien lud DFB-Präsident Hermann Neuberger ins Quartier der deutschen Mannschaft sogar den Alt-Nazi Hans-Ulrich Rudel ein, der nach dem Krieg für einige Jahre von Argentinien aus ein NS-Hilfswerk betrieben und später in Deutschland für die rechtsextreme DVU Wahlkampf gemacht hatte. Niemand enthob Neuberger seines Amtes.

Ich fand auch das normal, denn die Nationalmannschaft war für mich halt ein Magnet für verschwitzte Nationalisten.

Am 29. Mai 1985 saß ich vorm Fernseher und weinte. Ich hatte an diesem Tag eigentlich nach Brüssel fahren wollen, um mir das Europapokalfinale zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool anzuschauen. Jetzt sah ich, dass dort Menschen starben und dachte, dass ich durchaus auch unter ihnen hätte sein können. Es reichte jetzt! Das dunkle Zeitalter war endgültig nachtschwarz geworden.

Ich hätte jetzt einfach aufstehen, gehen und nie mehr wiederkommen können, aber es lag etwas anderes in der Luft.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Gesellschaftlicher Umbruch
schnitti23 23.03.2012
Es war ein gesellschaftlicher Umbruch. Gewalt beim Spiel gab es so gut wie nie. Man brauchte auch keine Stahlzäune um das Spielfeld, der menschliche Anstand war noch weit verbreitet. Vergleicht man alles mit der heutigen Zeit kann man sich nur fragen: Wie konnte es dazu kommen? Haben wir ein falsches Verständnis von Freiheit, die nie grenzenlos sein kann? Geht das eigene Wohlbefinden vor dem aller anderen? Wo ist der Anstand geblieben, hat ihn keiner mehr? Warum war es damals möglich, ohne jeden Schutzzaun zu spielen, heute aber nicht? Wer mit offenen Augen durch die Welt geht kann nur erschaudern. Der gesellschaftliche Niedergang zeigt sich allenthalben. Keine Moral, kein Anstand, Egoismus überall. Aber das fängt schon im Kindergarten an, setzt sich in der Schule fort und als Erwachsener ist man geprägt. Umkehr täte dringend Not!
2. Grandios geschrieben
troy_mcclure 23.03.2012
Zitat von sysoppicture alliance / dpaVon Mutti gestrickte Fanschals, Nationalisten in der Nationalmannschaft und hässliche Parolen: In der Siebzigern und Achtzigern war der Fußball anders als heute. In einem Spezial des Magazins "11FREUNDE" erinnert sich Christoph Biermann an das Fanleben vor dem Bundesliga-Boom. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,822789,00.html
Da kommen viele alte Erinnerungen hoch...
3.
da Woife 23.03.2012
Zitat von schnitti23Es war ein gesellschaftlicher Umbruch. Gewalt beim Spiel gab es so gut wie nie. Man brauchte auch keine Stahlzäune um das Spielfeld, der menschliche Anstand war noch weit verbreitet. Vergleicht man alles mit der heutigen Zeit kann man sich nur fragen: Wie konnte es dazu kommen? Haben wir ein falsches Verständnis von Freiheit, die nie grenzenlos sein kann? Geht das eigene Wohlbefinden vor dem aller anderen? Wo ist der Anstand geblieben, hat ihn keiner mehr? Warum war es damals möglich, ohne jeden Schutzzaun zu spielen, heute aber nicht? Wer mit offenen Augen durch die Welt geht kann nur erschaudern. Der gesellschaftliche Niedergang zeigt sich allenthalben. Keine Moral, kein Anstand, Egoismus überall. Aber das fängt schon im Kindergarten an, setzt sich in der Schule fort und als Erwachsener ist man geprägt. Umkehr täte dringend Not!
Eine erstaunliche Aussage, wenn man bedenkt, dass der Autor des obigen Artikels eigene Erlebnisse mit Fußballrockern damals beschreibt.
4. mh
future-trunks 23.03.2012
Zitat von schnitti23Es war ein gesellschaftlicher Umbruch. Gewalt beim Spiel gab es so gut wie nie. Man brauchte auch keine Stahlzäune um das Spielfeld, der menschliche Anstand war noch weit verbreitet. Vergleicht man alles mit der heutigen Zeit kann man sich nur fragen: Wie konnte es dazu kommen? Haben wir ein falsches Verständnis von Freiheit, die nie grenzenlos sein kann? Geht das eigene Wohlbefinden vor dem aller anderen? Wo ist der Anstand geblieben, hat ihn keiner mehr? Warum war es damals möglich, ohne jeden Schutzzaun zu spielen, heute aber nicht? Wer mit offenen Augen durch die Welt geht kann nur erschaudern. Der gesellschaftliche Niedergang zeigt sich allenthalben. Keine Moral, kein Anstand, Egoismus überall. Aber das fängt schon im Kindergarten an, setzt sich in der Schule fort und als Erwachsener ist man geprägt. Umkehr täte dringend Not!
ist das ein beitrag aus den 80ern? der die 50er verglorifiziert? ist die einzige erklärung, denn zum artikel passt er nicht mit einer silbe.
5.
081172 23.03.2012
Zitat von sysoppicture alliance / dpaVon Mutti gestrickte Fanschals, Nationalisten in der Nationalmannschaft und hässliche Parolen: In der Siebzigern und Achtzigern war der Fußball anders als heute. In einem Spezial des Magazins "11FREUNDE" erinnert sich Christoph Biermann an das Fanleben vor dem Bundesliga-Boom. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,822789,00.html
Bin weder Ultra, noch Hooligan, noch Rechter - aber ich bin früher trotzdem lieber ins Stadion gegangen. Es war emotionaler, ursprünglicher und vor allem preiswerter. Ich wettere nicht gegen den sog. "modernen Fußball", weil es anscheinend die Mehrheit so haben will. Aber mir macht er keinen Spaß.
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