Fußball in der Ukraine Kicken in der Krise

Die Ukraine war auf dem Weg, eine echte Fußball-Größe zu werden, doch dann kam der Krieg. Nun gründen die Volksrepubliken Nationalmannschaften und Militärs versuchen, die Bühne für sich zu nutzen.

Siegerehrung bei der Donezk-Meisterschaft: Das Militär ist allgegenwärtig
Junyj Nowoross

Siegerehrung bei der Donezk-Meisterschaft: Das Militär ist allgegenwärtig

Von Denis Trubetskoy, Donezk


Vor drei Jahren war Donezk eine richtige Fußball-Metropole. Portugal und Spanien spielten dort in der brandneuen Donbass-Arena um den Einzug ins EM-Finale. Mit Schachtjor hatte die ostukrainische Millionenstadt den erfolgreichsten Verein Osteuropas. Der Fußball war wie ein Märchen für eine Stadt, in der vor allem arme Bergarbeiter leben.

Doch seit der Übernahme durch die prorussischen Separatisten im April 2014 ist dieses Märchen vorbei.

Auch nach dem zweiten Minsker Abkommen im Februar geht der Krieg in der Ostukraine weiter. Täglich kommen neue Opfer dazu, von Frieden kann nicht die Rede sein. Und die luxuriöse Donbass-Arena? Wurde umgewandelt, nun wird dort humanitäre Hilfe verteilt. Schachtjor ist schon lange geflüchtet und spielt seit einem Jahr in Lwiw.

Spitzenfußball ist in einem Kriegsgebiet unvorstellbar. Aber in Donezk wird trotzdem wieder Fußball gespielt, wenn auch in ungewöhnlicher Form. So fand Ende Juni das Finale der ersten offenen Meisterschaft der Volksrepublik Donezk statt. Im kleinen Stadion am Rande der Stadt spielten zwei völlig unbekannte Teams mit kuriosen Namen, Kirowetz und Junyj Nowoross (übersetzt: "Junger Neurusse"), gegeneinander. Vor etwa 100 Zuschauern.

Auch in Luhansk wird eine Liga aufgebaut

Es war eine Begegnung, die die traurige Gegenwart in der selbsternannten Volksrepublik wiederspiegelt. Junyj Nowoross wird von einem russischen Unternehmer finanziert, der unter anderem ein privates Militärunternehmen besitzt. Auch hinter Gegner Kirowetz stehen fragwürdige Leute. Und die Siegerehrung (Kirowetz gewann 2:1) wurde von Stawros Bagatelija vorgenommen, einem Abchasen, der an der Seite der Separatisten kämpft. Seine Militäruniform legte er auch auf dem Fußballplatz nicht ab.

Diese offene Meisterschaft, an der vor allem Amateurteams teilnahmen, war der erste Versuch, den Fußball wieder in Donezk zu etablieren.

Am vergangenen Samstag wurde der Fußballverband der Volksrepublik offiziell gegründet und vorgestellt. Geführt wird die neue Struktur von Ihor Petrow, dem ersten Kapitän der ukrainischen Nationalmannschaft, der vor allem als Schachtjor-Spieler bekannt wurde. Seine wichtigste Aufgabe: Die eigene Liga zu organisieren, die in den kommenden Wochen beginnen soll.

Sie wird nach dem Vorbild der Liga in der ebenfalls nicht anerkannten Volksrepublik Luhansk aufgebaut. Seit Juni wird beim Nachbarn um den ersten Titel gespielt. Am Wettbewerb, der bis November dauern soll, nehmen sechs Teams teil. Sie spielen ebenso in kleinen Stadien vor wenigen Zuschauern.

Ein Verein scheint sogar prominent zu sein, ist es aber nicht: Sorja Luhansk hat keinerlei Verbindung mit dem gleichnamigen Klub, der wie Schachtjor auf das von der Ukraine kontrollierte Gebiet auswanderte. Finanziert wird das Ganze meistens von halblegalen russischen Strukturen, die auch im Militärkonflikt aktiv mitmischen.

Ukrainischer Verband droht Spielern

Es ist fast ausgeschlossen, dass die Ligen der beiden Volksrepubliken jemals von den internationalen Verbänden Uefa und Fifa anerkannt werden. Zum einen ist ihre Staatlichkeit sogar seitens Russlands nicht anerkannt, zum anderen müsste auch der ukrainische Verband zustimmen - und das ist unter heutigen Umständen nicht realistisch. Der Vizepräsident des ukrainischen Fußballverbandes FFU, Ihor Kotschetow, kündigte an: "Keiner der Spieler, die in den entsprechenden Ligen oder für die Nationalmannschaften der so genannten Republiken eingesetzt waren, wird in der ukrainischen Liga spielen. Darauf werden wir achten."

Der erste Fall trat sogar schon ein. Olexander Jankowytsch nahm im Frühjahr am ersten Länderspiel der Volksrepublik Luhansk teil. Das Team gastierte in Abchasien und verlor gegen die Gastgeber 0:1. Für die neue Saison verpflichtete der Zweitliga-Verein Awangard aus Kramatorsk Jankowytsch, doch der Spieler wurde von der FFU gesperrt.

Auch die Volksrepublik Donezk hat schon eine eigene Nationalmannschaft. Beide Teams träumen von der Teilnahme an einer besonderen WM: der Weltmeisterschaft der nicht-anerkannten Staaten, die im kommenden Jahr wieder stattfindet. Da die besten Fußballer der Region wie Yaroslav Rakytskiy von Schachtjor Donezk allerdings immer noch für die Ukraine spielen, sind in den Auswahlen der Volksrepubliken vor allem Spieler vertreten, die nie den Durchbruch schafften.

Im kleinen Metalurh-Stadion, acht Kilometer von der Donbass-Arena entfernt, sollten die Nationalmannschaften der Volksrepubliken Donezk und Luhansk kürzlich zum ersten Mal gegeneinander antreten. Doch dann wurde das Spiel kurzfristig abgesagt, angeblich aus Sicherheitsgründen. Am 8. August soll die Begegnung nachgeholt werden. Es wird wohl ein historischer Moment, der jedoch keine rosige Zukunft für die Region verspricht. Der große Fußball wird vorerst nicht in den Donbass zurückkehren.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
brainstormerene 01.08.2015
1.
Hoffentlich bekommen diese seperatisten-manschaften nie eine spielgenehmigung durch fifa oder uefa um in irgendeiner form damit internationalen anerkennung zu bekommen. luhansk etc ist teil der ukraine.
janzi 01.08.2015
2.
Die Leute im Osten der Ukraine werden von ihrer eigenen Armee angegriffen, weil sie die gewaltsam an die Macht gekommenen Ultra-Nationalisten nicht unterstützt und sich durch die neue Regierung nicht vertreten fühlt. Die Ukraine schneidet sie von wichtiger Infrastruktur und Renten ab und stößt die Gebiete somit selbst ab. Wenn diese jetzt eine eigene Kultur- und Sportinfrastruktur aufbauen, ist das ihr gutes Recht!
Gerixxx 01.08.2015
3. Mein Gott....
...lasst die Menschen doch Fussball spielen - sie haben eine miese Gegenwart und eine auch mittelfristig wenig aussichtsreiche Zukunft. Und den Oligarchenfussball der (West-)Ukraine (inkl. Schachtjor Donezk aus dem Ostteil) mit den teuer zusammengekauften Auslandsstars nun als besser darzustellen, als das, was da im Osten an der Basis läuft scheint mir sehr sehr billig. Wie soll es denn im Kriegszustand ohne Militärs gehen? Ist das im Westen des Landes denn wirklich so viel anders? M.E. kommt die Gewalt und der antirussische Nationalismus inkl. rechter Sektor durchaus auch aus bestimmten "Fan"Kreisen der angeblich früher so "erfolgreichen" und "auf gutem Wege" befindlichen Fussballnation Ukraine.... Das müsste doch der Ausgewogenheit halber wenigstens erwähnt werden - oder ?
egoneiermann 01.08.2015
4.
Zitat von Gerixxx...lasst die Menschen doch Fussball spielen - sie haben eine miese Gegenwart und eine auch mittelfristig wenig aussichtsreiche Zukunft. Und den Oligarchenfussball der (West-)Ukraine (inkl. Schachtjor Donezk aus dem Ostteil) mit den teuer zusammengekauften Auslandsstars nun als besser darzustellen, als das, was da im Osten an der Basis läuft scheint mir sehr sehr billig. Wie soll es denn im Kriegszustand ohne Militärs gehen? Ist das im Westen des Landes denn wirklich so viel anders? M.E. kommt die Gewalt und der antirussische Nationalismus inkl. rechter Sektor durchaus auch aus bestimmten "Fan"Kreisen der angeblich früher so "erfolgreichen" und "auf gutem Wege" befindlichen Fussballnation Ukraine.... Das müsste doch der Ausgewogenheit halber wenigstens erwähnt werden - oder ?
Witzig über Oligarchenfußball zu schimpfen wenn hier sogar zwei Amateurteams russische Unternehmer im Rücken haben. Um Fußball zu spielen braucht man erst mal kein Geld, sonden Menschen die Spaß daran haben. Was hier wohl mit Geld versucht wird, ist eine Normalität vorzuspielen, man will ein unabhängiges Land sein (ok, eigentlich wollen die russischen Separatisten zu Russland gehören, aber Putin ziehrt sich noch) also braucht man eine Fußballliga, und mit Geld von nationalitscihen Russen lässt sich auch das zumindest vortäuschen.
ViktorHurlehaus 01.08.2015
5.
Zitat von brainstormereneHoffentlich bekommen diese seperatisten-manschaften nie eine spielgenehmigung durch fifa oder uefa um in irgendeiner form damit internationalen anerkennung zu bekommen. luhansk etc ist teil der ukraine.
Luhansk und Donezk gehört den Menschen , die diese Städten gebaut haben und in diesen Städten wohnen. und wenn die Bewohnervon diesen Städten oder Republiken nicht mit der Regierung in Kiew zu tun haben wohlen, dann muss man das akzeptieren.
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