Krisenland Portugal Tausche Lebensmittel gegen Eintrittskarten

Die Wirtschaft am Boden, die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau: Portugal steckt in der Krise. Auch der Fußball im Land spürt das, immer weniger Fans können sich die Stadionbesuche leisten. Die Clubs versuchen, ihre Anhänger mit kreativen Aktionen zu den Heimspielen zu locken.

Von Leon Ginzel

Porto-Fan (Archivbild): Kluft zwischen Arm und Reich ist riesengroß
Getty Images

Porto-Fan (Archivbild): Kluft zwischen Arm und Reich ist riesengroß


Renato ist immer noch glücklich. "2:1, in der allerletzten Minute. Ich bin ausgerastet, durchs Zimmer gesprungen, hab die halbe Nachbarschaft zusammengebrüllt! Doch noch Meister, diese verwöhnten Millionäre aus Lissabon wieder nur Zweiter!" Die Augen des 28-Jährigen strahlen, wenn er vom entscheidenden Spiel der vergangenen Saison erzählt. Sein Verein, der FC Porto, hatte mit einem Last-Minute Tor gegen den Erzrivalen Benfica Lissabon gewonnen und damit am vorletzten Spieltag die Tabellenführung übernommen. Porto ließ sich die dritte Meisterschaft in Folge nicht mehr nehmen.

Doch die Freude ist getrübt, denn Renato konnte den Augenblick nicht im Stadion erleben. "Die Tickets sind einfach zu teuer", sagt er: "Früher waren wir bei jedem Heimspiel aber seit zwei Jahren können meine Familie und ich uns keine Dauerkarte mehr leisten." Seit die Finanzkrise Portugal erreicht hat und die Troika der Europäischen Union das Krisenland zum Sparen zwingt, sind Gehälter und Renten stark gesunken. Viele haben ihren Job verloren.

Renato hat zwar einen Arbeitsplatz, doch auch er ist ein Krisenverlierer. Nach seinem Bachelor-Abschluss 2008 in Human Ressource Management wollte ihn kein Arbeitgeber einstellen. Heute arbeitet er in einem Hostel in Portos Innenstadt und verdient gerade so viel, dass es für die Miete und den Lebensunterhalt reicht. "Viele meiner Freunde sind arbeitslos. Einige versuchen ihr Glück im Ausland." Er zuckt mit den Schultern. "Eigentlich muss Portugal raus aus dem Euro. Das wäre die einzige Möglichkeit, die Krise zu beenden", sagt er: "Aber das wird nicht passieren."

"Benfica und Porto sind krasse Ausnahmen"

Renatos Geschichte ist kein Einzelfall, so wie ihm geht es vielen Fans in Portugal. Die Arbeitslosigkeit ist auf ein Rekordniveau von fast 18 Prozent gestiegen, das Geld ist knapp. Ein Stadionbesuch oder gar eine Dauerkarte sind für viele unerschwinglich geworden.

Die Not der Fans treibt die traditionell schon große Kluft innerhalb der Liga noch weiter auseinander. Die Top-Vereine, wie der FC Porto oder Benfica Lissabon, spüren es noch nicht so extrem wie die restlichen Clubs der Liga. "Benfica und Porto sind die krassen Ausnahmen. Die Lage der anderen Clubs ist teilweise dramatisch. Die Liga ist gespalten", sagt José Morim vom Sportmagazin "A Bola".

Während der Zuschauerschnitt in der vergangenen Saison den niedrigsten Stand seit Jahren erreicht hat, sind die Stadien der großen Vereine an Spieltagen immer noch gut gefüllt. Die Staatswirtschaft liegt am Boden, dafür verdienen die Fußballstars in Porto und Lissabon weiter Millionengehälter.

Zehn Spiele für zehn Euro

Die großen Clubs haben eine beachtliche Parallelwelt geschaffen, auch bedingt durch neue Einnahmequellen: Eigene TV-Kanäle berichten 24 Stunden am Tag über jede noch so kleine Meldung und generieren Werbeeinahmen. Beim FC Porto kommen hohe Transferüberschüsse für verkaufte Stars dazu. Im vergangenen September transferierte der Club etwa Angreifer Hulk für 55 Millionen Euro zu Zenit St. Petersburg. Diese Strukturen kompensieren die Verluste aus den gesunkenen Ticket-Einnahmen und die geringeren Gelder aus der Vergabe der Fernsehrechte.

Von einem eigenen TV-Sender kann der Club von Felipe Dinis nur träumen. Dinis ist Pressesprecher von Academica Coimbra, das 2012 sensationell den Pokal gewann. Die Stadt hat 130.000 Einwohner, knapp 30.000 davon studieren. In Portugal ist der Club vor allem wegen des gesellschaftlichen Engagements seiner Fans bekannt. Beim Triumph 2012 protestierten die Anhänger mit Zetteln und Schildern gegen die drastische Sparpolitik der Regierung. "Wir sind ein politischer Club mit treuen Fans", sagt Dinis: "Aber auch wir haben seit der Krise zu kämpfen. Viele Menschen bleiben zu Hause, anstatt ins Stadion zu kommen."

Römische Gladiatoren und minutenlanges Feuerwerk

Mit stark reduzierten Preisen versucht der kleine Verein, den Anhängern das Live-Erlebnis zu ermöglichen. Zehn Spiele gibt es schon für zehn Euro, für eine Dauerkarte zahlen Studenten nur 20 Euro. Trotzdem kamen in der vergangenen Saison im Schnitt nur knapp 5000 Zuschauer ins Stadion. Zum Vergleich: In Deutschland kommen Drittligisten wie der SV Darmstadt 98 auf ähnliche Zahlen. In Portugal hingegen rangiert Academica damit auf Platz sechs der Zuschauertabelle - in der ersten Liga.

Gerade die kleineren Vereine scheinen in der Krise an ihre Fans zu denken. So gibt es in Coimbra und auch beim SC Braga einmal jährlich eine bemerkenswerte Aktion. Für ein Kilogramm Lebensmittel, das die Fans spenden, gibt es ein Freiticket fürs Spiel. Das gesammelte Essen wird dann an Bedürftige und damit auch an die Verlierer der Krise verteilt. "Wir fühlen uns verantwortlich für unsere Fans und die Gesellschaft", sagt João Rodrigues, Mediendirektor des SC Braga: "Dazu zählt auch, den Fans etwas zu bieten. Sie zu unterhalten."

João spielt damit auf die pompöse Inszenierung des Clubs zur Saisoneröffnung an. Römische Gladiatoren, beladen mit dem gewonnenen Ligapokal und ein minutenlanges Feuerwerk - das waren die Zutaten für einen Abend, an dem die Fans ihre Krisensorgen vergessen sollen.

"Wir müssen uns was einfallen lassen, damit das Stadion voll wird", sagt João: "Im Gegensatz zu Essen oder Kleidung ist Fußball eben nicht essentiell für die Menschen."

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
jwalter2 08.10.2013
1. Herzlichen Glückwunsch
zum Einstellen dieses Mitarbeiters im Ressort Sport. Ich freue mich mehr über Darmstadt 89, den SV Mainz 06 und Schalke 03 zu lesen...viel Grüße an die 0815 Qualitätskontrolle des SPON!
anteater 08.10.2013
2. Gladiatoren
Wenn "Brot und Spiele" nicht mehr funktioniert, um die Massen ruhig zu halten, dann dürften sich die Regierenden bald sehr warm anziehen.
Solitude1899 08.10.2013
3. schlecht recherchiert
Schlecht recherchiert! Die Lebensmittel-Aktion etwa hat überhaupt nichts mit der Finanzkrise zu tun, sondern gab es schon immer. Hier werden Mücken zu Elefanten gemacht!
condec 08.10.2013
4. Portugal
Mir kommen die Tränen, dass sich die Portugiesen die Spiele nicht mehr leisten können. Kann ich auch nicht, bei meinem Einkommen. Reicht noch nicht mal 4 Wochen zum Leben auf kleiner Flamme.
mrks.horn 08.10.2013
5. Viele Gründe
Die aktuelle Wirtschaftskrise ist einer der Gründe für den Zuschauerschwund in den portugiesischen Stadien. Jedoch ist diese Entwicklung nicht neu sondern vielmehr seit vielen Jahren zu beobachten. Da ist zum einen die recht einseitige Meisterschaft, in der traditionell nur drei Klubs den Titel gewinnen können. Hinzu kommen eine für das kleine Land zu große Liga, die Abwanderung portugiesischer Stars ins Ausland sowie vom Fernsehen vorgegebene Anstoßzeiten, die viele Fans vom Besuch der Stadien abhalten. Wer mag, kann hierzu gerne den Artikel "Leere Ränge in Portugal" in meinem Blog lesen: Markus Horn's Blog: Leere Ränge in Portugal (http://markushorn.blogspot.de/2013/08/leere-range-in-portugal.html)
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