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Belgien-Coach Wilmots: "Ich wollte nie Nationaltrainer werden"

Ein Interview von

Marc Wilmots: Vom "Stier" zum "Kampfschwein" Fotos
REUTERS

Auf Schalke war Wilmots beliebt, weil er kämpfte und nie aufgab. Als Trainer hat er aus dem belgischen Nationalteam den WM-Geheimfavoriten geformt. Im Interview spricht er über Lachen als Erfolgsrezept - und warum er kein festes Spielsystem braucht.

ZUR PERSON
Marc Wilmots, 44, ist seit 2012 Trainer der belgischen Fußball-Nationalmannschaft. Geboren in Dongelberg, Profi unter anderem bei KV Mechelen und Standard Lüttich. 1996 wechselte Wilmots, bereits seit 1990 Nationalspieler, zum FC Schalke. Dort wurde er schnell zum Publikumsliebling und gewann 1997 den Uefa-Cup. 2003 beendete "Willi, das Kampfschwein" seine aktive Karriere und wurde kurzzeitig Trainer bei S04. Danach saß Wilmots für die liberale Partei Mouvement Réformateur im belgischen Senat, ehe er wieder die Trainerlaufbahn einschlug.
SPIEGEL ONLINE: Herr Wilmots, als Spieler bei Schalke 04 waren Sie das "Kampfschwein" - was ist denn der Trainer Marc Wilmots für ein Typ?

Wilmots: Die Leidenschaft ist immer noch die gleiche. Ich gebe alles.

SPIEGEL ONLINE: Was ist alles?

Wilmots: Ich lebe meinen Spielern vor, dass man alles für sein Land geben muss. Ich habe eine junge Truppe beisammen, das sind noch nicht alles Millionäre, aber die haben alle schon viel Geld verdient. Aber hierher, zur Nationalmannschaft, kommen sie nicht wegen des Geldes, sondern weil es eine Ehre ist. Das wollte ich erreichen - und dass sie sich hier zuhause fühlen, wie in einer Familie.

SPIEGEL ONLINE: Das war bisher nicht so?

Wilmots: Ich habe in meinen zwei Jahren hier schon viel geändert und professionalisiert. Inzwischen kann ich sagen, dass wir hier auf einem Level arbeiten wie bei Schalke oder Dortmund, egal ob in der medizinischen Abteilung, in der Reha oder beim Krafttraining.

SPIEGEL ONLINE: Aber Professionalität macht ja noch keine Familie aus.

Wilmots: Wir haben auch sehr viel Spaß. Ich lasse den Spielern ihre Freiräume. Die sind im Schnitt 24 Jahre alt, die wollen noch viel rumalbern und lachen. Und das dürfen und sollen sie, wenn ihre Leistung im Training und im Spiel stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Und sonst werden Sie zum strengen "Kampfschwein"?

Wilmots: Ich bin streng, Disziplin ist mir ganz wichtig. Meine Spieler müssen bei jedem Termin pünktlich sein, egal ob zum Training, zur Besprechung oder zu einem Sponsorentermin. Wer sich neben dem Platz nicht disziplinieren kann, schafft das auch nicht auf dem Platz.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn einer zu spät kommt?

Wilmots: Dann müssen alle Strafe zahlen. Jeder im Team - vom Spieler bis zum Masseur - ist gleich wichtig. Und wenn sich ein Spieler nicht damit anfreunden kann, fliegt er raus. So ist die Regel.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn viele Strafen?

Wilmots: Nein. Die Spieler haben das gut gelernt. Und das Team funktioniert einfach, die Jungs mögen sich, egal ob Flamen oder Wallonen. Die geben alles, spüren auch, dass die Euphorie beim Publikum wieder da ist. Außerdem ist es bei uns wirklich wie in einer Familie: Ich fordere viel von den Spielern, aber ich gebe ihnen auch etwas zurück.

SPIEGEL ONLINE: Was?

Wilmots: Ich sage ihnen: Wenn du ein Problem hast, dann sind wir für dich da. Egal worum es geht. Ob da einer Probleme mit einem anderen Spieler hat, in seinem Privatleben oder mit seinem Vertrag nicht zufrieden ist - wir hören uns alles an. Oft geben wir da gar keine großen Ratschläge, sondern hören den Spielern einfach zu. Auch das ist wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich das ausgedacht?

Wilmots: Das habe ich in Bordeaux gelernt. Damals bei Girondins haben wir ein halbes Jahr lang die Geldstrafen gesammelt und waren dann zuerst im Restaurant meines damaligen Mitspielers Lilian Laslandes essen und haben anschließend eine Weinprobe gemacht. Die ging über drei Weingüter und am Ende war das ganze Geld weg. Weltklasse.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt eher nicht nach Disziplin.

Wilmots: Diese Lockerheit aus Frankreich und die Disziplin aus meiner Zeit bei Schalke ist ein guter Mix. Den versuche ich hier zu etablieren.

SPIEGEL ONLINE: Steht bei Ihnen denn das Zwischenmenschliche über den taktischen Überlegungen?

Wilmots: Ich will einfach das Beste für meine Spieler und das Beste von meinen Spielern. Wenn die Probleme haben, sind sie auch im Spiel nicht mit den Gedanken bei der Sache. Mein Job als Nationaltrainer ist ohnehin ein völlig anderer als der eines Vereinstrainers.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Unterschied?

Wilmots: Bei mir geht es vor allem ums Beobachten. Ich schaue mir genau die Systeme an, in denen meine Spieler bei ihren Clubs spielen. Egal ob das jetzt Chelsea, Arsenal oder Tottenham ist. Ich schaue mir genau an, wie der Spieler sich in diesem System einfügt, was er dort gut macht oder nicht. Dann führe ich das bei uns im Team alles zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben kein festes System?

Wilmots: Nie von Anfang an. Letztlich machen die Vereine die ganze Arbeit und ich führe sie nur fort. Die Nationalmannschaft macht keinen Spieler besser.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wilmots, ihr junges Team gilt schon als Geheimfavorit für die WM in Brasilien.

Wilmots: Sehr schön. Nur: Wir haben noch nichts erreicht. Schaut euch Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland an. Was haben die für Möglichkeiten!

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Ziel bei der WM?

Wilmots: Wichtig war, dass wir uns für die Weltmeisterschaft überhaupt qualifiziert haben. Das war das erste Ziel. Und nun ist wichtig, dass die Mannschaft mit dem Erreichen der WM noch nicht zufrieden ist - die wollen mehr!

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie?

Wilmots: Ich weiß, wie es bei Turnieren laufen kann. Das ist immer eine Frage der Form. Dann triffst du vielleicht einmal den Pfosten, oder ein Tor wird nicht gegeben - das habe ich alles schon erlebt. Hinzu kommt der Reisestress in so einem großen Land wie Brasilien. Wir können davon nur lernen, am meisten bringen einen ohnehin Rückschläge weiter. Dann ist man gezwungen zu analysieren.

SPIEGEL ONLINE: Diese Erfahrung fehlt ihrem Team noch?

Wilmots: Ich glaube, die Mannschaft kann zur WM 2018 ihr Maximum erreichen. Das sind alles noch junge Spieler, der Kern wird so zusammenbleiben. In der Zeit bis dahin können sie Erfahrungen sammeln.

SPIEGEL ONLINE: Und dann sind Sie immer noch Nationaltrainer?

Wilmots: Ich habe noch einen Vertrag bis nach der Weltmeisterschaft 2014. Vor Januar werde ich keine Gespräche führen. Ich bin da gelassen, für mich ist es ein Luxusproblem. Ich wollte nie Nationaltrainer werden, aber dann haben meine Vorgänger aufgehört und ich wurde es nun mal. Wenn wir dann über die Zukunft reden, werde ich meine Vorstellungen klarmachen und entweder es passt - oder eben nicht. Ich brauche keinen Vertrag mehr, ich brauche nur Spaß.

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1. Eine realistische Einschätzung zeichnet einen erfolgreichen Trainer aus
Fakten_Hinterfrager 06.12.2013
"Letztlich machen die Vereine die ganze Arbeit und ich führe sie nur fort. Die Nationalmannschaft macht keinen Spieler besser." Das sind sehr weise Worte. Die Trainer der Nationalmannschaft haben viel zu wenig Zeit, um die Spieler groß zu verbessern oder zu verändern. Abgesehen davon, kommen sie ja erst zur Nationalmannschaft, weil sie bereits gute Fussballer sind und eine gute Ausbildung im Verein genossen haben. Auch die Regeneration etc. fällt dann als Aufgabe wieder an die Vereine. Wilmots macht hier anscheinend genau das, was ein Nationaltrainer machen soll: Er guckt sich an, wie die Spieler in ihren Vereinen spielen, was ihre Stärken und Schwächen sind und versucht sie dementsprechend in ein Team einzuordnen. Trainer, die ihre Spieler ganz neu ausrichten wollen, haben ein höheres Risiko, dabei zu scheitern. Und beim DFB, wo traditionell immer noch die meisten Spieler in der heimischen Liga spielen, geht es darum, dass die Spieler ihr Konkurrenzdenken aus den Clubs ablegen. Da muss der Trainer mehr moderieren als Spielzüge zu trainieren.
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Fotostrecke
Belgiens Nationalmannschaft: Endlich wieder richtige Teufel

Fläche: 30.528 km²

Bevölkerung: 11,209 Mio.

Hauptstadt: Brüssel

Staatsoberhaupt:
König Philippe

Regierungschef: Charles Michel

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