Ex-Fußballstar Larsson "Ronaldinho war der Beste"

Henrik Larsson wurde bei Celtic Glasgow zur Legende und gewann mit dem FC Barcelona die Champions League. Im Interview mit "11FREUNDE" spricht der Schwede über Schmerzen, die Liebe der Fans und erklärt, warum Ronaldinho ihn verehrte.

Getty Images/ Ben Radford/ Allsport

Frage: Henrik Larsson, Sie sagten einmal: "Vor jedem Anpfiff denke ich: Gleich wird es wehtun!" Wie viel Schmerz mussten Sie während Ihrer Karriere ertragen?

Larsson: Körperlicher Schmerz ist das eine, schlimmer war die psychische Belastung.

Frage: Sie meinen den Druck, immer zu funktionieren?

Larsson: Verteidiger versuchen, dich mit allen Mitteln aus dem Konzept zu bringen. Wenn du auf ihr Spiel einsteigst, hast du verloren. Deswegen unterdrückte ich meine Gefühle. Wenn ich gefoult wurde, stand ich sofort auf und zeigte: "Ihr könnt mir nicht wehtun." Diese Selbstkontrolle war das Schmerzhafteste überhaupt.

Frage: So hatten Sie den Ruf als Gentleman-Spieler. Kannten Sie keine dreckigen Tricks?

Larsson: Sobald der Ball in der Nähe war, fand ich reichlich Wege, um Gegenspielern ihre Grenzen aufzuzeigen.

Frage: Wer war Ihr härtester Gegenspieler?

Larsson: Craig Moore von den Glasgow Rangers. Er brüllte mich 90 Minuten an, trat mich über den Rasen und versuchte alles, um in meinen Kopf zu kommen. Doch eines muss man ihm lassen: Er hat nie gejammert, wenn er selbst was abgekriegt hat. Und ich habe ihn einige Male richtig hart erwischt.

Frage: Colin Hendry, einst baumlanger Innenverteidiger der Rangers, sagte einmal: "Wenn ich gegen Larsson spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos."

Larsson: Wirklich? Gibt es ein schöneres Kompliment für einen Celtic-Spieler?

Frage: Im Jahr 1997 wechselten Sie von Feyenoord Rotterdam zu Celtic Glasgow. Ihr wichtigster Transfer?

Larsson: Ich suchte ein neues Abenteuer. Celtic war ein mystischer Klub, das faszinierte mich.

Frage: Können Sie in Worte fassen, welche Bedeutung der Verein für seine Fans hat?

Larsson: In meinem ersten Jahr hätten die Rangers zum zehnten Mal in Folge Meister werden können. Am vorletzten Spieltag hatten wir die Chance, ihnen diesen historischen Titel zu entreißen und selbst Meister zu werden. Doch wir spielten nur Unentschieden, das Titelrennen war wieder offen. Nach dem Spiel fiel mir ein alter Mann in die Arme und weinte. Er sagte immer wieder: "Ihr müsst diesen Scheißtitel für uns holen." Ich begriff, dass man nicht nur für sich und seine Mannschaft spielt, sondern für die Menschen, die für diesen Verein leben. Eine Woche später holten wir den Titel.

Frage: Bei Celtic erzielten Sie 174 Tore in 221 Spielen. Die Fans nennen Sie den "König der Könige". Wann bekamen Sie mit, dass die Fans Sie in ihr Herz geschlossen hatten?

Larsson: Ich habe das am Anfang nicht wahrgenommen. Eines Tages rief mich mein älterer Bruder an und erzählte, dass er ein Kind im Celtic-Trikot gesehen habe. Auf dem Rücken trug es meine Nummer. Die Sieben. Darüber stand: "God"!

Frage: Hat Sie die Liebe der Fans unter Druck gesetzt?

Larsson: Für mich war es befremdlich, dass Menschen sich Poster von mir aufhängen oder mein Trikot tragen. Dafür bin ich nicht Profi geworden. Ich wollte nur auf dem höchstmöglichen Level Fußball spielen. Heute schmeichelt mir diese Verehrung natürlich. Ich bin glücklich, dass ich anderen so viel Freude machen konnte.

Frage: Mit Celtic spielten Sie regelmäßig im Europapokal und wurden Stammspieler in der schwedischen Nationalmannschaft. Sie waren endlich auf der großen Bühne angekommen.

Larsson: Ich fand meine innere Ruhe und spürte, wie mein Selbstbewusstsein wuchs. Bis dahin hatte ich mich oft gefragt: "Bin ich überhaupt gut genug, um Profi zu werden?" Jetzt wusste ich: "Bin ich fit, führt kein Weg an mir vorbei." Befreit von Selbstzweifeln, konnte ich mich auch auf dem Feld frei entfalten. Davon hatte ich immer geträumt.

Frage: Ein Selbstverständnis, das an Ihren Landsmann Zlatan Ibrahimovic erinnert.

Larsson: Sein Ego wäre wertlos, wenn er nicht diese unglaublichen Fähigkeiten hätte. Begabung kann man eben nicht vortäuschen. Er steht aber auch für einen Wandel in unserer Gesellschaft. Zu meiner Zeit stand die Mannschaft über dem Einzelnen, heute regieren die Individualisten. Aber ohne Mannschaft ist jeder chancenlos - im Fußball wie im Leben.

Frage: Haben Sie je einen selbstbewussteren Spieler kennengelernt als Ibrahimovic?

Larsson: Martin Dahlin. An ihm perlte jede Kritik ab. Wenn er sein Trikot überzog, sagte er immer: "Heute werde ich sowieso treffen." Er behielt sehr oft recht.

Frage: Sie haben mit zahlreichen Weltstars zusammengespielt. Wer war der beste?

Larsson: Ronaldinho. Er sah Lücken, wo andere längst aufgegeben hätten. Wenn er den Ball am Fuß hatte, war er der glücklichste Mensch. In jedem Training. 98 Prozent der Tage strahlte er, und das ist noch untertrieben. Wenn er morgens in die Kabine kam, warst du automatisch auch gut gelaunt.

Frage: Haben Sie ihn näher kennengelernt?

Larsson: Als wir uns an meinem ersten Tag beim FC Barcelona trafen, war er sehr aufgeregt und erzählte, wie er mich bei der WM 1994 bewundert hatte. Seine Augen leuchteten. Ich dachte, er veralbert mich, aber er sagte: "Du bist mein Vorbild, Henke!" Fortan nannte er mich "Idolo", also Idol. Ist das nicht bizarr?

Frage: Gemeinsam gewannen Sie im Jahr 2006 mit dem FC Barcelona die Champions League. Im Finale gegen den FC Arsenal wurden Sie erst in der 61. Minute beim Stand von 0:1 eingewechselt. 15 Minuten später bereiteten sie das 1:1 von Samuel Eto'o vor. Dann kam Ihr großer Auftritt.

Larsson: Neun Minuten vor dem Abpfiff sah ich, wie Juliano Belleti in den Strafraum startete, und spielte ihn an. Er erzielte das 2:1 und schrie in den Abendhimmel: "Oh, mein Gott! Oh, mein Gott" Die ganze Mannschaft stürzte auf ihn, alle Dämme brachen, Eto'o weinte vor Freude. Wir waren die Könige von Europa.

Frage: Der beste Moment des Abends?

Larsson: Meine Frau und ich verließen als Letzte die Party-Location. Draußen war es bereits hell, und der Türsteher bot an, uns in seinem Van zum Hotel zu fahren. Wir saßen zwischen leeren Flaschen und Farbeimern und fuhren durch Paris. Meine Frau fing an zu singen: "Campeones, Campeones, Olé, Olé, Olé." Am Hotel angekommen, sang sie einfach weiter und beschallte den ganzen Innenhof: "Campeones, Campeones." Plötzlich öffnete sich ein Fenster, Thiago Motta streckte den Pokal raus und stimmte ein: "Olé, Olé, Olé!". Dann kamen Mark van Bommel, Giovanni van Bronckhorst und Deco an ihre Fenster. Alle sangen mit. Vielleicht der schönste Moment meiner Laufbahn.

Frage: Schöner als jeder Torerfolg?

Larsson: Kennen Sie das Gefühl, wenn man als Kind seine Geburtstagsgeschenke auspacken darf?

Frage: Man ist aufgeregt.

Larsson: Kurz bevor ich ein Tor erzielte, verspürte ich diese kindliche Aufregung. Ein Wahnsinnsgefühl. Nur einmal konnte ich mich nicht freuen.

Frage: Lassen Sie uns raten: Nur knapp 100 Tage nachdem Sie Celtic im Jahr 2004 in Richtung Barcelona verlassen hatten, erzielten Sie in der Champions League für den FC Barcelona ein Tor gegen Celtic.

Larsson: Sieben Jahre lang haben sie im Celtic Park nach jedem Tor von mir die Titelmelodie von "Die Glorreichen Sieben" gespielt. Dieses Mal war es totenstill, manche Zuschauer pfiffen sogar. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Frage: Dabei haben Sie nur Ihren Job gemacht.

Larsson: Ich verdanke Celtic alles. Der Klub hat mein Haus bezahlt, mich finanziell unabhängig gemacht und zu dem Menschen werden lassen, der ich heute bin. Ich habe die Celtic-Fans geliebt! Und an diesem Abend stach ich ihnen mit meinem Tor mitten ins Herz. Aber ich war in diesem Moment nun mal Spieler des FC Barcelona.

Das Interview führte Benjamin Kuhlhoff



insgesamt 3 Beiträge
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drahdinedum 17.07.2014
1. Wow!
Was ein Interview! Gänsehaut! Ich habe Ihn geliebt! Seit der WM 94 eines meiner großen Vorbilder! Was eine schwedische Mannschaft damals! Ravelli,die Anderssons, Dahlin und vor allem Brolin und Larsson ... war schon der Hammer! Larsson, vielleicht auch deshalb so ein großer Spieler! Weil Er erst im Spätherbst seiner Karriere zu einem ganz großen Club gewechselt ist! Und trotzdem immer gefürchtet und respektiert war! Und sympathisch ohne Ende! Was hab ich Ihm seinen Wechsel zu Barca und den CL-Tite gegönnt! Besser kann man's eigentich nicht machen! Bei Celtic Vereinstreue ohne Ende bewiesen (Hatte bestimmt immer wieder Angebote) und am Ende nochmal dem ersten richtig Großen Team seiner Karriere zur CL verholfen! Ein große Sportler! Ich verneige mich! Und werde Es bei diesem Typen immer tun!
chavezding 17.07.2014
2.
Geiles Interview, allein die Szenenbeschreibung nach dem CL Titel...hammer.
lollopa1 18.07.2014
3. endlich mal ein Klasse Interview
ja, ein großer war er wirklich, habe ihn gerne spielen sehen!
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