Fußball-Legende Schlienz Der einarmige Nationalspieler

Der Mann war ein Phänomen: Robert Schlienz verlor bei einem Autounfall seinen linken Arm und kickte dennoch jahrelang in der höchsten Spielklasse. Das Magazin "11 Freunde" beschreibt, wie es der Stuttgarter sogar in die deutsche Nationalmannschaft schaffte.

Von Christian Dittmar


Hamburg - Der 14. August 1948 ist ein heißer Sommertag. Robert Schlienz sitzt im Auto und hat es eilig. Der Kapitän des VfB Stuttgart ist zu spät zum Mannschaftstreffpunkt gekommen, nun fährt er auf holprigen Straßen zum Pokalspiel nach Aalen hinterher. Um die Hitze ein wenig besser ertragen zu können, lässt er den linken Arm aus dem Fenster hängen. Plötzlich rumpelt der Wagen bei voller Fahrt in ein Schlagloch, überschlägt sich und zerschmettert den Arm.

Stuttgart-Profi Schlienz (r.)begrüßt 1958 vor dem Pokalfinale Düsseldorfs Juskowiak: Drei Spiele für Deutschland
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Die Ärzte entscheiden sich für eine Amputation und die Karriere des 24-Jährigen scheint beendet. So prophezeien es jedenfalls die Journalisten. Niemand ahnt, dass zehn Jahre später der große Alfredo di Stefano nach einem Gastspiel des VfB bei der spanischen Nationalelf sagen wird: "Der beste Mann auf dem Platz war der Einarmige. Was ich von dem gesehen habe, war für mich bis jetzt unvorstellbar."

Kurz nach dem Unfall glaubt jedoch nicht einmal Schlienz selbst an die Fortsetzung seiner Karriere. Wie soll sich ein Einarmiger im Kampfsport Fußball durchsetzen? Wie soll er fallen, wie das Gleichgewicht halten? Es ist Stuttgarts Trainer Georg Wurzer, der Schlienz aus den trüben Gedanken reißt. Künftig, so beschließt Wurzer, soll Schlienz den Nahkampf im Strafraum meiden und als Außenläufer das Spiel machen.

Kiefer von Gewehrkugel zertrümmert

Keine vier Monate später geschieht, was niemand für möglich gehalten hätte. Gegen den FC Bayern München steht Schlienz wieder auf dem Platz. Das Trikot um den Armstumpf herum ist hochgebunden. Wer glaubt, hier könne ein Versehrter nicht von seiner Leidenschaft lassen, wird spätestens am 22. Juni 1952 eines Besseren belehrt. Im Ludwigshafener Südweststadion sehen 86.000 Zuschauer das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, der VfB liegt gegen den 1.FC Saarbrücken 0:1 zurück.

Da nimmt Außenläufer Schlienz eine Ecke von links direkt aus der Luft und drischt den Ball in den Winkel - der Ausgleich für Stuttgart! Doch damit nicht genug, Schlienz ist an diesem Tag überall. Er hilft in der Defensive, dirigiert das Mittelfeld, setzt die Stürmer ein. Am Ende siegen die Stuttgarter 3:2. Nach dem Spiel urteilt das "Sport-Magazin": "Ohne Schlienz wäre der VfB nie Deutscher Meister geworden."

Es ist der Triumph eines Fußballers, der schon früh zu Großem berufen schien. 1924 in Zuffenhausen geboren, wird er beim örtlichen Fußballverein von seinem Vater Paul trainiert. Mit 16 hilft er bereits in der 1. Mannschaft aus und wird mit der A-Jugend 1942 württembergischer Meister, mit einer Tordifferenz von 371:45 nach 79 Spielen in zwei Jahren. Dann aber ist Schlienz alt genug für den Krieg, er wird an die Ostfront abkommandiert. Dort schießt ihm eine russische Gewehrkugel den Kiefer kaputt.

45 Tore in 30 Spielen

1945, der Krieg ist kaum vorbei, holt ihn Wurzer nach Stuttgart. Der VfB wird noch in der gleichen Saison Süddeutscher Meister. Schlienz schießt 45 Tore in 30 Spielen. "Ein Rekord, der nie gefährdet sein wird", schreibt der Autor Hans Blickensdörfer in seinem Nachruf als Schlienz 1995 stirbt. Und er fährt fort: "Robert Schlienz ist die allerhöchste Stufe von dem gewesen, was die Engländer 'Matchwinner' und die Franzosen 'Gagneur' nennen."

In der Tat, dieser Mann gewann Spiele. Er war dabei kein Feingeist, der körperlos durch die Abwehrreihen gleitet, sondern ein Kämpfer und Antreiber. "Wenn du beim Schlienz nicht marschiert bist", sagt sein ehemaliger Mitspieler Lothar Weise, "dann ist er über den Platz gerannt und hat dir in den Hintern getreten." Weise war Schlienz nah wie kaum ein anderer, half ihm nach dem Duschen beim Ankleiden und dem Anlegen der Kunsthandmanschette. "Auf dem Platz war Robert ein Drecksack, aber nach dem Spiel war er mein bester Freund", so Weise.

Insgesamt schießt Schlienz in 391 Oberligaspielen 143 Tore, wird mit dem VfB zweimal deutscher Pokalsieger und trägt dreimal das Nationaltrikot. Bundestrainer Sepp Herberger hatte lange gezögert, den Einarmigen zu berufen - er fürchtete, dass sich die Gegenspieler im Zweikampf absichtlich zurücknehmen könnten.

1959 beendet Schlienz ganz plötzlich seine Karriere. Nach dem Spiel gegen eine tschechische Elf kommt Trainer Wurzer in die Kabine und sagt zur überraschten Mannschaft: "Ihr braucht gar nicht auf ihn zu warten. Robert Schlienz wird nicht mehr für uns spielen."

Über die Gründe rätselt sein Freund Weise noch heute. Abgeschoben zu den Alten Herren, nimmt Schlienz in der Sommerpause 1961 leise Abschied. Er bleibt dennoch bis zu seinem Tod im Juni 1995 Vereinsmitglied in Stuttgart. Kurz darauf benennt der VfB sein Amateur-Stadion nach Schlienz, ganz im Sinne der Worte Blickensdörfers: "Wir werden nie mehr einen Robert Schlienz erleben. Aber wir können alle von ihm lernen."



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