Abwehrprobleme beim DFB Löw in der Offensivfalle

Vorne hui, hinten pfui: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft offenbarte in diesem Jahr große Probleme im Gleichgewicht zwischen Defensive und Offensive. Bundestrainer Joachim Löw sucht Lösungen. Hilft da das Spiel gegen die Niederlande?

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Aus Amsterdam berichtet


Joachim Löw spielt mit einer Espresso-Tasse, während er die Fragen der Journalisten beantwortet. Der Bundestrainer stellt die leere Tasse auf seinem Handrücken ab. Dann lässt er sie zwischen seinem Zeigefinger und Daumen hin- und herpendeln. Es sieht aus, als wolle er das verbildlichen, worüber er gerade spricht: Die Suche nach der Balance.

Im Umgang mit seiner Tasse scheint Löw das Gleichgewicht gefunden zu haben. Bei seiner Mannschaft, so die nachdrückliche Botschaft, sucht er es dagegen immer noch. "Und dieser Prozess kann sich bis in das kommende Jahr hineinziehen", sagt Löw vor dem letzten Länderspiel des Jahres am Abend in Amsterdam gegen die Niederlande (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Es ist die Suche nach der Balance zwischen dem Offensivdrang und der Defensivpflicht seines im Durchschnitt immer noch sehr jungen Teams. Gleichzeitig ist es das Ende des Glaubens, des Wunsches, dass die reine Offensivstärke alle Defensivprobleme überschatten könnte. "Seit 2008, 2009 haben wir sehr viel Wert auf die Offensive gelegt", sagt Löw. Der 52-Jährige ist bekannt dafür, dass er das Spektakel dem "dreckigen Sieg" jederzeit vorzieht. Ein glanzloser 2:1-Erfolg, wie zuletzt gegen Österreich, gibt Löw nur wenig Befriedigung.

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Deutschland vs. Niederlande: Ein Testspiel ohne Testcharakter
Doch sowohl das 4:4 gegen Schweden als auch das EM-Aus gegen Italien haben dem Bundestrainer deutlich gezeigt, dass der Wunsch nach einem spielerischen Spektakel auch überhandnehmen kann. Dass die Ausgeglichenheit innerhalb der Mannschaftsteile dann nicht mehr stimmig ist. In 13 Spielen in diesem Jahr kassierte das DFB-Team satte 22 Gegentore (1,69 pro Spiel). Seit 1964 gab es keine so schlechte Gegentorquote. Dem stehen herausragende 32 selbst erzielte Tore gegenüber (2,46 pro Spiel).

Dass es dazu kam, ist jedoch einer von Löw eingeleiteten Entwicklung geschuldet: Im schieren Überschwang der Freude, so viele technische Alleskönner um sich versammelt zu haben, versuchte Löw sie zuletzt auch alle gleichzeitig einzusetzen. Mario Götze, Marco Reus, Mesut Özil, Thomas Müller, Toni Kroos - gegen Schweden durften alle fünf Edeltechniker spielen. "Da haben wir Auflösungserscheinungen gezeigt. Es hat an der defensiven Grundordnung gefehlt", räumt Löw ein.

Reus als "falscher Neuner" gegen die Niederlande

Es ist die gleiche Falle, in die Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp zu Beginn der Saison tappte und damit deutlich hinter den Erwartungen blieb. Auch Klopp stellte mit Reus, Götze und Blaszczykowski drei rein offensiv ausgerichtete Mittelfeldspieler auf, die die Gegner förmlich zu einem Umschaltspiel einluden. Erst durch die Hereinnahme von Kevin Großkreutz kam das Gleichgewicht zwischen der Offensive und Defensive wieder zurück.

Löw wird dieses Problem gegen die Niederlande wohl auf eine etwas andere Art zu lösen versuchen: Er wird - aufgrund der Ausfälle von Miroslav Klose und Mario Gomez und der damit verbundenen Stürmernot - auf die Dienste von Reus als ersten Angreifer setzen. Dies eröffnet dem Bundestrainer die Möglichkeit, mit einem "falschen Neuner", wie die hängende, bei Bedarf ins Mittelfeld zurückfallende Sturmspitze genannt wird, zu experimentierten.

DFB-Team muss schnelle Konter des Gegners verhindern

Taktisch ist dies kein uninteressanter Versuch; Löw kann seine Zauberstürmer so zum großen Teil noch im Team unterbringen. Auf der anderen Seite aber bekommt er die Möglichkeit, den "Stürmer" so tief ins Mittelfeld fallen zu lassen, dass dieser dort bereits eine Überzahl erzeugen kann, wenn der Gegner den Ball hat.

"Man muss die Angriffe schon früher stoppen. Wenn die Dinge erst im Gang sind, dann sind die letzten vier, fünf Spieler fast immer machtlos", sagt Abwehrspieler Mats Hummels. Er verweist dabei auf die schnellen, ungehindert vorgetragenen Angriffe der Schweden. Auch die Italiener konnten ihre beiden Tore über Konterpässe einleiten. "Wenn wir vorne Druck aufbauen, dann können wir hinten klarer reagieren", sagt Hummels.

Löw könnte natürlich auch dauerhaft auf Spieler wie Lukas Podolski setzen, die bei der EM bewiesen haben, dass sie große Wege in der Defensive zu machen bereit sind. Oder auf die beiden Bender-Zwillinge, die in ihren Vereinen wie Staubsauger vor der Abwehr funktionieren. Aber das würde nicht zu Löws Idee passen. Es würde seine Vorstellung von Fußball sogar konterkarieren, wenngleich der Bundestrainer wegen der vielen Ausfälle gegen die Niederlande gezwungen ist, Podolski und Lars Bender einzusetzen.

Aber die Parole "Defensive zuerst" ist nicht Löws Credo. "Wir sollten bedenken, dass zu den deutschen Tugenden mittlerweile auch eine sehr gute Spielanlage gehört", sagt der Bundestrainer. Das ist sein Verdienst, damit hat er bereits jetzt einen Platz in der deutschen Fußballhistorie sicher. Ob es aber auch ein Weg ist, mit dem Löw am Ende einen Titel erringt, muss er erst beweisen.

Niederlande - Deutschland (20.30 Uhr in Amsterdam)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Niederlande: Krul - van Rhijn, Mathijsen, Vlaar, Bruno Martins Indi - Nigel de Jong, Heitinga - Robben, van der Vaart, Afellay - Huntelaar
Deutschland: Neuer - Höwedes, Mertesacker, Hummels, Lahm - Lars Bender, Gündogan - Müller, Götze, Podolski - Reus
Schiedsrichter: Proença (Portugal)

insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Nabob 14.11.2012
1. Fußballnationaltrainer und die deutsche Zersetzungsneurose
Zitat von sysopGetty ImagesVorne hui, hinten pfui: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft offenbarte in diesem Jahr große Probleme im Gleichgewicht zwischen Defensive und Offensive. Bundestrainer Joachim Löw sucht Lösungen. Hilft da das Spiel gegen die Niederlande? http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-nationalmannschaft-bundestrainer-loew-und-die-defensivprobleme-a-867132.html
Das Gute ignorieren, das Schlechte auf den Tisch und dann immer feste druff!
philkopter 14.11.2012
2. optional
thomas müller = edeltechniker? naja, sehr gewagt. eher stolperei und unkonventionalität (was nicht schlecht ist, aber technisch raffiniert isser nich). ansonsten hat löw wohl das problem zu spüren was die vereine seit jahren verschlafen: deutschen stürmernachwuchs zu züchten und ihm eine chance zu geben. in den topteams spielen nur oder hauptsächlich ausländische stürmer (mandzukic, pizza, huntelaar, lewandowski, ibisevic...), weil man hier schnelle resultate sehen will und keine zeit hat leute langsam aufzubauen. daher haben wir nur leute à la füllkrug, polter, schipplock...und kießling, aber den mag löw wohl nich ;)
kein_gut_mensch 14.11.2012
3. Idee
Zitat von sysopGetty ImagesVorne hui, hinten pfui: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft offenbarte in diesem Jahr große Probleme im Gleichgewicht zwischen Defensive und Offensive. Bundestrainer Joachim Löw sucht Lösungen. Hilft da das Spiel gegen die Niederlande? http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-nationalmannschaft-bundestrainer-loew-und-die-defensivprobleme-a-867132.html
Ich hab da eine Idee. In Wolfsburg suchen Sie noch einen Trainer. Am besten aus dem Eventbereich. Da pass der Löw und seine Truppe (Trainerstab nicht die Spieler) doch super hin.
Merkelfan 14.11.2012
4. optional
Das wird doch wieder nix, genau wie gegen Schweden. Low muss weg, das steht fest. Um Titel zu gewinnen muss ein anderer Wind rein und diese ewige achsotolle "Blockbildung" aus Bayern-Vizemeistern hat erwiesenermassen auch nichts gebracht (Kross, Schweynst., Laaaaaahm....). Gebt mal den jungen eine Chance, wie Jung oder Rode. Und nehmt nen anderen Trainer, sonst wird das nie was mit nem Titel.
plasmopompas 14.11.2012
5.
Zitat von sysopGetty ImagesVorne hui, hinten pfui: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft offenbarte in diesem Jahr große Probleme im Gleichgewicht zwischen Defensive und Offensive. Bundestrainer Joachim Löw sucht Lösungen. Hilft da das Spiel gegen die Niederlande? http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-nationalmannschaft-bundestrainer-loew-und-die-defensivprobleme-a-867132.html
Das alte Lied: Mit einer guten Offensive gewinnt man Spiele, mit einer guten Defensive Titel.
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