Unentschieden gegen Schweden: Deutschland vergeigt sensationell 4:0-Führung

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Was für ein Spiel! Gegen Schweden zeigte das DFB-Team eine Stunde lang eine überragende Leistung, führte 4:0. Doch dann klappte nichts mehr. Sekunden vor Schluss kam der Gegner noch zum Unentschieden. Einen solchen Vorsprung hat die Nationalelf noch nie verschenkt. Löw und die Spieler waren fassungslos.

Hamburg - "Unerklärlich", "unbegreifbar", "noch nie sowas erlebt": Die deutschen Nationalspieler und ihr Trainer Joachim Löw rangen nach dem WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden um Worte. Das, was gerade auf dem Platz des Berliner Olympiastadions geschehen war, konnte noch keiner von ihnen so recht fassen.

Eine Stunde lang hatte die deutsche Nationalmannschaft eines ihrer besten Spiele der vergangenen zwei Jahre gezeigt. Gegen harmlose Schweden kombinierte das Team konzentriert, sicher und oft spektakulär. In einer überragenden Anfangsphase schoss Miroslav Klose zwei Tore (8./15. Minute), Per Mertesacker (39.) und Mesut Özil (56.) erzielten die weiteren deutschen Treffer.

4:0 stand es, alles sah nach einer mühelosen Fußball-Gala aus. Statt wie erwartet als schwerster Gruppengegner präsentierten sich die Schweden als komplett harmlose Elf. "Wir haben 60 Minuten alles im Griff gehabt, das Spiel dominiert", sagte Löw später. "Einen 4:0-Vorsprung aus der Hand zu geben, ist normalerweise nicht möglich. In der Kabine herrscht Totenstille. Alle liegen auf den Bänken oder der Massagebank und sind total sprachlos", so der Bundestrainer.

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Deutschland vs. Schweden: Das bittere Remis von Berlin
Angeführt von Zlatan Ibrahimovic bestimmten nach einer Stunde die Skandinavier die Partie. Der Star-Stürmer (62. Minute), Mikael Lustig (64.) und Johan Elmander führten die Schweden bis auf einen Treffer heran. Den umjubelten 4:4 (3:0)-Endstand erzielte Rasmus Elm in der dritten Minute der Nachspielzeit. Zum ersten Mal in ihrer 104-jährigen Länderspielgeschichte hat damit eine deutsche Nationalmannschaft einen Vier-Tore-Vorsprung verspielt.

"Es ist darauf zurückzuführen, dass jeder sich zu sicher gefühlt und einen Schritt weniger gemacht hat", versuchte sich Bastian Schweinsteiger an einer ersten Analyse. "Wenn man 4:0 führt und es geht 4:4 aus, dann ist was schief gelaufen", sagte DFB-Kapitän Philipp Lahm: "Nach zwei Toren ist alles zusammengebrochen, das darf einer Spitzenmannschaft nicht passieren."

Besonders im Mittelfeld spielte Deutschland groß auf

Lahm war nach seiner Gelbsperre wieder ins Team gerückt, nach dem kurzfristigen Ausfall von Marcel Schmelzer verteidigte er aushilfsweise auf der linken Seite. Auf rechts kam Jérôme Boateng zum Einsatz, im zentralen Mittelfeld ersetzte Toni Kroos den mit Oberschenkelproblemen ausgefallenen Sami Khedira.

Beide Außenverteidiger machten von Beginn an viel Druck auf tiefstehende Schweden. In der Mitte spielten Marco Reus, Mesut Özil und Thomas Müller groß auf, Doppelpass folgte auf Doppelpass, Körpertäuschungen und Hackentricks reihten sich aneinander. Bereits nach zwei Minuten hatte Thomas Müller die große Chance zur Führung, Schwedens Keeper Andreas Isaksson klärte gleich zweimal, zudem half der Pfosten mit.

Beim 1:0 hatte Isaksson dann keine Chance, Reus dafür im Strafraum alle Freiheiten. Der erneut sehr starke Dortmunder sah den sich freilaufenden Klose. Dessen Direktschuss aus elf Metern schlug neben dem Pfosten ein. Dem 2:0 ging ein doppelter Doppelpass zwischen zunächst Reus und Kroos und dann Reus und Müller voran, Klose spielte noch unfreiwillig Doppelpass mit Isaksson, ehe er einschob.

Schweden bekam diese so unbeschwert wie lange nicht spielende deutsche Nationalmannschaft nicht in den Griff und hatte Glück, dass das DFB-Team es nach 20 Minuten etwas langsamer angehen ließ. Dennoch erzielte Mertesacker nach Vorlage von Müller noch 3:0 vor der Pause.

Als Özil zum 4:0 traf, schien die Partie entschieden. Samuel Holmén hatte bis dahin den einzigen Torschuss für Schweden abgegeben - nach fünf Minuten. Der zweite folgte erst in der 58. Minute durch Kim Källström und ging weit über das Tor. Die nächsten beiden Versuche der Skandinavier jedoch waren erfolgreich: Ibrahimovic gewann den Zweikampf gegen Badstuber und wuchtete eine Flanke Kallströms ins Netz. Dieser gab auch die Vorlage zum 2:4, Mikael Lustigs Schuss aus sehr spitzem Winkel ließ Manuel Neuer ins Tor abprallen.

Zwei Tore in zwei Minuten, Ausgleichstreffer in der Nachspielzeit

Innerhalb von nur zwei Minuten war Schweden zurück in der Partie. Fast jede Flanke in die Nähe des deutschen Tors sorgte plötzlich für Gefahr, nun war es Deutschland, das sich kaum befreien konnte. Elmander kam nach einer Hereingabe vor Badstuber an den Ball - es stand 3:4.

In der 85. Minute ließ Neuer einen Ball vor die Füße von Elmander prallen, der passte zum eingewechselten Tobias Sana. Doch der 23-jährige Debütant schoss über das Tor. In der dritten Minute der Nachspielzeit war es dann Rasmus Elm, der den 4:4-Ausgleich erzielte. Ibrahimovic hatte sich im Duell mit Mertesacker regelwidrig durchgesetzt, doch Schiedsrichter Pedro Proenca aus Portugal erkannte den Treffer an.

"Am Anfang haben die Deutschen gemacht, was sie wollen. Auch nach dem 1:4 habe ich eigentlich nicht mehr dran geglaubt, dass wir noch etwas holen können", sagte Elm: "Bei meinem Tor war ich so müde, dass ich einfach nur noch geschossen habe."

Mit zehn Punkten aus vier Spielen führt Deutschland die Gruppe A vor Schweden an (7 Punkte). Für Deutschland folgen in der WM-Qualifikation nun zwei Spiele gegen Kasachstan (22. März/26. März 2013, jeweils im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE).

Deutschland - Schweden 4:4 (3:0)
1:0 Klose (8.)
2:0 Klose (15.)
3:0 Mertesacker (39.)
4:0 Özil (56.)
4:1 Ibrahimovic (62.)
4:2 Lustig (64.)
4:3 Elmander (76.)
4:4 Elm (90.+3)
Deutschland: Neuer - Boateng, Mertesacker, Badstuber, Lahm - Kroos, Schweinsteiger - Müller (ab 67. Götze), Özil, Reus (ab 88. Podolski) - Klose
Schweden: Isaksson - Lustig, Granqvist, Jonas Olsson, Safari - Wernbloom (ab 46. Källström), Elm - Larsson (ab 78. Sana), Ibrahimovic, Holmen (ab 46. Kacaniklic) - Elmander
Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal)
Zuschauer: 72.369
Gelbe Karten: Reus (2), Lahm (3), Schweinsteiger - Isaksson

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Deutschlands Spiele in der WM-Qualifikation
Datum Gegner Austragungsort
07.09.2012 Färöer (3:0) Hannover
11.09.2012 Österreich (2:1) Wien
12.10.2012 Irland (6:1) Dublin
16.10.2012 Schweden (4:4) Berlin
22.03.2013 Kasachstan (3:0) Astana
26.03.2013 Kasachstan (4:1) Nürnberg
06.09.2013 Österreich (3:0) München
10.09.2013 Färöer (3:0) Tórshavn
11.10.2013 Irland (3:0) Köln
15.10.2013 Schweden (5:3) Solna

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