Team 2006 des DFB Einer kam durch

Das Perspektivteam des DFB vereinte vor zehn Jahren die Hoffnungsträger des deutschen Fußballs. Einige Spieler haben sich anschließend durchgesetzt, aber nur einer hat es in die aktuelle DFB-Elf geschafft. Die meisten der 73 Eingesetzten sind in den Niederungen unterer Ligen versunken.

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Timo Achenbach war einmal die Hoffnung des deutschen Fußballs. Ein junger Spieler mit Perspektive - Achenbach war genau das, was der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vor zehn Jahren dringend suchte. Auserkoren, eines Tages ein neuer Lothar Matthäus zu werden oder, wenn das nicht klappen sollte, zumindest ein nächster Guido Buchwald. Neben Achenbach waren es noch 72 andere Jungprofis, die man beim DFB für würdig erachtete, die Zukunft des deutschen Fußballs zu bilden.

Insgesamt 73 Spieler wurden im sogenannten Team 2006, bekannt auch als DFB-Perspektivteam, zwischen 2002 und 2005 getestet. Durchgesetzt haben sich am Ende nur die wenigsten. Von den 73 gehört nur einer dem aktuellen Kader der Nationalmannschaft für das Länderspiel gegen Kasachstan (20.45 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) an: Mario Gomez.

Achenbach ist heute 30 Jahre alt. Er ist immer noch Fußballprofi und spielt in den Niederungen der 2. Liga, beim Tabellenvorletzten SV Sandhausen. Seine Stationen zuvor hießen VfB Lübeck, 1. FC Köln, Greuther Fürth, Alemannia Aachen. Die 1. Bundesliga hat er nie kennengelernt.

Es waren die bleiernen Jahre der Nationalmannschaft, kulminierend in dem katastrophalen Vorrunden-Aus bei der Europameisterschaft 2000. Danach war auch dem Letzten im DFB klar geworden: Es muss dringend etwas passieren, wenn die WM 2006 im eigenen Land nicht zum Desaster werden soll. "Mit Blick auf das Turnier im eigenen Land wollte der DFB keine Chance ungenutzt lassen, um eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen", sagt DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock SPIEGEL ONLINE in der Rückschau.

Meichelbeck und Wenzel in der Abwehr, Korzynietz im Mittelfeld

Also probierte der DFB damals etwas für ihn völlig Neues aus: Er kümmerte sich um den Nachwuchs. Es wurde gecastet und rekrutiert, was das Zeug hielt. Dabei wurden später bekannte Namen zu Tage gefördert wie Kevin Kuranyi, Stefan Kießling oder Robert Enke. Aber auch Silvio Schröter (Hannover 96), Roland Benschneider (Arminia Bielefeld), Alexander Huber und Daniyel Cimen (beide Eintracht Frankfurt). Für Profis wie sie reichte es am Ende nicht für die Nationalmannschaft. "Letztlich gelingt es damals wie heute nur wenigen, sich auf allerhöchstem Niveau durchzusetzen", sagt Sandrock. Dass viele durchs Netz fallen, gehört zum Prinzip dazu.

Als das Perspektivteam im Juni 2002 sein erstes Match gegen eine Auswahl der Türkei bestritt, lautete die Startelf so: Im Tor stand Timo Hildebrand. Die Abwehr bildeten Benjamin Lense, Arne Friedrich, Timo Wenzel, Martin Meichelbeck. Mittelfeld: Bernd Korzynietz, Clemens Fritz, Markus Kreuz, Christoph Dabrowski. Es stürmten Markus Daun und Daniel Bierofka. Trainer war Uli Stielike, ein Jahr später übernahm der DFB-Veteran Erich Rutemöller.

Ein Lexikon der gescheiterten Hoffnungen

Von diesen elf Jungprofis aus dem Juni 2002 haben es Friedrich und Hildebrand vier Jahre später zur WM und Friedrich dort sogar in die Startformation geschafft. Auch Mike Hanke und Tim Borowski fingen im Perspektivteam an und wurden anschließend von Bundestrainer Jürgen Klinsmann in den WM-Kader berufen. Vier von 73 - für Sandrock war das aus heutiger Sicht bereits ein Erfolg.

Andere hatten weniger Glück. Albert Streit gehörte damals zu den Auserwählten, mittlerweile ist er selbst in der Regionalliga West bei Viktoria Köln suspendiert. Marco Engelhardt, Benjamin Auer, Frank Fahrenhorst, Emmanuel Krontiris, Christian Timm, Alexander Voigt, Stefan Wessels, Enrico Kern - die Liste der Nominierten fürs Team 2006 ist auch ein kleines Lexikon gescheiterter Hoffnungen und unerfüllter Erwartungen. So gehörte Zweikampfrüpel Maik Franz mal zum Kreis derer, von denen der DFB allen Ernstes glaubte, mit solchen Spielern könne man die Fußballwelt erobern.

"Es war von Beginn an klar, dass eine solche Maßnahme als einmaliges Experiment zu verstehen ist", sagt Sandrock im Nachhinein. Ein Experiment, das nach zehn Partien - vier Siege, vier Remis, zwei Niederlagen - abgebrochen und nicht mehr aufgenommen wurde. Was auch nicht mehr nötig gewesen sei, glaubt Sandrock: Die jungen Spieler von heute seien "dank der exzellenten Nachwuchsförderung bereits früh top ausgebildet". Die Situation sei mittlerweile "eine völlig andere".

Als das Team von Jürgen Klinsmann dann bei der Heim-WM das Publikum begeisterte, waren es tatsächlich die jungen Spieler, die daran ihren Hauptanteil hatten. Sie hießen Per Mertesacker, Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm. Aus diesem Quartett der Shootingstars hatte niemand auch nur eine Minute zuvor im Perspektivteam gespielt. Keiner von ihnen war je auch nur nominiert worden.

Stattdessen kickten beim Abschiedsspiel des Perspektivteams im November 2005 Thorben Marx, Alexander Madlung, Benjamin Weigelt und Florian Kringe.



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blurps11 26.03.2013
1.
Sandrock hat natürlich vollkommen recht: Durch das viel frühere Einbinden der Nachwuchsspieler in die ersten Mannschaften der Vereine besteht die U21 des DFB heute durch die Bank aus Profis mit schon beträchtlicher Erfahrung und selbst in der U19 finden sich noch Stammspieler aus der ersten und zweiten Bundesliga. Ein gesondertes "Perspektivteam" braucht es deswegen nicht mehr. Mit 22/23 ( zulässiges Alter bei den U21-Endrunden ) und mehreren Jahren im Profibetrieb ist meist schon ziemlich klar, wohin die Reise geht.
optaeck 26.03.2013
2. Was für eine Erkenntnis!
Der Autor deutet es stellenweise selbst an: Damals wie heute kommt nur ein Bruchteil derjenigen in die Bundesliga, die in den Nachwuchsteams der großen Clubs spielen. Und noch weniger kommen in die Nationalmannschaft, egal, ob sie für eine Perspektivteam gecastet wurden oder nicht. Ich wette, es scheitern jedes Jahr Spieler vom Format eines Marco Reus. Warum? Weil die Karriere als Profi womöglich von vielen Faktoren abhängig ist, die man selbst nicht beherrscht. Das ist meines Wissens aber keine neue Erkenntnis.
bimbambum 26.03.2013
3. ich
fände es schön wenn SPON wieder wie früher glaube ich auf mögliche Übertragungen im TV oder radio hinweisen würde und nicht auf seinen "Live Ticker" bei allem Verständnis für die Generierung von Klicks, ein bisschen service darf dann schon sein
Andr.e 26.03.2013
4.
Zitat von bimbambumfände es schön wenn SPON wieder wie früher glaube ich auf mögliche Übertragungen im TV oder radio hinweisen würde und nicht auf seinen "Live Ticker" bei allem Verständnis für die Generierung von Klicks, ein bisschen service darf dann schon sein
Das ist ein generelles Problem. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da wurde fromm und frei auf das Programm des Nachbarn hingewiesen - nicht jeden Tag, aber doch so weit, dass es thematisch passte. Das sieht man heuer immer seltener, dagegen wird die eigene Doublette angepriesen, als wäre sie ein Wunderwerk an Innovation und Technik - und ist doch nichts weiter als ein Feuerwerk der Redundanz.
Florakel 26.03.2013
5. Mal wieder schlechte Recherche?
Per Mertesacker, Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm. Was habe sie gemeinsam? Alle haben bereits im Jahr 2004 in der Nationalelf debütiert. Sie gingen somit nicht den "Umweg" über das Perspektiv-Team, jedoch war ihre Teilnahme an der WM 2006 mitnichten eine Überraschung. Vielleicht ist es eher eine, dass tatsächlich ein Spieler aus diesem Kreis eine Nationalmannschaftskarriere schaffte.
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