Von Daniel Theweleit, Gelsenkirchen
Wenn Fußballtrainer über die simpelsten Grundlagen ihres hochkomplexen Spiels sprechen, ist das normalerweise ein Signal der Krise. Man müsse sich nun auf die einfachen Dinge konzentrieren, ist ein Klassiker der Krisenrhetorik. Am Freitagabend, als Joachim Löw nach dem hinreißenden 6:2 gegen Österreich das Wort ergriff, waren seine Ausführungen zu den schlichten Aspekten des Spiels Ausdruck höchster Anerkennung. "Wir haben heute die einfachen Dinge richtig gemacht", sagte der Bundestrainer.
Das Spiel der Mannschaft ist im Moment frei von Eitelkeiten, niemand sucht nach dem großen persönlichen Moment. Die einfachen Pässe kommen, die Spieler laufen füreinander, das macht das Spiel schnell, leichtfüßig, kreativ. Trotzdem ist die Mannschaft gierig, man konnte den gewaltigen Ehrgeiz des Teams gut an Miroslav Klose erkennen, der unbedingt als Schütze des ersten Treffers in die Annalen eingehen wollte. Obwohl er den Ball allenfalls ganz leicht touchierte. "Ich war dran, sonst hätte ich nicht gejubelt", sagte der Stürmer nach dem Spiel.
Selbst intensives Zeitlupen-Studium lieferte keine klaren Beweise für diese Behauptung, Mesut Özils Schuss wäre definitiv auch ohne Kloses Zutun im Tor gelandet. Eigentlich war es ganz klar ein Özil-Tor, doch Klose wollte diesen Treffer. So wie auch Lukas Podolski sein Tor wollte und André Schürrle und Mario Götze. Selbst als der Sieger längst feststand, hörte die Mannschaft einfach nicht auf mit der Trefferproduktion. Löw sprach von "sehr viel Intensität und Fleiß", und genau diese Qualität könnte von entscheidender Bedeutung sein bei der EM. Denn der große Mitfavorit Spanien ist als Titelverteidiger und Weltmeister vielleicht ein klein wenig satter als diese Deutschen, die einfach reif sind für einen großen Titel.
Wobei Müller Widerspruch einlegte, als er den Begriff Weltklasse hörte. "Von Weltklasse kann man nur sprechen, wenn in großen Spielen große Leistungen gezeigt werden. Wenn wir so ein Spiel abziehen im EM-Finale." Da hat er sicher recht, und dieses Spiel war eben kein großes Spiel, dazu fehlte dem Gegner die Klasse. Es gibt sie wieder, die Kleinen, die das DFB-Team nach Belieben beherrscht, diese Spiele, in denen nicht der Hauch eines Zweifels aufkommt, dass Deutschland klar gewinnen wird. "Das ist ein anderes Niveau", musste Österreichs Trainer Dietmar Constantini einräumen.
Das liegt sicher auch am Selbstvertrauen, das die Mannschaft während der vergangenen 15 Monate entwickelt hat. "Wir wollen den Titel", sagen alle Spieler ohne Umschweife, selbst ein Mann wie Klose, dieser zurückhaltende Zeitgenosse mit der dünnen Stimme, wurde am Freitagabend zum Schwärmer. "Vor vier, fünf Jahren hieß es immer: kein gescheiter Torwart, kein Stürmer, kein Mittelfeldspieler, und jetzt haben wir alles, auch doppelt und dreifach besetzt", sagte der nach Rom gewechselte Angreifer.
Klose geriet regelrecht ins Schwärmen. "Sie sehen ja bei uns Gott sei Dank nur das Aufwärmen", sagte er zu den Journalisten, die stets nach 15 Minuten von den Trainingseinheiten ausgeschlossen werden. "Aber wenn Sie mal das ganze Training dabei wären, würden Sie sehen, wie dynamisch es dort zugeht, wie viel Spielfreude die Jungs haben. Das macht Spaß, da kann ich eindeutig sagen, dass das die beste deutsche Mannschaft ist, in der ich gespielt habe."
Gegen Polen beginnt die Zeit des Kräftesparens
Tatsächlich ist schwer zu sagen, was noch besser werden soll, und darin liegt vielleicht das einzige Problem der näheren Zukunft. Wahrscheinlich war noch nie eine deutsche Mannschaft zu diesem frühen Zeitpunkt einer Saison derart gut aufgestellt, dieser Zustand muss nun über das ganze Jahr gehalten werden. Das ist eine ganz neue Aufgabe für den Bundestrainer, der ankündigte, Spielern "auch mal eine Pause" zu gönnen.
Schon beim Länderspiel in Polen am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) will er mit dem Prozess des Kräftesparens beginnen, der die kommenden zehn Monate andauern wird. Eines ist nach diesen ersten Wochen der EM-Saison aber klar: Der größte Favorit auf den Titel ist Deutschland, denn eine ähnlich vielversprechende Mischung aus individueller Klasse, mannschaftlicher Geschlossenheit, Breite im Kader, Hunger nach Erfolg und klarem Konzept gibt es allenfalls in Spanien. Und die können ja nicht immer gewinnen.
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