Fußball-Nationalmannschaft Reif für den Titel

Was für ein Spiel! Die Tor-Gala gegen Österreich hat gezeigt: Die deutsche Nationalmannschaft strotzt nur so vor Spielfreude und Selbstvertrauen. Selbst Trainer Löw hat kaum etwas zu bemängeln - so könnte es mit dem EM-Titel 2012 wirklich klappen.

Von , Gelsenkirchen

dapd

Wenn Fußballtrainer über die simpelsten Grundlagen ihres hochkomplexen Spiels sprechen, ist das normalerweise ein Signal der Krise. Man müsse sich nun auf die einfachen Dinge konzentrieren, ist ein Klassiker der Krisenrhetorik. Am Freitagabend, als Joachim Löw nach dem hinreißenden 6:2 gegen Österreich das Wort ergriff, waren seine Ausführungen zu den schlichten Aspekten des Spiels Ausdruck höchster Anerkennung. "Wir haben heute die einfachen Dinge richtig gemacht", sagte der Bundestrainer.

Das Spiel der Mannschaft ist im Moment frei von Eitelkeiten, niemand sucht nach dem großen persönlichen Moment. Die einfachen Pässe kommen, die Spieler laufen füreinander, das macht das Spiel schnell, leichtfüßig, kreativ. Trotzdem ist die Mannschaft gierig, man konnte den gewaltigen Ehrgeiz des Teams gut an Miroslav Klose erkennen, der unbedingt als Schütze des ersten Treffers in die Annalen eingehen wollte. Obwohl er den Ball allenfalls ganz leicht touchierte. "Ich war dran, sonst hätte ich nicht gejubelt", sagte der Stürmer nach dem Spiel.

Selbst intensives Zeitlupen-Studium lieferte keine klaren Beweise für diese Behauptung, Mesut Özils Schuss wäre definitiv auch ohne Kloses Zutun im Tor gelandet. Eigentlich war es ganz klar ein Özil-Tor, doch Klose wollte diesen Treffer. So wie auch Lukas Podolski sein Tor wollte und André Schürrle und Mario Götze. Selbst als der Sieger längst feststand, hörte die Mannschaft einfach nicht auf mit der Trefferproduktion. Löw sprach von "sehr viel Intensität und Fleiß", und genau diese Qualität könnte von entscheidender Bedeutung sein bei der EM. Denn der große Mitfavorit Spanien ist als Titelverteidiger und Weltmeister vielleicht ein klein wenig satter als diese Deutschen, die einfach reif sind für einen großen Titel.

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DFB-Einzelkritik: Seefahrer Klose, Triumphator Özil
Der Bundestrainer hat seit 2008 auf diesen Zustand hingearbeitet, wie er später zufrieden erläuterte. Damals, nach der EM in der Schweiz und Österreich, habe er mit seinen Mitarbeitern das Ziel formuliert, "den Konkurrenzkampf zu erhöhen", niemand soll sich ausruhen. Außerdem sollte das Team "spielerisch besser werden", und exakt diese Entwicklungen sind eingetreten. Podolski blühte auf mit dem Atem von Schürrle und Götze im Nacken, Özil brillierte nicht nur wegen seiner Tore, auch er muss sich gegen Götze behaupten. Thomas Müller ist besser als je zuvor. In den Gesprächen im Bauch der Arena fiel immer wieder ein Begriff: Weltklasse.

Wobei Müller Widerspruch einlegte, als er den Begriff Weltklasse hörte. "Von Weltklasse kann man nur sprechen, wenn in großen Spielen große Leistungen gezeigt werden. Wenn wir so ein Spiel abziehen im EM-Finale." Da hat er sicher recht, und dieses Spiel war eben kein großes Spiel, dazu fehlte dem Gegner die Klasse. Es gibt sie wieder, die Kleinen, die das DFB-Team nach Belieben beherrscht, diese Spiele, in denen nicht der Hauch eines Zweifels aufkommt, dass Deutschland klar gewinnen wird. "Das ist ein anderes Niveau", musste Österreichs Trainer Dietmar Constantini einräumen.

Das liegt sicher auch am Selbstvertrauen, das die Mannschaft während der vergangenen 15 Monate entwickelt hat. "Wir wollen den Titel", sagen alle Spieler ohne Umschweife, selbst ein Mann wie Klose, dieser zurückhaltende Zeitgenosse mit der dünnen Stimme, wurde am Freitagabend zum Schwärmer. "Vor vier, fünf Jahren hieß es immer: kein gescheiter Torwart, kein Stürmer, kein Mittelfeldspieler, und jetzt haben wir alles, auch doppelt und dreifach besetzt", sagte der nach Rom gewechselte Angreifer.

Klose geriet regelrecht ins Schwärmen. "Sie sehen ja bei uns Gott sei Dank nur das Aufwärmen", sagte er zu den Journalisten, die stets nach 15 Minuten von den Trainingseinheiten ausgeschlossen werden. "Aber wenn Sie mal das ganze Training dabei wären, würden Sie sehen, wie dynamisch es dort zugeht, wie viel Spielfreude die Jungs haben. Das macht Spaß, da kann ich eindeutig sagen, dass das die beste deutsche Mannschaft ist, in der ich gespielt habe."

Gegen Polen beginnt die Zeit des Kräftesparens

Tatsächlich ist schwer zu sagen, was noch besser werden soll, und darin liegt vielleicht das einzige Problem der näheren Zukunft. Wahrscheinlich war noch nie eine deutsche Mannschaft zu diesem frühen Zeitpunkt einer Saison derart gut aufgestellt, dieser Zustand muss nun über das ganze Jahr gehalten werden. Das ist eine ganz neue Aufgabe für den Bundestrainer, der ankündigte, Spielern "auch mal eine Pause" zu gönnen.

Schon beim Länderspiel in Polen am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) will er mit dem Prozess des Kräftesparens beginnen, der die kommenden zehn Monate andauern wird. Eines ist nach diesen ersten Wochen der EM-Saison aber klar: Der größte Favorit auf den Titel ist Deutschland, denn eine ähnlich vielversprechende Mischung aus individueller Klasse, mannschaftlicher Geschlossenheit, Breite im Kader, Hunger nach Erfolg und klarem Konzept gibt es allenfalls in Spanien. Und die können ja nicht immer gewinnen.

Forum - Wie schlägt sich die DFB-Elf in der EM-Qualifikation?
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Kanzla87 02.09.2010
1.
Belgien: Eine Mannschaft der Unbekannten, ohne große Namen - dafür aber große Stolpergefahr für Deutschland. Türkei: Sicherlich so ziemlich der unangenehmste Gegner, den man sich wünschen kann. Kampfstark und technisch beschlagen - es werden hitzige Duelle. Aserbaidschan: "Es gibt keine Kleinen mehr" lasse ich nicht gelten. Hier muss ein klarer Sieg her! Österreich: Vielleicht der Geheimfavorit der Gruppe. Haben schon oft bewiese, große Gegner ärgern zu können. Enge Sache. Kasachstan: Hier müssen 2x3 Punkte her, wenn man sich Qualifizieren will. Könnten jedoch die eine oder andere Überraschung parat haben. Fazit: Schwere Gruppe, die ersten vier Mannschaften werden eng beieinander liegen - hoffentlich mit gutem Ende für den DFB.
LocoGrande 02.09.2010
2.
Gegen Österreich und Türkei je 4 Punkte Gegen alle anderen je 6 Punkte. Gruppensieg vor der Türkei. Das muss der Anspruch sein.
gelegenheitsposter, 02.09.2010
3. nie wieder Angsthasenfussball
Moin, jetzt brauchen wir noch keine Vizekapitän, der den Angsthasenfussball gegen Spanien vergessen macht. 2006 gab es die Achse Ballack/Frincks, die eine Mannschaft stabilisiert hat .... Frincks war leider im entscheidenden Moment gesperrt weil er einem Argentinier das Kinn poliert hat .... Aber das ist immer noch besser als der Angsthasenfussball der Nationalmannschaft gegen Spanien 2010 .... Die Euphorie nach den Siegen gegen England und Argentinien ist unbegründet, wenn auch für den Moment sehr berauschend. Argentinien hatte schon Probleme in der Qualifikation .... und Englands Swingerclub war doch durch den Wind ... Beide Mannschaften waren doch aus der Spur. Der Umgang mit Frincks und Ballack ist erst gerechtfertigt wenn die Krabbelgruppe sich gegen einen ernstzunehmenden Gegner in guter Verfassung (also nicht Argentinien und England 2010) ... durchsetzt, egal wie .... Es wäre schade wenn Völler der letzte Bundestrainer mit Finalteilnahme und ohne Bundesverdienstkreuz bliebe ....
Umberto, 02.09.2010
4.
Zitat von Kanzla87Belgien: Eine Mannschaft der Unbekannten, ohne große Namen - dafür aber große Stolpergefahr für Deutschland. Türkei: Sicherlich so ziemlich der unangenehmste Gegner, den man sich wünschen kann. Kampfstark und technisch beschlagen - es werden hitzige Duelle. Aserbaidschan: "Es gibt keine Kleinen mehr" lasse ich nicht gelten. Hier muss ein klarer Sieg her! Österreich: Vielleicht der Geheimfavorit der Gruppe. Haben schon oft bewiese, große Gegner ärgern zu können. Enge Sache. Kasachstan: Hier müssen 2x3 Punkte her, wenn man sich Qualifizieren will. Könnten jedoch die eine oder andere Überraschung parat haben. Fazit: Schwere Gruppe, die ersten vier Mannschaften werden eng beieinander liegen - hoffentlich mit gutem Ende für den DFB.
Das ist bei der Mannschaft jeden Landes so, wenn man sich dafür nicht interessiert, also auch nicht damit beschäftigt.
Küchenbulle2010 02.09.2010
5.
Zitat von gelegenheitsposterMoin, jetzt brauchen wir noch keine Vizekapitän, der den Angsthasenfussball gegen Spanien vergessen macht. 2006 gab es die Achse Ballack/Frincks, die eine Mannschaft stabilisiert hat .... Frincks war leider im entscheidenden Moment gesperrt weil er einem Argentinier das Kinn poliert hat .... Aber das ist immer noch besser als der Angsthasenfussball der Nationalmannschaft gegen Spanien 2010 .... Die Euphorie nach den Siegen gegen England und Argentinien ist unbegründet, wenn auch für den Moment sehr berauschend. Argentinien hatte schon Probleme in der Qualifikation .... und Englands Swingerclub war doch durch den Wind ... Beide Mannschaften waren doch aus der Spur. Der Umgang mit Frincks und Ballack ist erst gerechtfertigt wenn die Krabbelgruppe sich gegen einen ernstzunehmenden Gegner in guter Verfassung (also nicht Argentinien und England 2010) ... durchsetzt, egal wie .... Es wäre schade wenn Völler der letzte Bundestrainer mit Finalteilnahme und ohne Bundesverdienstkreuz bliebe ....
Wenn man schon meckert, sollte man auch die Fakten kennen. Es gibt überhaupt nur EINEN ehemaligen Bundestrainer, der kein Bundesverdienstkreuz bekommen hat. Sein Name: Erich Ribbeck.
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