Phil Neville über ManUnited "Der Klub kann dich bei lebendigem Leib auffressen"

Phil Neville gehörte als Spieler zur Goldenen Generation von Manchester United, in der vergangenen Saison war er im Trainerstab des Klubs. Im Magazin "11 Freunde" erzählt er vom langen Schatten Alex Fergusons und warum dessen Nachfolger David Moyes scheitern musste.

Phil Neville: Einer aus der "Klasse von '92"
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Phil Neville: Einer aus der "Klasse von '92"


Der 4. Juli vergangenen Jahres war mein erster Arbeitstag als Co-Trainer bei Manchester United, aber noch am Vorabend um 20 Uhr wusste ich nicht, dass ich zu meinem alten Klub zurückkehren würde. Ich hatte nach acht Jahren beim FC Everton meine Spielerkarriere beendet und bei der BBC einen Vertrag als Experte unterschrieben.

Eigentlich wollte ich ein Jahr Auszeit nehmen, Abstand gewinnen und Fußball aus einer anderen Perspektive betrachten. Aber dann wurde David Moyes, unter dem ich in Everton gespielt hatte, Trainer bei Manchester United. Er wollte mich als einen seiner Assistenten, und alles ging ganz schnell. Den Tag der Rückkehr werde ich nie vergessen. Ich liebe Manchester United, und es war faszinierend, den Klub so wieder vorzufinden, wie ich ihn verlassen hatte.

Natürlich hatte sich in der Zwischenzeit die Infrastruktur verbessert, aber die meisten Mitarbeiter von früher waren immer noch da. Wir sind von ihnen mit offenen Armen empfangen worden, aber ich hatte zugleich den Eindruck, dass alle noch schockiert waren, weil Sir Alex Ferguson nach 26 Jahren nicht mehr da war.

Zugleich war "Der Boss" noch allgegenwärtig, denn überall auf dem Trainingsgelände in Carrington sind Bilder von ihm zu sehen, die Angestellten haben ihn ständig erwähnt. Für mich war das nicht schwer, weil ich in dieser Welt aufgewachsen bin. Aber für die Neuen kann es nicht leicht gewesen sein. Du kommst zur Tür herein und siehst als Erstes den Europapokal, daneben den FA-Cup und die Premier-League-Trophäe. Das ist einschüchternd, und zugleich merkt man in jedem Moment: Es ist das Haus eines anderen, das Team eines anderen und nicht deines.

Die Geschichte des Klubs erzeugt Druck

In der Trainerkabine gab es einen Spind mit den Initialen "A. F.". In den ersten fünf Tagen, in denen wir da waren, wurde er nicht benutzt, obwohl Klamotten davor lagen. Irgendwann dachten wir, dieser Spind sei eine Art Schrein für Sir Alex. Am sechsten Tag kam die Nachwuchsmannschaft zurück, ihr Torwarttrainer ging zu dem Schrank und zog sich um: Alan Fettis.

Egal wo, bei Manchester United wird man unablässig mit der Geschichte des Klubs konfrontiert, sei es durch die "Sir-Alex-Ferguson-Tribüne" oder die Statue von Sir Matt Busby vor dem Stadion. Ich selbst habe zur "Class of '92" gehört, also der Mannschaft mit David Beckham, Ryan Giggs, Paul Scholes, Nicky Butt und meinem Bruder Gary, die damals für Manchester United den FA-Jugendpokal gewonnen hat.

Später war ich zehn Jahre lang Profi, und selbst nachdem ich den Klub vor acht Jahren verlassen hatte, bin ich dennoch jedes Mal, wenn ich im Stadion war, als Spieler von Manchester United behandelt worden. Die Historie mit ihrer immensen Bedeutung muss man annehmen, aber sie erzeugt natürlich auch Druck, denn der Klub und seine Millionen von Fans sind es gewohnt zu gewinnen.

David Moyes und das gesamte Trainerteam sind auch von den Spielern fantastisch empfangen worden. In der Kabine hatte Moyes einen sehr guten Ruf, weil die Profis wussten, dass er bei Everton erfolgreich gearbeitet und mit bescheidenen Mitteln eine gute Mannschaft geformt hatte. Sie haben von ihm neue Ideen und andere Trainingsmethoden erwartet, und so war es auch. Den Spielern hat seine Arbeit gefallen, dennoch hatte ich den Eindruck, dass sie immer noch über den Abgang von Ferguson enttäuscht waren. Anders als Ferguson, der es nur beobachtet hat, hat Moyes das Training selbst geleitet.

Es wurde auch anders gearbeitet. Das Training war viel intensiver und die Fitness der Spieler sehr wichtig, weil wir schneller spielen und den Gegner früher unter Druck setzen wollten. Aber womöglich hat das aufgrund der Altersstruktur nicht zur Mannschaft gepasst. Ein paar ältere Spieler hatten nur noch ein Jahr Vertrag. Sie waren lange die Stützen des Teams gewesen und hatten viele Jahre nur unter Sir Alex gearbeitet. Wenn die Ergebnisse nicht passen, verliert eine Mannschaft schnell das Vertrauen in den Trainer. Es ist nur menschlich, dass man sich dann sagt: "Unter Sir Alex war es so, da haben wir es so gemacht, und er hätte so reagiert."

Das Aus im Liga-Pokal war völlig verdient

Nach dem Ende der Vorbereitung war uns auch klar, dass wir noch drei oder vier Spieler gebraucht hätten. Wir bekamen sie aber nicht und haben die Saison letztlich nur mit einem Neueinkauf, mit Marouane Fellaini begonnen.

Unsere Ergebnisse stimmten insgesamt nicht, vor allem haben wir elf Heimspiele verloren. Das ist unglaublich, denn Old Trafford war früher eine Festung. Die Gegner hatten das Gefühl, dass sie dort zur eigenen Beerdigung gehen. Sie wurden schon im Kabinengang besiegt, weil sie dachten: Wir sind nicht gut genug. Doch in der letzten Saison ist diese Aura ein wenig verschwunden. Trotzdem hatte ich nie den Eindruck, dass Moyes die Kontrolle verloren hat oder überfordert gewesen wäre. Er war der Überzeugung, der richtige Trainer zu sein und hatte einen Plan, wie er Veränderungen herbeiführen wollte.

Die für mich größte Enttäuschung der Saison war die Niederlage gegen Sunderland im Halbfinale des Liga-Pokals. Ich hatte nämlich gehofft, dass, egal was in der Liga passiert, Moyes ein Titelgewinn helfen würde. Erste Saison, erster Titel, darauf hätte man aufbauen können. Doch obwohl wir gegen Sunderland erst im Elfmeterschießen ausgeschieden sind, war das völlig verdient.

Manchmal, so kommt es mir vor, sind die Dinge einfach vorgezeichnet. Ich glaube, Moyes war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich finde es schlüssig, dass er seitdem einige Jobs abgelehnt hat und wohl eine Auszeit nehmen wird, denn in den letzten 18 Jahren hatte er die nicht. Weil er ein hervorragender Trainer ist, wird er einen guten Job bekommen, und die Erfahrung bei Manchester United wird ihm enorm helfen.

Louis van Gaal wird nicht scheitern

Manchester United, da bin ich mir sicher, wird nie mehr einen Trainer für 26 Jahre haben, dafür ist der Druck inzwischen zu groß. Aufgrund der ständig steigenden Anforderungen werden die meisten Trainer nach drei, maximal vier Jahren ausgetauscht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Pep Guardiola länger in München bleiben wird oder José Mourinho bei Chelsea. Arsène Wenger ist diesbezüglich der letzte seiner Generation.

Vereine wie Manchester United können dich aufgrund ihrer Größe und Ausstrahlung bei lebendigem Leib auffressen, wenn man keinen Erfolg hat. Um dem standzuhalten, kann man sich zwischen zwei Arten von Trainern entscheiden. Entweder man nimmt einen mit extrem viel Erfahrung, wie das jetzt bei Louis van Gaal der Fall ist. Er hat keine Angst, denn mit 63 Jahren ist Manchester United womöglich sein letzter Klub. Außerdem hat er die nötige Statur, denn er war bei vielen Top-Klubs. Er wird nicht scheitern.

Die andere Möglichkeit ist, einen ehemaligen Spieler zu nehmen, der den Klub in- und auswendig kennt, wie etwa Ryan Giggs. Er kennt jeden im Klub, jeden Sitz im Stadion und hat die Mannschaft in der letzten Saison für die letzten vier Spiele ja auch schon gecoacht.

Als Giggs Interimstrainer wurde und ich mit Scholes und Butt auf der Trainerbank saß, wurde ich gefragt, ob das angesichts unserer Geschichte bei dem Klub nicht ein bisschen viel "Fantasy" sei? Aber genau darum geht es bei Manchester United. Wir haben keine Angst davor, ein "Fantasy-Verein" zu sein. Man kann Spielern anderer Klubs erzählen, wie groß Manchester United ist, aber sie können es sich nicht vorstellen, bis sie hier angekommen sind. Ich werde weiterhin Botschafter des Klubs sein, mit ihm auf Reisen gehen, die Heimspiele anschauen oder das Training. Und es ist super, ein Teil davon zu sein.

Protokoll: Christoph Biermann und Thomas Hitzlsperger

insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
jujo 19.09.2014
1. ...
Ich glaube auch das die Kontinuität über einen längeren Zeitraum bei den grossen Klubs vorbei ist, Zuerst mal was die Trainer angeht aber auch bei den Spielern. Die Transfers dieses Jahres sind Beweis genug.Siehe Real Madrid,oder auch BM. Vielleicht ist die Zeit bei BM vorbei, das Urbayern ihre ganze Profi Karriere in diesem Verein verbringen. "Ausländer" wie Kroos haben schon jetzt keine Chance mehr!
meisterpopper 19.09.2014
2.
Interessantes Interview zum Innenleben eines großen Clubs. Trotzdem kann ich ihnen Barcelona 99 nie verzeihen. ;-))
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