Von Rafael Buschmann und Christian Paul
Ob es im deutschen Fußball noch einen anderen Profi gibt, der so geschliffen vom eigenen Karriereende spricht? Schalkes Abwehrspieler Christoph Metzelder sitzt entspannt in der Vereinsgaststätte. Blaue Strickjacke, Holzfällerhemd, die Beine übereinandergeschlagen. Ruhig und wortgewandt formuliert er seine Sätze. Einer davon lautet: "Ich bin jetzt 31 Jahre alt und irgendwann muss man akzeptieren, dass die eigene Karriere als Profifußballer auch endlich ist."
Metzelder weiß, was er da sagt. Er weiß, dass er erst 31 Jahre alt ist und Fußballer in diesem Alter normalerweise keineswegs derart deutlich über das Ende ihrer Laufbahn reden. Fußballer in diesem Alter versuchen so lange wie möglich zu zeigen: Hier ist jemand, der vor Ehrgeiz brennt. Vor allem, wenn sie nur auf der Bank sitzen. So wie Metzelder. Der Vizekapitän weiß deshalb, wie ihm diese Worte ausgelegt werden können: als sportliche Bankrotterklärung.
Metzelder ist das egal. Seine Konkurrenten in der Schalker Verteidigung, Benedikt Höwedes, Joel Matip und Kyrgiakos Papadopoulos, sind ihm enteilt. Das sieht nicht nur sein Trainer Huub Stevens so, sondern auch er selbst. Momentan seien andere besser, sagt Metzelder. Schon weit vor Ende seines am 30. Juni 2013 auslaufenden Vertrags scheint er sich wenig Hoffnung auf ein dauerhaftes Startelf-Comeback zu machen. Unglücklich wirkt er deshalb nicht.
"Es kommen sehr viele starke, junge Spieler nach. Deshalb haben es viele Spieler meines Jahrgangs nun eben schwerer. So schön der Beruf als Profi ist, er geht irgendwann eben zu Ende. Das ist der normale Gang." Metzelder sieht sich als Teil eines Gesamtbilds, eines Trends in der Bundesliga. "Die heutigen Jungs sind besser ausgebildet, haben dadurch auch ein anderes Selbstbewusstsein."
Wie ein Spieler aus einer anderen Zeit
Metzelder vergisst bei diesem Satz offenbar Spieler wie Michael Ballack, die - deutlich älter - nach langen Verletzungspausen zurückgefunden haben zu alter Stärke und zurück ins Team. Doch wenn Metzelder in einem Bundesligaspiel auf dem Platz steht, ist man geneigt, seiner Argumentation zu folgen. Dann wirkt er wie ein Fußballer aus einer anderen Zeit, der manchen Gegenspielern, aber auch seinen Teamkollegen in Sachen Athletik und Schnelligkeit augenscheinlich unterlegen ist.
Sein Umgang mit dieser Situation ist speziell. "Ich bin kein typischer Ersatzspieler", sagt er irgendwann. Dann redet er von seinen Sprachkenntnissen, die er sich unter anderem in seiner Zeit bei Real Madrid angeeignet hat. Verbinden wolle er die deutschen und ausländischen Profis in Gelsenkirchen. Die Akzeptanz in der Mannschaft sei "enorm". Warum? "Auch aufgrund meiner Erfahrung."
Metzelder darf sich Deutscher und Spanischer Meister nennen, er hat 47 Spiele in der deutschen Nationalmannschaft gemacht. In der vergangenen Saison absolvierte Metzelder 34 Bundesliga-Spiele, 30 über die volle Zeit, lief in der Champions League und im DFB-Pokal in allen Partien auf. Dabei war er jedoch selten frei von Kritik, immer wieder wurde sein Spiel in Frage gestellt. Zudem war er, der ehemalige Akteur von Borussia Dortmund, vielen Schalker Anhängern immer noch ein Feindbild.
Seit knapp einem halben Jahr hat sich seine Situation deutlich verschlechtert. Während seine Konkurrenten einen Schritt nach vorne gemacht haben, darf Metzelder nur noch ran, wenn die anderen ausfallen. So wie am vergangenen Wochenende, als sich Höwedes in der Partie gegen den VfB Stuttgart bei einem Zusammenprall mit Mitspieler Marco Höger einen Jochbeinbruch zuzog. "Ich glaube, dass ich meine Qualitäten nicht mehr hervorheben muss. Nach zwölf Profijahren weiß jeder, was er bekommt, wenn er mich aufstellt", sagt Metzelder. Was Schalke bekam, war erneut ein solider Auftritt als Höwedes-Ersatz, allerdings wie immer ohne nennenswerte Höhepunkte.
"Habe immer noch den persönlichen Ehrgeiz"
Nach 18 Spieltagen hat Metzelder drei Einsätze über die volle Spielzeit absolviert. Am Samstag beim 1. FC Köln (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) könnte ein weiterer hinzu kommen, doch schon bald soll Höwedes wieder zurück sein. Ein Vereinswechsel, womöglich noch in der Winterpause, kommt trotzdem nicht in Frage. Eine Erklärung dafür hat Metzelder auch, oder besser zwei: "Ich habe bisher immer alle meine Verträge erfüllt. Und gehe nun auch davon aus, dass es auf Schalke so sein wird." Außerdem sei es "immer ungünstig, eine Mannschaft zur Halbserie zu verlassen beziehungsweise in eine neue hineinzukommen."
Metzelder hat sich eingerichtet in seiner Rolle als Innenverteidiger Nummer vier. Seine Kampfansagen klingen wie in Watte gepackt: "Natürlich habe ich immer noch den persönlichen Ehrgeiz, so viel wie möglich zu spielen. Und es gibt immer mal wieder Situationen, in denen ich mit manchen Entscheidungen eben nicht einverstanden bin. Dann muss man sich auch mal selbst wieder aus einem kleinen Tief herausziehen."
Statt laut zu werden, denkt Metzelder lieber nach. Zum Beispiel über einen möglichen Abtritt vom Profi-Sport. "Eine Kunst", sinniert er, sei es, zum richtigen Zeitpunkt aufzuhören. Gut möglich, dass es für ihn bereits 2013 soweit ist. Er überlegt, dann entweder etwas "Exotisches" zu wagen oder eine Managementtätigkeit im Fußball zu ergreifen.
Als sich der Vizeweltmeister von 2002 vom Holztisch in der Schalker Vereinsgaststätte erhebt, steckt er sich einen Aktenordner unter den Arm. Dabei sieht er aus wie Nationalmannschaft-Manager Oliver Bierhoff. Auf die Frage, wie er auf eine Schalker Meisterschaft am Ende dieser Saison reagieren würde, sagt er: "Dann müsste ich meine Karriere eigentlich beenden." Es klingt wie der Wunsch nach Erlösung.
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