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Neonazis im unterklassigen Fußball: Dort, wo keiner hinsehen will

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Es wird heftig über die Sicherheit in deutschen Bundesliga-Stadien diskutiert - dabei lauern die Gefahren auch in den unteren Spielklassen. Dort, wo Funktionäre und Polizei nicht so genau hinschauen. Genau diese Freiräume versuchen Rechtsextreme zu nutzen.

Protest gegen Neonazis im Fußball: Hier im sächsischen Brandis 2009 Zur Großansicht
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Protest gegen Neonazis im Fußball: Hier im sächsischen Brandis 2009

Sicheres Stadionerlebnis: So hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) plakativ ihr umstrittenes Sicherheitskonzept getauft. Es geht ihr dabei um die Sicherheit und Interessen ihrer prominenten Mitglieder, der Clubs der ersten und zweiten Liga. Aber was in den Spielklassen darunter geschieht, ist nicht mehr ihr Geschäft.

Und auch wenn Neonazis mittlerweile bei den Proficlubs wieder auftauchen und aktiv werden - es sind gerade die sportlichen Niederungen im deutschen Fußball, in denen all das gärt, was einen Stadionbesuch wirklich unsicher macht: Rohheit, Rassismus, Rechtsextremismus. Sicheres Stadionerlebnis? Immer seltener.

Kerstin Köditz beobachtet seit Jahren, was sich im Kellergeschoss des Fußballs tut. Sie ist Abgeordnete der Linken im sächsischen Landtag, ihr Themenschwerpunkt ist Antifaschismus, und damit landet sie zwangsläufig immer wieder mal beim Fußball. Die Versuche von Rechten, den Sport zu vereinnahmen, erlebt sie vor Ort "immer wieder", sagt sie SPIEGEL ONLINE. Dies werde zwar aus ihrer Sicht "nicht planmäßig betrieben", aber Beispiele hat sie genug auf dem Tisch.

So gilt das Umfeld von Regionalligist Lok Leipzig seit langem als rechtsextremistisch infiltriert, die Fangruppe "Scenario Lok" sowie die nicht mehr aktiven "Blue Caps LE" werden auch vom Verfassungsschutz so eingestuft. Das erfuhr Köditz offiziell aus einer parlamentarischen Anfrage. "Scenario Lok" ist vom Verein mittlerweile aus dem Stadion verbannt, agiert aber weiter. Auch Fans des Chemnitzer FC werden darin aufgeführt, die Gruppen "Hoonara", eine Abkürzung für "Hooligans, Nazis, Rassisten", und "New Society".

"Leichter als bei der Sportgymnastik"

Dass aber auch zahlreiche andere Vereine betroffen sind, ist für Köditz ausgemachte Sache. "Der Fußball mit Werten wie Gemeinschaftsgefühl und Kameradschaft bietet eben auch Anknüpfungspunkte für rechtes Gedankengut, da ist es schon leichter zu mobilisieren als bei der Rhythmischen Sportgymnastik" , sagt die Linken-Politikerin.

Je weiter herunter es geht im deutschen Fußball, desto aufgeladener wird die politische Feindschaft zwischen den Lagern. Im August musste die Partie zwischen Lok und Chemie Leipzig aufgrund der erbitterten Rivalität und aus Angst vor Ausschreitungen abgesagt werden. Die Anhänger von Chemie werden dem linken Lager zugerechnet, im Vorfeld der Partie waren Hakenkreuze in den Rasen geätzt worden, es gab gesprühte Parolen wie "Juden Chemie" oder "NSU".

Ende Oktober wurde die Partie zwischen Chemie und dem ATSV Wurzen vorzeitig abgebrochen, weil sich die Wurzener weigerten, weiterzuspielen. Als Grund gaben sie an, sie seien vom Chemie-Anhang fortwährend als Rechtsextreme diffamiert worden. Der Hintergrund: Beim ATSV steht der Torwart Matthias Möbius zwischen den Pfosten, der zugleich als Abgeordneter der NPD im Stadtrat sitzt. Bei jener Partie bei Chemie hatte der Trainer Möbius schon gar nicht aufgestellt, den Wurzenern hat das auch nicht geholfen.

Sechstligist Wismut Gera im Nachbarland Thüringen wurde bis zum vergangenen Monat von Lars Weber geführt, dem seit Jahren die Nähe zur rechten Szene attestiert wurde und der nach einem Gerichtsurteil des Oberlandesgerichts Jena von 2008 sogar als Neonazi bezeichnet werden durfte. Erst nach einer öffentlichen Berichterstattung, und als örtliche Sponsoren des Vereins Druck ausübten, trat Weber zurück.

In Leipzig nur zwei Fanbeauftragte

Der Verein verschickte anschließend eine Pressemitteilung, die wenig Einsicht durchscheinen ließ: "Durch die öffentliche Darstellung im Zusammenhang mit Lars Weber als 1. Vorsitzenden, der in einer schwierigen Personalsituation Verantwortung übernahm, ist dem Geraer Traditionsverein ein Imageschaden entstanden, der seine Ursache in der undifferenzierten Betrachtung hat."

Bei vielen Funktionären, Clubvertretern und Lokalpolitikern ist das Thema Rechtsextremismus in den Vereinen nach den Erfahrungen, die Köditz gemacht hat, ohnehin noch nicht wirklich angekommen. "Das wird offenbar eher als nachrangiges Problem wahrgenommen", sagt sie. Wenn es zum Beispiel für ganz Leipzig lediglich zwei Fanbeauftragte gebe, könne man auch nicht viel nachhaltige Sozialarbeit erwarten.

Die brandenburgische Verfassungsschutz-Chefin Winfriede Schreiber hatte schon vor Monaten festgestellt: "Der Sport hat sich lange Zeit sehr schwer getan, weil man sich für unpolitisch gehalten hat. Die Vereine müssen jetzt mehr und mehr erkennen, dass sie sich zur Demokratie bekennen müssen."

Da sind einige Clubs noch auf dem Weg.

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