Fußball-Retortenclubs Angeln im Aquarium

Keine Fans, aber reichlich Kohle. In Wehen und Hoffenheim sind zwei Retortenclubs in die zweite Liga aufgestiegen. Dass es auch anders geht, zeigt Greuther Fürth. Der oft unterschätzte Verein leistet gute Arbeit ohne viel Geld und hofft auf den Sprung in die Bundesliga.


Noch zwei Spieltage, dann könnte ein Verein in der ersten Liga spielen, gegen den selbst Alemannia Aachen wie Real Madrid klingt: die Spielvereinigung Greuther Fürth. Ein Name, den selbst sprachbegabte ausländische Kommentatoren nicht aussprechen können; ein Name, der 16 von 18 Kassierern der Liga zur Verzweiflung bringen würde. Denn jenseits der durch die U-Bahn-Station "Stadtgrenze" getrennten Stadt Nürnberg-Fürth verbindet man wenig mit diesem Verein, der vor fast elf Jahren aus dem 1994er Bayern-Pokalschreck TSV Vestenbergsgreuth (Roland Stein erlegte den Meister) und dem dreimaligen Meister SpVgg Fürth entstand. Das ist furchtbar ignorant. Denn in Fürth machen die Verantwortlichen aus sehr wenig richtig viel. Und das seit Jahren.

Fürth-Fan: Flucht vor den Emporkömmlingen
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Fürth-Fan: Flucht vor den Emporkömmlingen

Dabei versprüht in Fürth tatsächlich alles den Flair eines Amateurligisten. Das Stadion ist eine wirre Ansammlung von vier Tribünenseiten, die im Gesamtbild wie ein Rubik-Zauberwürfel wirken. Im Presseraum gibt es – wenn die Frau des Präsidenten Zeit hat – selbst gebackenen Kuchen. Seit ein etwa 50 Mann starker Fanclub beschlossen hat, von der windigen Fankurve auf die überdachte Gegentribüne zu wechseln, ist es im Playmobilstadion genannten Ronhof bei Heimspielen wenigstens ein bisschen lauter.

Wirklich alles hier ist eine Spur kleiner, auch das Ego des Vereinspräsidenten Helmut Hack, der still und leise an der Konsolidierung des Traditionsvereins arbeitete. Mit einem gewissen Armin Veh gelang 1997 der Aufstieg in die zweite Liga. Nun wirkt seit Jahren der besonnene Benno Möhlmann, den es im Sommer nur deshalb zum künftigen Regionalligisten Braunschweig zieht, weil seine Familie in der Nähe wohnt. Hack stellte sich stets vor die Mannschaft und erklärte jedem Heißsporn engelsgeduldig, warum man unter den gegebenen Bedingungen nicht immer 3:0 gewinnen kann. Nicht mit einem Jahresetat von derzeit sechs Millionen Euro, einem der kleineren in der zweiten Liga.

Im Vergleich zu manch zurückliegender Saison ist das sogar ein Wachstum. Was Fürth in den vergangenen vier Spielzeiten nicht daran hinderte, jedes Mal um den Aufstieg mitzuspielen. Diesmal will man es wissen und nach dem bereits als Aufsteiger feststehenden Karlsruher SC (Etat ebenfalls sechs Millionen) den Beweis antreten, dass man mit wenig Geld viel erreichen kann. Wenn Fürth erstklassig würde, wäre das nicht nur eine Sensation, sondern auch die rechtzeitige Flucht vor dem Angriff der Emporkömmlinge.

Nicht nur aus der ersten, sondern auch aus der Regionalliga kommen Clubs mit viel Geld in die zweite Liga. Wohlgemerkt in eine Liga, in der der Kölner Trainer Christoph Daum im Sommer drei Millionen mehr für neue Spieler ausgeben darf als der Saisonetat von Fürth umfasst. Dass millionenschwere Traditionsvereine wie der 1. FC oder Mönchengladbach Episoden der Zweitklassigkeit durchlaufen, ist nicht neu. Dass die Millionarios aus den Amateurligen nachdrängen, hingegen schon.

Mit dem SV Wehen und der TSG Hoffenheim haben bereits etliche Spieltage vor Schluss der Regionalliga Süd Clubs den Aufstieg geschafft, die auf Grandplätzen spielen würden, wenn sie nicht einen reichen Sponsor im Rücken hätten. Heinz Hankammer, Fabrikant für Wasserfilter, und Dietmar Hopp, der SAP-Mitgründer, ließen im Laufe der Jahre zig Millionen in die Vereine aus ihren Heimatdörfer fließen.

In Hoffenheim, wo sich Hopp engagiert, lotste man in dieser Spielzeit mit viel Geld Francisco Copado von der ersten in die dritte Liga, einem alternden Ex-Nationalspieler soll jüngst sogar ein Drei-Millionen-Euro-Jahressalär angeboten worden sein. Und den erfolgreichsten Torschützen der Liga, Mirnes Mesic, der zufällig bei einem der stärksten Aufstiegs-Konkurrenten spielte, lockte man kurzerhand in der Winterpause in den Kraichgau.

Dort zahlte man ihm das Dreifache und sah mit seinen Toren im Rücken seelenruhig zu, wie die Stuttgarter Kickers immer weiter zurückfielen. In Wehen bejubelten am vergangenen Samstag 1000 Zuschauer den gelungenen Aufstieg, in Hoffenheim derer 3000. Man hofft, in der zweiten Liga auch mal mehr Fans zu einer Auswärtsfahrt zu animieren, als in einen Omnibus passen.

Man muss jedoch nicht in klassenkämpferische Reflexe verfallen, wenn man vom Erfolg der Clubs aus dem unternehmerischen Reagenzglas berichtet. In Wehen arbeitet ein junger ehrgeiziger Trainer, der die gute Arbeit seines Vorgängers erfolgreich fortsetzt. Und in Hoffenheim gilt die Jugendarbeit international als vorbildlich.

Wer nicht gespannt ist, was die beiden hochkompetenten Visionäre Ralf Rangnick und Bernhard Peters (ehemaliger Hockey-Bundestrainer) in den nächsten Jahren noch alles zu Stande bringen, kann kein wirkliches Interesse an Fußball haben. Und trotzdem: Mit den Möglichkeiten eines Dietmar Hopp mindestens in der zweiten Liga zu spielen, ist eben in etwa so heroisch wie das Angeln im Aquarium.



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