Salford City will in den Profifußball Drei Aufstiege in vier Jahren

Fünf Manchester-United-Legenden sind dabei, einen kleinen Klub in den englischen Profifußball zu führen. Ist das romantisch - oder ungerecht?

Nicky Butt (September 2017)
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Nicky Butt (September 2017)

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Was gerade noch als Beleidigung gemeint war, kann kurz danach schon als Huldigung verwendet werden. Soeben noch hat Adam Rooney seinen Gegenspieler etwas rüde über die Seitenaus-Linie gedrückt im Spiel seines neuen Klubs Salford City gegen Halifax Town im Stadion an der Moor Lane und dafür eine Freistoß kassiert. "What a waste of money!", was für eine Geldverschwendung, sangen die fast 700 Fans aus Halifax, die die Reise in den Norden von Greater Manchester angetreten haben.

Kurz danach verwertete Rooney einen hohen Ball zum 2:1-Siegtreffer für Salford. Bei seinem Jubellauf vor der gegnerischen Fankurve legte er die Hände hinter die Ohren. "Was sagt ihr jetzt?", sollte das heißen, aber die Fans aus Halifax sagten nichts mehr. Stattdessen rief dann das Heimpublikum, ironisch natürlich: "What a waste of money!"

Es geht also um Geld in dieser Geschichte. Salford City, gegründet 1940, war lange ein normaler Amateurverein, beheimatet im Unterbau des englischen Fußballs, unbeachtet von der Öffentlichkeit. Doch das hat sich geändert, seitdem der Klub vor vier Jahren übernommen wurde. Nicht von irgendjemanden, sondern von Ryan Giggs, Nicky Butt, Paul Scholes und den Neville-Brüdern Gary und Phil. Sie werden Class of 92 genannt, weil sie 1992 mit Manchester United den Nachwuchs-Pokal holten und sieben Jahre später den Kern des Profi-Teams bildeten, der durch den 2:1-Erfolg gegen den FC Bayern im Finale von Barcelona die Champions League gewann.

Class of 92 - und ein Geschäftsmann aus Singapur

Die Ex-Profis besitzen die eine Hälfte von Salford City. Die andere gehört dem Geschäftsmann Peter Lim aus Singapur, der auch Eigentümer des FC Valencia ist. Sie investieren zu gleichen Teilen in den Verein. Was Lim bereitstellt, wird zusammen auch von Giggs, Butt, Scholes und den Neville-Brüdern aufgebracht. Bei ihrer Übernahme gaben sie das Ziel aus, den Klub innerhalb von 15 Jahren in die Zweite Liga zu führen. Doch es geht schneller voran als geplant. Nach drei Aufstiegen in vier Jahren spielt Salford in der neuen Saison zum ersten Mal fünftklassig und ist nur noch einen Aufstieg von dem entfernt, was in England als Profifußball gilt.

Paul Scholes, Phil Neville, Nicky Butt, Ryan Giggs (v.l.) und Gary Neville (r.) mit David Beckham (2.v.r.) (Dezember 2013).
imago sportfotodienst

Paul Scholes, Phil Neville, Nicky Butt, Ryan Giggs (v.l.) und Gary Neville (r.) mit David Beckham (2.v.r.) (Dezember 2013).

Deshalb wird das Engagement der United-Legenden zunehmend anders wahrgenommen. Was bislang eine romantische Geschichte von fünf Freunden war, die den Verein vor ihrer Haustür unterstützen, ist nach Ansicht von Kritikern zu einem Projekt geworden, das sich einen Platz im Profifußball erkaufen möchte.

Die Verpflichtung von Angreifer Rooney hat entscheidend zu dieser Sichtweise beigetragen. Der 30 Jahre alte Ire kam vom schottischen Vizemeister FC Aberdeen, wo er der beste Torschütze der vergangenen Jahre war. Er tauschte Spiele im Celtic-Park und im Ibrox von Glasgow und eine mögliche Karriere in der Nationalmannschaft gegen die fünfte englische Liga, in der es gegen Teams wie Harrogate Town, Boreham Wood und Maidenhead United geht. Dafür soll sich Rooneys Gehalt mit dem Wechsel verdoppelt haben, auf umgerechnet fast 4500 Euro in der Woche, wie in englischen Medien zu lesen ist.

Der Verein will die Zahl nicht kommentieren, und Rooney selbst macht nicht den Eindruck, als wäre er nur des Geldes wegen in Salford. "Ich habe in meiner Karriere verschiedene Erfahrungen gemacht. Das hier ist eine neue Erfahrung. Hoffentlich kann ich dabei helfen, den Klub weiter voran zu bringen", sagt er nach dem Spiel gegen Halifax. Er steht am Spielfeldrand, wenn er sich umschaut, blickt er in ein Stadion, das blitzt und glänzt. Vor der Übernahme durch die Klasse von 1992 hatte die Spielstätte an der Moor Lane nur eine Tribüne und versprühte den typisch morbiden Charme des englischen Unterklassen-Fußballs, doch im vergangenen Jahr wurde das Stadion ausgebaut und auf den neusten Stand gebracht.

Es hat jetzt mehr als 5000 Plätze, VIP-Logen, Stehränge hinter den Toren, die Namensrechte wurden verkauft. Die Zuschauerzahl hat sich fast verzehnfacht in den vergangenen vier Jahren, von rund 180 Zuschauern im Schnitt auf 1600 in der abgelaufenen Spielzeit. Der Klub erklärt das gestiegene Interesse neben der Anziehungskraft von Giggs, Butt, Scholes und der Neville-Brüder mit den vergleichsweise niedrigen Eintrittspreisen. Zehn Pfund für Vollzahler, fünf Pfund ermäßigt.

Adam Rooney (l.) (April 2018)
imago/ Action Plus

Adam Rooney (l.) (April 2018)

Alternative zu den großen Vereinen in der Gegend

Außerdem beteiligt sich der Verein an den Kosten für Auswärtsfahrten. "You don't just support a team. You belong to it", du bist nicht nur Fan einer Mannschaft, sondern ein Teil davon, steht in weißer Schrift auf schwarzem Grund auf der Rückseite der Stehtribüne für die Heimfans. Salford City will die Leute mitnehmen, will das Gefühl der Gemeinschaft erzeugen. Der Klub sieht sich als Alternative zu den großen Vereinen der Gegend, als Ort, an dem Fans von Manchester United und Manchester City zusammen jubeln können. Im besten Fall bald über den nächsten Aufstieg.

Gary Neville, so eine Art Klassensprecher der Klasse von 1992, versteht nicht, was verwerflich daran sein sollte, Geld zu investieren. In einem Video-Interview, das der Verein zu Saisonbeginn veröffentlicht hat, sagt er, dass er und seine Mitstreiter es sich nach ihrer Karriere auch einfach zu Hause oder in ihren Jobs als TV-Experten hätten bequem machen können. Stattdessen würden sie dem Fußball etwas zurück geben mit ihrem Engagement bei Salford City.

Zum Vergleich nennt er den FC Chelsea und Manchester City. Ohne Investitionen von Außen wären diese Klubs seiner Meinung nach nicht im Stande gewesen, den -Premier League-Größen Manchester United, Arsenal und Liverpool in der jüngeren Vergangenheit Konkurrenz zu machen . "Wir hätten jedes Jahr den gleichen Meister, wie in anderen Ländern. Wollen wir das?", fragt er, um dann gleich die Antwort zu liefern: "Nein, wir wollen neue Geschichten und Mannschaften, die aus dem Nirgendwo kommen können."

Eine dieser neuen Geschichten, eine dieser Mannschaften aus dem Nirgendwo ist für ihn Salford City.



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phboerker 19.08.2018
1. Salford
Die Pointe an der Wahl des Salford City FC scheint zu sein, dass ManUtd mit Old Trafford sein Vereinsheim nicht in Manchester sondern eben in Salford hat, worauf insbesondere Citizen-Fans vor der Zeit der Scheich-Millionen gerne hinwiesen.
bedarogs 19.08.2018
2. Fünf Freunde und das Geld
Nicht jeder ist froh über das was mit Salford geschieht . Die neuen Eigner haben das Wappen des Klubs und seine Farben geändert eigentlich konträr zu der Aussage einen kleinen Klub zu fördern. Sie basteln sich einen Klub zurecht und werden wohl auch irgendwann in den Profibereich vorstoßen. Dort dürfte dann mit der 4.Liga das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Ob die Herren Eigner sich damit auf Dauer zufrieden geben werden ? Das darf bezweifelt werden. Der Klub wird dann wohl an den Nächsten weitergereicht werden und wieder dort landen wo er von seiner Größe her hingehört, in den Ligen weit jenseits des Profibereichs. Hauptsache die Class of 92 hatte ihr Spielzeug.
giggs1999 19.08.2018
3. @bedarogs
Natürlich wollen die Fünf Rendite aus ihrem Investment ziehen. Von Spielzeug kann dabei wohl keine Rede sein, eher von einer Alternative, die Zuschauer lockt.
diewildedreizehn 19.08.2018
4. Gute Sache
Die Class of 92 wird bei mir als Bayernfan immer mit zwei Gefühlen verbunden sein. 1. der ohnmächtig wirkenden Enttäuschung nach dem Schlusspfiff und in den Tagen danach. 2. Mit dem danach stetig gewachsenen Respekt vor der Willenskraft und dem Kampfgeist bis in die letzte Sekunden der Nachspielzeit. Ohne letzteres dreht kein Team ein CL-Finale in der Nachspielzeit. Es ist diese Einstellung, die meinen Bayern selbst schon oft noch den Sieg oder das Remis brachte - "It ain't over till it's over." Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen.
blabliblupp 19.08.2018
5. Im Grunde
Zitat von bedarogsNicht jeder ist froh über das was mit Salford geschieht . Die neuen Eigner haben das Wappen des Klubs und seine Farben geändert eigentlich konträr zu der Aussage einen kleinen Klub zu fördern. Sie basteln sich einen Klub zurecht und werden wohl auch irgendwann in den Profibereich vorstoßen. Dort dürfte dann mit der 4.Liga das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Ob die Herren Eigner sich damit auf Dauer zufrieden geben werden ? Das darf bezweifelt werden. Der Klub wird dann wohl an den Nächsten weitergereicht werden und wieder dort landen wo er von seiner Größe her hingehört, in den Ligen weit jenseits des Profibereichs. Hauptsache die Class of 92 hatte ihr Spielzeug.
also wie bei RB Leibzig.
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