Premier-League-Club Swansea City: Mein lieber Schwan

Von Dirk Gieselmann

Swansea City ist die Überraschung der Premier League: Der Club aus Wales ist der beste Aufsteiger der Saison, hat aber den kleinsten Etat. Die Erfolgsgeschichte des Vereins begann vor über 30 Jahren mit der Brieffreundschaft zweier Jungs, wie das Magazin "11 FREUNDE" berichtet.

Swansea-Trainer Rodgers: Die Überraschung der Premier League Zur Großansicht
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Swansea-Trainer Rodgers: Die Überraschung der Premier League

"Fuck you very much". Das ist die Antwort, die John van Zweden und David Morgan geben würden, wenn sie eines Tages ein Scheich fragen sollte, ob er ihnen den Swansea City FC abkaufen kann. Den Club, den sie selbst vor zehn Jahren für 25.001 Pfund gekauft haben und der jetzt, nach dem Aufstieg in die Premier League, rund 60 Millionen wert ist. Manch einer würde bei solch einer Gewinnmarge zumindest darüber nachdenken. Aber verkauft man das, was man liebt? Und dann auch noch an einen Scheich? Niemals!

Und vor allem nicht jetzt. Hier, mitten in Wales, jenem belächelten Landstrich, von dem sie im Rest des britischen Königreichs behaupten, dass es dort Ehen zwischen Männern und Schafen gebe, wird seit vergangenem Sommer tatsächlich Premier-League-Fußball gespielt. Swansea City ist der erste walisische Club in der wohl stärksten Liga der Welt. Es ist die Geschichte eines Aufstiegs mit bescheidenen Mitteln - und die Geschichte der erstaunlichen Freundschaft zwischen John van Zweden und David Morgan.

Die heutigen Besitzer lernten sich über eine Annonce kennen

Sie begann vor 34 Jahren auf einem Gymnasium im niederländischen Den Haag. John war kein sonderlich begabter Schüler, aber eines muss man ihm lassen: Eine gute Idee hatte er immerhin. Als sein Lehrer ihm in der zehnten Klasse offenbarte, dass seine Englischkenntnisse für die Versetzung nicht ausreichen würden, nahm John nicht etwa Nachhilfestunden - er suchte sich einen Muttersprachler als Brieffreund.

Dass er ihn per Annonce in der Stadionzeitung des Swansea City FC suchte, scheint zunächst eine bizarre Wahl. Die "Swans" spielten damals in der vierten Liga und waren auf dem europäischen Festland weitgehend unbekannt. "Aber ich dachte, bei einem kleinen Club freuen sie sich mehr, wenn jemand mit ihnen befreundet sein will", sagt John. Erst so wurde aus einer guten Idee eine geniale. Denn genau so kam es.

An einem Spieltag der Saison 1977/1978 stand der vierzehnjährige Waliser David Morgan auf der Tribüne des Vetch Field. In der dürftig zusammengetackerten Stadionzeitung stieß er auf Johns Annonce: "Pen Pal Wanted!" - Brieffreund gesucht! Er riss sie heraus und steckte sie in sein Portemonnaie. Noch am Abend schrieb er in die Niederlande. "Ich musste es tun", sagt David. "Schon allein, um zu erfahren, wer dieser Vogel ist."

David bewahrte John nicht nur vorm Sitzenbleiben. Indem er ihm einmal in der Woche selbstverfasste Dossiers über seinen Club schickte, machte er auch ihn zum Swansea-Fan. Zwei Jahre nach dem ersten Brief setzte sich John in Den Haag ins Auto und fuhr nach Wales, um die "Swans" endlich leibhaftig zu erleben.

2002 stand der Club vor dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit

Zum Besuch gehörte auch das Spiel gegen Shrewsbury Town. Vom alten Stadion Vetch Field her leuchteten die Flutlichtmasten durch den Herbstdunst wie ein blassgelber Heiligenschein. Swansea ist eine Stadt, die ihren Club so sehr liebt, dass sie seine Hässlichkeit jederzeit mit Schönheit zu verwechseln bereit ist: Ugly, lovely club. Das Spiel ging, wie so oft in jenen Tagen, verloren. "Trotzdem hatte ich mich unsterblich verliebt", sagt John. "Warum bin ich nicht hier geboren? Das muss ein Irrtum sein."

Er ist mittlerweile 50 und lebt noch immer in Den Haag, hat dort Familie und sein Tapetengeschäft. Aber den Irrtum des Schicksals konnte er, soweit es eben ging, korrigieren. Jedes Wochenende, nicht selten auch am Mittwoch, fliegt er auf die Insel, um gemeinsam mit seinem besten Freund David Morgan die Spiele zu besuchen.

Seit zehn Jahren tragen die beiden nun Anzüge, wenn sie ins Stadion gehen, sie sind schließlich die Eigentümer. 2002 haben sie den Club, den sie lieben, gekauft - in der schlimmsten Krise seines hundertjährigen Bestehens. Damals stand Swansea City auf dem letzten Platz der vierten Liga, der Verband drohte obendrein mit dem Zwangsabstieg. Der australische Besitzer Tony Petty hatte Spieler trotz laufender Verträge entlassen und Steuern nicht gezahlt. Der Club, der nie groß gewesen war, drohte vollkommen zu verschwinden.

David kaufte mit einigen Freunden den Verein, beglich die Steuerschuld und die Mannschaft wendete im letzten Spiel der Saison den Abstieg ab. Es war die Stunde Null für den Club. Drei Ligen ließ er seither hinter sich, im Sommer 2011 setzte er sich in den Playoffs gegen Nottingham und Reading durch und drang in die Premier League vor. Er gehört nun zu den Großen - was nicht heißt, dass er selbst plötzlich groß wäre.

Lesen Sie im zweiten Teil: Wie Swansea City sich gegen Manchester City schlug und wieso der Club für die Zukunft gut aufgestellt ist.

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1.
SirJazz 07.05.2012
Zitat von sysopSwansea City ist die Überraschung der Premier League: Der Club aus Wales ist der beste Aufsteiger der Saison, hat aber den kleinsten Etat. Die Erfolgsgeschichte des Vereins begann vor über 30 Jahren mit der Brieffreundschaft zweier Jungs, wie das Magazin "11FREUNDE" berichtet. Fußball: Swansea City ist die Überraschung der Premier League - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,830506,00.html)
Ein Club im Wert von 60 Millionen und immernoch ein Tapetengeschäft? Was für ein Vogel!
2.
Zeittotschläger 08.05.2012
Eine sehr schöne und romantische Geschichte. Gerne hätte ich noch mehr Details gelesen. Muss ich dafür das "11 Freunde"-Magazin kaufen? Bitte mehr davon!
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