Fußball-TV-Experten in England Guter Witz

Das Publikum in England kann sich glücklich schätzen wegen seiner TV-Experten. Sie überzeugen mit Selbstironie, Sachkenntnis - und seherischen Fähigkeiten, schreibt Hendrik Buchheister in seiner Kolumne Life Goals.

Getty Images


Schade, dass Jens Lehmann nicht zu Gast im Fernsehstudio war. Ich hätte gerne erlebt, wie er auf die Frage von Moderator Gary Lineker reagiert hätte. Vermutlich wäre es zu einem kleinen Handgemenge gekommen, Lehmann hätte dann die korrekte Antwort verlauten lassen, ein bisschen widerwillig wahrscheinlich, und im Anschluss vor sich hin gegrummelt.

Lehmann hat 2006 im Finale der Champions League mitgespielt, allerdings nicht besonders lange. Er flog in der 18. Minute vom Platz wegen einer Notbremse. Seine Hinausstellung war der Anfang vom Ende für seinen FC Arsenal - gegen den FC Barcelona.

Also: Lehmann war leider nicht im Studio, stattdessen blickte Moderator Lineker nach seiner Frage, wer denn 2006 die Champions League gewonnen hatte, in die sehr ratlosen Gesichter der Ex-Profis Rio Ferdinand, Frank Lampard und Steven Gerrard.

Niemand eine Ahnung? Wirklich nicht? "Ich kann mich nicht erinnern. Ich war wahrscheinlich noch betrunken von 2005", sagte Gerrard, Champions-League-Sieger - genau: 2005 - mit dem FC Liverpool. Gelächter bei Lineker, Gelächter bei Ferdinand und Lampard. Gerrard schaute zufrieden in die Runde. Guter Witz, nicht wahr? Ja, doch. Guter Witz.

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Diese Szene aus einer TV-Übertragung der europäischen Königsliga unter der Woche zeigt ganz gut, warum ich die aus ehemaligen Spielern rekrutierten Fachleute im englischen Fernsehen mag. Ihr Witz und ihre Selbstironie sind ein zentraler Unterschied zur grimmigen Verbissenheit und oft auch der Wichtigtuerei der Experten, die im deutschen Fernsehen tätig sind. Über sich selbst zu lachen ist eine Kunst, die in England zur Perfektion gebracht wird. Auch bei Fußball-Sendungen ist sie ein elementarer Bestandteil.

Unübertroffen ist in dieser Disziplin natürlich Lineker selbst. Als sein Heimatverein Leicester City in der Saison 2015/2016 in Richtung Meistertitel marschierte, gehörte Lineker zu den Skeptikern. Er glaubte nicht an die Sensation und kündigte an, das englische Sportschau-Äquivalent Match of the Day in Unterhose zu moderieren, sollte es klappen mit Leicesters Meisterschaft.

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt - und Lineker tauchte bei der ersten BBC-Sendung in der Saison nach Leicesters Titelgewinn tatsächlich nur in Unterhose vor der Kamera auf. Das kann man sich bei deutschen Ex-Profis eher nicht vorstellen.

REUTERS/BBC SPORT

Aber die englischen Fachleute, von denen es sehr viele gibt, weil sich in England zwei Pay-TV-Sender die Rechte an Premier League und internationalen Spielen teilen, sind natürlich mehr als Clowns. Sie zeichnen sich durch eine hohe Fachkenntnis aus, grundsätzlich durch eine höhere als die Experten in Deutschland.

Wahrsager Gary Neville, Langweiler Thierry Henry

Ich höre zum Beispiel sehr gerne Manchester Uniteds langjährigem Verteidiger Gary Neville zu, der als Spieler sachlich und schnörkellos war und diese Eigenschaften in sein zweites Leben als Fernseh-Fachmann überführt hat. Neu sind seine Fähigkeiten zur Hellseherei, die er in dieser Woche unter Beweis gestellt hat.

Kurz nach Liverpools Treffer zum 3:0 im Champions-League-Spiel gegen Sevilla schrieb er bei Twitter, dass die Partie 3:3 ausgehen werde. Und obwohl Liverpools Abwehr bekanntermaßen jegliches Misstrauen verdient; dass das Spiel dann tatsächlich so enden würde, hatte niemand für möglich gehalten. Niemand außer Neville.

Natürlich, nicht alle ehemaligen Spieler, die sich vor die Kamera wagen, sind auch starke Experten. Die Analysen von Thierry Henry, der für seine Tore für Arsenal zu Recht vergöttert und verehrt wird, sind langweilig und ohne großen Erkenntniswert. Anders als früher auf dem Rasen vermag er im Expertensessel selten zu überraschen. Dafür ist er immer bestens angezogen.

Das englische Fernseh-Publikum kann sich glücklich schätzen, wenn die schlechtesten Fachleute immer noch so viel Stil haben wie Henry.



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zxmma23 24.11.2017
1. Dieses tolle Mutterland des Fussballs!
Es wird viel zu selten gesagt: Absolut ALLES am englischen Fußball ist total klasse und so viel besser als in Deutschland. Die paar (100) Artikel auf SpOn oder Elf Freunde über Fußball in England sind einfach nicht ausreichend, wir brauchen noch viel mehr Info über die tolle Fußballkultur, die herrlich selbstironischen, locker flockigen Reportagen und Moderatoren aus dem Mutterland des Fußballs! Ob das nicht auch in Deutschland ginge? Stellen wir uns doch mal vor, auf einmal würde da spontan und witzig agiert: David Wagner und Matthias Opdenhövel wurde da lustig miteinander parlieren und in Unterhose auftauchen – da kann der geneigte Leser dreimal wetten, wer da als erstes ein vernichtendes Essay über die teutonischen Fußball-Clowns veröffentlichen würde... na klar, unsere Herren Sportjournalisten-Simulanten und HSV-Hasser-aus-Prinzip von SpOn! Lineker ist zugegeben witzig als Moderator und Twitterer, da erschöpft es sich dann schon beim englischen Unterhaltsamkeitsfaktor. Viele Analysen sind genau so dröge und langweilig wie in Deutschland und beschränken sich im Wesentlichen auf ein schlecht gelauntes "das konnte ja nicht gutgehen" oder "habe ich ja schon vorher gesagt". Aber – das ist im deutschen Sportjournalismus schon seit Jahrzehnten handelsübliche Meinung – in Fußball-England ist halt alles (unbesehen) besser und witziger als hier. Viel Spaß!
ralle58 24.11.2017
2. Ja, in dieser Hinsicht
sind die Engländer zu beneiden. Wer dagegen die meisten deutschen "Experten " erlebt, wendet sich mit Schaudern ab. Als Qualifikation dafür reicht, mal gegen den Ball getreten zu haben.
kruderich 24.11.2017
3. Deswegen
Deswegen ist beim FIFA-Zocken immer der englische Kommentar eingestellt....??
carinanavis 24.11.2017
4. der englische humor
wird sehr überschätzt, da er oft ein Muss ist und letztlich standardisert und zwanghaft ist. schon die penetranten Wortspiele der Zeitungsüberschriften gehen einem normalen Menschen mit der Zeit auf den Geist. Anfangs ist das alles neu und scheinbar toll, docha auch die vielgelobte Selbstironie entpuppt sich bald asl routinierte Umgangsform. Das meiste davon ist nicht spontan sondern eingeübt und eben oft nicht "selbstironisch" sondern fremdenfeindlich, im Speziellen sogar gerne antideutsch. Ja und zum alles ist besser am englischen Fussball. Lachhaft. Die regelmäßigen CL-Teilnehmer sind ja ganz gut, versagen aber dann erstaunlich oft in den KO-Runden. Bei den Unsummen Geld die in diese Top-mannschaften gesteckt werden muss man mehr erwarten. Fussballerisch lassen derzeit Liverpool, Arsenal und auch ManU sehr viel zu wünschen übrig. Das Preis-Leistungsverhältnis der Premier League ist miserabel und unterhalb der Top 5 ist schon eine Riesenlücke zum angeblich tollen Fussball. Die Bottom-15 sind letztlich nur Kanonenfutter für die handvoll reichen Clubs und bieten fussballerische hausmannskost, oft schlechter als die Bundesligavereine im Mittelfeld der Bundesliga.
cipo 24.11.2017
5.
Zitat von zxmma23Es wird viel zu selten gesagt: Absolut ALLES am englischen Fußball ist total klasse und so viel besser als in Deutschland. Die paar (100) Artikel auf SpOn oder Elf Freunde über Fußball in England sind einfach nicht ausreichend, wir brauchen noch viel mehr Info über die tolle Fußballkultur, die herrlich selbstironischen, locker flockigen Reportagen und Moderatoren aus dem Mutterland des Fußballs! Ob das nicht auch in Deutschland ginge? Stellen wir uns doch mal vor, auf einmal würde da spontan und witzig agiert: David Wagner und Matthias Opdenhövel wurde da lustig miteinander parlieren und in Unterhose auftauchen – da kann der geneigte Leser dreimal wetten, wer da als erstes ein vernichtendes Essay über die teutonischen Fußball-Clowns veröffentlichen würde... na klar, unsere Herren Sportjournalisten-Simulanten und HSV-Hasser-aus-Prinzip von SpOn! Lineker ist zugegeben witzig als Moderator und Twitterer, da erschöpft es sich dann schon beim englischen Unterhaltsamkeitsfaktor. Viele Analysen sind genau so dröge und langweilig wie in Deutschland und beschränken sich im Wesentlichen auf ein schlecht gelauntes "das konnte ja nicht gutgehen" oder "habe ich ja schon vorher gesagt". Aber – das ist im deutschen Sportjournalismus schon seit Jahrzehnten handelsübliche Meinung – in Fußball-England ist halt alles (unbesehen) besser und witziger als hier. Viel Spaß!
Da stimme ich zu, Lineker ist im Fernsehen auch in England die löbliche Ausnahme. Das sieht auch offenbar die Mehrheit der Engländer so, wenn man die Zuschauermeinungen online verfolgt. Ich verfolge Spiele eigentlich gerne anhand der Minute-by-minute-Reports im Guardian, die sind oft witzig, manchmal geradezu surreal und trotzdem auch kompetent.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.