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Fußball und Homosexualität: Der DFB taut auf

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Homosexualität ist im deutschen Fußball immer noch ein Tabuthema. Der DFB hat nun mit einem Aktionsabend in Berlin einen ersten Schritt getan, dies zu ändern. Von der DFL war jedoch niemand anwesend, auch die meisten Profivereine blieben der Veranstaltung fern.

Berlin - Al Gore hätte seinen Spaß an dieser Veranstaltung gehabt. An diesem Abend im Berliner Olympiastadion ist ganz viel vom Klimawandel die Rede. Vom Klimawandel beim Deutschen Fußball Bund. Vor ein paar Jahren hätte ein DFB-Vertreter ein Podium, das sich mit Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit im Fußball befasst, noch gescheut wie der Teufel das Weihwasser. Und jetzt sitzt Helmut Spahn, der Sicherheitsbeauftragte des DFB, beim 1. bundesweiten Aktionsabend „Fußball und Homophobie" mit am Tisch und sagt: „Wenn sich ein prominentes Mitglied des Frauen- oder des Männer-Nationalteams als homosexuell outet, wäre der DFB der Letzte, der damit ein Problem hätte."

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Wie es in der Vergangenheit war, das kann keiner besser schildern als Marcus Urban. Als er in die Pubertät kam, entdeckte das damalige Fußball-Nachwuchstalent, dass er Männer liebt. Er verliebte sich in einen Lehrer. Ein Schock. Sein gedanklicher Kurzschluss: „Ich spiele doch Fußball, also kann ich nicht schwul sein." Damals noch kaserniert in der Sportschule der DDR, begann ein jahrelanges Versteckspiel vor sich selbst und vor allen anderen. „Es ging so weit, dass ich an Selbstmord dachte."

Als mit 19 schon nach der Wende ein Vertrag in der 2. Bundesliga winkte, musste er sich entscheiden: „Karriere oder ein Teil meiner persönlichen Identität." Er entschied sich gegen den Fußball und lebt seitdem offen homosexuell. Beides miteinander zu vereinbaren – das war unmöglich.

Die Lebensläufe im Profifußball, bei denen Schwule und Lesben ihr Anderssein über Jahre und Jahrzehnte verstecken, um ihre Laufbahn im Leistungssport halten zu können – der DFB leugnet sie mittlerweile nicht mehr. Spahn weist auf Äußerungen der ehemaligen Frauen-Nationaltrainerin Tina Theune-Meyer hin, nach der sie den Anteil lesbischer Spielerinnen am Nationalteam auf 60 bis 70 Prozent schätzt. Wenn von ihnen eine Spielerin dazu offiziell stehe, dann werde der DFB ihr keine Steine in den Weg legen.

"Schwuler, schwuler FCK"

Dass der DFB „bei diesem Thema erst am Anfang steht", räumte er zudem ein. Zurzeit sei der DFB aber immerhin schon dabei, die Stadienordnungen in Deutschland so zu überarbeiten, dass Diskriminierung jeder Art geächtet werde – also auch schwulenfeindliche Äußerungen aus der Fankurve könnten dann bestraft werden. Ingo Schiller, Geschäftsführer von Hertha BSC, prescht als Hausherr des Abends schon vor und sagt, dass „in unserem Verein in allen Bereichen Diskriminierungsfreiheit gelebt wird".

Also rosa Aussichten für Schwullesben im deutschen Fußball? Noch lange nicht. „Fußball gehört zusammen mit der katholischen Kirche immer noch zu den konservativsten Bereichen der deutschen Gesellschaft", befindet Tatjana Eggeling, die wissenschaftlich seit Jahren zum Thema Sport und Homosexualität forscht. Martin Endemann vom Bündnis aktiver Fußballfans BAFF ergänzt: „Fangesänge gegen Schwule sind die Regel. Wenn die gesamte Fankurve singt, ‚Schwuler, schwuler FCK’, dann gilt das als ganz normal."

Eine Einsicht, die auch beim DFB gereift ist: „Gerade, was sich Woche für Woche in dieser Hinsicht in den unteren Ligen abspielt, ist nach wie vor erschütternd", gibt Spahn zu. Alle Vereine der 1. und 2. Liga waren zu dem Aktionsabend eingeladen. Fast kein Verein ist gekommen.

Was also tun? Volker Beck, stellvertretender Fraktionschef der Grünen und Schwulen-Aktivist der ersten Stunde, glaubt, dass „ein lockeres Interview der Topstars im deutschen Fußball zum Thema unglaublich viel bewegen könnte". Wenn ein Ballack oder Klose sagen würde, „Homophobie ist echt uncool", dann könne das mehr in Gang bringen als jeder Strafenkatalog. Genau da liegt das Problem. Von den Vorzeigekickern traut sich keiner, zu dem Thema explizit Stellung zu nehmen – in der Angst, dann sofort selbst als schwul gebrandmarkt zu werden. „Ich gelte als schwul, wenn ich mich für Schwule stark mache", umreißt Eggeling die Problemlage. „Sportler werden ja schon misstrauisch beäugt, wenn sie nur mit uns reden", sagt Prof. Martin Schweer, Sportpsychologe an der Uni Vechta und ebenfalls ein Forschungspionier auf dem Feld Sport und Homosexualität.

Marcus Urban hat seinen Frieden mit dem Thema gemacht. Heute spielt er in Hamburg in schwulen Fußballteams, ab und zu kickt er auch gegen Hetero-Mannschaften – „da kommt dann auch mal der Ruf ‚Schwule Sau', da lachen wir dann drüber, und anschließend schlagen wir die Hetero-Jungs".

Auch er wünscht sich mehr öffentliche Unterstützung und hat eine Idee: Ein Vorspiel vor einer Bundesliga-Partie – ein schwules Männerteam gegen eine Promi-Auswahl vor 50.000 Zuschauern. Für DFB-Mann Spahn ist das „eine Riesen-Idee, die ich sofort zusagen würde". Leider sei für die Ausrichtung von Bundesligaspielen nicht der DFB zuständig, sondern die Deutsche Fußball Liga DFL. Und von der war an diesem Abend niemand anwesend.

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