Fußballvereine als Medienakteure "Die Bundesliga schottet sich ab"

Fußballvereine setzen immer mehr auf Social Media und eigene Fernsehsender. Hat der unabhängige Sportjournalismus überhaupt noch eine Zukunft? Medienwissenschaftler Thomas Horky ist skeptisch.

FC-Bayern-Trainer Niko Kovac
DPA

FC-Bayern-Trainer Niko Kovac

Ein Interview von Christian Woop


SPIEGEL ONLINE: Herr Horky, viele exklusive Interviews mit Sportlern führen Vereine oder Verbände inzwischen selbst. Sie forschen zu diesem Thema. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Thomas Horky: Der Sport übernimmt immer mehr seine eigene Berichterstattung. Manchester United TV war der Vorreiter in den Neunzigerjahren. In Deutschland ist der FC Bayern Marktführer und hat im Mai sein eigenes Medienhaus als GmbH gegründet.

Zur Person
  • Witters GmbH
    Thomas Horky lehrt seit 2009 Journalistik an der Macromedia Hochschule in Hamburg. Dort beschäftigt er sich mit Sportjournalismus unter dem Forschungsbegriff Mediensport. Sein Volontariat absolvierte Horky bei der DPA.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen die Klubs das?

Horky: Der finanzielle Aufwand ist zwar hoch und der Ertrag im Moment noch gering. Doch der Profit ist nicht der einzige Grund. Die Vereine haben noch andere Interessen wie Internationalisierung, Erhöhung der eigenen Reichweite, Kontrolle und Verbreitung des eigenen Images.

SPIEGEL ONLINE: Sind klubeigene Medien ein Angriff auf den Journalismus?

Horky: Grundsätzlich eher eine Ergänzung. Es kann eigentlich auch keine Konkurrenz sein, wenn man es sachlich sieht. Klubmedien sind ein PR-Angebot und haben mit der kritischen Rolle des Journalismus nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Sind im Sportumfeld die Arbeitsbedingungen für Journalisten schwerer geworden?

Horky: In unseren Studien haben viele Journalisten einen erschwerten Zugang zu ihren Quellen in den Vereinen angemerkt. Sie fühlen sich teilweise, als ob sie Medien zweiter Klasse seien. Eigentlich hat der klassische Sportjournalismus aber ein ganz anderes Problem.

SPIEGEL ONLINE: Welches?

Horky: Journalisten sollten die Vereine nicht nur begleiten, sondern alles kritisch hinterfragen. Mein Eindruck ist, dass das nicht immer der Fall ist, weshalb die Unterschiede zu den klubeigenen Inhalten oft nicht deutlich werden. Dazu ist die Frage, wie man in Zukunft mit dem erschwerten Zugang zu den Vereinen umgeht, ein ungelöstes Problem.

SPIEGEL ONLINE: Ein generelles Problem im Fußball?

Horky: Eher der Bundesliga, die sich immer weiter abschottet. Besonders deutlich wird das am Beispiel von regionalen und lokalen Medien. In anderen Sportarten ist das vollkommen anders. Zwischen unabhängigen und vereins- und verbandseigenen Medien kommt es manchmal sogar zu symbiotischen Verhältnissen, weil sich beide Seiten als Promoter des jeweiligen Sports verstehen, was ich allerdings auch nicht gutheißen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Monaten hat der FC Bayern ein Statement zum Wechsel von Niko Kovac zuerst über fcb.tv abgegeben. Wie sollten Medien mit diesen vom Klub produzierten Inhalten umgehen?

Horky: Journalisten sollten in der Lage sein, über so etwas hinaus ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Die Nachricht an sich hat zwar sicherlich Relevanz, die Einordnung und Bewertung durch Journalisten aber eben auch.

SPIEGEL ONLINE: Aber es wird doch immer schwieriger, die Nachricht als Erster zu haben, oder?

Horky: Ist denn wirklich noch relevant, wo die Nachricht zuerst steht? Ich denke, dieser Wettkampf ist durch das Aufkommen der klubeigenen Medien ad absurdum geführt worden. Umso wichtiger ist die Analyse und Beurteilung eines unabhängigen Mediums.

Manuel Neuer bei einer Pressekonferenz
AFP

Manuel Neuer bei einer Pressekonferenz

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Abschottung in Zukunft extremer wird, zum Beispiel in DFB-Quartieren bei großen Turnieren?

Horky: Dass ausschließlich selbstproduzierte Inhalte an die Öffentlichkeit kommen, glaube ich nicht. Allein schon, weil dem DFB dadurch die Glaubwürdigkeit verloren gehen würde.

SPIEGEL ONLINE: Glaubwürdigkeit braucht also unabhängige Berichterstattung?

Horky: Ja. Aber: Eine sehr interessante Entwicklung ist etwa The Players' Tribune, eine Internetseite, auf der Sportler eigene, persönliche Geschichten erzählen und so ihr mediales Bild direkt beeinflussen. Gegründet wurde sie von Gerard Piqué dem Verteidiger des FC Barcelona. Das spielt sich auf einer ganz anderen Ebene ab: Der Sport gründet sein eigenes Medienunternehmen. Wenn dieses Modell Zukunft hat, werden Fußballspieler bei großen Turnieren in der Öffentlichkeit bald nur noch wenig sagen.

Mehr zum Thema


insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
immerfroh 19.07.2018
1. Unabhängiger Sportjournalismus ?
Wie lange gibt es diesen im Profifussball schon nicht mehr ? 20 oder 30 Jahre ? Vor echten, investigativen, kritischen Journalismus habe doch alle Angst, weil man befürchtet exklusive Zugänge in die inneren Kreise der Profiklubs und der Nationalmannschaften zu verlieren. Die letzte WM hätte aus deutscher Sicht außerordentlich viel Stoff für kritischen Journalismus geboten. Der Austragungsort, der biedere Fußball der insgesamt geboten wurde , das frühzeitige Versagen unserer Nationalmannschaft usw. Bei den Privatsendern, die Bundesliga und Europapokal übertragen ist das noch viel ausgeprägter. Das ist Hofberichterstattung aber kein Journalismus.
geschneider 19.07.2018
2. Sportreporter sind definitionsgemäß die Parias
des Journalismus. Der der aber als solcher schon völlig heruntergekommen ist, dürfte zuerst dieses Genre komplett privatisiert werden. Es ist nicht schade d'rum. Danach kommt der Rest dran. Aber keine Angst, gute Werbetexter verdienen auch ganz gut. Au, Mist, die können ja auch was.
mimas101 20.07.2018
3. hmm tja
Ich kann mich noch daran erinnern das vor vielen vielen Jahren im Videotext der ARD mehrfach eine Report-Reportage (ARD), die mal ein kritisches Licht auf die Kosten werfen sollte die der Allgemeinheit anläßlich der Entertainmentevents dieser RasenpflegerInnen entstehen, angekündigt wurde. Aber ausgestrahlt wurde diese Doku nie. Das spricht nicht für einen unabhängigen Journalismus. Besonders dann nicht wenn die Eventmanager für ihren sog. Volkssport immer mehr Geld sehen wollen und die öffentlich-rechtlichen auf Geheiß jede Summe hinblättern die verlangt wird - der GEZ-Zwangsbeglückte hats ja. Dann kommt noch hinzu das gerade im ÖR TV (samt Radio der ARD) immer häufiger Seichtes zu den Events präsentiert wird und man den Vereinen gar selbst in Form von Experten, die natürlich auch der zwangsbeglückte Zuseher zu bezahlen hat, jedweden unkritischen Präsentationsrahmen einräumt. Und das Geschwafel der Vereinsvertreter wird auch immer länger und noch mehr nichtssagender. Besonders deutlich wurde die Verkaufsshow (sind nicht genügend Zuseher im Stadion dann werden auch schon mal die Tribünen ganz ausgeblendet oder mit Echo dem Ton nachgeholfen) als anläßlich der Olympiade 2004 in Athen Frauenfußball vor leeren Rängen stattfand und anstelle die Finals der Ruderer zu übertragen der Kommentator lediglich sagte "Das hätte der Frauenfußball nicht verdient" um trotzig das Spiel weiterzusenden. Sowas riecht schon eher nach eingekauften Reportern die gegen gute Beraterverträge eine Präsentationsshow zu Gunsten der eigenen Taschen abziehen. Ehmig (HR3 der das in seine Sendungen hievte was am meisten Bakschisch hergab) war mit Sicherheit kein Einzelfall gewesen.
bristolbay 20.07.2018
4. Wann wird endlich dieses Theater beendet?
Keiner will es klar benennen, vor allem der DFB nicht, da er seine "Gemeinnützigkeit" nicht verlieren will. Egal ob FIFA, UEFA, DFB oder wer weiß was für ein "Sportverein", der Mammon steht im Vordergrund. Lasst sie doch alle machen was sie wollen. Sie sollen aber gefälligst auch eigene Stadien bauen und betreiben und für die Sicherheit selbst bezahlen und die Steuern der Gewinne dann nicht mehr über "gemeinnützig" minimieren. Sport ist heute nichts anderes als Volksbelustigung (-verdummung?) um die breite träge Masse von den wahren Problemen der Gesellschaft abzulenken. Den Betreibern und den Akteuren geht es nur ums Geld, das darf man nicht verurteilen. Sport ist heute ein wirtschaftliches Geschäftsmodell und darum lasst sie versuchen, alles unter eigener Kontrolle zu haben. Im Umkehrschluss kann dies aber nur bedeuten, Informationen im ÖR nur als Meldung unter vielen, vor allem, keine Rechte mehr kaufen. Die geldgierigen Vereine werden in dieser CL-Saison schon merken, wenn ZDF nicht mehr übertragen kann oder darf. Früher hat man sich auf die Nationalelf und seinen Verein gefreut und Erwartungen gehabt, heute geht mir das persönlich irgendwo vorbei.
bristolbay 20.07.2018
5. Wann wird endlich dieses Theater beendet?
Keiner will es klar benennen, vor allem der DFB nicht, da er seine "Gemeinnützigkeit" nicht verlieren will. Egal ob FIFA, UEFA, DFB oder wer weiß was für ein "Sportverein", der Mammon steht im Vordergrund. Lasst sie doch alle machen was sie wollen. Sie sollen aber gefälligst auch eigene Stadien bauen und betreiben und für die Sicherheit selbst bezahlen und die Steuern der Gewinne dann nicht mehr über "gemeinnützig" minimieren. Sport ist heute nichts anderes als Volksbelustigung (-verdummung?) um die breite träge Masse von den wahren Problemen der Gesellschaft abzulenken. Den Betreibern und den Akteuren geht es nur ums Geld, das darf man nicht verurteilen. Sport ist heute ein wirtschaftliches Geschäftsmodell und darum lasst sie versuchen, alles unter eigener Kontrolle zu haben. Im Umkehrschluss kann dies aber nur bedeuten, Informationen im ÖR nur als Meldung unter vielen, vor allem, keine Rechte mehr kaufen. Die geldgierigen Vereine werden in dieser CL-Saison schon merken, wenn ZDF nicht mehr übertragen kann oder darf. Früher hat man sich auf die Nationalelf und seinen Verein gefreut und Erwartungen gehabt, heute geht mir das persönlich irgendwo vorbei.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.