Weltmeister Littbarski: "Auf dem Weg zum Training winkte mir das halbe Rotlichtviertel zu"

Weltmeister Matthäus (l.), Littbarski: "Wollte Beckenbauer an die Wand nageln" Zur Großansicht
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Weltmeister Matthäus (l.), Littbarski: "Wollte Beckenbauer an die Wand nageln"

Er wurde "Kobold mit den krummen Beinen" geschimpft: Weltmeister Pierre Littbarski hat eine abwechslungsreiche Karriere hingelegt. Im Interview mit dem Magazin "11 FREUNDE" spricht der frühere Nationalspieler über Goldkettchen, die Feier nach dem WM-Sieg 1990 und seine neue innere Ruhe.

Frage: Herr Littbarski, 1978 heuerten Sie beim 1. FC Köln an. Hatten Sie als gebürtiger Berliner nicht Heimweh?

Littbarski: Meine neuen Nachbarn sorgten dafür, dass ich mich bald heimisch fühlte. Im ersten Jahr wohnte ich mit meiner späteren Frau in einem 32-Quadratmeter-Apartment im Uni-Center. Links wohnten die Zuhälter, rechts die Damen aus dem Gewerbe. Die schlossen mich gleich in ihr Herz. Am ersten Tag stand ich mit meinem Müllbeutel im Hausflur, als eine Frau im Bademantel und mit tiefem Dekolleté auftauchte, mich an die Hand nahm und mir den Müllschacht zeigte. Wenn ich auf meinem Moped zum Training fuhr, winkte mir das halbe Rotlichtviertel zu: "Och, schau mal, der Kleene, ist der süß!"

Frage: Fotos aus der Zeit zeigen Sie als Sunnyboy mit Goldkettchen und blonden Strähnchen in den Haaren. Wollten Sie sich bewusst vom eher biederen Stil Ihrer Kollegen absetzen?

Littbarski: Dazu passt die Begegnung, die ich vor einigen Jahren mit dem brasilianischen Nationaltrainer Felipe Scolari hatte. Der sagte mir zur Begrüßung: "Du bist kein Deutscher. Du bist ein Brasilianer. Schau dir nur an, wie du Fußball gespielt hast!" Mein Spielstil war also schon einmal alles andere als deutsch. Zu den Haaren: Nach dem ersten Färben war die Hälfte meiner Haare blond wie Stroh. Ich saß bis acht Uhr abends in diesem Laden, um die Frisur noch halbwegs zu retten - zwecklos. Natürlich haben sich meine Mitspieler kaputtgelacht. Da sagte ich mir: Jetzt lässt du die Haare erst recht so.

Frage: Nicht die einzige modische Extravaganz.

Littbarski: Ich habe alles ausprobiert. In einem Trainingslager ließ ich mir mit Frank Ordenewitz jeweils einen halben Bart stehen. Er die rechte Gesichtshälfte behaart, ich die linke. Sah überragend aus.

Frage: Haben Sie sich jemals als Popstar gefühlt?

Littbarski: Eigentlich nicht. Wobei die Inhalte der Fanpost spätestens nach meiner ersten WM 1982 immer kurioser wurden. Nicht selten schrieben mir junge Frauen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, dass sie ein Kind von mir erwarten würden. Mit dem Zusatz: "Es könnte aber auch von Thomas Kroth oder Stephan Engels sein, da bin ich mir nicht so sicher."

Frage: In Ihrer Biografie fassen Sie die WM 1986 kurz und knapp zusammen: "Es war grausam." Was war so schlimm?

Littbarski: 1986 waren wir keine Mannschaft. Beim Essen saßen Hamburger, Kölner und Münchner an getrennten Tischen. Ich konnte als Einziger mit allen drei Tischen. Ich werde nicht vergessen, wie mich Franz Beckenbauer und Egidius Braun zur Seite nahmen: "Litti, du musst die Mannschaft an einen Tisch bekommen!" Ich antwortete nur: "Das ist euer Job!" Ich war froh, als die WM vorbei war.

Frage: 1990 gelang Ihnen der ganz große Wurf. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie gut genug waren, um Weltmeister zu werden?

Littbarski: Gleich im ersten Gruppenspiel gegen Jugoslawien. Lothar Matthäus war an diesem Tag einfach überragend, nach 70 Minuten stand es 4:1 für uns. Ich saß zu diesem Zeitpunkt auf der Bank, schaute nach rechts, schaute nach links, sah Andy Möller, Olaf Thon, Karl-Heinz Riedle, diese ganzen Granaten und dachte: Du kannst froh sein, wenn du bei diesem Kader auch mal spielen darfst.

Frage: Sie sollen extrem wütend gewesen sein, als Franz Beckenbauer Sie während des Halbfinalspiels gegen England auf der Bank ließ.

Littbarski: Während des Viertelfinals gegen Tschechien hatte mich Jozef Chovanec hart abgegrätscht, ich spürte gleich einen Schmerz im Knie. Vermutlich war mein Kreuzband da schon angerissen. Vor dem Halbfinale konnte ich nur unter Schmerzen trainieren. Beckenbauer blieb keine andere Wahl, als mich draußen zu lassen. Aber ich war fuchsteufelswild und musste in letzter Minute von unserem damaligen Pressesprecher Wolfgang Niersbach davon abgehalten werden, gemeinsam mit Uwe Bein vor die Presse zu treten und Franz Beckenbauer an die Wand zu nageln.

Frage: Der ließ Sie im Finale wieder spielen. Sie wurden Weltmeister.

Littbarski: Und eigentlich hätte ich auch in diesem Spiel nicht auf dem Platz stehen dürfen. Mein Knie tat immer noch weh. Aber ich sagte zu unseren Physios Adi Katzenmeier und Hans Montag: "Wenn ihr Franz was sagt, dann seid ihr für mich gestorben!" Sie behandelten mich die ganze Nacht, hielten den Mund und ich spielte.

Frage: Auf den Jubelfotos sieht man Sie stets in der vordersten Reihe. Haben Sie den Pokal mit ins Bett genommen?

Littbarski: Erstens haben wir in dieser Nacht nicht geschlafen und zweitens war ich daran nicht unbeteiligt: Schon 1982 hatte ich zwei riesige Koffer dabei - einen mit Klamotten, einen mit meiner Soundanlage und meinem Amiga 500 samt "Space Invaders". 1990 war ich erneut Mannschafts-DJ. Die Finalnacht feierten wir durch. "The Sweet" und "Queen" standen ganz hoch im Kurs! Bis auf Lothar Matthäus, der sich nach jedem Glas immer schnellere Musik wünschte, gab es keine Klagen.

Frage: Sie gelten als einer der größten Spaßvögel der Bundesliga-Geschichte. Hatten Sie jemals das Gefühl, dass Sie Ihre physische Erscheinung mit Humor kompensieren mussten?

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Litti ist klasse
Käfer63 09.09.2013
Litti war und ist einer meiner absoluten Lieblingsfußballer dieser Nation. Danke für dieses Interview. Schade das man ihn heutzutags nicht öfters sieht im TV.
2. 1982? Amiga 500?
spon_2589572 09.09.2013
Bei aller Sympathie für Pierre, der war wirklich ein bunter Vogel unter allen Nationalspielern (und ich vermisse sowas heute...), aber 1982 gab es den A500 noch nicht. Ich vermute, er meint den C64, der 1982 allerdings auch gerade frisch auf dem Markt aufgeschlagen war. So trügt die Erinnerung :-)
3. 1982? Amiga 500?
spon_2589572 09.09.2013
Und hinzu muss ich korrigieren: 1982 gab es zur WM nicht mal den C64, der kam nämlich erst im Herbst in die Läden :D
4. Der Grund
auszuhändigen 09.09.2013
der Grund warum ich heute Fan vom 1.FC Köln bin.
5. ...
kastenmeier 09.09.2013
Zitat von spon_2589572Bei aller Sympathie für Pierre, der war wirklich ein bunter Vogel unter allen Nationalspielern (und ich vermisse sowas heute...), aber 1982 gab es den A500 noch nicht. Ich vermute, er meint den C64, der 1982 allerdings auch gerade frisch auf dem Markt aufgeschlagen war. So trügt die Erinnerung :-)
Ich schätze, er verwechselt es mit ner Spielkonsole, vermutlich Atari 2600. Er hat ja auch von "Space Invaders" gesprochen - das Spiel verhalf der Konsole zum Durchbruch. Nen Anfangderachtzigerpc mit zu nem Fußballturnier?? - ich weiß nich
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Zur Person
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    Pierre Littbarski, 53, ist ein ehemaliger Fußballspieler und arbeitet heute als Trainer. 1990 wurde er mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister. Als Coach war er unter anderem für den MSV Duisburg und den VfL Wolfsburg aktiv. Zudem trainierte er einige Vereine im Ausland, so etwa den Yokohama FC (Japan), Sydney FC (Australien) und Saipa Teheran (Iran).
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