Sommermärchen-Affäre Dokument "Agenda der schwarzen WM-Kasse"

Auf dem Computer eines ehemaligen DFB-Funktionärs haben Ermittler nach SPIEGEL-Informationen eine brisante Datei gefunden. Darin heißt es, die WM 2006 sei gekauft worden.

OK-Vize R. Schmidt, Vizepräsident Zwanziger, Präsident Beckenbauer und Vizepräsident Niersbach (v.l.n.r.)
DPA

OK-Vize R. Schmidt, Vizepräsident Zwanziger, Präsident Beckenbauer und Vizepräsident Niersbach (v.l.n.r.)

Von , , und


Auf dem Laptop von Horst R. Schmidt, dem Vizepräsidenten des Organisationskomitees für die Fußballweltmeisterschaft 2006, haben Ermittler der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ein brisantes Dokument entdeckt. Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, stützt es den Verdacht, die Sommermärchen-WM sei durch Stimmenkauf nach Deutschland geholt worden. Die PDF-Datei mit dem Titel "Agenda der schwarzen WM-Kasse" fand sich auf Schmidts Rechner im Ordner "Gelöschte Elemente".

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 13/2018
Wie der allmächtige Konzern noch zu stoppen ist - und wie sich die Nutzer schützen können

In dem Text geht es um jenen Millionenkredit, den der ehemalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus im Jahr 2002 Franz Beckenbauer - damals Chef des WM-Organisationskomitees - gewährt hatte. Beckenbauer überwies das Geld ins Emirat Katar, auf ein Konto des damaligen Fifa-Funktionärs Mohamed Bin Hammam, den der Fußball-Weltverband später wegen Korruption lebenslang sperrte. Wofür Bin Hammam das Geld bekam und was er damit gemacht hat, liegt bis heute im Dunkeln. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Dem Dokument auf Schmidts Laptop zufolge ist der Verwendungszweck jedoch eindeutig. Dort heißt es, ihm sei nicht bekannt, "was mit dem Geld passiert ist und wer darüber verfügt hat. Sicher ist nur, dass damit zwei Jahre nach der Vergabe der WM Geld für das Abstimmungsverhalten geflossen ist".

Schmidts Verteidiger Bernd Groß reagierte auf einen umfassenden Fragenkatalog des SPIEGEL zur gelöschten Datei mit einem Satz: "Herr Schmidt ist nicht der Verfasser des Dokuments." Die Frage, wer sonst die Datei auf Schmidts Rechner erstellt beziehungsweise den Text verfasst habe und wie das Dokument auf den Laptop seines Klienten komme, ließ er unbeantwortet.

26. Oktober 2015, 17:49 Uhr und 55 Sekunden

Nach Angaben des DFB-Mediendirektors Ralf Köttker hatte "die neue Führung des DFB keine Kenntnis von dem Dokument", wohl aber DFB-Anwalt Jan Olaf Leisner: Der habe jedoch "keine Veranlassung gesehen, die DFB-Führung (...) zu informieren". Einer der Gründe: Die Datei weise "weder ein Datum noch einen Urheber oder Absender" auf. Das ist, zumindest im Hinblick auf das Datum, falsch, denn der Dateiname lautet: "2015_10_26_17_49_55.pdf". Im Klartext: 26. Oktober 2015, 17:49 Uhr und 55 Sekunden. Ob dies den Zeitpunkt der Erstellung oder den der letzten Änderung markiert, ist unklar. Fest steht: Am 17. Und 24. Oktober hatte der SPIEGEL in zwei Titelgeschichten über die Sommermärchen-Affäre berichtet.

Als zweiten Grund für die Zurückhaltung des DFB-Rechtsvertreters nennt Köttker die angeblich mangelnde "Relevanz" des Dokuments, "weil es keinerlei Tatsachenfeststellungen" enthalte. Angesichts der Klarheit des Textes auf Schmidts Laptop ("Sicher ist nur, dass damit zwei Jahre nach der Vergabe der WM Geld für das Abstimmungsverhalten geflossen ist.") eine erstaunliche Aussage. Weiter wollte sich "der DFB dazu aktuell nicht einlassen, sondern die (...) Arbeit der Ermittlungsbehörden abwarten".

Im Video: Schwarze Kasse für die Fußball-WM 2006?

SPIEGEL TV

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von der Chefredaktion oder den Leitern unseres Hauptstadtbüros in Berlin.



insgesamt 90 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kai_bremer 23.03.2018
1. Meine Güte...
Und wenn es so war!? Die WM war toll, aber es ist Geschichte ! Danke für die Aufarbeitung...bestraft die Schuldigen, wenn es sein muss. Macht dann bitte noch ein paar Fässer auf und findet heraus, dass andern WMs auch alle gekauft waren bzw. werden! Das ist alles eine ganz große Heuchelei!
isnogood444 23.03.2018
2. Ist das wirklich so einfach?
Gab es nicht seitens der Bundesregierung eine großzügige Steuerbefreiung? Gehören die handelnden Personen dann nicht auch bestraft?
andraschek 23.03.2018
3. Da gebe ich Ihnen Recht.
Zitat von kai_bremerUnd wenn es so war!? Die WM war toll, aber es ist Geschichte ! Danke für die Aufarbeitung...bestraft die Schuldigen, wenn es sein muss. Macht dann bitte noch ein paar Fässer auf und findet heraus, dass andern WMs auch alle gekauft waren bzw. werden! Das ist alles eine ganz große Heuchelei!
Ich glaube auch nicht das auch nur eine dieser ganzen großen Sportveranstalltungen ohne Schmiergeld vergeben wurde und genau aus diesem Grund bin ich auch dagegen das wir uns um eine dieser Veranstalltungen bewerben. Dieser "Saustall" muss erst einmal gründlich ausgemistet werden. Aber das ist wohl nur Träumerei von mir.
samsix 23.03.2018
4. Unterstellt
Mal angenommen - wirklich nur angenommen - jede WM in den letzten drei bis vier Jahrzehnten sei gekauft worden, dann hätten die WM Organisatoren mit der Kohle damals nur für die selben Wettbewerbsbedingungen gesorgt. Vermutlich hätten sich die WM-Organisatoren der konkurrierenden Länder die Schenkel rot geklopft, wenn Beckenbauer und Co. nicht auch gezahlt hätten. So betrachten könnte man sagen, war doch ein guter Deal für Deutschland, ein tolles Konjunkturprogramm und eine überragende Paery, die der Franz da hinbekommen hat. Natürlich muss versucht werden, solche korrupten Strukturen mit aller Macht zu bekämpfen. Aber mal ehrlich, müssen wir da immer die Vorreiter spielen? Und was hätte Volkes Stimme wohl gesagt, wenn der Franz in den Tagesnachrichten verkündet hätte, „die wollten ein paar Milliönchen für die WM und ich hab deshalb natürlich verzichtet“. Wäre er in dem Fall nicht zum Buhmann der Nation geworden?
john923 23.03.2018
5.
Zitat von kai_bremerUnd wenn es so war!? Die WM war toll, aber es ist Geschichte ! Danke für die Aufarbeitung...bestraft die Schuldigen, wenn es sein muss. Macht dann bitte noch ein paar Fässer auf und findet heraus, dass andern WMs auch alle gekauft waren bzw. werden! Das ist alles eine ganz große Heuchelei!
Sehe ich ähnlich. Da entscheidet ein kleiner "erlesener" Kreis von "alten Männern" die sich alle gut kennen alle paar Jahre über ein Milliardengeschäft. Wer auch nur ansatzweise ernsthaft glaubt das da nicht "geschmiert" wird, sei es direkt mit Kohle oder nach dem Motto "eine Hand wäscht die andere" glaubt wohl auch an den Weihnachtsmann. Diese "Herren" schaufen sich seit Jahrzehnten die Geldtöpfe gegenseitig zu und sind auch nicht in dieses Gremium gekommen weil sie so ehrenwert, seriös und unbestechlich sind, sondern im Gegenteil, weil sie alle Dreckt am Stecken haben und sich und ihre Seilschaften gegenseitig stützen. Nun hat also Dreyfuss dem DFB oder FB Geld überwiesen, der hat es weiter überwiesen und irgendein "Scheich" hat deswegen 2 Jahre vorher Deutschland seine Stimme gegeben? Alles klar. So what? Das Geld floss also von einem korrupten Typen über einen zweiten zum dritten. Kann ich nur sagen "na und"? Jede WM Vergabe ist doch "beschiss", anders kann Katar doch nie zu einer WM kommen. Wenn man da nicht mitmachen will, dann bekommt man eben keine WM oder EM mehr. Dann bekommt die eben ein anderer der schmiert und korrumopiert. Wenn man mitmacht, hat man ne gewisse Chance. So "einfach" ist das System Fifa. Alle wollten die WM, die Bürger, die Politiker, der DFB, und dieser hat eben mit paar Millionen (die ja wohl eher nicht aus Steuergeldern stammen) nachgeholfen? Mei... Die Fifa ist doch ein abgeschlossenes Universum. Die könnten genauso nicht abstimmen, sondern der Fifa Präsi entscheidet alle paar Jahre per "Order Mufti" wer eine WM bekommt. Oder sie losen...oder würfeln. Wäre doch auch völlig wurscht. Ich frage mich wo im Spiegel dagegen die ständigen "Skandal-Artikel" zum BER z.B. bleiben, wo wirklich täglich Steuergelder in Millionenhöhe durch Unfähigkeit verprasst werden. Aber mit "Fussball" kann man scheints besser "Kasse" machen als Magazin als mit der allseits bekannten Unfähigkeit von Politikern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.