Argentinische Problemfans Schläger aus der Nachbarschaft

Hunderttausende werden Argentiniens Fußballer ins WM-Land Brasilien begleiten. Dort fürchtet man die Problemfans "Barras Bravas", denn die suchen vor allem eins: Gewalt.

DPA

Ziemlich laut ging es zu an jenem Abend Anfang des Monats, vor dem Sitz der argentinischen Fußballverbands Afa.

Rund 300 Vertreter von Problem-Fanklubs argentinischer Vereine belagerten das Gebäude im Zentrum von Buenos Aires mit Trommeln, Trillerpfeifen und Fahnen, sie verlangten, die Afa-Führung zu sprechen. Die Ultra-Fanklubs, sogenannte Barras Bravas, forderten 650 Tickets für die Spiele der argentinischen Nationalmannschaft bei der WM-Vorrunde. Vor allem aber wollten sie eine Zusage vom Verband, dass dieser die persönlichen Daten der justizbekannten Problemfans nicht an die brasilianischen Behörden weitergibt.

Verbandspräsident Julio Grondona, dem eine Nähe zu den Barras Bravas nachgesagt wird, schickte seinen Sicherheitssekretär Alberto Capuchetti ins Gespräch mit den Fans. Dieser stritt sich kurz und heftig mit den Anhängern, sagte aber laut offizieller Erklärung weder Tickets noch die Zurückhaltung der Daten zu.

Aber wenige Tage später berichtete die argentinische Tageszeitung "Clarín", Afa-Chef Grondona habe den Barras 900 Tickets für die drei Vorrundenspiele der himmelblau-weißen Auswahl zugesagt. Die Fanklubs hätten aber noch 500 zusätzliche Karten gefordert, um sie weiterzuverkaufen und so ihren Aufenthalt in Brasilien zu finanzieren. Immerhin aber sicherte die Regierung in Buenos Aires zu, die Daten der Hooligans an den Nachbarn weiterzugeben.

Fanklubs haben große Macht in Argentinien

Weiter im Norden beim WM-Gastgeber wird man das mit Erleichterung vernommen haben. Dort drängt die Regierung bereits seit Monaten auf die Namen der rund 1500 gewaltbereiten Argentinier, die in der Heimat Stadionverbot haben und entweder vorbestraft sind oder gegen die Verfahren anhängig sind.

Es sind genau diese besonders Auffälligen, unter ihnen auch viele Hooligans, vor denen die Brasilianer besondere Angst haben und gegen die sie gegebenenfalls Einreiseverbote verhängen wollen, wie Sportminister Aldo Rebelo versicherte. "Wer dennoch durchkommt, den werden wir wieder nach Hause schicken."

In Brasilien erinnert man sich daran, dass vor vier Jahren bei der WM in Südafrika argentinische Hardcore-Anhänger auftauchten. Ein Fan starb bei Auseinandersetzungen zweier Barras untereinander, 29 Anhänger wurden noch während des Turniers nach Argentinien abgeschoben. Und dieses Mal liegen zwischen Buenos Aires und den Spielorten nicht Tausende Kilometer, sondern maximal 30 Busstunden. Argentinien spielt in der Vorrunde in der Gruppe F in Rio de Janeiro, Belo Horizonte und Porto Alegre. Allein beim letzten Gruppenspiel gegen Nigeria in Porto Alegre am 25. Juni werden 100.000 Argentinier erwartet.

Wie groß die Macht der Fanklubs ist, lässt sich an einem Gerichtsurteil von Mitte April ablesen. Bundesrichterin Cecilia Gilardi Madariaga de Negre gab dem Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Verfügung der Fanklub-Vereinigung Hinchadas Unidas Argentinas (HUA) statt. Die Richterin verbot es der Regierung unter Verweis auf die informationelle Selbstbestimmung, die Daten der gewalttätigen Hooligans weiterzugeben. Das Urteil löste in Argentinien eine Welle des Protests aus und wurde nur eine Woche später aufgehoben.

"Wilde Clique"

Auch wegen der argentinischen Barras Bravas hat die brasilianische Regierung das größte Sicherheitsprogramm aufgelegt, das es je bei einer Endrunde gegeben hat. 180.000 Polizisten sollen an den zwölf Austragungsorten die Ruhe rund um die Spiele garantieren. Die verschärften Vorkehrungen gelten schon seit dem 23. Mai und sollen bis zum 18. Juli, fünf Tage nach dem Finale, in Kraft bleiben.

Neben dem notorisch unruhigen Rio de Janeiro, wo Pressezentrum und Weltverband während der WM ihren Sitz haben werden, haben die Brasilianer vor allem Belo Horizonte - 450 Kilometer nordwestlich von Rio - als Hotspot möglicher Gewalt ausgemacht. Dort bezieht das argentinische Team Quartier, und es werden Zehntausende Anhänger aus dem Nachbarland erwartet, darunter eben auch die Mitglieder der rund 500 Hardcore-Fanklubs.

Die Barras Bravas, etwa "wilde Clique", sind in Lateinamerika ein Sammelbegriff für Ultra-Fans und gewaltbereite Hooligans. Die Barras und ihr Name entstanden vor Jahrzehnten in Argentinien, von wo aus sich das Phänomen auf ganz Lateinamerika ausbreitete. Nirgends aber sind diese Fanklubs so mächtig wie im Ursprungsland: Viele von ihnen sind in Korruption und illegale Geschäfte verwickelt, manche eng mit der jeweiligen Vereinsführung verbunden, andere verdienen gar an Transfers mit. Viele Barras unterhalten zudem gute Kontakte bis in die Politik.



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
bärchen82 28.05.2014
1. hach ja es ist wieder WM
...bisher hat der Spiegel noch vor jedem großen Sportereignis die Panik geshürt (NoGoAreas in Ostdeutschland, polnische Hooligans, ukrainische Mafia, brutale Townships in SA, Drogenkrieg in den Favelas usw.) Weltuntetgang allerorzen... Die Themen sind wichtig, keine Frage. Es drängt sich aber auch der Eindruck auf, dass Panik sich gut verkaufen lässt. Bisher steht die Welt auf jeden Fall noch!
konatantin 28.05.2014
2. Wann lernt ihr es?!
Wie oft muss man das noch erwähnen? Ultra-Fans sind keine Hooligans! Ultras bejubeln ihre Spieler im Stadion, egal ob die schlecht oder gut spielen und sie sind absolut nicht gewaltbereit. Hooligans hingegen interessiert der Fußball kaum, sie treffen sich nur um sich zu verkloppen. Sie haben dafür oft sogar eine eigene liga. Also hört bitte auf diese beiden Gruppierungen gleichzusetzen!
uterallindenbaum 28.05.2014
3. Supi
Dass riecht effektiv nach vorankündigte Problemen.
topterrortroll 28.05.2014
4. Das glaube...
...ich jetzt alles nicht! Die FIFA setzt sich doch nur aus Ehrenmännern zusammen, die dafür sorgen, daß nur hochintelligente junge Männer Fußball spielen, und so reinen, fast amateurhaften Sport ausüben! Und in dieser Sportwelt haben nur saubere, ja fast jungfräuliche Fan-Clubs Platz! Die tragen alle Ihre Mannschaften auf Händen! Etwas anderes würde doch ein Herr Blatter gar nicht zulassen, gelle?
fatfrank 28.05.2014
5. barra brava
Könnte man auch mit "mutige Kneipe" übersetzen. :-)
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