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05. Juni 2014, 15:36 Uhr

Brasilianische Spielmacher

Die verfluchte Zehn

Von , , und Cordt Schnibben

Wer Peles Trikot mit der Nummer 10 trägt, auf dessen Schultern lasten die Hoffnungen von 190 Millionen Brasilianern. Zico und Ronaldinho ging es so, nun muss Neymar ihnen den Titel holen.

In Brasilien wird jeder, der das Nationaltrikot mit der Nummer 10 trägt, an Pelé gemessen. Wer sich Pelé, Zico, Ronaldinho und Neymar genau anschaut, erfährt viel darüber, wie sich der brasilianische Fußball in einem halben Jahrhundert verändert hat.

Wenn Pelé über Fußball und Brasilien spricht, spricht er über schöne Erinnerungen. Es ist Abend in Rio de Janeiro. Er sitzt in einem Hotelzimmer in Ipanema. Er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover unter einem schwarzen Anzug, auf der Brust eine goldene Kette mit Kruzifix. Pelé sieht aus wie ein Wanderprediger, und er klingt auch so. Er spricht von seinen drei Weltmeistertiteln und dem 1000. Tor. Hunderttausend Leute im Maracanã in Rio. Ausgerechnet ein Elfmeter. Er dachte zunächst, dass ein Elfmeter kein gutes 1000. Tor wäre.

Aber inzwischen weiß er: "Gott hat das Spiel angehalten. Damit die Welt zuschauen kann."

Zehn Zuhörer sitzen vor ihm wie seine Messdiener. Man sitzt dabei und unterbricht ihn nicht, weil man das Gefühl hat, es gehöre sich nicht. Er habe gestern Nacht mit Gott gesprochen, sagt Pelé. Sie hätten über die anstehende WM geredet. Die Spanier sind gut, die Deutschen auch, man muss immer mit den Argentiniern rechnen. Aber natürlich hofft Pelé auf Brasilien. Er hat eine Wohnung in Manhattan, ein Haus in den Hamptons, aber seine Herzen sind in Brasilien. Alle. Er hat drei.

"Meine Geburtsstadt ist Três Corações, das heißt drei Herzen. Und ich habe drei Herzen in meiner Brust", sagt Pelé. "Meinen Heimatort, den FC Santos und das Maracanã."

Dreimal Weltmeister

Schon als der 15-jährige schlaksige Junge vom Trainer seiner Jugendmannschaft 1956 beim FC Santos vorgestellt wurde, sprach er davon, dieses Talent verspreche, einmal "der größte Fußballer der Welt zu werden". Pelé hatte bis dahin 148 Tore in 33 Spielen geschossen.

Als Pelé im Oktober 1977 sein letztes Spiel für Cosmos New York bestritt, hatte er in 1366 Spielen 1283 Tore erzielt, war mit dem FC Santos zehnmal Meister des Bundesstaates São Paulo geworden und mit der Nationalmannschaft dreimal Weltmeister (1958, 1962, 1970).

Wer sich heute auf YouTube Pelé-Tore und Pelé-Spielzüge anschaut, kann kaum ermessen, warum die Fifa ihn zum Fußballer des 20. Jahrhunderts kürte. Am aussagekräftigsten ist ein Video, das die brutalsten Fouls gegen ihn zeigt. Seit er im WM-Finale 1958 in Stockholm den Ball mit der Brust stoppte, ihn cool über den Abwehrspieler hob und den Ball volley ins Netz drosch, prägte er für anderthalb Jahrzehnte das Bild vom brasilianischen Fußball: im neu kreierten 4-2-4-System Gegner und Ball laufen lassen, beidfüßig, kopfballstark, unaufhaltsame Soli, schnelle Doppelpässe in Reihe, Schüsse aus allen Lagen.

30 Millionen Kicker

Pelé, Didi, Vavá, Garrincha, später Zico, Romário, Ronaldo, Rivaldo, das waren die Namen, die alle Jungs in den sechziger Jahren und danach murmelten, wenn sie auf irgendeinem Bolzplatz mit dem Ball am Fuß aufs Tor zustürmten.

Der brasilianische Fußball galt als der schöne, elegante Fußball, den man als Deutscher bewunderte, weil man nicht am Strand aufwuchs und nie barfuß spielte. Als die brasilianische Elf später immer europäischer spielte, verlor sich der exotische Reiz, aber es blieb die Bewunderung für brasilianische Superstars, die in Europa spielten.

Heute kicken 30 Millionen Brasilianer in 500 Profivereinen und 13.000 Amateurklubs, in Hunderten Internaten werden die Stars von morgen ausgebildet. Jährlich 1000 Berufskicker schaffen den Sprung ins Ausland.

Allerdings: Ein Viertel der Brasilianer hat keinerlei Interesse am Fußball, zu Spielen der nationalen Meisterschaft kommen im Schnitt nur 15.000 Fans. Das sind weniger als zu Spielen der nordamerikanischen Major League Soccer kommen. Viele Vereine und der Verband CBF gelten als korrupt, sind eng mit der Politik verbandelt.

Jogo Bonito

"Brasilien ist nur über den Fußball zu verstehen", glaubt der Schriftsteller José Lins do Rego, die Sprache und die Kultur sind durchsetzt mit Anspielungen auf den Fußball, Romane und Theaterstücke werden über Futebol geschrieben. Das "Jogo Bonito" wird verehrt, das schöne Spiel, die Erinnerung an die großen Spieler der Jahrzehnte muss herhalten, wenn die Gegenwart zu wenig schöne Spiele zu bieten hat.

"Weißer Pelé" wurde Arthur Antunes Coimbra, Rufname Zico, genannt, er spielte von 1976 bis 1986 in der Nationalmannschaft, trug die Nummer 10, war der weltbeste Spielmacher seiner Zeit, wurde aber nie Weltmeister. 1978 landete die Seleção auf dem dritten Platz. 1982 scheiterte eine Elf mit dem besten Mittelfeld (mit Sócrates, Falcão und Toninho Cerezo) an Italien, wird aber bis heute als beste Nationalelf aller Zeiten gesehen.

Die Nationalmannschaft Brasilien blieb auch 1986 ohne Titel (Zico verschoss im verlorenen Viertelfinale gegen Frankreich einen Elfmeter), schied 1990 in Italien im Achtelfinale gegen Argentinien aus, holte 1994 mit einer ungewohnt defensiven Spielweise den WM-Pokal im Elfmeterschießen gegen Italien und glänzte 2002 in Südkorea/Japan mit Ronaldo und dem jungen Ronaldinho - der fünfte WM-Titel.

Die Schande von 1950

Mit Ronaldinho hatte Brasilien wieder eine Zehn, die die Welt verzückte, beidfüßig schießend, mit verblüffenden Körpertäuschungen nach No-look-Pässen, enormer Passgenauigkeit und raffinierten Tempodribblings. Er schien vor einer Karriere wie Pelé zu stehen, verlor allerdings durch Verletzungen und einen lockeren Lebenswandel seine Form und wurde zum Sinnbild eines brasilianischen Talents, das - wie viele andere - sein Talent verschleudert.

Der nächste Superstar soll Neymar werden, seit 2010 hat er für die Seleção in 47 Spielen 30-mal getroffen und soll bei der WM der Spielmacher werden, der Brasilien den sechsten Titel holt.

In einer von alten Stars befreiten Elf (auch Ronaldinho ist nicht mehr dabei) soll Neymar die spielerischen Höhepunkte setzen, soll vermeiden helfen, was 1950 im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro passierte und bis heute ein Trauma der Nation ist: Die Seleção verlor im entscheidenden Spiel der WM vor 200.000 Zuschauern gegen Uruguay, "Maracanaço" wird die Katastrophe seither genannt. Im selben Stadion, inzwischen aufwendig saniert, kommt es am 13. Juli um 16 Uhr wieder zum Endspiel.

Im Bauch des Maracanã-Stadions in Rio steht ein Teil des Tores, in das Pelé sein 1000. Tor schoss. Zwei Holzlatten und ein Stück Netz. Aber bei den Führungen durch das Stadion reden sie mehr über Garrincha als über Pelé. Garrincha, der krummbeinige Flügelstürmer, der sich tottrank, bevor er 50 war. Sie nennen ihn Freude des Volkes.

"Die Brasilianer verehren Pelé. Garrincha aber lieben sie", sagt Juca Kfouri, der berühmteste brasilianische Fußballreporter. Kfouri, 64, wohnt in einem Penthouse über São Paulo und erklärt der Welt den brasilianischen Fußball. Er hat immer noch volle, dunkle Locken, raucht aber nur noch eine Zigarre pro Tag. Höchstens zwei.

Er hat Pelé das erste Mal spielen sehen, als er zehn war. Es war ein Länderspiel gegen die verdammten Argentinier, und Brasilien gewann 5:1. Es wurde Kfouris Erweckungserlebnis. Er wurde Sportreporter, Chefredakteur, Experte, eine Berühmtheit. Irgendwann lernte er Pelé kennen. Sie wurden Freunde. Pelé schenkte ihm eine Uhr.

"Hol mal die Uhr, Rita", ruft Juca Kfouri seiner Assistentin zu.

Rita bringt die Uhr.

"Für meinen Bruder mit großem Dank, Dein Bruder Edson-Pelé", steht auf der Uhr. Sie ist ein Unikat. Kfouri streicht mit dem Daumen über die Gravur. Als der Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso einen Sportminister suchte, riet ihm Kfouri: Nimm Pelé. Pelé war kein schlechter Minister, er wollte die Korruption im brasilianischen Fußball bekämpfen, aber irgendwann um die Jahrtausendwende, so sagt Kfouri, machte er einen Deal mit dem Fußballverband und Nike. Das verzeiht er ihm nie. Als Pelé ihn fragte, ob er seine Autobiografie schreiben wolle, sagte Kfouri Nein.

Beethoven am Ball

Seitdem haben sie kaum noch Kontakt. Vor ein paar Jahren hat Pelé ihm einen Brief geschrieben, den Rita bringt. Er ist in Plastikfolie geschweißt. Brüder streiten sich manchmal, schreibt Pelé, aus Eifersucht. Und aus Liebe. Einige vergeben sich, andere nicht. Dann beschwert er sich noch, dass Kfouri nie was zu den Liedern gesagt hat, die er ihm schickte. Lieder, die Pelé selbst geschrieben hatte.

"Er sieht sich in einer Reihe mit Beethoven und Picasso", sagt Kfouri. "Und er redet ständig mit Gott. Er hat den Kontakt zum wirklichen Leben verloren."

Kfouri ist umgeben von Dingen, die ihn an Pelé erinnern. Er fühlt sich keinem Fußballer so nah wie ihm. Aber seit ihrem Streit ist ihm aufgefallen, dass Pelé sich immer schon mit den Mächtigen arrangiert hat.

"Er war Teil des politischen Systems", sagt Kfouri. "Auch in den Zeiten der Diktatur. Sie haben ihn benutzt. Die Generäle haben ihn mehr oder weniger verpflichtet, zur Weltmeisterschaft nach Mexiko zu fahren. Pelé hatte eigentlich bereits aufgehört. Und dann hat ihn die Präsidentin zum WM-Botschafter gemacht, damit sie nicht mit dem Organisationschef reden musste, der ein Kollaborateur der Diktatoren war. Pelé ist ein Werkzeug. Das spüren die Leute. Er wird in der Welt mehr verehrt als in Brasilien."

Zu Stein erstarrt

Die WM in Mexiko sei seine schwerste gewesen, sagt Pelé. "1970 hatte ich mein höchstes Niveau erreicht, und da wir eine großartige Mannschaft hatten, erwarteten alle, dass wir gewinnen. Das brachte mich zum Zittern. Die politische Situation in Brasilien war nicht gut, und wir spürten, dass wir Weltmeister werden mussten." Noch heute ergreifen ihn die Bilder von 1970. "Wenn ich nicht darauf vorbereitet bin, weine ich. Wenn ich diese Spieler sehe und die Leute, wie sie mich auf Schultern tragen, werde ich emotional."

Wer jene drei Orte besucht, die Pelé im Herzen trägt, fühlt, dass er bereits eine historische Figur ist, zu Stein erstarrt. Der Mann hinter dem Namen lebt zwar noch, kann aber nichts mehr ändern.

Sein Name steht auf dem Ortseingangsschild seiner Heimatstadt. Mitten im Zentrum gibt es ein Denkmal. Ein Junge reckt den Weltpokal in die Höhe. An den Seiten: Plaketten mit den Namen der drei Weltmeistermannschaften. 1958, 1962, 1970. Ein paar Ecken weiter steht sein Geburtshaus. Die Straße heißt heute Rua Edson Arantes do Nascimento. So wie Pelé. Es gibt sein Babybett, seine erste Strickjacke, die Küche, den Esstisch, Familienfotos, ein Bild der Fußballmannschaft seines Vaters. Im Garten steht ein Denkmal: Pelés Mutter Dona Celeste sitzt im Schatten eines Baumes. Sie ist schwanger. Mit Pelé. Ihr Bauch hat die Form eines Fußballs.

Ein schwarzes Kind

Beim FC Santos gibt es Führungen bis in die Umkleidekabine. Pelés Spind ist nach seinem letzten Spiel versiegelt worden. Leute in Pelé-Trikot stehen vor der schmalen Holztür wie vor der Himmelspforte. Oben unterm Dach gibt es eine Ehrenloge für Pelé, sein Platz bleibt immer frei. Aber Pelé ist kaum da.

Pelés Aufstieg war Ende der fünfziger Jahre auch deshalb ein gesellschaftliches Ereignis, weil er schwarz war und ein Kind aus der Provinz. Einen Lederball konnte sich die Familie nicht leisten, Pelé übte mit gefüllten Socken und Grapefruits. Er verkaufte lieber Erdnüsse oder putzte Schuhe, als zur Schule zu gehen. Seine Tränen nach dem WM-Sieg in Stockholm wurden gesehen als Triumph eines Kindes, das sich aus dem Elend emporgeschossen hatte. In seinem neuen Buch schreibt Pelé: "Wir wussten nie, ob wir am nächsten Tag etwas zu essen haben würden. Und die Angst habe ich manchmal heute noch."

"Alle fragen mich, ob es schwierig war, mit 17 eine WM zu spielen, doch ich schwöre: Damals wollte ich einfach nur in dieser Mannschaft sein. Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Vater sprechen wollte, um ihm zu sagen, dass wir die WM gewonnen hatten - und wir mussten in Schweden zu einem Hauptbahnhof gehen! Ich sagte zu ihm: "Papa, wir haben die WM gewonnen. Hast du es gesehen?" Und er antwortete: "Nicht gesehen, aber gehört!" Es ist ein riesiger Unterschied. Heute schießen die Spieler ein Tor und verschicken Handküsse über die Kameras."

Auf dem Mond

Ein paar Wochen bevor die Weltmeisterschaft beginnt, wird Pelé auf Long Island zum Doktor gemacht. Er hat bereits die Ehrendoktorwürde der Universität von Edinburgh, jetzt kommt die der Hofstra University hinzu.

Im Theatersaal der Universität warten Leute in Abendgarderobe auf den Ehrengast. Ein Streichquartett spielt, die Klimaanlage bläst. Nach einer Dreiviertelstunde sagt jemand: "Pelé verspätet sich. Wir zeigen seine schönsten Tore."

Auf der Leinwand laufen alte Filmaufnahmen in Schwarz-Weiß. Einige sehen aus, als würden sie bald zerfallen. Wie Bilder von Fußballspielen auf dem Mond, auch was das Tempo angeht. Man sieht einen Jungen durch Abwehrreihen tanzen wie einen jungen Hund. Alle neben ihm wirken hüftsteif, atemlos und alt. In einer Szene tunnelt er Franz Beckenbauer, in einer anderen spielt er einen Doppelpass mit seinem Gegenspieler, er schießt ihn an wie eine Wand. Der Ball klebt ihm am Fuß, er läuft mit ihm in eine Traube von Abwehrspielern und hat ihn auf der anderen Seite der Mauer immer noch.

Pelé war schneller als seine Gegner (11 Sekunden auf 100 Meter) und sprang höher als die meisten. So bemerkenswert wie seine technischen Fertigkeiten war sein taktisches Gespür: Er konnte ähnlich viele Positionen spielen wie heute Messi, mal überraschte er als Strafraumdribbler, mal als Mittelstürmer, mal als zurückhängender Spielmacher. "Falsche Neun", eigentlich war das immer mehr seine Funktion der Zehn, je länger er spielte.

Die Menschen im Saal warten anderthalb Stunden auf dieses Wunderkind, ohne zu murren. Als Pelé hereingeführt wird, stehen sie auf und klatschen. Er trägt ein violettes Gewand. Stuart Rabinowitz, Präsident der Universität, spricht die Laudatio. Er würdigt die sozialen, kulturellen und ökonomischen Verdienste Pelés.

Dann bittet er "Doktor Pelé" ans Podium. Es wird an diesem Abend noch oft von "Doktor Pelé" die Rede sein. Es klingt immer ein wenig belustigt, so als bestaunte man einen sprechenden Hund.

Preis einer Legende

Pelé humpelt ans Mikrofon, vor Kurzem hatte er eine Hüftoperation. Er entschuldigt sich für sein Englisch. Er bedankt sich bei Gott. Er erwähnt seine Familie und seine drei WM-Titel. Er sagt: "Pelé ist ein guter Freund. Ich könnte euch den ganzen Abend Geschichten von meinem Freund Pelé erzählen."

Das klingt rätselhaft und ein bisschen unheimlich, macht aber nichts. Die Menschen im Saal jubeln. Pelé könnte dazu aufrufen, die Sklaverei wieder einzuführen. Sie würden klatschen. Es ist der Preis einer Legende. Sie wird nicht mehr ernst genommen. Man kann heute das sagen und morgen das. Pelé wird oft eingeladen, um irgendetwas einzuweihen, auszulosen oder entgegenzunehmen, und manchmal wird er etwas gefragt. Zuletzt sollte er sich zu den weltweiten Solidaritätsbekundungen für den Fußballer Dani Alves äußern, der bei einem Spiel von einem rassistischen Fan mit einer Banane beworfen wurde. Pelé fand, dass darum viel zu viel Wind gemacht werde.

"Zu meiner Zeit haben sie mit ganz anderen Sachen geworfen. Unter anderem mit Stachelannonen", sagte er.

In Deutschland wurde das pflichtgemäß vermeldet, mit der Ergänzung, dass die Stachelannone eine südamerikanische Pflanze mit stacheligen Früchten ist, die bei uns auch Sauersack genannt wird.

Interview für 2500 Dollar

Ein Fernsehinterview mit Pelé soll 50.000 Dollar kosten. Bereits für 2500 Dollar kann sich der Fragesteller filmen und später mit Pelé zusammenschneiden lassen. Für schreibende Journalisten gibt es die Möglichkeit, fünf Fragen an eine PR-Firma zu schicken und auf eine Datei mit Pelés Antworten zu warten. Dieses Angebot gibt es schon ab 250 Dollar. Ein Schnäppchen.

Das sind die Fragen:

Findet in Brasilien die letzte klassische Fußballweltmeisterschaft statt?

Werden die Bürger seines Landes die Weltbühne für große Proteste nutzen?

Ist Pelé inzwischen mehr Amerikaner als Brasilianer?

Er schreibt ja auch Lieder. Was ist das beste Lied, das er jemals komponiert hat?

Werden die im Bau befindlichen Stadien und Pelé-Museen bis zur WM fertig?

Peter Pan des Balls

Nach einer Woche kommen die Antworten als Videodatei. Pelé, 73, sitzt in dem Video vor einer blauen Wand, er sieht müde aus und hat ein Buch in der Hand. Dann beginnt er zu sprechen. Er sagt: Die WM ist nicht nur für Brasilien wichtig, sondern für die ganze Welt. Fußball ist Fußball. Politik ist Politik. Fußball ist eine Weltfamilie, alle spielen Fußball. Russland ist erfahren und weiß, was es tut. Ich zähle nicht die Tage. Ich reise viel, ich lebe praktisch im Flugzeug. Ich danke Gott für das Geschenk, Fußball spielen zu können. Musik ist Freizeit. Manchmal sage ich aber auch, scherzhaft, es ist andersrum. Wenn Gott mich lässt, werde ich es erleben. Pelé wird eines Tages gehen, die Erinnerung bleibt.

Am Ende lacht er kurz, dann geht das Licht aus.

Das Interessante ist: Man kann Fragen und Antworten wahllos mischen, ohne einen Unterschied zu bemerken. Vielleicht ist es ein Prinzip der Unverbindlichkeit. Vielleicht ist es aber auch das, was übrig geblieben ist. Fußball ist Fußball. Die Quintessenz seiner Lebenserzählung. Das Leben ist schön. Pelé ist vor 37 Jahren zurückgetreten, möchte aber immer weiterspielen. Seine kindliche Begeisterung ist ungebrochen. Er hat seit 58 Jahren denselben Friseur. Er will sich von Problemen nicht den Spaß verderben lassen. Pelé ist der Peter Pan des Weltfußballs.

Legends 10

Gerade hat er ein neues Buch veröffentlicht, es heißt: "Warum Fußball wichtig ist." Auf dem Buchumschlag sieht er aus wie Ende dreißig.

Die Buchpräsentation findet in New York statt, bei Barnes&Noble auf der Fifth Avenue. Auf der Straße warten Fans und Reporter, aber Pelé kommt durch die Tiefgarage. Es ist seit Jahren sein Weg in die Öffentlichkeit. Irgendwo auf der Welt öffnen sich Fahrstuhltüren, und Pelé knipst sein Lächeln an.

Die Türen öffnen sich im zweiten Stock des Buchkaufhauses, links und rechts neben Pelé stehen zwei Manager der Agentur Legends 10. Die Agentur sitzt in einer großen, gläsernen Suite am Times Square, hat Dependancen in Europa und Südamerika, aber nur einen Klienten. Pelé. An den Schreibtischen des New Yorker Hauptquartiers sitzen junge, schöne Menschen verschiedener Hautfarben, die aussehen, als wären sie für ein Broadway-Musical gecastet worden, an den Wänden hängen große Schwarz-Weiß-Porträts von Pelé. Die 10 in Legends 10 steht für Pelés Rückennummer. Seine beiden Begleiter könnten Pelés Enkel sein, verhalten sich aber wie seine Eltern. Sie steuern ihn zwischen den Bücherregalen hindurch.

Drei-Dollar-Sandwiches

Dann zerren sie ihn weg an den Signiertisch. Pelé sitzt da für zwei Stunden und schreibt mit dickem Filzstift seinen Namenskringel in die Bücher. Es sieht eher aus wie das Logo eines Produkts als wie eine Unterschrift, was kein Zufall ist. Pelé ist zu einer Marke geworden. Sie steht für Brasilien, für Aufstieg, Lebensfreude, Leichtigkeit. Damit kann man alles bewerben. Politik und Produkte. Sein Land hat ihn zum Sonderbotschafter der Fußballweltmeisterschaft gemacht, seine Agentur zum Markenbotschafter für Coca-Cola. Für Santander. Für Emirates. Für Carrefour, Vivo, Volkswagen und Procter&Gamble.

Pelé war der erste Fußballstar, der rund um die Erde verehrt wurde, der eine Massenhysterie auslösen konnte - und der früh anfing, diese Verehrung in Geld zu verwandeln.

Vor einigen Wochen war er in Rio de Janeiro, um ein Geschäft der Schweizer Uhrenfirma Hublot zu eröffnen. Er kam direkt aus New York, wo er gerade einen Auftritt für die Fast-Food-Kette Subway hatte. Pelé macht ja alles, Luxusuhren und Drei-Dollar-Sandwiches.

Die Firma Hublot will Südamerika erobern. Ihr erster Laden liegt in einer Shoppingmall in São Conrado, am Rande der Stadt, genau neben einer der größten Favelas. Die heißt Rocinha und klebt am Berg wie ein Wespennest. Über 80.000 Menschen sollen hier leben. Die Mall ist vor ihnen gesichert wie die Bank von England.

Schwere Lider

Eine knappe Stunde später als angekündigt hinkt Pelé auf den roten Teppich. Er hatte eine Hüftoperation und setzt jeden Schritt so vorsichtig, als beträte er dünnes Eis.

Würde er denn den Anstoß zur Weltmeisterschaft schaffen?

Pelé sagt: "Wenn ich mit rechts nicht schießen kann, schieße ich mit links. Und wenn beide Beine nicht mehr wollen, köpfe ich die WM an."

Von hinten nähert sich ein dicker Mann, mit schütterem, etwas zu langem Haar. Der Hublot-Chef. Er hat die Pelé-Uhr dabei. Sie hat einen kleinen Fußball auf dem Ziffernblatt und kostet etwa 20000 Dollar. Hublot ist auch der offizielle Zeitnehmer der WM. Pelé verschwindet kurz im Geschäft, sein lachender Kopf im Schaufenster. Er hält die Uhr wie ein Lehrling.

Nur Fragen zur Uhr, sagt das Management von Legends 10.

Die Journalisten nicken, vielleicht sind es gar keine richtigen Journalisten.

Einer fragt: "Ist denn Hublot mit dieser Uhr schon Weltmeister?"

Pelé lächelt und sagt: "Ich hoffe." Der Hublot-Chef schaut ihn an wie ein Kind, das sein Weihnachtsgedicht aufsagt. Pelés Lider senken sich, sie hängen schwer über den Augen. Er knickt die Hüfte ein, das Stehen fällt schwer. Er lächelt, als habe er Schmerzen. Er dankt Gott dafür, dass er hier sein kann. "Bei meiner Mannschaft."

Nicht stolz auf das Land

Dann schieben ihn die Manager in Richtung Tiefgarage. Ein Kamerateam verfolgt ihn, die Reporterin hat lange blonde Haare. "Pelé!", ruft sie. "Pelé!" Das Management schubst, aber Pelé bleibt stehen. Er ist ein höflicher Mann. Die Reporterin fragt nicht nach der Uhr. Pelé sagt, dass ihn der Zustand der Stadien beunruhige. Aber man solle Politik und Fußball voneinander trennen. "Brasilien hat zwei wichtige Ereignisse vor sich. Die WM und Olympia. Bitte macht diese Momente nicht kaputt."

Einer der Legends-10-Leute sagt zum anderen: We gotta move him. So als wäre Pelé ein Möbelstück. Pelé sagt noch: "Lasst den Fußball Fußball sein." Dann bewegen sie ihn weiter. In den nächsten Tagen wird er im Auftrag von Coca-Cola nach Kairo fliegen.

Am Ende steht nur noch ein großer schlanker Mann auf dem Teppich. Das ist Gustavo Kuerten, der berühmteste brasilianische Tennisspieler. Er hat dreimal die French Open gewonnen. Er ist ebenfalls Markenbotschafter von Hublot, aber er hat keine Lust, nur über Uhren zu reden.

"Pelé ist ein Held. Er hat seine Meinung, die ich respektiere. Ich habe meine", sagt Gustavo Kuerten.

"Die Zeit, in der man Brasilianer mit Fußball beruhigen konnte, ist vorbei. Unserer Regierung kann und darf man nicht vertrauen. Sie ist korrupt, selbstsüchtig, unzuverlässig. Brasiliens Wirtschaft hat in den letzten Jahren viel Geld verdient, aber der öffentliche Transport, das Gesundheitswesen und die Bildung liegen am Boden. Die Menschen haben den Confed Cup genutzt, um auf unsere Probleme aufmerksam zu machen. Sie werden das bei der WM fortsetzen. Und ich begrüße das. Als Brasilianer kann man nicht stolz sein auf sein Land."

Zico sitzt im Studio von Radio Globo 89,5 FM in Rio de Janeiro und verliert überraschenderweise nicht die Geduld. Seit zwanzig Minuten nimmt er jedes Trikot, jede Fankarte, jedes Poster, das ihm irgendwelche Mitarbeiter vom Sender hinhalten und signiert alles. Er erkundigt sich, ob eine Widmung gewünscht ist, dann posiert er für Handyfotos. Einige der Techniker und Redakteure von Globo haben ihre Söhne mit ins Studio gebracht. Die Jungs haben Zico nie spielen sehen. Sie kennen ihn nur aus den Erzählungen der Väter und den kurzen Clips auf YouTube. Zico zirkelt darin reihenweise Freistöße in den Winkel. Die Torhüter zucken nicht mal. Praktisch keiner von ihnen. Das war sein Markenzeichen. Zico konnte Torhüter einfrieren. Die 10-Jährigen hopsen aufgeregt auf der Stelle. Sie sehen aus, als sei gleich Bescherung.

Radio Globo ist kein kleiner Sender. Globo ist in Brasilien so bekannt wie bei uns das ZDF. Eine Institution, die zum größten Medienkonzern des Landes gehört und die ständig über Fußball berichtet. Es ist nicht so, dass die Leute hier nicht gewohnt sind, Stars zu sehen. Scolari, Zagallo, Ronaldo, Romário, Rivaldo, sie kommen alle vorbei. Und weil Fußball zum großen Teil aus Nostalgie besteht, werden sie alle hier freundlich verehrt. Aber so ein Menschenauflauf wie heute ist ungewöhnlich. Sogar von der Musikredaktion kommen Redakteurinnen runter. Heute ist Zico da.

Zico, 61, ist eine Legende. Ein Radiomoderator taufte ihn irgendwann Zico, weil der Rufname "Arthurzico" schlichtweg zu lang war für einen Spieler, der ständig am Ball war. Es war umständlich ihn ständig zu wiederholen. Außerdem passte der kurze, schneidige Klang des Spitznamens besser zum wuseligen Spiel dieses Spielmachers. Zico machte 88 Länderspiele für sein Land und schoss 66 Tore.

0,74 Tore pro Spiel

Nach 12 Jahren bei Flamengo in Rio de Janeiro wechselte er 1983 nach Udinese in Italien. Das Missverständnis und das erbarmungslose Getrete der italienischen Verteidiger dauerte zwei Jahre. 1985 ging er zurück nach Flamengo, wo er vier Jahre später seine Karriere vorerst beendete. Anfang der neunziger Jahre spielte er noch drei Jahre in Japan.

Für Flamengo machte Zico 568 Tore in 765 Spielen. Das ergibt die geradezu absurd hohe Quote von 0,74 Toren pro Spiel. Zico trug immer die Zehn und war Herz und Kopf der wohl besten und charismatischsten Nationalmannschaft, die Brasilien je hatte. Ein Team, das nie Weltmeister wurde und trotzdem mehr bewundert wird, als die fünf, die den Titel holten. Die nie vergessene Mannschaft von 1982. Sie stand für das schöne Spiel, die DNA des brasilianischen Fußballs, die Überzeugung, das Fußball ein Spiel ist. Kein Kampf. 13 Tore schoss Brasilien während der WM 82 in Spanien in vier Spielen. Bis zum letzten Zwischenrundenmatch gegen Italien, das bis dahin vor allem Unentschieden geholt hatte.

Brasiliens 2:3-Niederlage in diesem Spiel war so unglücklich, so unverdient, so überraschend, dass es jedem neutralen Fan das Herz brechen musste. Brasilien spielte nach vorne, obwohl ein Unentschieden genügte. Diese 90 Minuten gelten als eines der wichtigsten WM-Spiele der Geschichte. Als die Geburtsstunde des Zynismus im modernen Fußball, als Taktik, Disziplin und Defensive ihren jahrzehntelangen Siegeszug gegen Spielfreude, Angriff und Fantasie antraten.

Falsche Richtung

Zico hat sich von dieser Niederlage gegen Italien nie wirklich erholt. Bis heute ist es eine interessante, aber letztlich doch eher traurige Angelegenheit, mit Zico über das Wesen des Fußballs zu reden.

"Wir hätten 1982 die WM gewinnen sollen. Es hätte das Spiel verändert, er wäre ein schöneres geworden", sagt Zico. Er war damals Brasiliens Zehn, ein Romantiker des Fußballs, ein Freistoß- und Passgenie, der unglaublichste Spieler eines unglaublichen Mittelfelds mit Sócrates, Falcão und Toninho Cerezo.

Er ist überzeugt, dass sich der Weltfußball nach diesem Spiel in die falsche Richtung entwickelte. Italiens Mauerfußball, das Gestolpere der Deutschen 1990, die Fußball-Verweigerung der Griechen bei ihrem Europameisterschaftssieg 2004 in Portugal. Defensivfanatiker wie Mourinho und Benítez. Es war damals nicht nur eine Niederlage Brasiliens, es war eine Niederlage für den Fußball, glaubt Zico.

Das Rotlicht im Studio geht an. Der Moderator, ein lauter Typ mit gepresster Triebtäterstimme, kündigt die Sendung an. "Futebol de Verdade" heißt sie. Wahrer Fußball. Die Sendung ist neu. Künftig soll sie jeden Montag um 20 Uhr laufen. Das Konzept ist einfach: Zico redet zwei Stunden mit Juninho Pernambucano, der früher mal für Lyon gespielt hat. Über Flamengo, den Verein mit den meisten Fans in Brasilien, über die Nationalmannschaft, die so vielen Brasilianern fremd ist, weil im Kader nur vier sind, die in Brasilien spielen, über den Fußball in Spanien, in England und nur wenn wirklich Zeit ist, auch in Deutschland. Die Rollen sind klar verteilt. Juninho, der gerade seine aktive Karriere beendet hat, erklärt die Taktik, das Spielsystem und ist bestens vorbereitet.

Zico hat keine Notizen dabei, hat auch nicht vor, die Unterlagen zu lesen, die ihm die Redaktion regelmäßig schicken wird. Zico ist nicht Pelé. Er redet nicht wie ein Außenminister. Er sagt seine Meinung. Als er von 1990 bis 1991 unter Präsident Fernando Collor de Mello Sportminister war, haben ihm die meisten abgenommen, dass er den brasilianischen Fußballverband wirklich sauberer machen wollte. Er scheiterte natürlich mit seinen Reformvorschlägen und trat frustriert zurück.

Zico ist ein ruhiger, lustiger Erzähler, den Jahrzehnte im Geschäft und die Petro-Dollar, die er bis vor einigen Monaten als Trainer von Al-Gharafa in Katar verdient hat, gelassen gemacht haben.

Misere der Brasilianer

Seine Sicht auf den Fußball ist seit Jahren klar. Er möchte fröhlichen, offensiven, attraktiven Fußball sehen. Er fordert das, weil er selbst immer so gespielt hat und weil er weiß, dass es geht. Jungen fangen mit fünf an, Fußball zu spielen, weil sie Tore schießen wollen. Nicht weil sie von einer Doppelsechs träumen. Zico hat als Trainer von Japan, von Fenerbahçe Istanbul, Bunjodkor Taschkent, ZSKA Moskau, Olympiakos Piräus und Irak immer versucht, sich treu zu bleiben. Selbst mit Spielern, mit denen er besser defensiv gespielt hätte. Er war kein sonderlich erfolgreicher Trainer.

"Ich kann das nicht ändern. Es ist die einzige Art, die ich akzeptieren kann." Zico hat für sich ein Wertesystem entwickelt, mit dem er den Fußball einordnen kann. Mit dem System kann er den Fußball erklären. So auch die Misere der Brasilianer, die schon lange nicht mehr das Spiel dominieren, selbst wenn sie als Topfavorit für den WM-Sieg gehandelt werden. Zico leidet derzeit, wenn er über den Fußball in seiner Heimat reden soll.

Brasilien ist zwar noch weit davon entfernt, ein wohlhabendes Land zu sein. Es scheint aber langsam reich genug zu sein, um die Spielergehälter stark zu erhöhen. Der Fußball hat sich in dem Land sehr verändert, er wurde professioneller, moderner. Die Mannschaften entwickeln sich taktisch weiter, nähern sich dem Niveau in Europa an.

Ein Menschheitstraum

"Mit anderen Worten: Die Spiele werden schlechter." Für Zico verliert Brasilien seit einiger Zeit seine Identität. Die Wurzel, die das Land groß gemacht hat. Brasilien baute keine Autos, keine Maschinen und war von einer Wirtschaftsmacht Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem miserablen Irrenhaus geworden, das zwischenzeitlich von einer degenerierten Militärjunta regiert wurde. Aber Brasilien hatte den Fußball. Brasilianer mussten sich für viele Dinge schämen. Für die Gesundheitsvorsorge, für das Schulsystem, für ihre Politiker, aber nie für ihren Fußball. Er war Ausdruck ihrer Identität auf dem Platz. Er war Teil ihrer Selbstbewusstseins. Leute wie Zico wissen das und sind stolz darauf, es zu repräsentieren. Und Fans in aller Welt haben Brasilien für diesen Fußball geliebt, weil es um den Menschheitstraum geht, der gut hundert Jahre alt ist: den Ball doch der Kontrolle des unbeholfenen Fußes zu unterwerfen. Das gelingt allenfalls für Momente, und die Begeisterung für Fußball speist sich im Wesentlichen aus der Erinnerung an die wenigen großen Momente der Kontrolle und der Sehnsucht nach den nächsten.

"Die jungen Spieler sind körperlich so gut wie nie", sagt Zico. Aber technisch und spielerisch sei das Niveau gesunken. Es bricht ihm das Herz. Zico versteht das alles nicht. Wenn es stimmt, dass Fußball immer mehr zu einem Produkt wird, warum dann nicht wenigstens zu einem schönen? Warum freute mancher sich so, als der sogenannte Barça-Code geknackt wurde? Als das Team die Magie verlor? Warum freut man sich, dass Mannschaften nach einer kurzen Ära des Spektakels derzeit wieder verstärkt auf Konter setzen, auf Defensive, auf Kampf.

Der böse Fußball

Zico wird immer sein "Jogo Bonito" verteidigen. Er klammert sich daran, weil es die einzige Art ist, wie er Fußball versteht. Seine Ideologie, die er mit Leuten wie Guardiola, Menotti, Wenger, Cruyff und Bielsa teilt. Ein Fußball, der auf Technik, Inspiration und Talent basiert. Ein Fußball, der es immer schwer hatte, weil er so verletzlich ist und der eigentlich schon tot schien, spätestens, als für Brasilien Leute aufliefen, die Lúcio und Dunga hießen. Zico fürchtet, dass jetzt wieder die Zeit des effizienten, kalkulierten Fußballs kommt, der sehr sinnvoll ist, wenn man den Sinn des Spiels nur darin sieht zu gewinnen.

"Ich bin lange dabei und kann sicher sagen, gewinnen ist nicht alles", sagt Zico.

Er fürchtet, dass "der böse" Fußball, der am Trikot zupft, der mal so richtig dazwischenhaut, der keine Kompromisse macht, das dieser Fußball sich wieder durchsetzt. Dynamischer und härter als zuvor. Das Halbfinal-Hinspiel der Champions League zwischen Atlético Madrid und dem FC Chelsea aus London war ein gutes Beispiel. 90 Minuten Fußballverweigerung auf höchstem Niveau. Ein Orchester der Kraft, des Willens, das sich mit Kontern, Zweikämpfen, Standards und einem 0:0 begnügt.

Zico ist das alles zuwider. Er war ein schmächtiger Spieler, den Flamengo mit 14 Jahren ablehnen wollte, weil er nur 144 Zentimeter groß war. Er bekam Kraftnahrung und wurde zum Mann, der die meisten Tore im berühmtesten Stadion der Welt schoss. Jeder ernsthafte Carioca, der Flamengo-Fan ist, kennt die Zahlen: Zico schoss 333 Treffer in 435 Spielen im Maracanã. Ein unerreichter Wert.

Nach der Sendung verlässt Zico das Gebäude. Vor dem Tor hat sich eine Traube von Menschen gebildet, die auf ihn warten. Sie haben ihn im Radio gehört und sind hergekommen. Es sind viele, über 50. Zico nimmt sich wieder unendlich viel Zeit.

Der Deutsche

Der Moderator der Sendung läuft irgendwann aus dem Gebäude und winkt Zico herüber. "Kürzlich war Dunga da", sagt er, "da stand hier kein Mensch."

Dunga war ein defensiver Mittelfeldspieler, der für seine kompromisslose, harte Spielweise bekannt war. Der eine Zeitlang beim VfB Stuttgart spielte. In Brasilien nennen sie ihn darum "O Alemão". Den Deutschen. 1994 wurde Dunga mit Brasilien Weltmeister.

Wie oft gab es in den letzten beiden Jahrzehnten die brasilianischen Momente in einem Spiel der Brasilianer? Brasilien ist zur Illusion geworden. Sie wird während einer WM entlarvt, weil eine WM das ehrlichste Ereignis im Fußball ist.

Zwischen den großen Turnieren entsteht das breite Bild vom Fußball im Fernsehen vor allem durch Zusammenfassungen und berauschende Tore. Eine Weltmeisterschaft ist dagegen eine ehrliche Leistungsschau, da schaut die ganze Welt den 90-Minuten-Vergleich der Nationen.

Deshalb enttäuscht Brasilien oft bei den Turnieren, gemessen an der Erwartung und dem Menschheitstraum von der Macht des Fußes über den Ball. Man will nicht mehr in Schönheit sterben, wie so häufig von 1974 bis 1990.

Auf so einen hatte die Fußballwelt lange gewartet. Maradona - ein Kokser, Ronaldo - ein Dauerpatient, Beckham - ein Poser, Rivaldo - zu flatterhaft. Am 24. Juli 1999 steht ein 19-Jähriger mit zwei vorstehenden Frontzähnen im Strafraum der deutschen Mannschaft und wartet in der Mittagshitze darauf, dass ein deutscher Abwehrspieler ihn oder einen seiner Mitspieler foult. In der Abwehr spielen Christian Wörns, Thomas Linke und Jörg Heinrich.

Der Junge im gelben Trikot steht da wie der König des Fußballs. Als sein Mitspieler Warley heranspurtet, lupft Ronaldinho den Ball kurz mit dem Außenriss, sodass er genau vor Warleys Füße auf den Rasen tropft. Foul. Elfmeter. Ronaldinho trifft zum 2:0 für Brasilien, am Ende steht es 4:0. Während des Turniers, es ist der Confederations Cup, schießt Ronaldinho in fünf Spielen sechs Tore.

Ronaldo de Assis Moreira ist einer der ganz wenigen Spieler, die dem Fußball etwas Neues hinzufügen, die etwas Ungekanntes, Ungesehenes vollbringen; Dribblings, Pässe und Schüsse, die einen verzaubern können.

Niemand hat so viel Spaß daran wie er selbst.

Komische Körperfinten

Virtuos am Ball, explosiver Antritt, komische Körperfinten, lässige Sambaschritte, unsichtbare Pässe, erstaunliche Tore, stets gut gelaunt - ein Jahrhundertfußballer, so wurde er genannt. Er war Weltfußballer der Jahre 2004 und 2005, er war Weltmeister mit Brasilien 2002, Spanischer Meister mit dem FC Barcelona 2004/2005 und italienischer Meister mit dem AC Mailand. Doch sein Jahrhundert war schnell vorbei, er reihte sich ein in die Mannschaft der Superstars, deren Karriere nach kurzem Hoch auf mysteriöse Weise steil nach unten kippte.

An seiner Seite immer Roberto de Assis Moreira, genannt Assis. Ein Ex-Profi, der mal mit dem FC Sion Schweizer Meister wurde und einer der unangenehmsten Verhandlungspartner ist, die es im Profifußball gibt. Er ist Ronaldinhos älterer Bruder, seit Jahren sein Manager. Kein Vertrag, kein Sponsorentreffen, kein Benefizspiel mit Ronaldinho, ohne dass Assis zustimmt.

Er hat alle großen Verträge ausgehandelt. Den Wechsel 2001 vom Heimatklub Porto Alegre zu Paris Saint-Germain (Ablöse: rund 5 Millionen Euro), nach zwei Jahren weiter zum FC Barcelona (rund 30 Millionen Euro), dann 2008 zum AC Mailand (25 Millionen Euro). Auch den legendären Vertrag mit Nike hat Assis geschlossen. Der Sportausrüster hatte in seiner Geschichte nur vier Sportlern eine eigene Kollektion gewidmet. Dem Golfer Tiger Woods, den Basketballern Michael Jordan und LeBron James und Ronaldinho.

Barcas KIndergarten

Als Ronaldinho 2003 nach Barcelona kam, schuf der heutige Präsident Sandro Rosell eine neue Abteilung, eine Mischung aus Kindergarten und Beratungsstelle. Die Abteilung hatte eine offizielle und eine inoffizielle Aufgabe. Die offizielle war, alle Barça-Spieler in nicht-sportlichen Angelegenheiten zu betreuen. Interviewanfragen, Wohnungssuche, Behördengänge. Die inoffizielle Aufgabe war, Ronaldinho in den Griff zu bekommen. Man wusste, dass Ronaldinho nicht einfach war. Aber auch Barcelona ist kein feiger Verein. Sie hatten den bulgarischen Exzentriker Christo Stoitschkow überlebt, auch Diego Maradona, die Brasilianer Romário und Ronaldo.

Juan José Castillo wurde von der Pressestelle abgezogen und zum Leiter der Abteilung ernannt. Er war in den nächsten dreieinhalb Jahren Ronaldinhos Babysitter. Dreieinhalb Jahre lang war es die Nummer von Castillo, die Ronaldinho wählte, wenn es ein Problem gab. Das Telefon klingelte oft.

"Ich besorgte Damenbinden für eine Partybekanntschaft, fuhr den Pass zum Flughafen, weil alleinreisende Spieler oft nicht wissen, dass man den braucht, um in ein fremdes Land zu fliegen. Ich kümmerte mich um seine Mutter, um die 30 oder 40 Freunde und Bekannte aus Brasilien, die regelmäßig zu Besuch kamen. Anfangs koordinierte ich in Absprache mit Assis auch PR-Termine."

Castillo hat eine Weile überlegt, ob er wirklich über Ronaldinho sprechen solle. Es gibt ein Bild von ihm und Ronaldinho, auf dem beide lachen und sich umarmen. Castillo hat es noch immer in seinem Wohnzimmer stehen. Er mag den Jungen.

Statue verbrannt

Was also ist mit diesem unbeschwerten, dauergrinsenden Jungen aus Porto Alegre 2006 nach der WM in Deutschland passiert?

"Ronnie hat gemerkt, dass sein Leben nicht ihm gehört", sagt Castillo, ohne zu zögern. "Typen in Anzügen, die für einen Multimillionenkonzern arbeiten, bestimmen, was du mit deiner Zeit machst." Ronaldinho mochte die Typen nicht, nicht ihre Anzüge, nicht ihre Terminpläne.

Ronaldinho veränderte sich und fing nach der WM in Deutschland an, etwas zu machen, was er bis dahin nie getan hatte. Er dosierte die Anstrengung. Vermutlich hatte er erwartet, dass nach alldem, was er erreicht hatte, Dankbarkeit zurückbleiben würde.

Der Fußball generiert keine Dankbarkeit nach einem Sieg, er generiert Erwartung, und wird die nicht erfüllt, Enttäuschung. Ronaldinho hat das nie verstanden. Vielleicht dachte er, dass man irgendwann fertig ist nach getaner Arbeit. Job gut gemacht, dann geht man feiern. Es ist ein nachvollziehbarer Gedanke.

Ronaldinho spielte eine schwache WM in Deutschland und wurde hart kritisiert, vor allem in seiner Heimat. Eine rund sieben Meter hohe Statue, die eine südbrasilianische Gemeinde zu Ehren Ronaldinhos aufgestellt hatte, wurde nach dem Ausscheiden der Brasilianer verbrannt.

Die Fans, die Medien, die Sponsoren verlangten mehr Tore, mehr Titel, und vermutlich fragte sich Ronaldinho, wem er, der unverheiratete Weltfußballer, Rechenschaft schuldig war? Er hatte seine Familie reich gemacht, sich bei seinem Bruder für die Hilfe revanchiert, er versorgte seine ganzen alten Freunde von früher. Thiago, sein Kumpel von einst, war sein Fahrer. Er war niemandem was schuldig.

Es war sein Talent. Er konnte damit machen, was er wollte. Er konnte es im besten Fußballeralter auf dem Trainingsplatz pflegen oder beim Limbo mit einem Gin Tonic in der Hand wegwerfen. Er verdiente 2006 geschätzte 26 Millionen Euro, niemand bekam mehr, nicht Beckham, nicht Zidane, nicht Ronaldo. Von so jemandem ultimativen Einsatz zu fordern musste Ronaldinho vorkommen, als würde man einen Lottogewinner bitten, Überstunden zu machen.

Vielleicht ist das der Irrtum. Man kann es nicht verlangen. So wie man es von Elvis Presley, Diego Maradona oder Marilyn Monroe nicht verlangen konnte. Ronaldinho war zu groß geworden, um Grenzen einzuhalten, die andere setzen. Man kann einem Mann nicht jeden Tag sagen, dass ihm die Welt gehört, und sie ihm dann verwehren.

"Es kamen ganze Charterflüge mit Frauen aus Porto Alegre", erzählt Castillo. "Ich habe mich irgendwann geweigert, zu seinen Partys zu gehen. Es lief alles komplett aus dem Ruder."

Nach Brasilien abgeschoben

2008 wurde Ronaldinho nach Italien abgeschoben. Dort feierte er so wild weiter, dass der AC Mailand nervös wurde. Mailand ist kein feiger Verein, sie haben dort keine Angst vor schwierigen Fußballern. Antonio Cassano und Kevin-Prinz Boateng spielten für Mailand. Mailands Boss, Silvio Berlusconi, stellte Ronaldinho vor die Mannschaft und rang ihm das Versprechen ab, künftig weniger zu feiern.

Anfang 2011 schoben sie Ronaldinho dann zurück nach Brasilien, ohne viel Ablösegeld von seinem neuen Verein zu verlangen, nur noch etwa drei Millionen Euro. In den ersten Wochen in Brasilien spielte Ronaldinho gut, er wurde sogar erneut in die Nationalmannschaft berufen. Aber die Form hielt nicht lange. Zuerst waren es nur harmlose Sambabilder im Karneval, später wurde er so oft in Nachtklubs gesehen, dass sein Verein eine 24-Stunden-Hotline einrichtete. Wer den Star beim Feiern sah, sollte sich melden und den Standort durchgeben.

Ronaldinho verlegte die Party nach Hause. Er wohnt auf 850 Quadratmetern in Barra, im Westen Rios. Anwohner riefen oft die Polizei wegen Ruhestörung. Sie hatten wegen des ständigen Lärms Angst um die Grundstückspreise in der Gegend. Kurz vor Saisonende tauchte ein Video auf, das Ronaldinho bei intimer Betätigung zeigt. Ronaldinho war vom Sportteil in die Klatschspalten gerutscht. So wie davor in Barcelona und in Mailand.

In Wahrheit war es bisher ein recht kontrollierter Absturz, den Ronaldinho hingelegt hat. Er ist kein Sócrates, der brasilianische Mittelfeldstar der Achtzigerjahre, der sich totgesoffen hat. Kein Paul Gascoigne, dem das vielleicht noch bevorsteht, kein Diego Maradona, den nur ein Wunder am Leben gehalten hat.

Vater ertrunken

Allerdings ist er auch noch jung. In seinem Alter wurde Maradona noch "Südamerikas Fußballer des Jahres". Einer der Gründe für Ronaldinhos langsameres Siechtum ist sicherlich sein Bruder Assis. Er ist der wichtigste Mensch in seinem Leben.

Als Assis von Grêmio, dem bekanntesten Verein ihrer Heimatstadt Porto Alegre, einen Profivertrag bekam, war Ronaldinho noch ein kleiner Junge. Assis und die Familie zogen in ein Haus mit Pool. Als Ronaldinho acht war, ertrank ihr Vater, João Silva Moreira, in diesem Pool. Ronaldinho hatte seinen Vater vergöttert, noch Jahre später erzählt er, dass er vor jedem Spiel für Brasilien ein Video des Vaters anschaut. Assis war damals 18 und übernahm Joãos Rolle. Er sorgte für die Familie. Ronaldinho wurde in einer Favela geboren, wuchs aber dank des Geldes, das Assis verdiente, in einem schönen Haus auf. Ronaldinho hat das nie vergessen.

Assis hat sich eine ruhige Ecke in einer Hotelbar in São Paulo gesucht und einen Martini bestellt. Ronaldinho ist oben im Zimmer, er gibt Journalisten keine Interviews mehr. Vom Hotel Emiliano ist es nicht weit zu Armani, Dior, Versace, Bulgari und all den anderen Spielzeugläden der Reichen. Es ist Ronaldinhos Lieblingshotel in São Paulo.

Assis ist ein etwas übergewichtiger Mann, der seinem Bruder ähnelt. Die Frontzähne, die großen Augen, die Piepsstimme, alles gleich. Und auch die Vorliebe für gute Partys teilt er. Gern in Anwesenheit mehrerer- falls möglich blonder - Frauen, die alle etwas größer sein sollten als er selbst.

Den Verein retten

Assis legt vier Handys auf den Tisch. "Mein Büro, mehr braucht man in diesem Geschäft nicht. Nur die richtigen Telefonnummern da drin."

Warum spielt Ronaldinho so schlecht? Nur die Partys?

Assis gefällt die Frage nicht. "Er ist nicht dafür da, gut zu spielen. In Barcelona musste er den ganzen verdammten Verein retten. Barcelona war pleite, als sie ihn holten. Real Madrid hatte die Galácticos, Barça hatte Ronaldinho. Er hat sie allein gerettet. Allein."

Assis hat recht, und nicht mal in Barcelona bezweifeln sie das. Das war aber nicht die Frage.

"Dann Mailand. Die gewinnen nichts. Berlusconi und Bunga-Bunga-Partys, also holen sie Ronnie. Schon kann man über jemanden schreiben".

Früher, als Ronaldinho noch bei Barcelona spielte und jede vergebene Torchance, jede Pressekonferenz, jedes Interview eine Gelegenheit war zu lachen, hatten sich die beiden die Ronnie-Show aufgeteilt. Ronaldinho, vollgestopft mit Fantasie und guter Laune, ließ mit Dribblings und Surfergruß nach Toren alle glauben, auch der moderne Fußball sei ein romantisches Spiel, das nur der Freude dient. Assis sorgte im Hintergrund dafür, dass die Sponsoren nie vergaßen, dass das nicht stimmt.

Zwölf Millionen Treffer

Assis merkte, dass Ronaldinhos Talent nicht nur in den Füßen liegt. So wie Beckhams Talent nicht nur seine Flanken waren. Beckham hatte sein Aussehen, Ronaldinho sein Lachen. In Europa war damit nicht mehr viel zu holen. In Brasilien aber ist das anders. Das Lachen, der Surfergruß, die Euphorie im Vorfeld der Fußball-WM in Brasilien. Assis beschloss, diesen Cocktail einem Land anzubieten, das wirtschaftlich boomt und so viel für Fußballstars zahlte wie nie zuvor.

Assis ruft in einem seiner vier Handys eine Internetseite auf. Die Seite zählt, wie oft der Name eines brasilianischen Prominenten in den letzten 24 Stunden im Netz eingegeben wurde. Ronaldinho führt die Liste der Männer an. Zwölf Millionen Treffer.

"Zwölf Millionen, darum geht's. Die Partys, die Klubs, alles unwichtig."

Wie viele Trikots mit dem Namen Ronaldinho sind gekauft worden? Etwa eine Million. 63 Prozent der Einnahmen gehören Ronaldinho. Womöglich ist es nur ein großes Missverständnis. Alle denken, der arme Kerl, das letzte Genie vor Messi, sei zum Sterben nach Brasilien gegangen.

Und der Fußballer Ronaldinho, der Zehner des 21. Jahrhunderts? Ist mit seinem neuen Verein Atlético Mineiro bei der Klub-Weltmeisterschaft sensationell an Raja Casablanca gescheitert, worauf der Trainer seinen gerade verlängerten Vertrag kündigte und zu einem chinesischen Klub wechselte.

Ronaldinhos Hoffnung - auch die seines Bruders - bei der WM ein letztes Mal im Nationaltrikot große Kasse zu machen, zerschlug sich. Nun möchte der Fußballer bei den WM-Touristen kassieren: Er vermietet auf der Internetplattform Airbnb seine Villa in Rio (5 Schlafzimmer, 6 Badezimmer, Pool) für 11.357 Euro pro Nacht. Und er verspricht E-Mail-Kontakt während des Aufenthalts.

Das Time-Magazine schrieb Anfang des Jahres, dass "Druck" das sei, was Neymar da Silva Santos Júnior, das derzeit größte Talent des brasilianischen Fußballs, "zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendessen" zu sich nehme. Und offenbar um genau diesen Druck noch ein wenig zu erhöhen, setzte "Time" einen entschlossen schauenden Neymar aufs Cover und stellte fest: "The next Pelé".

Viele Brasilianer haben sich diese Frage auch gestellt. Er ist es noch nicht, aber ja, er könnte es werden. Er könnte tatsächlich dieses Gottesgeschenk sein, auf das Brasilien so lange wartet: Neymar, der neue Pelé. Explosiv, trickreich und wahnsinnig, wahnsinnig schnell. Mit elf wurde er erstmals Wunderkind genannt, mit 14 wollte ihn Real Madrid nach Spanien holen, mit 19 war er Südamerikas Fußballer des Jahres, mit 20 wurde er es gleich wieder. Er führte seinen Verein, den FC Santos, praktisch alleine zum Sieg der Copa Libertadores, der südamerikanischen Version der europäischen Champions League. Neymar zeigte immer wieder, dass er auf den ersten zwei, drei Metern praktisch jedem Verteidiger der Welt genug Raum abnehmen kann, sodass er ohne Foul nicht mehr zu stoppen ist. Er hat nicht Messis Instinkt vor dem Tor, schon gar nicht Ronaldos brachiale Dynamik, aber er hat mehr Fantasie. Er ist der brasilianische Traum eines Fußballers.

Darum der Preis: Neymar wird die Zehn tragen bei der wichtigsten WM seit der Finalniederlage gegen Uruguay 1950 im Maracanã. Das schwerste Trikot, das der internationale Fußball zu vergeben hat. Getragen von einem 22-Jährigen, der 64 Kilo wiegt.

Maulfauler Irokese

Ins Unermessliche gesteigerte Erwartungen sind der Preis, den jeder brasilianische Fußballstar für die Liebe des Fans zu zahlen hat. Druck gehört zum Beruf. Aber das, was von Neymar erwartet wird, ist mehr als ein Sieg. Man will Erlösung von ihm. Brasilien muss die Heim-WM gewinnen. Muss. In der brasilianischen Politik ist es kein Geheimnis, dass die linke Regierung davon ausgeht, dass die Chancen für eine Wiederwahl mit einem WM-Sieg des Landes steigen. Es hängt viel mehr von Neymars Auftritt ab, als der Gewinn einer Meisterschaft.

Wenn man wirklich verstehen will, wie hoch dieser Druck ist, sollte man nicht Neymar selbst fragen. Neymar ist kein guter Interviewpartner. Er ist jung. Er mag Salsa, er mag den Karneval und er mag es, wenn man ihn in Ruhe lässt. Ein junger, etwas maulfauler Mann, der auf Tattoos und seltsame Irokesenfrisuren steht. Die einzige zuverlässige Reaktion, die er dem unglaublichen Erwartungsdruck entgegenbringt, ist ein Lächeln. Seine Antworten klingen einstudiert, als habe sie ihm sein Sponsor Nike diktiert. Neymar spricht "von der großen Ehre", sein Land bei der WM repräsentieren zu können, vom Druck als einen "Teil dieses wunderbaren Sports Fußball", von seinem Wunsch, "die Erwartungen in einen brasilianischen Traum" verwandeln zu können. Neymar kann oder will nicht in Worte fassen, was das Tragen der Nummer zehn während einer Heim-WM in Brasilien bedeutet.

Man sollte stattdessen mit jemandem sprechen, der Nationalspieler war und sich zumindest vorstellen kann, was Brasilien wirklich von seinen elf Erwählten auf dem Platz erwartet. Man sollte mit dem ehemaligen Bayern-Spieler Lúcio sprechen, der zurzeit bei Palmeiras in São Paulo spielt.

50 Jahre Haft

"Sagt Ihnen der Name Moacyr Barbosa etwas", fragt Lúcio, der gerade vom Mannschaftstraining kommt und zu einem der wenigen Menschen gehört, die in der Realität größer wirken als im Fernsehen. Lúcio ist vor ein paar Minuten noch gesprintet, jetzt wirkt er wieder, als habe er den Nachmittag in der Hängematte verbracht.

Moacyr Barbosa war zu seiner Zeit, also in der fünfziger Jahren, einer der besten Torhüter der Welt. Beim entscheidenden Spiel bei der WM 1950 im eigenen Land, im Maracanã, zeigte er beim völlig überraschenden 2:1-Sieg der Uruguayer eine winzige Schwäche beim zweiten Tor. Das Wort Barbosa ist heute in Brasilien ein Synonym für Verlierer. Einer seiner berühmtesten Sätze, die er kurz vor seinem Tod sagte, hieß: "Die höchste Strafe in Brasilien sind 30 Jahre Haft. Ich erhielt 50 Jahre, weil ich einen Ball nicht gehalten habe."

Lúcio ist Innenverteidiger, er war einer der Besten auf dieser Position, und auf die Frage, ob es ihn nicht ärgere, für die WM im eigenen Land mittlerweile zu alt zu sein, antwortet er: "Nein, ich hatte meine Zeit. Die WM hier ist eine tolle Sache für einen brasilianischen Spieler. Aber man macht sich in Europa keine Vorstellung davon, was passiert, wenn man einen entscheidenden Fehler macht und Brasilien ausscheidet."

Den Druck, den Neymar auszuhalten hat, wolle er sich gar nicht vorstellen. Das sagt einer wie Lúcio. Profi bei den Bayern, Profi in Mailand. Meister in Deutschland und Italien, Champions-League-Sieger, Weltmeister.

100 Millionen Ablöse

"Glauben Sie mir, wenn Sie für das Ausscheiden verantwortlich gemacht werden, dann reicht es nicht, wenn nur Sie das Land verlassen. Am besten, Sie nehmen ihre Familie mit".

Für den jungen Pelé war die Niederlage 1950 ein Schock, der sich in die Gesichter der Erwachsenen fraß. "Ich sah zum ersten Mal meinen Vater weinen - wegen dieser Niederlage", sagt Pelé. "Ich war neun oder zehn Jahre alt und erinnere mich, wie ich ihn neben dem Radio sah. Ich sah ihn weinen und fragte ihn: "Warum weinst du, Papa?" Und er antwortete: "Brasilien hat die WM verloren." Dieses Bild von 1950 hat sich mir eingeprägt. Es war das erste Mal, dass ich so viele traurige Menschen und so viele Tränen sah."

Als der Final-Torwart Barbosa Jahre nach dem Finale im Maracanã bei einem Freundschaftsspiel in die Kabine der brasilianischen Nationalmannschaft wollte, um den Spielern Glück zu wünschen, wurde es ihm nicht erlaubt. Dieser Mann bringe Unglück, hieß es.

Jeder in Brasilien erwartet, dass Neymar, den sie "Joia" rufen, Juwel, seinem Land den Sieg schenkt. Man hat seine schlechte Saison in Barcelona gesehen und die Schuld in der Umstellung auf den europäischen Fußball gesucht, bei dem Skandal um seine Ablöse, die Barcelona offenbar nicht wie offiziell behauptet, 57 Millionen Euro kostete, sondern 100 Millionen.

Brasiliens Trainer Scolari sagte, dass die Spanier "Neymar nun mal nicht zu schätzen" wüssten, in Brasilien sei das anders. In Barcelona ist man nicht zufrieden mit ihm. Einige sagen sogar, mit seiner Verpflichtung hätten der Niedergang von Barça erst richtig begonnen.

Dabei hat Neymar wirklich versucht, sich anzupassen. Er hat so oft in dieser Saison quergepasst wie in den zehn Jahren zuvor bei Santos nicht. Er spielt in Barcelona auf einer Position, die nicht seine ist, und fiel zwei Monate wegen Verletzungen aus. Dennoch machte er 15 Tore. Allerdings sind in Barcelona die Erwartungen auch enorm hoch: Lionel Messi wurde ebenfalls hart kritisiert. Von einer "Urlaubssaison" war die Rede. Davon, dass er sich für die WM schone, um endlich größer als Maradona werden zu können. Dennoch schoss Messi in dieser "missratenen" Saison in allen Wettbewerben 41 Tore. Am letzten Spieltag, nach dem Unentschieden gegen Atlético Madrid, wurde er ausgebuht.

In Europa hat Neymar seine Sololäufe, seine Tricks und Finten kaum zeigen können. Die Verteidiger in Europa haben alle von ihren Vereinen kleine Studien-CDs bekommen, in denen ihnen gezeigt wird, wie man Neymar stoppen kann. Vor allem mit Härte und einem Pressing, das in Brasilien niemand spielt.

Taktisch foulen

In Santos hat er es geliebt, den Fuß auf den Ball zu legen, und mit dem Verteidiger eine Eins-gegen-eins-Situation zu suchen. Die Fans haben das geliebt. Das Spiel kam praktisch zum Stillstand. Neymar machte zwei, drei, vier, fünf Übersteiger, täuschte rechts, täuschte links und versuchte schließlich seinen Gegner zu tunneln. Meist gelang es ihm.

Im System der Nationalelf trägt er zwar die Zehn, spielt aber auf der linken Angriffsseite, in der offensiven Zentrale verteilt Oscar die Bälle. Neymar hat alle Freiheiten, ähnlich wie Messi in der argentinischen Elf. Der stärkste Mannschaftsteil der Brasilianer ist die Viererkette, ihre Glieder spielen alle in Europa, bei Real Madrid, bei Chelsea, Paris Saint-Germain und Barcelona.

Mit viel Ballbesitz den Gegner zermürben, bei Ballverlust sofort pressen und taktisch foulen, mit den dynamischen Außenverteidigern über die Flügel kommen, mit überlegener Physis den Gegner schließlich bezwingen - 19 der 23 Spieler im Kader sind von europäischen Trainern wie José Mourinho darauf getrimmt, möglichst unbrasilianisch zu spielen.

22,6 Millionen Fans

In Europa wird Neymar ausgelacht, wenn er den aufwendig schnell gehaltenen Spielfluss unterbricht, um ein Tänzchen zu wagen. In Barcelona darf nur einer tanzen, Lionel Messi, und der macht so etwas nicht. Er sucht den direkten Weg zum Tor.

In Brasilien ist Neymar mehr als ein Spieler, er ist ein Popstar. Auf Facebook hat er 22,6 Millionen Fans, auf Twitter folgen ihm 10,6 Millionen Menschen, seine YouTube-Videos werden millionenfach angeklickt. Er ist eine Marke. Er macht Werbung für Banken, für Sportartikel, für Mobilfunkanbieter, für Haarprodukte, für Uhren, für Getränke, für Elektrogeräte, für Autos, für Herrenkosmetik, für Unterhosen, für Brillen, für Computerspiele, für Lutschbonbons, für Kartoffelchips und noch einiges mehr. Niemand verdient mehr mit Werbung. Sein Vater, der sich gern zusammen mit seinem Sohn bei Fotoshootings abbilden lässt, hat mit dem Wechsel seines Sohnes zu Barcelona rund 40 Millionen Euro verdient. Neymar Senior gehören mittlerweile mehrere Firmen, in denen sich etwa 60 Leute um die Marke Neymar kümmern.

Das alles wird noch viel mehr werden, wenn Neymar die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt. Er soll die WM gewinnen. Zwar möchte Trainer Scolari die Last auf den Schultern des Jungen etwas lindern und sagt seit Kurzem in Interviews, dass Neymar "doch nur ein ganz normaler Spieler im Kader sei", aber das glaubt er vermutlich selbst nicht. Neymar ist das genaue Gegenteil davon, er ist Brasiliens Nummer zehn. Er trägt das Pelé-Trikot.

Die Schande von 1950

In New York, zur Signierstunde bei Barnes & Noble, kommt Pelé eine Stunde zu spät. Die Frauen sehen müde aus, die Kinder quengeln. Es erinnert an den Warteraum einer Notaufnahme. Pelé streichelt die Frauen und küsst die Kinder. Seine Agenten schauen die fremden Leute an, als wären sie exotische Tiere.

In diesen Momenten der Verwirrung hat man die Gelegenheit, Pelé eine kostenlose Frage zu stellen. Was sagt er zum Spiel des FC Barcelona, das an diesem Nachmittag stattgefunden hat? Pelé schaut erstaunt.

"Keine Zeit für Fernsehen", sagt er.

Neymar, der einst für den FC Santos spielte wie er, hat ein Tor geschossen.

"Gut", sagt Pelé. Eine Frau hält ihm ihr Kind hin, als sollte er es segnen. Pelé küsst dem Baby auf die Stirn.

"Ich möchte nicht an das denken, was 1950 geschah," sagt Pelé. "Der Fußball ist eine Trickkiste, und es gewinnt nicht immer der Beste. 1982 zum Beispiel war Brasilien die beste Mannschaft, doch wir verloren gegen Italien und schieden aus." Und wenn Neymar dem Druck nicht standhält? "Ich möchte nicht daran denken, wie die Situation in Brasilien sein wird."

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