Brasilianische Spielmacher Die verfluchte Zehn

Wer Peles Trikot mit der Nummer 10 trägt, auf dessen Schultern lasten die Hoffnungen von 190 Millionen Brasilianern. Zico und Ronaldinho ging es so, nun muss Neymar ihnen den Titel holen.

Von , Juan Moreno, Alexander Osang und Cordt Schnibben


Die verfluchte Zehn

Ein WM-Spezial von
Dirk Kurbjuweit, Juan Moreno, Alexander Osang und Cordt Schnibben

In Brasilien wird jeder, der das Nationaltrikot mit der Nummer 10 trägt, an Pelé gemessen. Wer sich Pelé, Zico, Ronaldinho und Neymar genau anschaut, erfährt viel darüber, wie sich der brasilianische Fußball in einem halben Jahrhundert verändert hat.

Wenn Pelé über Fußball und Brasilien spricht, spricht er über schöne Erinnerungen. Es ist Abend in Rio de Janeiro. Er sitzt in einem Hotelzimmer in Ipanema. Er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover unter einem schwarzen Anzug, auf der Brust eine goldene Kette mit Kruzifix. Pelé sieht aus wie ein Wanderprediger, und er klingt auch so. Er spricht von seinen drei Weltmeistertiteln und dem 1000. Tor. Hunderttausend Leute im Maracanã in Rio. Ausgerechnet ein Elfmeter. Er dachte zunächst, dass ein Elfmeter kein gutes 1000. Tor wäre.

Aber inzwischen weiß er: "Gott hat das Spiel angehalten. Damit die Welt zuschauen kann."

Zehn Zuhörer sitzen vor ihm wie seine Messdiener. Man sitzt dabei und unterbricht ihn nicht, weil man das Gefühl hat, es gehöre sich nicht. Er habe gestern Nacht mit Gott gesprochen, sagt Pelé. Sie hätten über die anstehende WM geredet. Die Spanier sind gut, die Deutschen auch, man muss immer mit den Argentiniern rechnen. Aber natürlich hofft Pelé auf Brasilien. Er hat eine Wohnung in Manhattan, ein Haus in den Hamptons, aber seine Herzen sind in Brasilien. Alle. Er hat drei.

"Meine Geburtsstadt ist Três Corações, das heißt drei Herzen. Und ich habe drei Herzen in meiner Brust", sagt Pelé. "Meinen Heimatort, den FC Santos und das Maracanã."

Dreimal Weltmeister

Schon als der 15-jährige schlaksige Junge vom Trainer seiner Jugendmannschaft 1956 beim FC Santos vorgestellt wurde, sprach er davon, dieses Talent verspreche, einmal "der größte Fußballer der Welt zu werden". Pelé hatte bis dahin 148 Tore in 33 Spielen geschossen.

Als Pelé im Oktober 1977 sein letztes Spiel für Cosmos New York bestritt, hatte er in 1366 Spielen 1283 Tore erzielt, war mit dem FC Santos zehnmal Meister des Bundesstaates São Paulo geworden und mit der Nationalmannschaft dreimal Weltmeister (1958, 1962, 1970).

Wer sich heute auf YouTube Pelé-Tore und Pelé-Spielzüge anschaut, kann kaum ermessen, warum die Fifa ihn zum Fußballer des 20. Jahrhunderts kürte. Am aussagekräftigsten ist ein Video, das die brutalsten Fouls gegen ihn zeigt. Seit er im WM-Finale 1958 in Stockholm den Ball mit der Brust stoppte, ihn cool über den Abwehrspieler hob und den Ball volley ins Netz drosch, prägte er für anderthalb Jahrzehnte das Bild vom brasilianischen Fußball: im neu kreierten 4-2-4-System Gegner und Ball laufen lassen, beidfüßig, kopfballstark, unaufhaltsame Soli, schnelle Doppelpässe in Reihe, Schüsse aus allen Lagen.

30 Millionen Kicker

Pelé, Didi, Vavá, Garrincha, später Zico, Romário, Ronaldo, Rivaldo, das waren die Namen, die alle Jungs in den sechziger Jahren und danach murmelten, wenn sie auf irgendeinem Bolzplatz mit dem Ball am Fuß aufs Tor zustürmten.

Der brasilianische Fußball galt als der schöne, elegante Fußball, den man als Deutscher bewunderte, weil man nicht am Strand aufwuchs und nie barfuß spielte. Als die brasilianische Elf später immer europäischer spielte, verlor sich der exotische Reiz, aber es blieb die Bewunderung für brasilianische Superstars, die in Europa spielten.

Heute kicken 30 Millionen Brasilianer in 500 Profivereinen und 13.000 Amateurklubs, in Hunderten Internaten werden die Stars von morgen ausgebildet. Jährlich 1000 Berufskicker schaffen den Sprung ins Ausland.

Allerdings: Ein Viertel der Brasilianer hat keinerlei Interesse am Fußball, zu Spielen der nationalen Meisterschaft kommen im Schnitt nur 15.000 Fans. Das sind weniger als zu Spielen der nordamerikanischen Major League Soccer kommen. Viele Vereine und der Verband CBF gelten als korrupt, sind eng mit der Politik verbandelt.

Jogo Bonito

"Brasilien ist nur über den Fußball zu verstehen", glaubt der Schriftsteller José Lins do Rego, die Sprache und die Kultur sind durchsetzt mit Anspielungen auf den Fußball, Romane und Theaterstücke werden über Futebol geschrieben. Das "Jogo Bonito" wird verehrt, das schöne Spiel, die Erinnerung an die großen Spieler der Jahrzehnte muss herhalten, wenn die Gegenwart zu wenig schöne Spiele zu bieten hat.

"Weißer Pelé" wurde Arthur Antunes Coimbra, Rufname Zico, genannt, er spielte von 1976 bis 1986 in der Nationalmannschaft, trug die Nummer 10, war der weltbeste Spielmacher seiner Zeit, wurde aber nie Weltmeister. 1978 landete die Seleção auf dem dritten Platz. 1982 scheiterte eine Elf mit dem besten Mittelfeld (mit Sócrates, Falcão und Toninho Cerezo) an Italien, wird aber bis heute als beste Nationalelf aller Zeiten gesehen.

Die Nationalmannschaft Brasilien blieb auch 1986 ohne Titel (Zico verschoss im verlorenen Viertelfinale gegen Frankreich einen Elfmeter), schied 1990 in Italien im Achtelfinale gegen Argentinien aus, holte 1994 mit einer ungewohnt defensiven Spielweise den WM-Pokal im Elfmeterschießen gegen Italien und glänzte 2002 in Südkorea/Japan mit Ronaldo und dem jungen Ronaldinho - der fünfte WM-Titel.

Die Schande von 1950

Mit Ronaldinho hatte Brasilien wieder eine Zehn, die die Welt verzückte, beidfüßig schießend, mit verblüffenden Körpertäuschungen nach No-look-Pässen, enormer Passgenauigkeit und raffinierten Tempodribblings. Er schien vor einer Karriere wie Pelé zu stehen, verlor allerdings durch Verletzungen und einen lockeren Lebenswandel seine Form und wurde zum Sinnbild eines brasilianischen Talents, das - wie viele andere - sein Talent verschleudert.

Der nächste Superstar soll Neymar werden, seit 2010 hat er für die Seleção in 47 Spielen 30-mal getroffen und soll bei der WM der Spielmacher werden, der Brasilien den sechsten Titel holt.

In einer von alten Stars befreiten Elf (auch Ronaldinho ist nicht mehr dabei) soll Neymar die spielerischen Höhepunkte setzen, soll vermeiden helfen, was 1950 im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro passierte und bis heute ein Trauma der Nation ist: Die Seleção verlor im entscheidenden Spiel der WM vor 200.000 Zuschauern gegen Uruguay, "Maracanaço" wird die Katastrophe seither genannt. Im selben Stadion, inzwischen aufwendig saniert, kommt es am 13. Juli um 16 Uhr wieder zum Endspiel.

Im Bauch des Maracanã-Stadions in Rio steht ein Teil des Tores, in das Pelé sein 1000. Tor schoss. Zwei Holzlatten und ein Stück Netz. Aber bei den Führungen durch das Stadion reden sie mehr über Garrincha als über Pelé. Garrincha, der krummbeinige Flügelstürmer, der sich tottrank, bevor er 50 war. Sie nennen ihn Freude des Volkes.



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