Videobeweis bei der WM Gutes Benehmen als Nebeneffekt

In der Bundesliga ist der Videobeweis vielen verhasst, bei der WM funktioniert die Umsetzung besser. Allein die Möglichkeit des Beweises trägt zum faireren Spiel bei.

Schiedsrichter Faghani bei Deutschland vs. Mexiko
REUTERS

Schiedsrichter Faghani bei Deutschland vs. Mexiko

Aus Moskau berichtet


Am Sonntagabend wurde die Debatte um den Videobeweis zumindest für einen kurzen Augenblick doch emotional. "Es gibt keinen Diskussionsbedarf in einer Angelegenheit, die so offensichtlich ist", zürnte Brasiliens Trainer Tite nach dem 1:1 gegen die Schweiz. Die Aktion, mit der Steven Zuber sich den Raum für seinen Ausgleichstreffer verschafft hatte, "war ein klares Foul". Der Hoffenheimer hatte Miranda mit beiden Armen weggeschubst, schwer zu sehen für den Unparteiischen auf dem Platz.

Aber der Videoassistent im gut 1000 Kilometer entfernten Moskau hätte den Treffer annullieren müssen. Hat er aber nicht, und tatsächlich wird langsam eine Grundstrategie der Videoassistenten bei dieser WM erkennbar. Eine Strategie, die zwar nicht jeden Fehler ausschließt, die aber ziemlich klug ist.

Deutsche Beobachter, die während der vergangenen zehn Monate Woche für Woche neue Absurditäten der Videotechnik bestaunen durften, finden zwar auch beim Weltturnier allerlei Anlass zur Verwunderung. Aber es ist eine Verwunderung von anderer Qualität. Zwölf Spiele sind absolviert, und gab noch keinen wirklich umstrittenen Eingriff. Das ist, gelinde gesagt, eine kleine Sensation.

Diego Costa gegen Pepe
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Diego Costa gegen Pepe

Die Videoschiedsrichter schalten sich zurückhaltend ein; sind Zweifel vorhanden, wird eher nicht interveniert. Dabei passieren auch Fehler, wie bei Zubers 1:1 für die Schweiz gegen Brasilien. Oder am Samstag: Im Spiel zwischen Argentinien und Island hätte es einen Elfmeter geben müssen, als Cristian Pavon im Strafraum durch ein Foul von Birkir Saevarsson zu Fall gebracht wurde. Auch das 1:1 von Spaniens Diego Costa gegen Portugal, der seinem Gegenspieler Pepe einen Ellenbogenhieb verpasst hatte, war irregulär, wie die TV-Bilder zeigen. "Das war ein klares Foul, eigentlich muss der Videoassistent hier korrigieren", sagte Portugals Trainer Fernando Santos nach dem 3:3 gegen die Spanier - allerdings ohne erkennbare Verärgerung: Ein Fehler eben, wie der 63-Jährige ihn schon zig Mal erlebt hat.

Alle drei großen Videobeweis-Fehler des bisherigen Turniers haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: In den langen Jahrzehnten ohne die Assistenten vor den Bildschirmen, wären sie exakt genauso entschieden worden.

Videobeweis im Einsatz
Getty Images

Videobeweis im Einsatz

An diese Art der Unvollkommenheit sind alle Beteiligten gewöhnt. Und so ist es erträglicher, als Interventionen, die später kontrovers diskutiert werden können. Deshalb zeigt diese WM, wie ungeschickt die Technik im ersten Bundesligajahr angewendet wurde. Die zahlreichen Eingriffe in Situationen, denen es an Eindeutigkeit mangelte, haben das Spiel massiv verändert, in Russland lautet der pragmatische Vorsatz: In der Regel soll alles so bleiben, wie es ohne den Videobeweis war, auch wenn mal eine Fehlentscheidung unkorrigiert bleibt.

Damit ist die Technik viel besser vermittelbar. Was allerdings auch in Russland bleibt, ist ein Gefühl der Willkür. Zwei Elfmeter, die zunächst übersehen worden waren, haben die Videoassistenten bisher nachträglich verhängt: Frankreich erhielt einen Strafstoß nach einem Foul von Joshua Risdon an Antoine Griezmann, der danach sagte: "Ich hatte ganz vergessen, dass es den Videoassistenten gibt, daran habe ich gar nicht mehr gedacht." Auch das ist ein gutes Zeichen. Und auf den Hinweis des Deutschen Felix Zwayer bekam Peru einen Elfmeter gegen Dänemark, den die Südamerikaner allerdings verschossen.

Beide Entscheidungen waren richtig, dass in diesen Szenen Korrekturen vorgenommen wurden, bei Island gegen Argentinien hingegen nicht, bleibt eine Unwucht. Doch die enthält weniger Erregungspotenzial als der deutsche Aktionismus bei der Anwendung der Technik, den Kritiker auch als Wichtigtuerei der nationalen Schiedsrichtergilde empfanden.

Und einen sehr erfreulichen Nebeneffekt hat die Einführung der Technik beim Weltturnier übrigens auch: Erstmals seit 32 Jahren hat eine WM vier Spieltage ohne einen einzigen Platzverweis überstanden. "Ich glaube, der größte Gewinn, den die Technik bringt, ist ein verbessertes Benehmen der Spieler", sagte David Elleray, der technische Direktor des Regelgremiums IFAB dem "Telegraph". "Sie wissen jetzt, dass sie nicht mehr mit allem davonkommen."



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
spon_2937981 18.06.2018
1.
Wie bitte? Der Autor räumt ein, dass die VARs in 12 Spielen 'nur' 2 klare Fehler begangen haben (nicht eingegriffen) und zudem eine 'Unwucht', weil vergleichbare Szenen einmal so und einmal anders beurteilt wurden, und nennt das dann 'eine kleine Sensation'??? Danke für diesen Lacher! Aber richtig ist die Einschätzung, dass die Umsetzung in der Bundesliga sehr viel schlechter ist.
hamburger.jung 18.06.2018
2.
Klappt viel besser als in der Liga. Bitte nachmachen.
stefan kaitschick 18.06.2018
3. neu: Willkür statt Fehlentscheidung
Tut mir leid, aber klare Fehlentscheidungen sind jetzt nicht mehr ok. Der brasilianische Trainer hat recht, dass es beim Foul zum Ausgleich keine zwei Meinungen gab. Das diese Fehler vorher auch passierten ist keine Entschuldigung, wenn man perfekte Information hat.
Nonvaio01 18.06.2018
4. das habe ich vorher gesagt
das VAR bei der FIFA besser klappen wird als in der BL. Wir machen einfach alles zu kompliziert.
aggro_aggro 18.06.2018
5. so wie es sein soll
Der Videoassistent wird gut eingesetzt, bei unklaren Szenen eher nicht, damit nur die wirklich unfairen Fehlentscheidungen, und hoffentlich Tätlichkeiten und Schwalben erkannt werden. Außerdem gibt es offenbar bessere Kameras als in der Bundesliga. Sehr hilfreiche Wiederholungen und Zeitlupen jedenfalls.
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