Auftaktniederlage bei der WM 1982 Die Blamage von Gijón

Seit neun WM-Turnieren hatte die DFB-Elf nie ein Auftaktspiel verloren - bis Sonntag. Das letzte Mal passierte dies einer Elf, die heute nur noch Fremdscham auslöst.

Paul Breitner, Pierre Littbarski und Felix Magath
imago/Laci Perenyi

Paul Breitner, Pierre Littbarski und Felix Magath

Aus Moskau berichtet


Man muss weit zurückblicken, um sich an Ähnliches zu erinnern. Sich daran zu erinnern, dass ein deutsches Team schon einmal die Auftaktpartie einer Fußball-Weltmeisterschaft verloren hat. Die Reise geht zurück in das Herz der Finsternis des deutschen Biedermannfußballs. Sie geht zurück ins Jahr 1982.

Zur damaligen WM nach Spanien reiste der Europameister an. Zwei Jahre zuvor hatte die DFB-Elf bei der EM in Italien gegen Belgien triumphiert, vor allem vom jungen Bernd Schuster schwärmte die Fußballwelt. Der Mittelfeldspieler war in Spanien aber schon nicht mehr dabei, er hatte sich mit dem Verband heillos verkracht, das spielerische Herz der Mannschaft war damit herausoperiert.

Trotzdem: Deutschland war einer der Turnierfavoriten, so wie immer bis heute. Im Team des Trainers Jupp Derwall waren mit Karl-Heinz Rummenigge, Felix Magath und Paul Breitner Spieler, die wussten, wie man mit dem Ball umgeht. Aber es gab eben auch die anderen in der Mannschaft: Den Lauterer Kraftbolzen Hans-Peter Briegel, die Brüder Karl-Heinz und Bernd Förster, Inbegriff der Mannheimer Verteidigerschule, die Arbeitsbiene Wolfgang Dremmler. Selten war so viel Turniermannschaft in einem Kader.

Schumacher kündigte vier bis acht Tore an

Das erste Spiel führte die Elf in den spanischen Norden nach Gijón gegen Algerien. Algerien, ein No-Name im Fußball, nie zuvor bei der WM dabei. Was sollte da schon passieren? Derwall hielt es daher auch nicht für nötig, seine Mannschaft auf den Gegner einzustellen, "die Spieler hätten mich ausgelacht, wenn ich mit einer Videoanalyse angekommen wäre". Der Weltmeister von 1954, Jupp Posipal, sagte im Vorfeld, Algerien sei so schwach, wenn man abends gegen sie anzutreten habe, könne man zuvor morgens noch gegen einen anderen Gegner spielen.

Pierre Littbarski
imago/Laci Perenyi

Pierre Littbarski

Torwart Toni Schumacher kündigte vier bis acht Tore an, und Derwall hatte schon gewitzelt, er werde mit dem Zug nach Hause fahren, wenn man diese Partie verliere. So war das damals.

Am Ende hieß es 1:2. Rabah Madjer und Lakhdar Belloumi trafen für den Außenseiter, Rummenigge hatte zwischenzeitlich ausgeglichen, und der "Kicker" suchte für den Bundestrainer spöttisch die beste Bahnverbindung von Spanien nach Deutschland heraus. Er hätte vier Mal umsteigen müssen.

Schon während der Partie jammerte ARD-Legende Rudi Michel im Live-Kommentar: "Das kann doch nicht wahr sein, hochbezahlte Profis gegen Amateure, alles hätte ich geglaubt, nur das nicht." Als der Schlusspfiff kam, seufzte Michel: "Ich habe sehr viele Spiele der deutschen Mannschaft übertragen, nie war ich enttäuschter."

Lakhdar Belloumi (Algerien) frei vor Torwart Toni Schumacher
imago/Horstmüller

Lakhdar Belloumi (Algerien) frei vor Torwart Toni Schumacher

Er konnte froh sein, dass er nicht neun Tage später das dritte und fürs Weiterkommen entscheidende Gruppenspiel gegen Österreich zu kommentieren hatte. Das frühe deutsche 1:0 durch Horst Hrubesch reichte beiden Mannschaften für den Einzug in die Zwischenrunde, ab sofort wurde nur noch der Ball Gassi geführt. Die Algerier mussten zusehen, wie sich die beiden Nachbarländer das Weiterkommen zuschacherten. Die Schande von Gijón war geboren. Dass Deutschland danach sogar noch das Endspiel erreichte, war einer der schlechteren Witze der Fußballgeschichte.

Dopingvorwürfe tauchten später auf

Die Algerier mussten heimfahren, und mit ihnen 40.000 Anhänger, die nach dem Auftaktsieg spontan aus der Heimat den Weg nach Spanien auf sich genommen hatten. Ähnlich wie die Mexikaner 2018 waren die Nordafrikaner mit großer Leidenschaft angetreten, die Überheblichkeit der Deutschen hatte sie noch einmal angestachelt. Zudem war das Team extrem eingespielt, weil algerische Spieler damals erst im Alter von 28 Jahren das Land verlassen durften, um anderswo ihr Geld zu verdienen.

Viele Jahre später fiel allerdings auch ein Schatten auf die Leistung der Sieger. Von Doping war die Rede, ein sowjetischer Arzt soll den Spielern Medikamente verabreicht haben, ob mit oder ohne deren Wissen, ist unklar. Offiziell ist das stets empört zurückgewiesen worden - dass sieben algerische Spieler aus dem damaligen Kader später Väter behinderter Kinder wurden, scheint jedoch mehr als ein tragischer Zufall zu sein.

Madjer, der damalige Torschütze zum 1:0 für Algerien, hat fünf Jahre warten müssen, bevor er die Gelegenheit bekam, Revanche an den Deutschen zu üben, die die Algerier so beschämend aus dem Turnier befördert hatten. 1987 spielte er für den FC Porto im Europacupfinale gegen Bayern München. Sein Hackentor zum Sieg der Portugiesen steht in jedem Fußballlexikon.

Nach der Pleite von Gijón haben die DFB-Mannschaften acht WM-Turniere gespielt und dabei sieben Mal das erste Spiel gewonnen. Einmal gab es ein Unentschieden gegen Uruguay. Dann kam das Spiel am Sontag gegen Mexiko.

Wenn man heute auf das deutsche Auftreten von 1982 zurückschaut, regiert Fremdscham. Das Vorbereitungsquartier am Schluchsee wurde von den Medien kurzerhand in Schlucksee umgetauft, und das lag nicht an irgendwelchen Wasserkuren. Selten hat sich ein DFB-Team so unprofessionell präsentiert wie damals in Spanien. Da zumindest hört die Parallele zu 2018 auf.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass Deutschlands Spiel gegen Algerien in Oviedo stattfand. Algerien bestritt fast alle Partien an diesem Spielort, auf das DFB-Team traf die Nation aber in Gijón. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 31 Beiträge
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cave68 18.06.2018
1. Das brutale Foul
von Schumacher an Patrick Battiston wurde jetzt noch nicht mal erwähnt,obwohl das Halbfinale gegen Frankreich ansonsten wohl eines der Lichtblicke der WM 1982 aus deutscher Sicht war. Obwohl ich persönlich das Jahr 1982 eher in guter Erinnerung habe war die WM für uns Deutschen wirklich mehr oder weniger zum Vergessen.
norgejenta 18.06.2018
2. dazu noch das Halbfinale
gegen Frankreich.. Ich war damals 12 Jahre.. Mir war das damals egal wie die gegen Österreich kickten.. Sah halt in meinen Augen damals bisl doof aus, dass nichts passiert ist. Das Halbfinale war geil, hab fast geheult wie sie 1:3 hinten waren und der Stielike den Elfer vergeigt hat.. Das mit dem Zusammenstoß Schumacher /Battiston kam damals gar nicht so krass rüber. Hauptsache nicht rot, hab ich mir gedacht.. Naja ich war 12.. später war mir dann schon klar, dass man sich so keine Freunde macht.
deepocean 18.06.2018
3. Em
kleine Korrektur: D wurde 1980 gegen Belgien und nicht in Belgien sondern in Italien Europameister.... Ansonsten war das ein Wurschteltunier, genau wir 86 auch.... ich denke diese "historischen" Überlegungen sind zwar nett für Medien und Stammtisch, aber gehen an der Sache vorbei: Gestern hat unsere Mannschaft aus ganz anderen Gründen verloren...... Was unserer Mannschaft leider komplett abgeht ist ein Leader auf dem Feld (ein Torhüter als Kapitän ist einfach Quatsch.... ) . EIn Kroos, zugegeben zugestellt (passiert anderen Weltklassespielern auch) , ist einfach zu ruhig........
bemela 18.06.2018
4. Em 1980
Korrektur Die EM 1980 fand in Italien statt, und nicht in Belgien. Belgien war mur der Finalgegner.
!!!Fovea!!! 18.06.2018
5. Die Auftaktniederlage
gegen Algerien war wohl eher zu verschmerzen als das Schmach-Absprache-Ball hin-u. her Geschiebe der 2. Halbzeit gegen Österreich, so dass Algerien unter Protest wieder heimfuhr. Die Quittung bekamen wir im Endspiel. Allerdings, wenn ich mir das schnelle Abwurfspiel von Schuhmacher in Erinnerung rufe, über fast eine komplette Hälfte des Spielfeldes den Ball einem Mitspieler hinzuwerfen, da wurde noch mit Hirn gespielt. Da kamen noch 2- Kämpfe (ja, ich weiß, was Schuhmacher machte......), aber im Vergleich mit gestern, waren da doch nur Wattebäuschen Spieler am Werk.
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