Nach DFB-Pleite gegen Mexiko Die große Stille

Nach der Niederlage gegen Mexiko schottet sich der DFB ab. Eine Pressekonferenz wurde gestrichen. Die Elf von Joachim Löw muss den Rückschlag vom Sonntag erst einmal verarbeiten.

Joachim Löw
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Joachim Löw

Aus Moskau berichtet


Im Wald herrscht Ruhe. An sich hatte der DFB zu einer Pressekonferenz mit dem ehemaligen Mannschaftskapitän Philipp Lahm nach Watutinki ins deutsche Quartier geladen, eigentlich ein harmloser PR-Termin. Aber die Journalisten konnten sich den Ausflug ins Grüne sparen. Nach dem 0:1 gegen Mexiko zum WM-Auftakt hat der DFB die Veranstaltung kurzerhand abgesagt.

Auch keiner aus der Mannschaft und dem Trainerstab lässt sich am Montag in der Öffentlichkeit blicken - was an dem Tag nach einem Turnierspiel ebenfalls üblich ist. Nur die Umstände dieses Spiels waren nicht üblich. Es wäre vielleicht für die allgemeine Stimmung hilfreich gewesen, wenn anstelle von Lahm sich der Bundestrainer oder der jetzige Kapitän Manuel Neuer vor die Presse gehockt, ein entschlossenes Gesicht aufgesetzt und Wiedergutmachung für die Pleite am Sonntag angekündigt hätten, aber all das passierte nicht. Zu getroffen wirken die sieggewohnten Weltmeister. Der schwache Auftritt muss erst einmal verarbeitet werden.

Seit 1982 hat Deutschland erstmals ein Auftaktspiel verloren, damals gegen Algerien, es war eine Weltmeisterschaft, an die man aus deutscher Sicht dennoch ungern denkt. Aber Hans-Peter Briegel, Karl-Heinz Förster und die anderen von der damaligen DFB-Handwerkertruppe rumpelten sich noch ins Endspiel. So wie Argentinien 1990, die als Titelverteidiger ihren Auftakt gegen Kamerun 0:1 verpatzten und es schließlich doch noch ins Olympiastadion von Rom schafften.

Schweden wird plötzlich zum Schreckgespenst

An ein Finale denkt derzeit aber wohl niemand, das kann man zumindest hoffen, jetzt steht erst einmal die Herausforderung Schweden an. Das schlagbare Team aus Skandinavien wird urplötzlich zum großen Schreckgespenst aufgepustet, nur nicht noch eine Niederlage, dann würde man nach der Vorrunde wohl nach Hause fahren. Undenkbar. Bis gestern.

"Uns wird das nicht passieren", hat Löw noch am Sonntagabend nach der Partie gesagt, und es war der einzige Moment, an dem er nicht verzagt und überrumpelt wirkte. Fünf Tage hat er bis zum Schwedenspiel, um das Gesicht der Mannschaft zu verändern. Das klingt nach ausreichend Zeit. Er muss sich angesichts der Vorstellung vom Sonntag fragen, wo er anfangen soll. Ballverluste, Laufwege, Einstellung, Raumaufteilung, Grundschnelligkeit - gegen Mexiko war all das wie verschwunden. Dass sich in Moskau nur fortsetzte, was man bereits in den vergangenen Monaten von der Mannschaft gesehen hat, ist allerdings ein ernsthaftes Alarmzeichen.

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Man habe die Fehler "seit Monaten immer wieder intern angesprochen", hat Verteidiger Mats Hummels nach dem Spiel gesagt. Zwischen Sturm und Abwehr klafften riesige Räume, und die Innenverteidiger sind in so einer Situation die bedauernswertesten Spieler. Immer wieder liefen die Mexikaner mehr oder weniger ungehindert auf Hummels und Nebenmann Jérôme Boateng zu, Hummels selbst provozierte durch unnötiges Aufrücken allerdings auch selbst gefährliche Situationen.

Auf Reus ruhen die Erwartungen

Die "Süddeutsche Zeitung" spekulierte bereits, die Weltmeister seien nach dem Gipfelsturm von 2014 jetzt wohl auf dem Abstieg, das ist möglicherweise ein wenig früh nachgerufen. Klar ist, dass die Weltmeister so langsam in die Jahre kommen, auch wenn Löw sich dagegen verwahrt und sagt, er habe "eine relativ junge Mannschaft" zur Verfügung. Wenn man sich die Leistungsträger anschaut, gilt das in keinem Fall. Nur Timo Werner (22 Jahre) und Joshua Kimmich (23) sind Anfang 20, und beide zeigten am Sonntag Nerven.

Die Hoffnungen ruhen nun auf Marco Reus. Der Dortmunder soll in die Startelf, und dann, so schwingt mit, wird alles besser. Reus machte nach seiner Einwechslung durchaus einen erfrischenden Eindruck, die durchschlagenden Impulse konnte er in den letzten 30 Minuten allerdings auch nicht geben. Die Erwartungshaltung in Richtung Reus ist jedenfalls gewaltig. Die Gefahr, ihn damit zu überfrachten, wahrscheinlich ebenso groß.

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Am Dienstag fliegt die Mannschaft bereits nach Sotschi ans Meer, da wo der Bundestrainer am liebsten sein Quartier für diese WM-Wochen aufgebaut hätte. Manager Oliver Bierhoff hat dagegen Moskau durchgesetzt, auch mit dem Argument kürzerer Reisewege unter anderem zum Endspiel am 15. Juli. So zog die Mannschaft in den Wald von Watutinki. Dort, wo am Montag vom DFB nichts zu hören war. Nur das Zwitschern der Vögel. Das Pfeifen im Walde.



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Seite 1
mullertomas989 18.06.2018
1. Der HUNGER fehlt!
Löw muss hungrige Spieler bringen und bei den Weltmeistern neuen Hunger wecken. Das ist alles! Wenn der Hunger fehlt, ist auch die beste Taktik egal. MIT Hunger hast du auch bei schlechter Taktik noch Chancen!
anselmi 18.06.2018
2.
Zitat von mullertomas989Löw muss hungrige Spieler bringen und bei den Weltmeistern neuen Hunger wecken. Das ist alles! Wenn der Hunger fehlt, ist auch die beste Taktik egal. MIT Hunger hast du auch bei schlechter Taktik noch Chancen!
Konsequenz: Löw streicht den Spielern die Snickers. Du bist nicht Du selbst wenn Du Hunger hast.
wpeitze 18.06.2018
3. Die Haare schön...
hatten aber fast alle, oder?
Morrison 18.06.2018
4. Harun Arslan der gemeinsame Manager von yogi und Özil und gündogan
Wenn es stimmt, was Reus da gerade im TV erzählt, dass ihm yogi schon lange vorher gesagt hat, dass Özil gesetzt ist und er nur eingewechselt wird und das zu einem Zeitpunkt an dem Özil noch angeschlagen war und nicht klar war, dass er bis zum 1. spiel wieder top fit sein wird, im Gegensatz zu Reus, der fit war, dann muss man sich fragen, wieviel Einfluss der Manager von Yogi Löw, der auch gleichzeitig der Manager von Özil und gündogan ist, hier in Wirklichkeit auf die Aufstellung der Mannschaft („national“ darf man ja nicht mehr sagen) eigentlich hat? Hier bahnt sich m.M.n. ein riesen Skandal an! Schaun mer mal....
Proggy 18.06.2018
5. Total normal
Wie immer, wenn offensichtlich von Löw große Fehler gemacht werden: DFB und Löw verhängen eine 'Medienpause' und lassen die erste Welle locker über sich schwappen und feilen an den Worten, wer - außer ihnen natürlich - Schuld an diesem Desaster (welches viele VORHER gesehen haben) war. Voraussichtliches Ergebnis: Löw hat alles richtig gemacht. Schuld waren die bösen Zuschauer, die Medien, der Rasen, das Quartier, das Wetter, die Luft und im Zweifel... der Fußballgott - einfach nur Pech.
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