WM 2018 Wie die Fifa ihre Schiedsrichter fit gemacht hat

Selten wurde bei einer WM so wenig über Schiedsrichter geklagt wie jetzt in Russland. Denn die Fifa zog nach dem Fiasko vor vier Jahren die richtigen Konsequenzen.

Néstor Pitana
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Néstor Pitana

Von Alex Feuerherdt


Als vor vier Jahren die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien stattfand, brach bereits im Eröffnungsspiel der Gastgeber gegen Kroatien heftige Kritik über die Schiedsrichter herein. Yuichi Nishimura war der Leiter dieser Partie, ein Japaner, dessen internationale Erfahrung sich, von vier Gruppenspielen bei der WM 2010 in Südafrika abgesehen, auf sportlich wenig bedeutende Spiele bei asiatischen Wettbewerben und der Klub-WM beschränkt hatte.

70 Minuten lang pfiff er ordentlich, dann zeigte er beim Stand von 1:1 nach einem zarten Zupfer von Dejan Lovren am brasilianischen Stürmer Fred auf den Elfmeterpunkt. Eine viel zu harte Entscheidung, die ein bis dahin ausgeglichenes Spiel kippen ließ: Neymar nutzte das Geschenk, Brasilien gewann schließlich 3:1. Und Nishimura wurde im Turnier nicht mehr als Schiedsrichter eingesetzt.

Auch in den nächsten Spielen der WM 2014 wurde es nicht besser mit den Unparteiischen.

  • Wilmar Roldan Perez aus Kolumbien erkannte den Mexikanern in der Partie gegen Kamerun zu Unrecht zwei Tore ab,
  • Noumandiez Desire Doue von der Elfenbeinküste annullierte fälschlicherweise ein australisches Tor gegen Chile wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung.
  • Selbst einem Klassereferee wie dem Italiener Nicola Rizzoli unterliefen in der Begegnung zwischen Spanien und den Niederlanden zwei dicke Patzer, als er den Spaniern einen unberechtigten Strafstoß zusprach und bei einem niederländischen Treffer ein Foul am spanischen Torwart ungeahndet ließ.

2018 durften am Anfang die Besten pfeifen

Viel schlechter hätte der Turnierstart für die Schiedsrichter damals nicht verlaufen können, dabei ist ein guter Auftakt für sie genauso wichtig wie für die Mannschaften.

Die Fifa trug zu diesem schwachen Beginn wesentlich bei, indem sie teilweise international zweitklassige Referees zu den ersten Partien schickte, die gravierende Fehler machten und überfordert wirkten.

Aus diesem Fiasko hat der Verband erkennbar gelernt: Bei der WM in Russland entsandte er anfangs ausschließlich erfahrene Spitzenkräfte wie den Argentinier Néstor Pitana, den Niederländer Björn Kuipers, den Türken Cüneyt Çakr und den Italiener Gianluca Rocchi. Sie sollten für ruhiges Fahrwasser sorgen.

Schiedsrichter Néstor Pitana spricht mit Saudi Arabiens Salman Al-Faraj
REUTERS

Schiedsrichter Néstor Pitana spricht mit Saudi Arabiens Salman Al-Faraj

Der Plan ging auf, selten wurde bei einem großen Turnier so wenig über die Unparteiischen gesprochen wie bislang bei dieser Weltmeisterschaft. Eine Ausnahme - im positiven Sinn - war am Freitag der Niederländer Björn Kuipers, der im Spiel gegen Costa Rica nicht auf die Theatralik von Brasiliens Superstar Neymar hereinfiel.

Die Schiedsrichter bei der WM in Russland verfolgen eine klare und weitgehend einheitliche Linie in ihren Spielleitungen, sie pfeifen angenehm großzügig, ohne es an Konsequenz vermissen zu lassen. Auch Referees aus Ländern, deren höchste Ligen nicht zur internationalen Spitze gehören, wissen zu überzeugen. So etwa der Iraner Alireza Faghani, der im ersten Spiel der deutschen Mannschaft gegen Mexiko couragiert agierte und sich auf die Fallerei und andere Mätzchen der Elf von Joachim Löw gar nicht erst einließ.

Eingriffsschwelle für die Video-Assistenten ist hoch

Selbst der Umgang mit dem Videobeweis wird allgemein gelobt, das befürchtete Chaos ist bis jetzt ausgeblieben. Dort, wo Entscheidungen mithilfe der Video-Assistenten geändert wurden, waren die Eingriffe aus der Videozentrale in Moskau fast durchweg unstrittig. Lediglich über den Handelfmeter, den die Australier im Spiel gegen Dänemark nachträglich bekamen, konnte man geteilter Meinung sein.

Bjorn Kuipers und Neymar
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Bjorn Kuipers und Neymar

Es lässt sich eine Linie erkennen: Die Eingriffsschwelle für die Video-Assistenten ist hoch, und wenn der Schiedsrichter zu verstehen gibt, dass er eine Situation aus günstigem Blickwinkel und mit Überzeugung beurteilt hat, bleibt es bei der ursprünglichen Entscheidung. Das entspricht den Vorgaben des International Football Association Board (IFAB) und der Fifa, mit denen die Position der Referees auf dem Platz gestärkt werden soll.

Natürlich: Das Turnier läuft noch lange, der Gesamteindruck kann sich also entscheidend ändern. Dennoch lässt sich schon jetzt feststellen, dass die Professionalisierung der Unparteiischen wesentliche Fortschritte gemacht hat. Den Referees steht ein Team an Experten und Spezialisten zur Verfügung, um sie optimal auf ihre Einsätze vorzubereiten. Neben Physiotherapeuten gehören dazu beispielsweise Videoanalysten, die für die Schiedsrichter nicht nur Szenen aus deren Spielen zusammenschneiden, sondern auch Aufzeichnungen von Begegnungen der Mannschaften bereitstellen, die sie als nächstes zu pfeifen haben.

Von der Ballberührung bis zum Abschluss weniger als zehn Sekunden

Auch ein Taktiktrainer gehört erstmals zum Stab. Es ist der Italiener Cristiano Ciardelli, der als Spielanalyst für Marcello Lippi gearbeitet hat und die Unparteiischen nun auf taktische und spielerische Besonderheiten der Teams einstellt.

Wie wichtig das ist, hat der deutsche WM-Schiedsrichter Felix Brych vor dem Beginn des Turniers deutlich gemacht, als er sagte: "Das Spiel hat sich physisch, taktisch und technisch enorm entwickelt. Moderne Mannschaften brauchen von der Balleroberung im eigenen Strafraum bis zum Abschluss im gegnerischen im Idealfall weniger als zehn Sekunden. Ich muss in der Lage sein, zu antizipieren. Wenn ich erst anfange zu laufen, wenn ich die Spielentwicklung sehe, komme ich zu spät."

Yuichi Nishimura gehört übrigens nicht zum Kreis der WM-Referees in Russland. Stattdessen nominierte die Fifa seinen Landsmann Ryuji Sato. Ob er einen besseren Eindruck hinterlässt als sein Kollege, kann man noch nicht sagen: Sato wartet weiterhin auf seinen ersten Einsatz bei diesem Turnier.



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schueler79 23.06.2018
1. Generell stimme ich dem Artikel zu
Denn bei den meisten Spielen sind die Schiedsrichter kaum aufgefallen, was immer ein gutes Zeichen ist. Nur ist die Frage, warum beim gestrigen Spiel der Schweiz, Brych Schiedsrichter sein durfte? Zudem gab es da auch bei der Beurteilung eine gewisse Tendenz. Wer hat dies entschieden? Meiner Meinung nach fehlt hier die Transparenz und damit logischerweise auch die Glaubwürdigkeit.
hualorn 23.06.2018
2. Geht doch,
da sollte sich die Bundesliga mal ein Vorbild dran nehmen. Gerade auch am Umgang mit dem Videobeweis. Mittlerweile wird ja Sonntag frühs im Doppelpass fast nur noch über die schlechten Schiedsrichterleistungen/Videobeweis diskutiert. Mit Fussball hat das nichts mehr zu tun. Einzig Neymar hätte gestern längst gelb-rot wegen Unsportlichkeit sehen müssen...
carinanavis 23.06.2018
3. endlich mal ein positiver artikel
Tatsächlich sind die Schiedsrichterleistungen insgesamt deutlich besser als bei vorhergehenden WMs. Nur ein Satz muss korrigiert werden: "der Iraner Faghani, der sich auf Fallerei und andere Mätzchen der Elf gar nicht erst einließ". Erstens gab es das nicht, zweitens ließ er sich doch auf die Fallerei und andere Mätzchen der Mexikaner ein, die so mehrere Minuten Zeit schinden konnten, die nicht adäquat nachgeholt wurde. Ebenso wie in zwei Partien gestern hätten 6 Minuten nachgespielt werden müssen, doch es gab nur 3 Minuten, was angesicht der zusammenbrechenden Mexikaner einer eindeutige Bevorzugung Mexikos war.
stoffi 23.06.2018
4. Ich hoffe
Das bleibt so. Im Vergleich zu den Spielern haben die Schiris alle durchweg gute Leistung gezeigt. Die schwierigen Spiele kommen aber jetzt erst in der ko Phase.
mcbarby 23.06.2018
5.
Meine volle Zustimmung! Selten hat man Schiris so unaufgeregt dominant gesehen. Das Sahnehäubchen wäre jetzt, wenn Schwalben konsequent mit Gelb bestraft würden. Diese erzieherische Maßnahme könnte die Qualität der Spiele spürbar verbessern. Es ist das Eine (sehr lobenswerte), nicht auf diese Schwalben herein zufallen. Das Andere ist, diese für die Zukunft wirksam zu unterbinden.
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