Protestbrief EU-Abgeordnete rufen zum politischen WM-Boykott auf

"Verhöhnung unserer europäischen Werte": 60 Europaabgeordnete haben die EU-Mitgliedstaaten zu einem politischen Boykott der Fußball-WM in Russland aufgerufen. Grund dafür ist die Politik Wladimir Putins.

Wladimir Putin (r.) und Fifa-Präsident Gianni Infantino
REUTERS

Wladimir Putin (r.) und Fifa-Präsident Gianni Infantino


Europaabgeordnete aus insgesamt fünf Parlamentsfraktionen und 16 Ländern haben in einem Brief die EU-Mitgliedsstaaten aufgerufen, sich dem britischen und isländischen Boykott der WM in Russland anzuschließen. Weder britische Regierungsmitglieder noch Vertreter des Königshauses werden zum Turnier reisen. "Der Giftgasanschlag in Salisbury ist nur das neueste Kapitel von Wladimir Putins Verhöhnung unserer europäischen Werte", heißt es in dem Schreiben.

Die 60 Abgeordneten führen ihre Gründe weiter aus, darunter Russlands militärische Unterstützung von Syriens Machthaber Baschar al-Assad, "die brutale militärische Invasion der Ukraine" sowie "systematische Hackerattacken" und "Wahleinmischung" zur Destabilisierung der EU. Ihre Kollegen dürften "den autoritären und antiwestlichen Weg des russischen Präsidenten nicht bestärken." Einen sportlichen Boykott fordern die Abgeordneten nicht.

Die Unterzeichner verweisen auch auf die Situation der Presse und von Regimekritikern im Land. Man könne "diesen Menschen nicht den Rücken zukehren und Putin in einem Fußballstadion die Hand schütteln", heißt es in dem Schreiben, das von der Grünen-Abgeordneten Rebecca Harms initiiert wurde.

Bei insgesamt 751 EU-Abgeordneten machen die Unterzeichner acht Prozent der Parlamentarier aus. Der Brief wurde jedoch auch von Abgeordneten der konservativen EVP, der Sozialdemokraten, der Liberalen und der Europäischen Konservativen und Reformer im EU-Parlament unterzeichnet. Viele der Unterstützer kommen aus Großbritannien und Polen. Aus Deutschland haben nur Abgeordnete der Grünen unterschrieben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Mitte März nach dem Giftanschlag von Salisbury gesagt, sie sehe vorerst keinen Anlass für einen Boykott der WM. Zunächst müsse der Fall aufgeklärt werden. Inzwischen haben sich die EU-Staats- und Regierungschefs geschlossen der Einschätzung Großbritanniens angeschlossen, dass Russland "höchstwahrscheinlich" für den Anschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter verantwortlich ist.

tip/AFP



insgesamt 53 Beiträge
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ichsagwas 20.04.2018
1. Im Russlandhass vereint
Bin mal gespannt, was passiert, wenn die nächste Fussball-WM 2022 in Katar stattfindet. Ich wette, die fahren dann dorthin. Die Scheichs waren doch immer wieder auf Einkaufstour und haben sich in die europäischen Konzerne eingekauft. Bei Russland meinen sie , sich alles leisten zu können, Kalter Krieg, 2. Auflage. Das Ganze hat schon was Zwanghaftes. Wenn schon alles auseinanderfliegt - die Feindschaft zu Russland wird am Ende das einigende Band sein, das Europa zusammenhält. Die EU ist dann für mich nicht mehr eine Werte-, sondern eine Art Hass-Gemeinschaft. Schon immer in der Geschichte hat man äußere Feinde gebraucht, um das eigene Versagen zu kaschieren. Wobei - 60 EU-Parlamentarier, das ist auch wieder nicht gerade viel. Und in manchen europäishcne Ländern sieht man es anders, Italiener, Österreicher, Tschechen, sind nicht gerade auf der Linie Merkels oder Macrons. Zumindest das stimmt hoffnungsvoll.
W.i.n.t.e.r 20.04.2018
2. Endlich mal keine Politiker...
... die unter dem Vorwand von der FIFA WM-Tickets fürs Stadion bekommen! Dafür gibt es Budgets und Reservierungen, alles bezahlt von den Steuerzahlern, damit sich die Grüßaugusten/Innen ganz öffentlich in die Spiele und Veranstalltungen reinhocken. Nur: Jene die jetzt laut schrei(b)en, hätten wahrscheinlich eh nicht hingedurft oder -gekonnt. Da kann man sich dann schick in Szene setzen und sagen: "Da geh ich erst recht nicht hin! Jawohl!" Das ist alles in allem, mit verlaub, doch jetzt recht erbärmlich, oder etwa nicht? Leider werden dann wohl doch genug dort hocken. Gucken das Spiel gratis oder für lau. Gehen dann halt nicht Händeschütteln. Bekommt ja jeder gleich von Putin nen Händedruck. Obwohl ich da an seiner Stelle heutzutage tatsächlich vorsichtig wäre, wem ich die Hand gäbe! Da gabs doch diesen US-Amerikanischen Ulk-Film wo man Kim Jong Un per Handschlag vergiften wollte... nun ja. Was soll man (z.B. Herr Putin, der Zuschauer, der Fußballfan) davon haben, daß diese EU-Leute sich eine schöne Zeit machen? Bestimmt ein herber Schlag. Und man weint sich nach Anpfiff durch die WM ob der fehlenden Parlamentarier... - nicht? Im Unklang in die Hände patschende Staatsleute haben bei einer Sportveranstaltung, sofern sie nicht die Kosten als Fan selber tragen, meiner Meinung nach ohnehin wenig zu suchen. Für alle anderen: Ich treffe hiermit garantiert auf allgemeinen Zuspruch: Solche "Zuckerl" und "Bonbons" für Abgeordnete aus den Fleischtöpfen der EU aber auch den nationalen und regionalen Parlamenten sollte man verbieten!
manitoba 20.04.2018
3. Wer hätte das gedacht
Wer hätte in den 80ern gedacht, dass man Grüne erleben würde, die Kriege fordern rsp. mindestens befürworten oder -wie hier die leider einschlägig bekannte Rebecca Harms - russlandfeindliche Initiativen starten. Und auch sonst frage ich mich: Was ist aus den Grünen meiner Jugend geworden?
dr.noh 20.04.2018
4. wo aufhören
Man kann einen Boykott gut oder schlecht finden, für sinnvoll oder sinnlos halten. Boykott ist zunächst einmal ein legitimes Mittel der Meinungsäußerung. Wenn man Gruppen, Staaten, Veranstaltungen etc. boykottiert, darf man die Frage stellen, wo beginnt man, wo hört man auf: Wenn man das eine boykottiert, muss man dann nicht auch ähnliches, gleiches boykottieren, um glaubwürdig zu bleiben und nicht willkürlich zu erscheinen? In Europa gibt es z.B. mehrere Staaten, die auch europäische Werte missachten - wie Meinungsfreiheit, freier Journalismus etc. Wenn also - ganz allgemein gesprochen - das Missachten europäischer Werte ein Grund zum Boykott ist, gäbe es wohl mehrere Boykotte auszurufen. Aber vielleicht gibt es ja Werte, die man zu boykottieren verpflichtet ist, und andere, deren Missachtung man wohl dulden kann. Ein mir etwas unangenehmer Gedanke. Denn wer entscheidet darüber?
gunpot 20.04.2018
5. Ich hoffe nun nicht,
dass übereifrige Parlamentarier und andere Bedenkenträger uns nicht dieses Fußballereignis boykottieren werden. Wir sollten nur auf den Sport schauen und nicht auf Putin und seine Politik. Das wäre auch allen gegenüber ungerecht, die sich mit großen Mühen für die WM-Teilnahme qualifiziert haben. Ungerecht auch gegenüber den Fans.
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