Gesichter Russlands Sergej, der Moskwa-Kapitän

Sergej Mamonow liebt es zu beobachten, wie sich sein Moskau nach und nach verändert. Er schippert Touristen über den Fluss Moskwa. Die WM hat ihm zahlreiche neue Passagiere beschert, aber so richtig zufrieden ist er nicht.
Ekaterina Anokhina

Sergej Mamonow liebt es zu beobachten, wie sich sein Moskau nach und nach verändert. Er schippert Touristen über den Fluss Moskwa. Die WM hat ihm zahlreiche neue Passagiere beschert, aber so richtig zufrieden ist er nicht.

Von , Ekaterina Anokhina (Fotos) und Katja Kuznetsowa (Video)


[STECKBRIEF]
Sergej Mamonow
45 Jahre
in Moskau geboren
ledig, keine Kinder
Kapitän, "Retschflot", zu Deutsch Bootsflotte

Ekaterina Anokhina

Die Sowjetunion lebt. Zumindest auf der Moskwa. Da schippert sie, an den mächtigen roten Kreml-Mauern vorbei, weiter entlang an der ausladenden Christerlöserkathedrale und dem Gorki-Park. Ein großer roter Stern prangt vorne an dem zweistöckigen Ausflugsschiff, das Platz für 90 Passagiere hat.

Oben über dem Stern in der verglasten Kabine sitzt Sergej Mamonow am Steuer.

Die "Sowjetunion" wartet auf Fahrgäste, erbaut wurde sie im Jahr 1954, wie eine graue Plakette mit roter Schrift zeigt
Ekaterina Anokhina

Die "Sowjetunion" wartet auf Fahrgäste, erbaut wurde sie im Jahr 1954, wie eine graue Plakette mit roter Schrift zeigt

Ekaterina Anokhina

Sergej ist der Kapitän der 1954 erbauten "Sowjetunion", ein beliebter 45-Jähriger, meist gut drauf, der viel erzählt.

"Das Schiff ist im besten Zustand. Sicherheitsmäßig ist alles in Ordnung", versichert er und lacht. Regelmäßig werde es im Winter überholt und alle fünf Jahre an Land gezogen, "um zu schauen, was sich unter dem Wasser befindet", wie es Sergej ausdrückt. Die Sowjetunion habe noch einiges vor, meint er, könne noch 100 Jahre alt werden.

Was die Sowjetunion für ihn sei? "Das ist meine Heimat, ich bin in der UdSSR geboren, habe die Hälfte meines Lebens in der Sowjetunion verbracht, wie kann ich das vergessen oder aus meinem Gedächtnis streichen? Sie ist ein Teil von mir."

Sergej beim Steuern der "Sowjetunion"
Ekaterina Anokhina

Sergej beim Steuern der "Sowjetunion"

Ekaterina Anokhina

190 PS hat der Motor des Ausflugsschiffs, ohne Passagiere fährt es etwa 20 Km/h, mit um die 15 km/h, häufig aber auch langsamer, wenn auf der Moskwa mehr Verkehr ist
Ekaterina Anokhina

190 PS hat der Motor des Ausflugsschiffs, ohne Passagiere fährt es etwa 20 Km/h, mit um die 15 km/h, häufig aber auch langsamer, wenn auf der Moskwa mehr Verkehr ist

Ekaterina Anokhina

Er startet ein Wendemanöver, aus dem Funk krächzen Stimmen von anderen Kapitänen, die ihre Routen ankündigen. Vier weitere Schiffe sind unterwegs, das sei noch wenig, sagt Sergej. Er verringert die Geschwindigkeit. Würde er jetzt weiter geradeaus - den Gorki-Park auf der einen, den wuchtigen Bau des Verteidigungsministeriums auf der anderen Seite - fahren, würde er zum Luschniki-Stadion kommen, dort wo die Fußballmeisterschaft begonnen und mit dem Sieg der französischen Mannschaft geendet hat.

Fotografierende Fußballfans an Bord, 600 Rubel kostet eine einstündige Fahrt, um die acht Euro
Ekaterina Anokhina

Fotografierende Fußballfans an Bord, 600 Rubel kostet eine einstündige Fahrt, um die acht Euro

Sergej freut sich, dass Russland die WM ausgerichtet hat, auch weil nun noch mehr Touristen kommen. An diesem Tag sind unter anderem Amerikaner und Chinesen an Bord. An den Erfolg der russischen Fußballmannschaft hatte er nicht so recht geglaubt. Sie schaffte es dann doch überraschend ins Viertelfinale.

Sergej an Bord seines Schiffes
Ekaterina Anokhina

Sergej an Bord seines Schiffes

Ekaterina Anokhina

Viel Zeit zum Spielegucken hatte Sergej ohnehin nicht: 15 Tage lang arbeitet er am Stück zusammen mit seiner Crew in der Saison durch, zwölf Stunden am Tag. Dann hat er 15 Tage Pause. Die Saison dauert von Mai bis Oktober. "Die erste Zeit danach schaue ich fern, um zu wissen, was los ist", sagt Sergej. Dann lese er viel, geschichtliche Bücher, vor allem über die Zeit der Sowjetunion. Zuletzt habe er sich mit dem Agenten "Trianon" beschäftigt, der für die USA spionierte.

Die "Sowjetunion" vor der Abfahrt, der Zutritt zum Maschinenraum ist verboten, im Winter wird es auf Vordermann für die nächste Saison gebracht
Ekaterina Anokhina

Die "Sowjetunion" vor der Abfahrt, der Zutritt zum Maschinenraum ist verboten, im Winter wird es auf Vordermann für die nächste Saison gebracht

Ekaterina Anokhina

Blick ins Innere des Schiffes
Ekaterina Anokhina

Blick ins Innere des Schiffes

Ekaterina Anokhina

Eine Familie hat Sergej nicht. "Das hat nicht geklappt", sagt er. Es sei für einen Schifffahrer nicht einfach, eine Frau zu finden: Entweder sie komme mit an Bord oder warte "am Ufer", wie es Sergej ausdrückt. Er meint damit, sie müsse viel Geduld aufbringen.

Der 45-Jährige klingt nüchtern. Seine Entscheidung, Kapitän zu werden, bereut er aber nicht. Er weiß noch heute, wie es war, als er das erste Mal am Steuer stand. Damals war er in der fünften Klasse, ein Verwandter hatte ihn mit auf ein Frachtschiff genommen. "Das war der Moment, als alles begann." Seine Eltern, beide in der Baubranche, hatten eigentlich etwas anderes vor mit ihrem Sohn: Er sollte Bauwesen studieren. Sergej aber ging an eine technische Hochschule.

Sergej auf seinem Ausflugsschiff, sein Unternehmen, für das er mehr als zehn Jahre arbeitet, hat neun Boote
Ekaterina Anokhina

Sergej auf seinem Ausflugsschiff, sein Unternehmen, für das er mehr als zehn Jahre arbeitet, hat neun Boote

Später war er Kapitän auf einem Frachtschiff, fuhr drei Jahre lang die mächtige Wolga rauf und runter. "Das war eine sehr schöne Zeit, aber auch schwere Arbeit." Nun arbeite er nicht weit weg von zu Hause, in Moskau, seiner Heimatstadt.

Fotos am Kreml
Ekaterina Anokhina

Fotos am Kreml

Sergej beobachtet vom Fluss aus, wie sich seine Stadt verändert: Er sah zum Beispiel, wie das wuchtige Denkmal für Peter den Großen, der auf dem Bug eines Segelschiffs dargestellt wird, am Park Muzeon errichtet oder wie der Sarjadje-Park mit seiner Aussichtsplattform, die über der Moskwa zu schweben scheint, neben dem Kreml erbaut wurde.

Sergej kann so viele Geschichten erzählen, zum Beispiel über ein Gebäude nicht weit von dem Stalin-Bau in der Kotelnitscheskaja-Uferstraße. Dort ist eine Bank untergebracht: "Das ist die wievielte? Ach, ich weiß es gar nicht mehr. Was ich weiß, ist, dass das Gebäude den Geldinstituten kein Glück bringt, so oft wie die hier wechseln."

Stalin-Bau in der Kotelnitscheskaja-Uferstraße, ein Wohnhaus mit Hunderten Wohnungen
Ekaterina Anokhina

Stalin-Bau in der Kotelnitscheskaja-Uferstraße, ein Wohnhaus mit Hunderten Wohnungen

Ekaterina Anokhina

Es ist schade, dass der Kapitän seinen Passagieren nicht selbst von seiner Stadt erzählt. Die Informationen während der Touren kommen vom Band. Sergej erzählt, er habe im Winter begonnen, eine Art Reiseführer über Moskau zu schreiben.

Die Moskwa sei schöner im Norden der Hauptstadt, da, wo sie natürlicher sei, wie er es nennt. In der Innenstadt wird der Fluss von Steinmauern begrenzt, die von Arbeitern gesäubert werden, die an Seilen hängen.

Sergej mit seiner Crew, zwei Matrosen und einem Helfer
Ekaterina Anokhina

Sergej mit seiner Crew, zwei Matrosen und einem Helfer

Ekaterina Anokhina

Moskau entwickelt sich, auch werde einiges dafür getan, die Wasserqualität des Flusses zu verbessern, sagt Sergej. So fahre eine Art Müllschiff auf der Moskwa, die Dreck aus dem Wasser holt. "Das ist alles gut, nur habe ich den Eindruck, dass die Stadtverwaltung den Fluss nicht unbedingt für die weitere Entwicklung der Stadt braucht." Er spricht von "Unannehmlichkeiten", von Einschränkungen für die Schifffahrt, und damit sei nicht nur die Sperrung des Flusses an den Spieltagen der WM am Luschniki-Stadion gemeint.

Die Ausflugsschiffe bräuchten dringend einen neuen Liegenplatz. Wo der nun gebaut wurde? Ausgerechnet am Sarjadje-Park. "Dort ist es ohnehin schon sehr eng", sagt Sergej. Wenn da ein Schiff anlegt, werde es noch enger. Und für alle noch aufwendiger und schwerer zu navigieren.

SPIEGEL ONLINE

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja



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