Russland ohne Fußball-WM 2018? Wohlfeile Forderungen ohne Folgen

Nach dem Abschuss von Flug MH17 fordern deutsche Politiker, Russland die Fußball-WM 2018 zu entziehen. Doch im Sport werden solche Forderungen gar nicht ernst genommen.

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IOC-Boss Bach, Putin, Fifa-Chef Blatter: Gemeinsam beim WM-Finale
AFP

IOC-Boss Bach, Putin, Fifa-Chef Blatter: Gemeinsam beim WM-Finale


Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell deutsche Politiker Forderungen nach Boykotten und Neuvergaben von Sportgroßveranstaltungen erheben, wenn diese nicht in Deutschland stattfinden.

Im Mittelpunkt der Erörterung sollte aber nicht die Frage stehen, wer wohlfeil und lautstark die Politik von Russlands Präsident Wladimir Putin kritisiert, der beste Verbindungen zu so gut wie allen mächtigen Männern im Weltsport unterhält, sondern wer langfristig und nachhaltig an Lösungen arbeitet, um Putin mit politischen und sportpolitischen Mitteln zu begegnen. Alles andere ist Aktionismus und Populismus. Vor allem wenn sich Politiker daran beteiligen, die bislang den Nachweis von zeitgemäßen Konzepten schuldig geblieben sind.

Zum Beispiel Stephan Mayer (CSU), langjähriger Sportsprecher seiner Partei. Mayer hat seit 2002 ein Bundestagsmandat, sitzt im Sportausschuss, im Innenausschuss und im parlamentarischen Kontrollgremium.

Im Sportbereich pflegt Mayer, einst Aufsichtsrat der Münchner Olympiabewerbung 2018, den Schulterschluss mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), dem Deutschen Olympischen Sportbund und somit auch mit dem Fußball-Weltverband Fifa und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Es dürfe "kein Tabu mehr sein, Russland die WM 2018 zu entziehen", sagt er jetzt. Ähnlich äußerte sich etwa der Vizevorsitzende der Unionsbundestagsfraktion, Michael Fuchs, der sagt: Eine Neuvergabe der WM als Strafmaßnahme könne wesentlich wirkungsvoller sein als die Verhängung harter Wirtschaftssanktionen.

Es sind aber im Grunde Politiker vom Schlage Mayer und Fuchs, die dafür gesorgt haben, dass Sportkonzerne wie die Fifa und das IOC immer wieder die Offerten von Politikern wie Putin annehmen - weil sie es über lange Jahre versäumten, internationale Initiativen voranzutreiben und national mit gutem Beispiel voranzugehen.

Die Grünen-Initiative wurde 2012 abgelehnt

Dazu zählen Optionen, Fifa und IOC unter das Korruptionsstrafrecht und diverse Anti-Korruptions-Abkommen zu stellen, die Vergabepraxis für Mega-Events zu ändern und den milliardenschweren Sportmultis Transparenz abzuverlangen.

Auch Deutschland hat sich stets den unverschämten Forderungen von IOC und Fifa etwa nach Steuerbefreiungen und Milliardenbürgschaften für Großprojekte wie die WM 2006 und Olympia 2018 gebeugt. Für die WM 2006 war es in der Bewerbungsphase Putins guter Freund, der jetzige Gazprom-Lobbyist Gerhard Schröder, damals Bundeskanzler, der die Steuerbefreiung durchgedrückt hat.

Die einzige ernsthafte parlamentarische Initiative in Deutschland zum Thema Mega-Events hat im Juni 2012 die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen vorgelegt: "Vergabekriterien für Sportgroßveranstaltungen fortentwickeln - Menschen- und Bürgerrechte bei Sportgroßveranstaltungen stärker berücksichtigen".

Dieser Antrag 17/9982 enthält viele Elemente, die es Sportfürsten wie Putin schwerer machen würden. Doch wurde das Papier mit den Stimmen von CDU/CSU und FDP bei Enthaltungen von SPD und Linken routiniert abgelehnt.

Und das, obwohl die Koalitionäre den bestens belegten Argumenten der Grünen teilweise sogar zustimmten.

Es entschied aber die Ideologie von Sport-Lobbyisten. Beispielhaft eine Äußerung von Mayers Verbündetem Eberhard Gienger (CDU): "Wenn die Politik dem Sport Vorschriften macht, deren Folgen in die Autonomie der jeweiligen Verbände eingreift, dann bedient sich die Politik der gleichen Mittel wie undemokratische Regime", erklärte der ehemalige Turn-Weltmeister, langjähriger DOSB-Vizepräsident für Leistungssport.

Im Weltsport werden Boykottforderungen nicht ernst genommen

Im aktuellen Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD heißt es nur: "Bei der Vergabe von internationalen Sportgroßveranstaltungen setzen wir uns in Kooperation mit dem autonomen Sport für faire und nachhaltige Standards ein." Die Betonung liegt auf: autonomer Sport.

Beim WM-Finale am 13. Juli im Maracanã saß Putin zwischen IOC-Präsident Thomas Bach und Fifa-Boss Joseph Blatter. Das Trio wirkte sehr vergnügt. Bach hat während der Olympischen Winterspiele in Sotschi den Juniorpartner von Putin gegeben. Blatter forcierte die später oft kritisierte und von Korruptionsvorwürfen begleitete Vergabe der WM 2018 an Russland und unterschrieb im vergangenen Herbst einen Sponsorenvertrag mit Gazprom, Putins Staatskonzern.

Gazprom ist bereits Hauptsponsor der Uefa Champions League. Putins Kumpel Sergej Fursenko, Mitglied der berüchtigten Datschen-Kooperative in Sankt Petersburg, sitzt im Uefa-Vorstand und hat als Gazprom-Beauftragter die WM-Bewerbung 2018 betreut. Ein weiterer Adlatus Putins, der seinen Chef ebenfalls seit Sankt Petersburger Zeiten Anfang der Neunzigerjahre begleitet, sitzt im Fifa-Exekutivkomitee: Russlands Sportminister Witali Mutko.

In der Parallelgesellschaft des Weltsports werden Boykott- und Entzugsforderungen nicht ernst genommen, wenn sie nicht mit politischen Konzepten und internationalen Allianzen verbunden sind.

Die Diskussionen der vergangenen Monate und das hilflose Lavieren des Westens, vor allem der Amerikaner, haben die Vormachtstellung Putins untermauert. Am Dienstag wurde diese These erneut belegt: Die wichtigste Sportmesse der Welt, die SportAccord Convention, bei der sich die IOC-Führung mit mehr als 120 Weltverbänden und mit Vertretern des Bewerber-Business, der Baubranche und Projektentwicklern trifft, wurde für das Frühjahr 2015 nach Sotschi vergeben. Das war ein Signal. Nur versteht das niemand in der Politik.

Präsident von SportAccord ist der Österreicher Marius Vizer, ein langjähriger Freund und Judokumpel Putins, auch Präsident des Judo-Weltverbandes, dessen Ehrenpräsident Putin ist. Finanzchef von SportAccord ist Putins Schulkamerad Arkady Rotenberg, der in Sotschi Bauaufträge in Höhe von 7,4 Milliarden Dollar erhalten hat und der in ähnlicher Größenordnung auch bei der WM 2018 involviert ist.

Rotenberg und Fursenko stehen auf der Liste jener Personen, gegen die die US-Administration im März Sanktionen verhängt hat. Doch wen interessiert das in Russland? Und wen im Weltsport?

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
kumi-ori 24.07.2014
1. Boykottforderungen an die FIFA sind müßig
Unsere Politiker werden nicht ernsthaft eine Neu-Vergabe der WM in Betracht ziehen. Zu viel Stress. Die FIFA erst recht nicht. Das könnte zu einer Verringerung der Einnahmen führen und würde dem Geist des Sports eklatant widersprechen. Der Einzige, der hier etwas bewirken kann, sind Sie und ich. Kaufen Sie keine Panini-Bildchen mehr, thematisieren Sie den Flugzeugabschuss bei den FIFA-Sponsoren, und wenn Fußball läuft, schalten Sie die Tagesthemen an. Das würde vielleicht helfen.
schwaebischehausfrau 24.07.2014
2. Die Fuchs-Masche ist durchsichtig...
klar würden Wirtschafts-Sanktionen gegen Russland wirken - nur will die halt keiner!!! Die Forderung von Hr. Fuchs (übrigens der Chef-Wirtschafts-Lobbyist in der CDU..) nach WM-Boykott/Neuvergabe ist so billig wie durchsichtig: Halt eben nach dem St.-Florians-Prinzip: "...verschon mein Haus, zünde andere an..!!). Auf Wirtschafts-Sanktionen hat man halt keine Lust, das würde im worst case natürlich richtig Umsatz und Gewinn kosten. Und Putin wäre wohl nachhaltig ziemlich sauer - und das will in der deutschen Wirtschaft schon mal gar keiner! Also eine schöne Nebelkerze zünden und den Sport in Geiselhaft nehmen. WM-Boykott ist sicher auch eine harte Sanktion - aber bitte erst wenn VORHER auch harte Wirtschafts-Sanktionen umgesetzt wurden.Es kann ja wohl nicht sein, dass Fußball-Spiele in Russland "igitt bäh" sind, aber gleichzeitig noch fleissig Hubschrauber-Träger, andere Rüstungsgüter und verkauft werden und ansonsten Business As Usual weiterläuft...
coppsi 24.07.2014
3. Nur Geld ist wichtig und zählt
Idiotie, solche Einfälle. Bei der Fifa zählt Einnahme in Form von gutem Geld, sonyt nichts. und was hat Putin allein damit zu tun , der Westen hat die ukraine Krise durch seine Einmischung erst zum Zünden gebracht.
nguelk 24.07.2014
4. Unabhängiger Sport
Unabhängiger Sport geht in Ordnung, aber dann auch unabhängig von Sportförderung und anderen Privilegien. Und dann gilt auch die gleiche Korruptionsregelung, das gleiche Kartellrecht, identisches Gesellschafts- und Steuerrecht wie für die Wirtschaft. Abgesehen davon könnte auch StGB (Bildung krimineller Vereinigungen usw.) relevant werden, aber das ist nur ein unbelegbares Gefühl meinerseits.
zeisig 24.07.2014
5. Gott sei Dank,
Zitat von sysopAFPNach dem Abschuss von Flug MH17 fordern deutsche Politiker, Russland die Fußball-WM 2018 zu entziehen. Doch im Sport werden solche Forderungen gar nicht ernst genommen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-wm-2018-in-russland-boykott-forderungen-nicht-ernstzunehmen-a-982572.html
werden solche Forderungen nicht ernst genommen. Man muß ja nicht gleich ein ganzes Volk für irgendwelche politischen Fehlentwicklungen bestrafen. Die Russen haben eine Fußball WM- Ausrichtung genauso verdient wie Deutschland, Brasilien und ... ääh.. zum Beispiel Katar.
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