Kolumbien bei der Fußball-WM "Vereint für ein Land"

Rechts gegen links, Guerilla gegen Regierung, arm gegen reich: Kolumbien ist tief gespalten. Wie ausgerechnet der Fußball das vom Bürgerkrieg zerrissene Land einen soll - und warum er daran nur scheitern kann.

Kolumbien-Spieler beim Training
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Kolumbien-Spieler beim Training

Aus Mexiko-Stadt berichtet


Zwei unpopuläre Entscheidungen habe er in seiner Amtszeit getroffen. Das hat Kolumbiens scheidender Präsident Juan Manuel Santos Ende Mai in Brüssel auf einem Forum zur "Konfliktbewältigung im 21. Jahrhundert" erzählt.

Die eine sei gewesen, den Friedensprozess mit den linken Farc-Rebellen zu beginnen und die andere, sich für José Néstor Pékerman als Trainer der Nationalmannschaft einzusetzen. Ende 2011 hatte sich Santos für die Anstellung des Argentiniers stark gemacht, weil die Nationalauswahl drauf und dran war, die Qualifikation für die WM in Brasilien zu verspielen. "Und jetzt ist Pékerman ein Held", sagte Santos in Brüssel, und das klang fast ein bisschen neidisch.

Denn der Argentinier brachte die "Selección colombia" 2014 nicht nur nach Brasilien, sondern ließ sie auch leicht, beschwingt und siegend durch das Turnier tanzen. Erst im Viertelfinale stellte der Gastgeber den Kolumbianern die Musik ab. Und auch jetzt gelang es Pékerman wieder, die Elf um Bayern-Spieler James Rodríguez und Radamel Falcao von AS Monaco für Russland zu qualifizieren. In Saransk eröffnet Kolumbien heute um 14 Uhr gegen Japan die Spiele der Gruppe H.

Kolumbien ist gespalten

Was Santos in Brüssel nicht sagte, aber eigentlich meinte: Irgendwann würden die Kolumbianer ihm auch dafür dankbar sein, den Konflikt mit der Farc-Guerilla beendet zu haben. Das ist aktuell allerdings in weiter Ferne. Santos ist daheim extrem unpopulär - gerade wegen des Friedensprozesses. Und die Wahl seines Nachfolgers Iván Duque am Sonntag hat gezeigt, dass das Farc-Abkommen keine Mehrheit hat. Kolumbien ist gespalten in eine (größere) Hälfte der Gegner und eine (kleinere) der Befürworter des Prozesses.

Ehemalige Farc-Rebellen beim Fußballspiel
AFP

Ehemalige Farc-Rebellen beim Fußballspiel

Dabei hatte Santos schon früh versucht, über den Fußball die tiefe Spaltung zu überwinden, die Kolumbien nach 50 Jahren Bürgerkrieg mit 220.000 Toten und sechs Millionen Vertriebenen durchzieht. Man muss aber rückblickend sagen, Santos ist mit seinem Vorhaben gescheitert. Dabei nahm er sich ein großes historisches Beispiel: Nelson Mandela und dessen Versuch Anfang der Neunzigerjahre, über den Nationalsport Rugby die Rassentrennung in Südafrika zu eliminieren.

Die Funktion, die Santos dem heimischen Fußball zugewiesen hatte, erfüllte er zunächst - jedenfalls unter den besonderen Umständen der WM vor vier Jahren. Die Nationalmannschaft sollte als Pate für das Ende des Konflikts stehen und über alle ideologischen Grenzen hinweg das Land hinter dem großen Vorhaben Frieden einen. Damals liefen die Gespräche zwischen Rebellen und Regierung seit gut zwei Jahren. Schon äußerlich zeigte die kolumbianische Auswahl, dass sie für mehr als sportliche Siege kämpfte. Auf den Trikots stand damals wie heute im Nacken der Spieler "Unidos por un país" - "Vereint für ein Land". Bei anderen Mannschaften steht dort schlicht "Argentina", "Sverige" oder "Die Mannschaft".

So nahmen in Brasilien Spieler, Politiker und Bevölkerung tatsächlich ihre Rollen an und ließen sich von den Erfolgen der Selección verzaubern. Rechts und links, Guerilla und Regierung, arm und reich versammelten sich hinter der Mannschaft. "In unserem Land nehmen wir jede Gelegenheit wahr, den Schmerz und die Gewalt zu vergessen", erinnert sich Abel Yangana aus der südkolumbianischen Stadt Popayán an damals. "Und der Fußball ist stärker als Meinungsunterschiede und Hass."

Der Fußball als Baustein der politischen und sozialen Einheit

Selbst die Spieler bezogen Stellung. James Rodríguez, 2014 ein aufgehender Stern am Fußball-Firmament, sagte nach dem 3:0-Auftaktsieg gegen Griechenland, dass alle Kolumbianer am nächsten Tag zur Wahl gehen und für Frieden stimmen sollten. Einen Tag nach dem Spiel gewann Santos gegen seinen rechten Herausforderer die Stichwahl um eine zweite Amtszeit mit dem eindeutigen Auftrag, die Verhandlungen mit der Farc zu einem guten Ende zu bringen.

Wie Mandela in Südafrika wollte Santos in Kolumbien den Fußball langfristig als einen Baustein der politischen und sozialen Einheit etablieren, sagt der Buchautor und Journalist Antonio Casale im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Kolumbianische Fans in Russland
AFP

Kolumbianische Fans in Russland

Das Problem sei nur, dass die Spieler sich "nur sehr schüchtern" darauf eingelassen hätten. Es gebe eben im kolumbianischen Fußball keine Figur wie damals Francois Piennar, den weißen Kapitän der Rugby-Nationalmannschaft, der mit Mandela fast freundschaftlich verbunden war und mit ihm gemeinsam das Ziel verfolgte, Südafrikas Spaltung entlang der Hautfarbe über ein erfolgreiches Abschneiden bei der Rugby-WM im eigenen Land 1995 zu überwinden.

Die Fußball-Stars wagen sich nicht aus der Deckung

Und im Moment sei es eher so, dass sich die Spieler der Nationalmannschaft nicht aus der Deckung wagten. "Keiner hat sich politisch bekannt", erzählt Casale. Ganz im Gegenteil. Als eine Woche vor der Wahl in den sozialen Netzwerken ein Bild auftauchte, auf dem James Rodríguez angeblich zur Wahl des am Ende gescheiterten Linkskandidaten Gustavo Petro aufrief, meldete sich die Mutter des Fußballers, Pilar Rubio, über den Kurznachrichtendienst Twitter wütend zu Wort: "FAAAALSCH, das sind dreckige Formen, Politik zu machen. Wie weit treibt einen die Hoffnungslosigkeit."

Für Casale, Autor des Fußballbuches "Pelota tricolor" (dreifarbiger Ball), ist die Distanz der Spieler zur Politik nachvollziehbar. Die meisten Fußballer hätten das Gefühl, das Land habe nichts für sie getan. Viele von ihnen, so wie auch James und Falcao, sind schon als Jugendliche ins Ausland gegangen, um dort ihre Karrieren zu starten. Das wäre in Kolumbien nicht möglich gewesen.

Dennoch werden sich die Menschen unabhängig von ihrer politischen Meinung in diesen Tagen zu den Spielen der Selección treffen und gemeinsam jedes Tor bejubeln. Für den Politologen Andrés Molano vom Forschungsinstitut ICP in Bogotá hat die WM aber vor allem eine "betäubende und keine therapeutische" Wirkung. "Erfolge können kurzfristig für Euphorie sorgen und ein Gefühl nationaler Einheit schaffen." Aber die Rückgewinnung des sozialen und politischen Konsens sei eine sehr viel komplexere Aufgabe, die länger dauern werde als eine Weltmeisterschaft.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
florian29 19.06.2018
1. Kolumbien
Jedes Land ist gespalten. Nur was in Kolumbien passierte: man versuchte ein Volk für dumm zu verkaufen und dagegen hat es sich gewehrt. Man kann keine linken Mörder und Terroristen davonlaufen lassen und noch mit garantierten Sitzen im Parlament belohnen. Das ist doch absurd. Und ein Zeichen, daß sich Politiker nicht GEGEN den Willen des Volkes hinwegsetzen können. Jetzt hoffe ich auf Duque, daß er den Terroristen die Hölle heiß macht.
heavenstown 19.06.2018
2. Das Abkommen mit der FARC war die einzige Alternative...
... wenn das Abkommen gekündigt oder zu Ungunsten der ehemaligen FARC geändert werden sollte begibt man sich auf eine Stufe mit Trump..., das wird dann weiteres Blutvergießen und Bürgerkrieg bedeuten!
bakero 19.06.2018
3.
Zitat von florian29Jedes Land ist gespalten. Nur was in Kolumbien passierte: man versuchte ein Volk für dumm zu verkaufen und dagegen hat es sich gewehrt. Man kann keine linken Mörder und Terroristen davonlaufen lassen und noch mit garantierten Sitzen im Parlament belohnen. Das ist doch absurd. Und ein Zeichen, daß sich Politiker nicht GEGEN den Willen des Volkes hinwegsetzen können. Jetzt hoffe ich auf Duque, daß er den Terroristen die Hölle heiß macht.
„Man kann keine linken Mörder und Terroristen davonlaufen lassen und noch mit garantierten Sitzen im Parlament belohnen“ Man sollte das ganz sicher nicht unbedingt tun, aber die Realität ist eben ein bisschen komplizierter als der Idealfall. Was glauben Sie, wieviele Nazis, Sympathisanten, Schuldige, Mitschuldige, vielleicht sogar Mörder nach Ende des 2. Weltkriegs in deutschen Parlamenten saßen? Nach 50 Jahren Bürgerkrieg gibt es kein Schwarz und Weiß, keine klare Trennung zwischen Gut und Böse. Alle Seiten haben oder hatten Schuld an der Situation. Gerade Uribe, der Mentor von Duque, sollte da lieber ganz ruhig sein. Er hat linke Terroristen bekämpft und gleichzeitig rechte gefördert. Ein Neuanfang in Kolumbien, das hat z.B. Santos einigermaßen verstanden, ist nur möglich, wenn man aufeinander zugeht, und sich und die Vergangenheit selbst hinterfragt. Santos war auch ein Ziehsohn von Uribe, hat sich aber zum Glück von seiner Politik lösen können und in Richtung Frieden und Versöhnung geändert, auch wenn der Weg noch lang ist. Ich hoffe sehr, dass auch Duque sich emanzipiert und diesen Weg weitergeht. Dieses wunderbare Land hat das verdient!
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