Argentiniens Kapitän Lionel Messi Einsame Spitze

Lionel Messi findet in der Nationalmannschaft nicht sein Glück. Nun soll es endlich mit dem ersten Titel klappen, doch die Vorzeichen stehen mal wieder - schlecht.

Lionel Messi
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Aus Moskau berichtet


Lionel Messi konnte es nicht fassen. Nur das Dach der Trainerbank konnte ihm Halt geben. Minuten später weinte einer der besten Fußballer der Geschichte inmitten von jubelnden chilenischen Spielern, Sergio Agüero prallte mit seinem Trost an Messis Schultern ab. An diesem Tag im Juni 2016 gab es keinen Trost für "La Pulga". Zum dritten Mal hatte Messi mit Argentinien ein Endspiel verloren. Nach dem WM-Finale 2014 gegen Deutschland und dem Finale der Copa América 2015 erneut beim Kontinentalturnier in Südamerika, wieder gegen Chile und zum zweiten Mal im Elfmeterschießen.

Einen Tag später verkündete Messi seinen Rücktritt. "Die Zeit bei der Nationalmannschaft ist für mich vorbei", sagte er, diesmal ohne Tränen. "Meine Entscheidung steht." Tat sie dann aber doch nicht, nur sechseinhalb Wochen später kehrte er zurück, weil Messi sein Land und dieses Trikot "zu sehr liebe". Seitdem bestritt er elf der 19 Länderspiele der Albiceleste (die Weiß-Himmelblauen), erzielte neun Tore, darunter drei entscheidende im letzten Qualispiel zur WM 2018 gegen Ecuador.

Man muss die verlorenen Finals, die Tränen und die kurze Demission im Hinterkopf haben, wenn Messi kurz vor ersten WM-Spiel gegen Island am Samstag (16 Uhr MEZ Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF und Sky) sagt: "Mein Wohl hängt nicht vom WM-Pokal ab."

Messi ist kein Mann großer Worte, aber es dürfte sicher sein, dass er diesen vermaledeiten Titel mit Argentinien herbeisehnt wie nur was.

Virtuose und gehemmter Alleinunterhalter

Die Diskrepanz zu seiner Vereinskarriere könnte kaum größer sein. Beim FC Barcelona, wo Messi eine vergleichbare Ausnahmeerscheinung ist, seine Nebenleute aber stets mitglänzen konnten, gewann der 30-Jährige 19 bedeutende Titel, krönte sich in den verschiedenen Wettbewerben 16-mal zum Torschützenkönig und wurde fast ausschließlich wegen der Erfolge im Klub fünfmal zum Weltfußballer gewählt.

Es gibt aber auch eine Ungleichheit zwischen Spielen von Messi im blau-roten Barcelona-Trikot und im weiß-himmelblauen Argentinien-Trikot. Hier der leichtfüßige Virtuose, der scheinbar minutenlang abschaltet, dann aber den nächsten Geniestreich zeigt, es mit unzähligen Gegenspielern aufnimmt, aber eben auch von anderen Top-Stars hervorragend unterstützt wird. Und dort der in wichtigen Spielen oft gehemmt wirkende Alleinunterhalter, der mit 64 Toren zwar argentinischer Rekordtorschütze ist, aber eben auch damit leben muss, dass sich die anderen Weltklasse-Stürmer der Albiceleste oft auf ihn verlassen.

1:6-Klatsche gegen Spanien

Seit 2017 verantwortet Jorge Sampaoli die argentinische Nationalmannschaft als Trainer. Der 58-Jährige ist ein Taktikexperte, der Chile mit beeindruckendem Pressing zum Copa-Gewinn 2015 führte und Mannschaften mit unkonventionellen Maßnahmen besser machen kann. Doch auch Sampaoli schaffte es nicht, Argentinien entscheidend voranzubringen. Überzeugende Siege wechselten sich mit klaren Niederlagen gegen Nigeria und Spanien ab, gegen den WM-Favoriten setzte es im vergangenen März sogar eine 1:6-Klatsche.

Zum erweiterten Favoritenkreis gehört Argentinien trotzdem, schon allein wegen der Historie als zweifacher Weltmeister und dem Überangebot an exzellenten Offensivkräften wie Gonzalo Higuaín, Agüero, Paulo Dybala, Ángel di María und eben Messi. Doch dahinter klafft eine Lücke. Mit Sergio Romero musste vor der WM der mit Abstand beste Torhüter verletzt passen, in der Abwehr genügt nur Nicolás Otamendi höchsten Ansprüchen und im defensiven Mittelfeld sieht es qualitativ nicht besser aus.

"Er hat einen Revolver an seinem Kopf"

Und so wird es dann womöglich doch wieder an Messi hängen, den Druck einer gesamten Nation zu schultern. Sampaoli brachte diesen Druck in seinem Buch "Mis Latidos" etwas martialisch auf den Punkt: "Er hat einen Revolver an seinem Kopf, der sich WM-Titel nennt. Wenn er nicht gewinnt, wird er erschossen und getötet."

Messi selbst hat es im Vorfeld der Weltmeisterschaft vermieden, sich bezüglich der Zukunft in der Nationalmannschaft festzulegen. "Es hängt davon ab, wie wir abschneiden werden", sagte er der spanischen Zeitung "Sport" und betonte zudem "schwierige Momente" mit der Presse in Argentinien. 2019 wird die Copa América in Brasilien mit den Gastgebern als Top-Favorit ausgetragen, bei der WM 2022 in Katar wird Messi bereits 35 Jahre alt sein.

Russland ist Messis letzte Chance auf ein Happy End.



insgesamt 3 Beiträge
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dragondeal 16.06.2018
1. Auch mit 35
kann man noch eine WM spielen.
Wolfgang Porcher 16.06.2018
2. .haben wir ja gesehen
er verträgt es nicht ständig im Schattendasein von Ronaldo zu leben
bilch_76 16.06.2018
3.
Zitat von Wolfgang Porcherer verträgt es nicht ständig im Schattendasein von Ronaldo zu leben
Unsinn. Der bessere Fussballer, technisch, ist Messi schon, wahrscheinlich sogar der beste in der Spitze - bisher. Allerdings sind die Unterschiede gering. Und vor allem ist Ronaldo der mit Abstand bessere Torschütze, dadurch insgesamt auffälliger. Als der Messi aber selten auftritt, nicht so seine präferierte Rolle. In der Nati ist bei Portugal mittlerweile alles, jedes Molekül, auf CR7 abgestimmt. Weil, das haben sie begriffen, nur so erhöhen die ihre Chancen. Hat ja auch gedauert. Vorher war ronaldo dort meist eher wenig sichtbar. Und genau das ist bei Argentina anders. Weil Mannschaft qualitativ breiter, aber dadurch oft auch heterogener. Irgendwie nicht so Messis playground, was sich wohl auch nicht mehr ändern wird.
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