Ägyptische Nationalelf in Tschetschenien Fototermin mit Diktator

Fußball-Superstar Mohamed Salah posiert mit dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow. Der liebt es, sich mit Sportstars zu inszenieren. Etliche Promis folgten bereits seinem Ruf nach Grosny.

Mohamed Salah (l.), Ramsan Kadyrow
AFP

Mohamed Salah (l.), Ramsan Kadyrow

Von Tim Kaestner


Sie lächeln und fassen sich an den Händen. Die Aufregung in den sozialen Medien ist groß, als am Wochenende mehrere Fotos des ägyptischen Fußball-Nationalhelden Mohamed Salah mit dem tschetschenischen Oberhaupt Ramsan Kadyrow auftauchen.

Kurz darauf lobt Kadyrow den Offensivspieler vom FC Liverpool als "besten Fußballer der Welt und eine insgesamt perfekte Person". Überraschend kamen weder die Aufnahmen noch der gemeinsame Pressetermin. Immerhin hat die ägyptische Nationalmannschaft ihr WM-Quartier in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny bezogen.

Das Problem: Die zur russischen Föderation gehörende autonome Republik Tschetschenien und besonders die Kadyrowzy, eine paramilitärische Privatarmee, die Kadyrow treu ergeben ist, stehen seit Jahren im Fokus der Menschenrechtsorganisationen. Die Liste der Vorwürfe ist so lang wie erschütternd - Mord, Folter, Verfolgung von Minderheiten. Immer wieder sollen in der Region im Nordkaukasus Menschen spurlos verschwinden.

Im Jahresbericht 2016/2017 von Amnesty International wird der Fall des regimekritischen Journalisten Zhalaudi Geriev geschildert, der wegen Marihuana-Besitzes zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Im Prozess sagte er aus, er sei von drei Männern entführt, in einen Wald vor den Toren Grosnys verschleppt und dort gefoltert worden, um ein Geständnis zu erzwingen.

"Schockierend und ungeheuerlich"

Vor diesem Hintergrund ist es für Jane Buchanan, stellvertretende Direktorin bei Human Rights Watch, eine "Schande", "schockierend und ungeheuerlich", dass Grosny von der Fifa überhaupt als Wohnort eines an der WM teilnehmenden Teams zugelassen wurde. Warum sich die Ägypter für die tschetschenische Hauptstadt als Quartier entschieden haben, wissen nur die Verantwortlichen des Verbandes.

Es ist davon auszugehen, dass sich Kadyrow aktiv darum bemüht hat, eine Nationalmannschaft zu beherbergen, um vom Glanz der Weltmeisterschaft zu profitieren. Ursprünglich hatten die Tschetschenen sogar darauf gehofft, WM-Spiele in der Achmat-Arena ausrichten zu dürfen. Die Wahl der Gastnation ist leicht nachvollziehbar: Kadyrow ist strenggläubiger Moslem und Anhänger des sunnitischen Sufismus, der Strömung des Islam, die auch in Ägypten am weitesten verbreitet ist.

Dass der begeisterte Sport-Fan Kadyrow vor allem den Fußball nutzt, um sich als großer Staatsmann zu inszenieren und seine Macht zu festigen, hat Methode, seit er 2006 im Alter von 30 Jahren die Regierungsgeschäfte in Tschetschenien übernahm.

Maradona war in Grosny, Figo und Baresi auch

2011 ließ er zu Ehren seines Vaters, des ehemaligen Präsidenten, die Achmat-Arena erbauen - symbolträchtig an der Stelle, an der Achmat Kadyrow sieben Jahre zuvor Opfer eines Bombenattentats geworden war. Zur Einweihung des hochmodernen Stadions für 30.000 Zuschauer spielte Ramsan Kadyrow selbst als Kapitän eines Nordkaukasus-Teams gegen eine Weltauswahl, der unter anderem Diego Maradona, Luis Figo und Franco Baresi angehörten. Müßig zu erwähnen, dass die Gastgeber 5:2 gewannen.

Schon vorher war ein brasilianisches All-Star-Team um Cafu, Bebeto und Carlos Dunga der Einladung Kadyrows gefolgt und hatte ein Freundschaftsspiel gegen eine tschetschenische Auswahl bestritten - natürlich auch angeführt vom Machthaber höchstpersönlich. Den ehemaligen niederländischen Superstar Ruud Gullit verpflichtete Kadyrow als Trainer für den lokalen Verein Terek Grosny, nur um ihn ein halbes Jahr später wieder zu entlassen.

Kadyrow, Salah
AFP

Kadyrow, Salah

Noch mehr Leidenschaft als für Fußball hat Kadyrow für Kampfsport. In jeglicher Form. Als großer Freund der Mixed Martial Arts (MMA) ließ Kadyrow nicht nur den Akhmat Fight Club gründen, sondern baute mit dem 2015 eingeweihten Colosseum Sports Complex eine weitere hochmoderne Arena, in der regelmäßig Veranstaltungen stattfinden. Dass er dabei auch seine eigenen Kinder in Käfigkämpfen antreten lässt, brachte ihm unter anderem Kritik der russischen MMA-Legende Fedor Emelianenko ein, was Kadyrow allerdings nicht anficht.

2013 musste Sportminister Salambek Ismailow im Boxring zum Sparring mit dem Machthaber antreten, weil Ismailow beim Umbau seines Ministeriums geschlampt hatte. Ein Jahr später ließ sich Kadyrow die Ausrichtung der Schwergewichts-WM zwischen Ruslan Tschagajew und Fres Oquendo einen zweistelligen Millionenbetrag kosten.

Zu Gast waren Stars wie Evander Holyfield, David Haye und Ringsprecherlegende Michael Buffer. Auch die größten Namen im Boxsport haben keine Skrupel, für Fotos mit Kadyrow zu posieren. Mike Tyson war schon zu Besuch in Grosny, ebenso die Klitschkos, kürzlich auch der bestverdienende Sportler der Welt, Floyd Mayweather Jr.

Woher kommt das Geld?

Doch warum posieren Sportstars trotz der bekannten Vorwürfe gegen das Regime mit Kadyrow? Die einfache Antwort: Sie lassen sich ihre Auftritte in Grosny gut bezahlen. Auch die ägyptische Nationalmannschaft wird die Stadt im Nordkaukasus nicht aus geografischen Gründen als Ausgangspunkt für ihr WM-Abenteuer gewählt haben - immerhin nehmen die Ägypter mit 12.000 Flugkilometern allein während der Vorrunde die größten Reisestrapazen aller teilnehmenden Nationen auf sich.

Wladimir Putin (l.), Kadyrov
AFP/ RIA NOVOSTI

Wladimir Putin (l.), Kadyrov

Wie finanziert Kadyrow seine kostspielige Leidenschaft für den Sport? Und wie hat er Grosny aus einer vom Bürgerkrieg verwüsteten Ruinenstadt in eine der modernsten Metropolen Russlands verwandelt? Angeblich soll das Geld aus Moskau kommen, Kadyrow gilt als loyaler Weggefährte Wladimir Putins. Im Gegenzug sorgt Kadyrow in Tschetschenien für Ruhe.

Im Nordkaukasus kursiert angeblich der folgende Witz: Ramsan Kadyrow und Putin geben eine gemeinsame Pressekonferenz. Frage an Kadyrow: "Tschetschenien hat kaum Bodenschätze, kaum Tourismus und ist trotzdem eine der reichsten Republiken der russischen Föderation. Woher kommt das ganze Geld?" Kadyrows Antwort: "Allah schenkt uns unseren Reichtum." Darauf stößt ihn Putin an und sagt: "Du sollst mich doch nicht immer so nennen."



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