Belgiens Stürmerstar Lukaku Der Unterschätzte

Tempo und Physis: Oft wird Romelu Lukaku nur darauf reduziert. Wie absurd das ist, zeigte der belgische Stürmer gegen Japan. Das Siegtor war vor allem ihm zu verdanken - ohne dass er den Ball berührte.

Romelu Lukaku
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Romelu Lukaku

Aus Rostow berichtet


Es gibt diesen Spruch über Berlin, wonach die Stadt dazu verdammt sei, immerfort zu werden und niemals zu sein. Am Montagabend, beim WM-Achtelfinalspiel zwischen Belgien und Japan, konnte man nach einer Stunde meinen, dass dieser Generation belgischer Fußballer das gleiche Schicksal droht.

Eden Hazard, 27, Kevin de Bruyne, 27, Toby Alderweireld, 29, und Romelu Lukaku, 25, sie alle gehören auf ihren Positionen zur Elite des Fußballs; seit Jahren zählt Belgien daher stets als Geheimfavorit bei Welt- und Europameisterschaften. Eigentlich aber heißt dieses "Geheim" vor dem Favoriten aber nichts anderes, als dass die Mannschaft eben doch nicht als gut genug für den Titel eingeschätzt wird.

Diesmal aber, da jene Schlüsselspieler im besten Alter sind, sollte sich das ändern. Stürmer Lukaku etwa hatte vor der WM angekündigt, das Turnier genießen zu wollen. Das mag trivial klingen, aber in Zeiten, in denen andere große Fußballer auf dem Spielfeld in Tränen ausbrechen, sticht solch eine Aussage heraus.

Historisches Achtelfinale

Gegen Japan war es für Lukaku und seine Belgier aber so eine Sache mit dem Genuss. Vor allem bei diesem Spielverlauf. Zunächst schafft Belgien einfach nur kein Tor, dann kassiert es nacheinander zwei, Genki Haraguchi trifft, vier Minuten danach auch Takashi Inui. Einen solchen Rückstand in einem WM-K.-o.-Spiel während 90 Minuten in einen Sieg zu verwandeln, das gelang zuletzt vor 52 Jahren. Nach 60 Minuten deutet wenig darauf hin, dass Belgien diese Partie noch 3:2 gewinnen und den Viertelfinaleinzug perfektmachen wird.

Lukaku hat Chancen, aber mit dem Tor will es nicht klappen. Meist bekommt ein japanischer Verteidiger im letzten Moment die Fußspitze in die Flugbahn des Balls, das ist kein Zufall, Gen Shoji und Maya Yoshida bewachen den Stürmer oft gemeinsam, zwei gegen einen. Nur einmal kommt Lukaku ganz frei zum Abschluss, köpft aber am Tor vorbei am (62. Minute). Nach den ersten vergebenen Gelegenheiten lächelt Lukaku noch, doch als nach bald 70 Minuten auch sein vierter Versuch nicht aufs Tor kommt, ist das Lächeln verschwunden.

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Mit 25 Jahren hat der Angreifer von Manchester United 71 Länderspiele hinter sich, er erzielte dabei 40 Tore. Das sind beeindruckende Zahlen, und dennoch sah sich Lukaku oft einer fraglichen Beurteilung durch Teile der Öffentlichkeit ausgesetzt. Zu Beginn der WM veröffentlichte er einen Beitrag auf der Medienplattform "Player's Tribune, er beschreibt darin unter anderem, wie er schon im Kindesalter angefeindet wurde. "Wie alt ist das Kind? Wo ist sein Ausweis? Wo kommt es her?", fragten Eltern von Gegenspielern. Man kann sich nur schwer ausmalen, was das mit einem Jungen anstellt.

In dem Artikel beschreibt Lukaku außerdem, dass seine kongolesischen Wurzeln oft dann benannt wurden, wenn er schlecht spielte. Sonst war er Romelu, der Junge aus Antwerpen.

Lukaku kann nicht nur schnell laufen

Und dann ist da seine Athletik. Lukaku misst 1,90 Meter, er bringt mehr als 90 Kilogramm auf die Waage, gleichzeitig ist er schnell. Eine seltene Mischung, die offenbar viele Experten dazu verleitet, den Stürmer auf seine Physis zu reduzieren.

Ganz gleich, wie erfolgreich Lukaku spielte, gelobt wurde meist sein Tempo und sein Körper. Das ist kein Zufall, sondern oft zu beobachten, wenn weiße Sportkommentatoren über schwarze Sportler sprechen. Nur ist das besonders widersinnig bei einem Stürmer, dessen Tore so extrem auf seiner taktischen Überlegenheit gegenüber vielen Verteidigern basieren.

In der Gruppenphase der WM zeigte sich das, man musste nur hinsehen. Vor dem Treffer zum 2:0 gegen Tunesien sprintet er kurz in die eine Richtung und zwingt seinen Gegenspieler dazu, den Weg mitzugehen. Dann ändert er ruckartig die Laufrichtung, er ermöglicht damit den Steilpass. Vor dem 3:1 im selben Spiel ist es sein Laufweg, der den öffnenden Pass zur Seite ermöglicht, die Flanke verwertet Lukaku dann selbst.

Gegen Japan aber erhält er keine Steilpässe, der Außenseiter verteidigt geschickt, macht die Räume eng, da ist kein Durchkommen.

Taktikwechsel bringt Ausgleich, Lukaku den Sieg

Also ändert Belgiens Trainer Roberto Martínez seine Strategie, er bringt den kopfballstarken Marouane Fellaini, den athletischen Nacer Chadli. Ab jetzt werden die Bälle hoch in den Strafraum geschlagen. Und siehe da, Jan Verthongen trifft zum 1:2, ein Kopfball; Fellaini trifft zum 2:2, ein Kopfball.

Es folgt Lukakus Auftritt. Die vierte Minute der Nachspielzeit, Belgiens Torwart Thibaut Courtois fängt einen japanischen Eckball ab. Jetzt geht's ganz schnell. Courtois wirft den Ball in den Lauf von De Bruyne, dieser treibt ihn nach vorne, doch er findet keinen Passempfänger. Lukaku ändert das.

Von der rechten Seite aus startet er ins Zentrum, zieht seinen Bewacher Yuto Nagatomo mit sich, er räumt damit den rechten Flügel frei und schafft Platz für einen Pass in die Tiefe. De Bruyne bedient Thomas Meunier, und während dieser noch dabei ist, sich den Ball vorzulegen, tut Lukaku es schon wieder.

Romelu Lukaku (r.)
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Romelu Lukaku (r.)

Von der halblinken Seite, wo er mittlerweile angelangt ist, zieht er erneut nach rechts, und wieder verfolgt ihn ein Verteidiger, Makoto Hasebe. Statt, von Hasebe bedrängt, zu schießen, hebt Lukaku den Fuß an und lässt Meuniers Hereingabe durchlaufen. Chadli in seinem Rücken ist völlig frei, da ist kein Hasebe mehr, nur noch der Ball und der Raum und Chadli. Tor, Abpfiff.

Lukaku berührte den Ball beim entscheidenden Spielzug kein einziges Mal. Doch dieser Siegtreffer war vor allem seiner.



insgesamt 9 Beiträge
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darkside63 03.07.2018
1. Top...
...Spieler, der Romelu. Als Typ sympathisch und einer der besten Stürmer weltweit. Seine Rolle am Siegtor in einem eigenen Bericht gewürdigt zu sehen freut mich doppelt. Neun von zehn Stürmern hätten selbst den Abschluss gesucht und wären - da hart bedrängt - vermutlich gescheitert. Lukaku aber wusste genau dass hinter ihm jemand besser postiertes ranrauscht... Ganz grosse Fussballkunst!
sh.stefan.heitmann 03.07.2018
2. Der Unterschätzte ????
...kann nur von jemandem kommen der keine Ahnung von Fussball hat (sowie eben die meisten Kommentatoren!)
eifelzweifel 03.07.2018
3. Gute Analyse
Hallo Herr Montazeri, ich habe anfangs auch immer gedacht, Romelu Lukaku wünscht man an seiner Seite, wenn man eine dunkle Straße lang geht. Aber spätestens seit gestern sehe ich Romelu Lukaku mit ganz anderen Augen. Wie er das dritte Tor vorbereitet hat, große Klasse! Danke für den sehr guten Artikel und die sehr gute Analyse. Es freut mich für Belgien, der Erfolg der belgischen Mannschaft trägt enorm zur Integration bei: Migranten, Flamen und Wallonen und nicht die Deutschbelgier zu vergessen: Alle genießen die Siege ihrer Nationalmannschaft.
ralfwk 03.07.2018
4. Aber..
Zitat von sh.stefan.heitmann...kann nur von jemandem kommen der keine Ahnung von Fussball hat (sowie eben die meisten Kommentatoren!)
Sie haben natürlich als einziger den ganz grossen Durchblick und sollten Bundestrainer sein!
duke_van_hudde 03.07.2018
5. Wenn weisse SJW über weiße herziehen müssen
Sie sollten sich mal alle Tore von Lukaku für das Team Belgien anschauen. Da werden sie nicht selten tolle pässe von KDB Hazard oder Mertens sehen die genau für einen Stürmer wie Lukaku super sind und die er dann toll rein macht. Er spielt dann seine Zweikampfstärke und seine Schnelligkeit aus. Wer das nicht sehen will, weil er ein SJW ist und man sowas nicht zu einen farbigen sagen darf der sollte sowas nicht im Bereich Sport sondern im Berech Politik schreiben. Das Lukaku in dem Spielzug taktisch alles super gemacht hat ist absolut richtig und genau diese Art des Spiels ist das was Belgien so super kann. Er hat daher die Szene absolut richtig gelesen wie die beteidigten Spieler und jetzt kommt es. Seinen Teil musste er nicht nur richtig lesen können sondern er musste auch schnell genug sein und körperlich so stark das die Japanischen Verteidiger vor einen riesigen Problem standen und zwar welchen Spieler sie decken und da sie mit so vielen vorne waren konnten sie halt nicht mehr alle gleichzeitig decken. Lukaku war in der Szene super stark und zwar weil er Körperlich für seine Position Top ist und gleichzeitig die Taktik diese fähigkeiten voll eingebracht hat. Das ein Spieler der wohl einen Marktwert von 90 Mio haben soll unterschätzt wird finde ich aber sehr gewagt. Der sollte unter den Top 15 der WM sein vom Marktwert. Kein Deutsche Spieler der bei der WM dabei war hat solch ein Marktwert und nur der Spieler der ncith dabei war erreich einen ähnlichen. Löw hat also den wertvollsten Spieler Deutschland nicht mitgenommen. Wenn man bei Belgien einen Spieler mit unterschätzt ansehen will dann ist das für mich Dries Mertens. Sonst hoffe ich das Belgien Weltmeister wird, weil sie als kleines Land drei der bestne Spieler der Welt in ihren Reihen haben und zu diesen drei gehört natürlich auch Lukaku.
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