Spaniens Nationaltrainer Hierro Der Ruhepol

Vor einer Woche wurde Fernando Hierro als spanischer Nationaltrainer vorgestellt. Der Top-Favorit drohte im Chaos zu versinken. Doch der Neue verschafft sich im Rekordtempo Respekt.

Fernando Hierro
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Fernando Hierro

Aus Kasan berichtet


Carlos Queiroz ist in seinem Leben weit rumgekommen. Der in Mosambik geborene Portugiese war schon Trainer in Japan, Südafrika, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und seit 2011 coacht er die iranische Nationalmannschaft. Queiroz war 2003 auch für ein Jahr Trainer bei Real Madrid und kann sich deshalb gut in den Konflikt hineindenken, den das spanische Nationalteam in den Tagen unmittelbar vor WM-Start beschäftigte.

Es waren unruhige Zeiten damals in Madrid. Queiroz war als Nachfolger der Real-Legende Vicente del Bosque verpflichtet worden und musste damit klarkommen, dass mit Fernando Hierro die Gallionsfigur schlechthin den Klub ebenfalls verlassen musste. "Ich wollte ihn unbedingt halten", sagte Queiroz in Kazan über den Spieler Hierro. "Es ist schon ein bisschen ironisch, dass ich ihn hier nun wiedertreffe", ergänzte der 65-Jährige und sprach nun über den Trainer Hierro.

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Fernando Hierros Karriere: Verteidiger mit Torgarantie

2003 verhinderte Real-Präsident Florentino Pérez die Rückkehr des geschassten Hierro, die beiden sollen nach dem Meistertitel lautstark über die zukünftige Ausrichtung der Madrilenen gestritten haben. 15 Jahre später war es erneut Pérez, der entscheidenden Einfluss auf Hierros Leben nahm. Real verpflichtete unmittelbar vor der Weltmeisterschaft Nationaltrainer Julen Lopetegui als neuen Coach, hinter dem Rücken des Verbands, und so musste Lopetegui gehen. Hierro, als Teammanager ohnehin im Quartier in Krasnodar vor Ort, wurde als Nachfolger verpflichtet. Spanien versank im Chaos und schien sich aus dem Kreis der Top-Favoriten verabschiedet zu haben.

"Ich kenne ihn gut und weiß, dass er die richtige Person ist, um diese Mannschaft wieder zu vereinen", sagte Queiroz vor dem zweiten Gruppenspiel Irans gegen die Selección am Abend (20 Uhr MEZ Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD und Sky). Das Team drohte in zwei Lager gespalten zu werden. Hier die Real-Profis um Kapitän Sergio Ramos, Angestellte des Klubs, der die Konfusion verursacht hatte. Und dort die 17 anderen Spieler, die sich innerhalb weniger Stunden auf einen neuen Trainer einstellen mussten.

Doch der Verband, der für Lopeteguis Beurlaubung viel Kritik einstecken musste, machte in der Folge alles richtig. Eine große Lösung wäre in der Kürze der Zeit ohnehin nicht zu bekommen gewesen, und Hierro - der kurioserweise auch kurzzeitig als Nachfolger von Zinédine Zidane bei Real gehandelt worden war - bringt vieles mit, was vonnöten war: Als 89-facher Nationalspieler schlägt ihm großer Respekt entgegen, er kennt die Mannschaft und strahlt eine Ruhe aus, die im Auge des medialen Sturms ansteckend gewesen sein muss.

"Was im Vorfeld passiert ist, darf keine Ausrede sein", sagte Hierro in der Öffentlichkeit, und auch seinen Spielern soll er in beispielloser Unaufgeregtheit die Konzentration zurückgegeben haben, erzählen ständige Begleiter der Mannschaft: "Wir haben eine riesige Chance, es geht um den WM-Titel." Für Queiroz ist eine Spaltung nicht erkennbar. "Wir haben es gegen Portugal gesehen, sie waren eine Einheit", sagte er.

De Gea wird auch gegen Iran spielen

Das 3:3 im ersten Gruppenspiel war die bisher beste Partie dieser WM und könnte es auch bis zum Schluss bleiben. Hierro änderte wenig, ließ Spanien im 4-3-3 das gewohnte Kombinationsspiel aufziehen und gab dem Team viele Freiheiten. Dass es am Ende nicht zum Sieg reichte, lag an Portugals Cristiano Ronaldo mit seinen drei Toren und am spanischen Keeper David de Gea, der das zweite Gegentor mit einem klaren Fehler ermöglichte.

Einen Wechsel plant Hierro nicht. "Wir haben vollstes Vertrauen in ihn", sagte der 50-Jährige. "Er hatte zuletzt Probleme, aber manchmal braucht man einfach nur ein bisschen Zeit." Diese Antwort hätte auch del Bosque geben können, nach seiner Zeit bei Real acht Jahre lang Nationaltrainer und Weltmeister 2010. Die beiden eint nicht nur ihre gemeinsame Entlassung 2003, sie standen und stehen auch als Ruhepol stets hinter der Mannschaft.

Ob Hierro nach der WM Nationaltrainer bleibt, ist noch nicht geklärt. Denn auch er wird am Erfolg gemessen werden - und seine fehlende Erfahrung wird in Spanien kritisch gesehen. Bisher arbeitete Hierro ein Jahr als Co-Trainer von Carlo Ancelotti bei Real und verließ 2017 den spanischen Zweitligisten Real Oviedo nach nur einem Jahr. Als Alternative gilt Albert Celades, spanischer U21-Nationaltrainer und ein ausgewiesener Fachmann.

"Ich weiß, dass ich nur mit meinem Lebenslauf den Job nicht bekommen hätte", sagt Hierro. Er weiß, dass er mehr zu bieten hat.



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