Fußball-Weltmeisterschaft Hier ist Deutschland besser aufgestellt als die anderen - und hier schlechter

Wie viel Erfahrung haben die WM-Teams, wer gewann zuletzt wie oft, und auf welche Schlüsselspieler kommt es an? Wir haben die Kader analysiert - und bei Deutschland einen gravierenden Schwachpunkt entdeckt.

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An dieser Stelle könnte eine Formel stehen. Eine komplizierte Formel, die all die Unwägbarkeiten und Zufallsereignisse im Verlauf eines WM-Turniers bestmöglich erfasst und Ihnen mit algorithmischer Eleganz die Titel-Chancen aller WM-Teilnehmer präsentiert. Brasilien: 22,1 Prozent, Deutschland: 16,9 Prozent, und so weiter. Wenn wir ehrlich sind, wäre das wohl wenig hilfreich. Zu viel Unvorhergesehenes kann während eines Turniers passieren, und zu eng liegen viele der Teilnehmer leistungsmäßig beieinander.

Was wir bei SPIEGEL ONLINE stattdessen machen wollen, ist, Ihnen mittels einiger ausgewählter Kennzahlen pro Team sowie Einschätzungen unserer Sportredaktion eine Orientierung für jede Mannschaft zu geben.

Wir nutzen dafür eigens erhobene Werte wie die Erfahrung der Spieler auf internationalem Top-Niveau, die Bilanz des jeweiligen Teams in Spielen gegen andere Top-Nationen, sowie stets aktuelle Einschätzungen aus der Redaktion (Details zu den einzelnen Parametern finden Sie in der Box am Ende des Artikels). Präsentieren wollen wir Ihnen diese Informationen kompakt in unserem Team-Widget, einem Übersichtskasten, den Sie in den kommenden Wochen häufig in unseren Berichten zur Weltmeisterschaft finden werden.

Durchstöbern Sie hier die Werte aller 32 Teilnehmerländer

So ganz wollen wir Sie mit den Zahlen und Einschätzungen aber nicht alleine lassen. Deshalb finden Sie im Folgenden einen detaillierteren Blick auf die Besonderheiten der Kader sowie unsere Einschätzung zu den großen Turnier-Favoriten.

Frankreich

Frankreich hat mit durchschnittlich 26 Jahren den jüngsten Kader der ernsthaften WM-Titelkandidaten und nach Nigeria den zweitjüngsten Kader insgesamt. Mangelnde Erfahrung kann man dem Team dennoch nicht vorwerfen. Viele Spieler konnten bereits bei der Heim-EM vor zwei Jahren Erfahrung auf höchstem Niveau sammeln, und selbst Jungstars wie Ousmane Dembélé, Kylian Mbappé und Samuel Umtiti spielen bereits bei internationalen Spitzenklubs.

Wie groß das Zukunftsversprechen des französischen Teams ist, zeigt sich auch am insgesamt zweithöchsten durchschnittlichen Marktwert (44,8 Millionen Euro). Der Kader ist sehr gut besetzt, vor allem die spektakuläre Offensive um Antoine Griezmann. Dass die Franzosen auch starke Gegner schlagen können, haben sie am vergangenen Freitag im WM-Test gegen die (nicht qualifizierten) Italiener gezeigt. Unsere Prognose: Frankreich ist der Titelfavorit Nummer eins.

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Spanien

Der Gegenentwurf zu den Franzosen sind die Spanier, zumindest was Alter und Erfahrung angeht. Mit 28,5 Jahren ist ihr Team im Schnitt etwa zweieinhalb Jahre älter als die französische Auswahl. Ganze acht Spieler im spanischen Kader verfügen über eine Erfahrung von mehr als einhundert Spielen auf Top-Niveau, unter anderem Stars wie Andrés Iniesta, Sergio Ramos oder Sergio Busquets.

Dieses Trio und zwölf weitere Profis spielen bei Spitzenvereinen, und auch in Sachen Marktwert setzt der spanische Kader mit durchschnittlich 45 Millionen Euro Maßstäbe. Für nahezu jede Position stehen Weltklassespieler zur Verfügung, und dass sie jede Mannschaft der Welt schwindelig spielen können, haben die Spanier in einigen Phasen beim Freundschaftsspiel gegen Deutschland (1:1) im März gezeigt.

Deutschland

Auch die deutsche Nationalmannschaft verfügt als aktueller Weltmeister und mit gleich 15 Spielern bei internationalen Top-Vereinen über sehr viel Erfahrung. Was die verschiedenen Positionen angeht, ist das Team sowohl in der Breite als auch was die Qualität angeht (mit leichten Abstrichen in der Sturmspitze) sehr gut besetzt. Gerade der Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung und im zentralen Mittelfeld sucht international seinesgleichen.

Bemerkenswert im negativen Sinn ist aber die Bilanz der deutschen Nationalmannschaft gegen andere Top-Nationen. Seit der WM 2014 wurden von zehn Aufeinandertreffen lediglich zwei gewonnen (je 1:0 gegen Spanien im November 2014 und gegen England im März 2017) - ein äußerst durchschnittlicher Wert. Wir halten die Titelverteidigung dennoch für möglich.

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Brasilien

Den brasilianischen Kader könnte man auf den ersten Blick als "ziemlich alt und dennoch nicht mit herausragender Erfahrung gesegnet" beschreiben. Auch wenn die Kennzahlen dies hergeben, wird man der Klasse des Teams damit jedoch nicht gerecht. Insgesamt 14 Profis spielen bei internationalen Top-Vereinen, und mit Neymar stellen sie einen absoluten Ausnahmekönner und Superstar der WM.

Große Schwachstellen sind im Kader nicht zu erkennen. Absolut herausragend ist die Bilanz der Brasilianer in Spielen gegen andere Top-Nationen: Acht von 14 Duellen seit der vergangenen WM konnten sie hier für sich entscheiden, es ist der beste Wert unter allen teilnehmenden Nationen. Unser Fazit: Ist Neymar in Form, dann ist der Titel für Brasilien möglich.

Argentinien

Dass der argentinische Kader nicht ganz mit den bisher genannten Teams mithalten kann, wird bereits mit einem Blick auf die Marktwerte deutlich. Mit durchschnittlich 30,3 Millionen Euro pro Spieler liegt Argentinien hier nur auf Rang sieben, was nicht zuletzt auch dem hohen Durchschnittsalter (29,3 Jahre) geschuldet sein dürfte. Nicht alle Positionen im Kader sind erstklassig besetzt. Die Offensive mit Gonzalo Higuaín, Lionel Messi, Sergio Agüero und Paulo Dybala dafür umso mehr. Das Team besitzt nach Brasilien die zweitbeste Bilanz gegen Top-Nationen. Wie stark Argentinien am Ende ist, hängt von Messis Leistungen ab.

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England

Bei England tun sich einige Parallelen zu Frankreich auf. Auch der englische Kader ist jung (im Schnitt 26 Jahre), aber dennoch erfahren (durchschnittlich 50 Spiele Erfahrung auf Top-Niveau). Auch jüngere Spieler wie Eric Dier, Dele Alli (beide Tottenham) oder Raheem Sterling (Manchester City) spielen bei Premier-League-Spitzenvereinen, und das englische Team könnte vom hohen Niveau der heimischen Liga profitieren.

Mit Harry Kane (ein weiterer Spurs-Profi) und Alli stehen gleich zwei Spieler im Kader, denen der Durchbruch zum Weltstar zuzutrauen ist. Lediglich, was die Ergebnisse gegen andere Top-Nationen angeht, muss das englische Team zulegen. Es ist ein junges Team mit Perspektive, das vielleicht auch schon 2018 um den Titel mitspielen kann.

Was hinter den Parametern steckt
Marktwert
In dieser Kategorie wird der durchschnittliche Marktwert pro Spieler dargestellt. Als Grundlage verwenden wir dabei die Werte von Transfermarkt.de zum Stichtag der Kader-Verkündung am 04.06.2018.
Erfahrung
Um die durchschnittliche Erfahrung, die jeder Spieler im Kader auf internationalem Spitzen-Niveau gesammelt hat zu ermitteln, haben wir eine eigene Formel entwickelt. Wir betrachten sämtliche Spiele, die der jeweilige Spieler in seiner Profi-Karriere absolviert hat und gewichten die Erfahrung je nach Qualität des Wettbewerbs. Beispielsweise gehen wir davon aus, dass 40 Prozent aller Champions League Spiele auf höchstem internationel Niveau ausgetragen werden. Für Welt- und Europameisterschaften gehen wir von einem Drittel aus. In der Premier League rechnen wir mit zwölf Spielen pro Saison, in der Primera División mit acht, in Bundesliga und Serie A mit sechs in der Ligue 1 mit vier. Stichtag unserer Erfassung war der 04.06.2018.
Spieler bei Top-Vereinen
Hier ermitteln wir die Anzahl der Spieler, die bei den zehn weltbesten Vereinen unter Vertrag stehen und damit regelmäßig - auch im Training - auf allerhöchstem Niveau gefordert sind. Wir greifen hierfür auf die Deloitte Football Money League 2018 Rangliste zurück. Diese führt Manchester United, Real Madrid, FC Barcelona, Bayern München, Paris Saint-Germain, Manchester City, Arsenal London, FC Chelsea, FC Liverpool und Juventus Turin als TOP-10. Es handelt sich hier zwar um ein Ranking nach Wirtschaftskraft, doch kaum eine andere Rangliste dürfte ähnlich deutlich zeigen in welchen Vereinskadern die größte Leistungsdichte herrscht.
Bilanz gegen Top-Gegner
Wie gut schneidet die jeweilige Mannschaft in Spielen gegen Top Gegner ab? Wir messen hier den Anteil gewonnener Spiele bei Partien gegen Top-Gegner seit der WM 2014. Als Top-Gegner zählen wir die zehn besten Nationalmannschaften der Welt, ermittelt durch das SPON Powerranking. Dies sind: Frankreich, Spanien, Deutschland, Brasilien, Argentinien, England, Belgien, Uruguay, Portugal und Kolumbien.
Bevorzugtes System
Eher informativen Charakter hat das bevorzugte System der jeweiligen Mannschaft. Vor dem Turnier stellen wir hier die am häufigsten gespielte Formation des jeweiligen Teams im Verlauf der letzten zwei Jahre dar. Ändert eine Mannschaft ihre bevorzugte taktische Ausrichtung während des Turniers, werden wir den Eintrag entsprechend anpassen.
Durchschnittsalter
Ebenfalls eher von informativem Charakter ist das Durchschnittsalter aller Spieler der jeweiligen Mannschaft. Der von uns verwendete Stichtag ist hier der Tag des Eröfnungsspiels.
Schlüsselspieler
Der wichtigste Spieler des jeweiligen Teams wurde von uns redaktionell ausgewählt und wird Ihnen in dieser Kategorie mit Alter, Zahl der Länderspiele, Verein und Position präsentiert. Die Angaben zum Alter und der Zahl der Länderspiele beziehen sich dabei auf den Turnierstart und werden im Turnierverlauf nicht weiter fortgeschrieben.
Einschätzung der Redaktion
Hier lehnen wir uns aus dem Fenster und präsentieren Ihnen fortlaufend aktualisiert unsere Einschätzung, der Chancen des jeweiligen Teams.


insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
FrankZimmermann 06.06.2018
1. Nix
Meistens liege ich je mit meinen Einschätzungen sehr daneben, aber vor 4 Jahren war ich vor der WM tatsächlich mal ganz optimistisch und bin schon nach der Vorrunde davon ausgegangen, daß es im Viertelfinale zu Deutschland gegen Frankreich kommt und der Sieger dann auch Weltmeister wird. Für diese WM bin ich da allerdings gar nicht optimistisch. Ich halte Deutschland insgesamt für schwächer, andere Nationen wie Frankreich, Spanien, England und Brasilien allerdings für deutlich stärker als vor 4 Jahren. Also nix mit Titelverteidigung.
Helga die Schreckliche 06.06.2018
2. Turniermannschaft
Eine WM ist eine WM, ist eine WM. Neben Qualität der Spieler kommt es auf Mannschaftsgeist, Führung, medizinische Abteilung und Logistik an. So sollte Deutschland unter den Top 4 landen.
peeka(neu) 06.06.2018
3. Bei nahezu jeder WM
spielt der Gastgeber eine besondere Rolle unabhängig von den vorherigen Leistungen. Außerdem sollte man Portugal als amtierenden Europameister auf dem Schirm haben. Ich hoffe ja, dass es doch einmal ein Außenseiter wie Nigeria schafft, auch wenn das sehr unwahrscheinlich ist.
golfstrom1 06.06.2018
4. Spitzenmannschaften
Interessante Auswertung mit vielen Wahrheiten. Allerdings wurde ein Team vergessen, welches man hier meiner Meinung nach mit aufführen hätte müssen - Belgien. Auch wenn die Belgier in den letzten 30 Jahren nichts mehr gerissen haben, so haben sie doch einen Kader zusammen der absolut auf Augenhöhe mit den genannten Nationen steht. Von der Ausgeglichenheit her sogar über den der Engländer und Argentinier. Wenn die Belgier ihr Potential voll ausschöpfen können sie um den Titel mitspielen. Für mich sind die Brasilianer wieder ganz heiß im Rennen, sie haben wieder eine hungrige und spielstarke Mannschaft zusammen mit einem Ausnahmekönner. Dazu ist ihr Kader im Vergleich zur Vergangenheit sogar recht ausgeglichen besetzt. Deutschlands Kader ist sicher recht gut, ich bezweifle aber, dass einige Positionen auf allerhöchstem Niveau mithalten können, insbesondere auf der Linksverteidigerposition und in der Sturmspitze ist Deutschland nicht auf Weltklasseniveau, auch wenn ich vor allem Timo Werner eine tolle WM zutraue. Ich glaube die Titelverteidigung ist sehr unwahrscheinlich, weil andere Nationen doch sehr aufgeholt haben. Die Spanier waren vor 4 Jahren satt, die Brasilianer trotz Heimbonus zu stark unter Druck und der Kader nicht stark genug. Deutschland/Frankreich und Argentinien waren absolut auf Augenhöhe und Kleinigkeiten haben dann den Ausschlag für Deutschland gegeben.
alpenradler 06.06.2018
5. Freundschaftsspiele
Wenn ich mich recht erinnere, dann waren sämtliche Spiele der deutschen Mannschaft gegen Top-Gegner seit 2014 Freundschaftsspiele, mit Ausnahme des Halbfinales bei der EM gegen Frankreich. Und in Freundschaftsspielen spielt Deutschland traditionell meist grottig, weil Löw testet, die Einstellung nicht stimmt etc.
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