WM-Premiere für Videobeweis Russisches Roulette

Mehr Personal, bessere Abseitslinien - funktioniert der Fifa-Videobeweis besser als das deutsche Modell? Ein Problem: Viele Schiedsrichter kennen die Technik kaum.

Referee Alireza Faghani diskutiert mit Alexis Sanchez beim Confed Cup 2017
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Referee Alireza Faghani diskutiert mit Alexis Sanchez beim Confed Cup 2017


In wenigen Tagen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland - und damit startet auch der umstrittene Videobeweis in sein erstes WM-Turnier. Dann wird es nicht nur für Fans und Spieler spannend, ob die Technik besser funktioniert als in der Bundesliga. Auch Lukas Brud wird genau hinsehen.

Der 38-jährige Deutsche ist Geschäftsführer des International Association Board (IFAB), das über die Fußballregeln und den Videobeweis wacht. "Ich bin zwar etwas angespannt, aber ich bin auch guter Dinge, dass die Arbeit, die in den vergangenen Monaten in den Videobeweis gesteckt wurde, sich auszahlen wird", sagt Brud dem SPIEGEL vor dem ersten Einsatz der Technologie.

Warum Brud Anspannung spürt? Der Videobeweis birgt ein enormes Potenzial für hitzige Diskussionen, wie dieses Beispiel zeigt: Zuletzt hatte der FC Bayern im verloren gegangenen DFB-Pokalfinale Pech mit einer zweifelhaften Interpretation der TV-Bilder. Die Empörung über einen nicht gegebenen Elfmeter für den Rekordmeister kurz vor Abpfiff war auch noch Tage später groß.

Nun muss man sich vorstellen, solche Situationen gäbe es auch bei der WM. Deutschland - oder jede andere Nation - würde nach einer fragwürdigen Auslegung der TV-Bilder aus dem Turnier ausscheiden, das Finale verlieren. Dann brüllen nicht nur die Bayern-Fans, sondern einige Millionen Fußballfans mehr. Oder wenn Gastgeber Russland, dessen Ruf als Sportnation ohnehin schwer beschädigt ist, von einer zweifelhaften Entscheidung der Videoassistenten profitiert, könnten sogar massive Schäden an der Glaubwürdigkeit des gesamten Wettbewerbs entstehen.

Entscheidungen sollen nachvollziehbarer kommuniziert werden

Noch sind das spekulative Szenarien. Und um solche Negativfälle zu verhindern, hat der Weltverband Fifa versucht, die Technik zu verbessern. Und ja: Die Arbeit mit ihr unterscheidet sich bei der WM in Russland deutlich von dem, was in der Bundesliga für so viel Ärger gesorgt hat. In Deutschland hatten die Videoassistenten je einen beratenden Helfer neben sich, bei der WM werden es drei sein. Vier Regelexperten begutachten in einem Moskauer Studio die TV-Bilder. Wobei die neuen Mitarbeiter noch weitere Aufgaben erledigen.

Die Orientierungslosigkeit, die in deutschen Stadien oft herrschte, wenn wieder niemand wusste, was nun überprüft wird, und warum ein Tor doch nicht gilt, soll durch eine neue Kommunikationsstrategie bekämpft werden. Einer der Assistenten in der Videokabine kümmert sich um Informationen, die beispielsweise auf den Stadionleinwänden gezeigt werden. So sollen Hintergründe der Entscheidung verständlicher werden. Auch der TV-Zuschauer soll schneller informiert werden. "Bei der WM will die Fifa sicherstellen, dass alle wissen, was passiert", sagt Brud.

Videoreferee vor dem Confed Cup in Russland im vergangenen Jahr
DPA

Videoreferee vor dem Confed Cup in Russland im vergangenen Jahr

Transparenz ist ein zentrales Motiv, deshalb werden auch die "Situationen, die die Video-Assistenten dem Schiedsrichter in der Review-Area zeigen, auf der Videowand zu sehen sein", beschreibt Bastian Dankert eine weitere Neuerung. Dankert ist neben Felix Zwayer einer von zwei deutschen Videoassistenten, die in Russland im Einsatz sein werden, und sagt: "Es ist dreimal besser, dass die Fans über diese Situation kontrovers diskutieren, als wenn sie gar keine Wahrnehmung zu einem Entscheidungsprozess haben."

Die vielleicht wichtigste Verbesserung wird es aber an anderer Stelle geben, sofern die Technik nicht versagt: Es gibt ein Tool, um Abseitssituationen eindeutig nachweisen zu können. Neben den bekannten kalibrierten Linien wird ein dreidimensionales Vektorenkonstrukt verwendet, das anhand der Daten mehrerer Kameras berechnet wird. So soll sich darstellen lassen, ob beispielsweise ein Kopf eines Spielers die Abseitsstellung einer Fußspitze am Boden aufhebt. Das könnte im Gegensatz zu den per Hand von den TV-Anstalten eingebauten Abseitslinien tatsächlich zu einer schlüssigen Bewertung enger Szenen taugen.

Das Konzept ist klar: Den Problemen der zurückliegenden Saison wird mit Aufrüstung begegnet. Doch je komplexer die Technik um den Videobeweis wird, desto schwieriger wird seine Bedienung.

Viele Schiedsrichter sind mit der Videotechnik kaum vertraut

In der Bundesliga wurden alle Beteiligten ein Jahr lang geschult, dennoch brach oft Chaos aus. Die WM-Schiedsrichter, von denen viele im Ligaalltag ohne die Video-Technik arbeiten, konnten nur wenige Wochen üben. Die Spanier, die das Hilfsmittel bisher nicht kennen, bereiten sogar ihre Spieler vor. Man "müsse sich auf Spielunterbrechungen und Verzögerungen einstellen", sagt Nationaltrainer Julen Lopetegui, "wir müssen verstehen, wie die Regeln lauten, sodass uns vollkommen klar ist, was da vor sich geht."

Dass Teile des Publikums nicht verstehen, wie die Entscheidungen zustande kommen, liege aber auch daran, "dass viele die Spielregeln nicht gut genug kennen", sagt der deutsche Funktionär Brud dem SPIEGEL. Daher steht sogar eine Überarbeitung des Regelwerks zur Debatte. "Wir werden uns dieser Thematik im nächsten Jahr intensiv annehmen und überprüfen, ob man beispielsweise die Handspielregel vereinfachen, deutlicher machen kann", sagt Brud.

Das zentrale Problem wird das IFAB aber nicht lösen können: Auch bei der WM werden die TV-Bilder Interpretationsspielraum lassen.



insgesamt 8 Beiträge
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gnarze 08.06.2018
1. Egal
Durch den Videobeweis wird eine offensichtliche Bevorteilung des Gastgebers - so wie 2014 und 2002 - bei Milliarden Zuschauern nahezu unmöglich gemacht. Allein das ist schon ein Vorteil
zoon.politicon 08.06.2018
2. Primär wichtig: Erkennen von groben Tätlichkeiten
Wichtiger, als das Erkennen von Abseits oder Toren ist für mich das Erkennen von Gesundheits-gefährdenden Fouls: dadurch könnte der Trend , dass Fußball zum "Kampfsport" verkommt, dass derjenige profitiert, der durch Fouls gegnerische Spieler ausser Gefecht setzt, gestoppt werden.
diewildedreizehn 08.06.2018
3. Wirkt etwas tendenziös
Der ganze Artikel wirkt auf mich ziemlich tendenziös. Es erscheint mir typisch deutsch, dass man etwas an sich gutes so konsequent schlecht redet. Nich missverstehen, wo es Verbesserungsbedarf gibt soll man ihn prüfen. So kann die Transparenz sicherlich noch besser werden. Ich bin da gespannt wie das in Russland laufen wird. Aber sonst sehe ich eine so deutliche Verbesserung bei der Gerechtigkeit dass ich diese "Perfekt ist der VB aber auch nicht"-Nörgeleien einfach nur absurd nenne. Ja, die EM-Szene im Pokalfinale war sehr umstritten. Doch wie wäre es denn ohne VB gewesen? Der SR hätte so oder so entschieden und alle anderen hätten trotzdem die Szenen am TV gesehen und es evtl. genau anders herum entschieden. Wo also liegt das Problem? Es liegt beim SR. So glaube ich z.b., dass die Berliner Szene, wäre sie so an der Mittellinie oder in der 1. HZ geschehen, anders bewertet worden wäre, närmlich als Foul. Keiner hätte sie skandalisiert. Doch bei diesem Spielstand, in dieser Spielminute, im Strafraum, da hat es scheinbar eine andere Tragweite. Der SR war sich deshalb nicht sicher genug. Und das lässt sich nie ändern. Nein Herr Theweleit, das Perpetuum Mobile oder das Ei des Kolumbus, mit dem jede Interpretationsoption ausgeschaltet wird, die wird es auch in Russland nicht geben. Aber das hat auch niemand versprochen. Und wenn dann 6 oder 7 von 10 Szenen besser als vorher bewertet werden, dann kann ich gut damit leben, dass es bei den restlichen immer noch Spielraum gibt. Stattdessen auf die Szenen hinzuweisen wo es immer noch nicht perfekt ist, dass nenne ich Nörgelei.
meresi 08.06.2018
4. der wilde dreizehner
hat Recht. Kein Grund jetzt schon zum nörgeln anzufangen. Wichtig ist auch, dass diese ramosen fouls eindeutig als solche erkannt und gnadenlos bestraft werden ohne Rücksicht auf die Person. Kein Schiri sollte vor Ehrfurcht irgendeines Namens erstarren, sei es Messi, Müller, Robben und Co. Wobei Messi eigentlich nicht in diesem Kontext genannt werden sollte. Ramosmäßig ist auch Vidal unterwegs, bitte werft ein Auge auf diesen Ungustl
Allgemeinbetrachter 08.06.2018
5. nörgeleien...
sollten umgehend mit Gelb bestraft werden. Wird dann schnell ein lustiges Fußballspiel mit vielen gelben Karten. Mach das mal im Basketball... . Da gibt's nen technisches Foul und dann beim zweiten tschüssi und fliegst aus der Halle. Andere Sportarten ähnlich. Man hat als Sportler die Entscheidung des Schiris zu akzeptieren und auch mal runterschlucken. Der Videobeweis sollte von einem erfahrenen Schiri parallel vor dem Bildschirm betrachtet werden, der gleichberechtigt ist zum Schiri auf dem Feld.
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