DFB-Stürmer Yoga mit Gomez

Mario Gomez ist mit fast 33 Jahren der Senior im deutschen WM-Aufgebot. Der Stürmer erlebt sein fünftes großes Turnier. So entspannt war er noch nie.

Mario Gomez
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Beim DFB wird für die Nationalspieler in ihrer WM-Vorbereitung Yoga angeboten. Die Spieler könnten natürlich auch einfach zu Mario Gomez gehen.

Der fast 33-Jährige ist nicht nur der Älteste im WM-Kader von Joachim Löw, er verströmt dieser Tage auch eine derartige Gelassenheit, dass er sich vom Verband durchaus als Entspannungslehrer anstellen lassen könnte.

Seit elf Jahren gehört Gomez der Nationalmannschaft nunmehr an. Er hat mit ihr Erfolge gefeiert, er hat durch sie jedoch auch die Täler eines Lebens als Fußballprofi kennengelernt. Die EM 2012 war wohl Gomez' bestes Turnier. Davon in Erinnerung geblieben ist aber nur der ätzende Kommentar von TV-Experte Mehmet Scholl, Gomez habe sich im Sturm fast wundgelegen. Vier Jahre zuvor vergab der Angreifer bei der EM 2008 eine Torchance gegen Österreich, die man eigentlich nicht vergeben konnte. Selten ist ein Angreifer danach so verspottet worden.

"Ich habe die Reaktionen nicht verstanden"

Alte Geschichten, hundert Mal aufgewärmt, aber es hat lange gedauert, bis Gomez gelernt hat, damit umzugehen. "2008 reiste ich zur EM mit dem Gefühl, hier kommt der neue Superstar des deutschen Fußballs, und dann passierte diese Szene. Ich hab die Reaktionen danach erst überhaupt nicht verstanden", sagt er zehn Jahre später. "Damals konnte ich überhaupt keine Gelassenheit aufbringen."

Gomez und die Nationalmannschaft - dagegen ist eine Achterbahnfahrt Kinderkram. Bei jeder Einwechslung wurde er ausgepfiffen, jede unglückliche Situation verlacht - und dann 2016 bei der EM war er plötzlich wieder der Heilsbringer. Ohne seine Tore wäre Deutschland wohl gar nicht erst bis ins Halbfinale gekommen.

Mario Gomez (r.) vor seinem ersten Länderspiel 2007
REUTERS

Mario Gomez (r.) vor seinem ersten Länderspiel 2007

"Heute kann ich das alles viel besser einordnen, kanalisieren, dazu war ich mit Mitte 20 einfach nicht in der Lage", sagt er. Heute redet Gomez wie ein Elder Statesman der Nationalmannschaft, sagt, dass er schon glücklich sei, wenn er nur drei Minuten Einsatzzeit bekäme. Es werden wohl mehr werden.

Auch Joachim Löw hat Gomez immer mal wieder verschmäht. Zur WM nach Brasilien hat er ihn nicht mitgenommen, Gomez war zuvor verletzt, wähnte sich aber fit genug fürs Turnier. Der Bundestrainer sah das anders. Löw war über lange Zeit ohnehin kein Freund von Gomez' Strafraumspiel, er zog die schnellen flexiblen Offensivleute vor. Aber gegen 163 Bundesligatore, gegen 31 Treffer in der Nationalmannschaft ist es auch für Löw schwer, Argumente zu finden.

Ein wenig wie auf der Ehrenrunde

Gegen Saudi-Arabien am Abend in Leverkusen (19.30 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird Gomez, sofern Löw ihn einsetzt, sein 75. Länderspiel bestreiten. Die WM in Russland wird sein fünftes großes Turnier, im Mai ist er Vater geworden. Im Moment passt das alles sehr gut zusammen, der vernünftige abgeklärte Mario Gomez, der weiß, dass "das Leben mehr ist als ein Ball und zwei Tore".

Vielleicht wird es das letzte Turnier für den Stürmer, "ich merke natürlich, dass es nicht leicht ist, sich als 33-Jähriger gegen die Jungen durchzusetzen". Beim VfB Stuttgart, seinem alten Verein, zu dem er jetzt zurückgekehrt ist, erlebt er noch mal einen neuen Frühling, dennoch wird auch die Vereinskarriere nicht mehr ewig währen. Gomez ist schon ein wenig wie auf der Ehrenrunde, ob er danach noch etwas mit Fußball macht, weiß er selbst noch nicht. Erst einmal eine Pause - "ich lebe, seit ich 13 bin, mit diesem Fußballterminkalender, ich habe nie mal eben am Wochenende sagen können, ich fahre mit Freunden ins Grüne, das gab es einfach nie."

Mario Gomez im DFB-Trainingslager
DPA

Mario Gomez im DFB-Trainingslager

Jetzt fährt er zwar nicht mit Freunden, aber immerhin mit Teamkollegen noch einmal vier Wochen nach Russland. Vielleicht wird es ja doch noch etwas mit einem Titel mit der Nationalmannschaft. Er war Deutscher Meister mit den Bayern, Champions-League-Sieger, Meister in der Türkei, Fußballer des Jahres, Torschützenkönig in der Bundesliga und der Süper Lig. Nur mit dem DFB-Team darf er sich lediglich Vizeeuropameister 2008 nennen. Was auch schon etwas ist.

Mario Gomez saß dieser Tage auf einem Stuhl im Garten des DFB-Mannschaftshotels, um ihn herum die Sonne des Südtiroler Trainingslagers, er sagt: "Der Fußball ist wahrscheinlich noch nie so oberflächlich gewesen wie derzeit, und dennoch, ich habe es noch nie so genießen können. Ist doch schon merkwürdig."



insgesamt 9 Beiträge
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Lassehoffe 08.06.2018
1. Happy end!
Würde ihm ein erfolgreiches Turnier gönnen. Eigentlich einer der besten Stürmer, die Deutschland jemals hatte, wenn man es an der Trefferquote misst. Zu Unrecht als Chancentod verschrien und von Scholl diffamiert - es wäre Zeit für ein Happy end!
bauerbernd 08.06.2018
2. Gomez soll das alles entscheidene Tor schiessen
Gomez soll das alles entscheidene Tor schiessen, worauf seine Fans seit vielen Jahren warten, und dann für ein und alle mal Schluss mit jeglicher Gomez Diskussion
el_jefe 08.06.2018
3. Entspannen ist einfach
wenn man gar nicht erst arbeitet. Gomez ist schon immer Abstauber gewesen und wird es bleiben. Ich wünsche ihm eine gute WM für die Mannschaft, aber ich habe meine Zweifel, ob er wirklich der beste Sturmer ist, den Deutschland zu bieten hat.
hooge789 08.06.2018
4. Spieler im zweiten Frühling
sind immer gefährlich. Er wird seine Tore machen. Wie bei derEM vor zwei Jahren.
Nonvaio01 08.06.2018
5. Ich fand ihn immer gut
Gomez im sturm bindet immer 2 verteidiger.
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