Nationalmannschaft vor der WM Löws neue Schlüsselspieler

Ergebnisse sind bei WM-Testspielen Nebensache - es zählen Erkenntnisse. Wir haben einen heimlichen Spielmacher gesehen, eine offensive Allzweckwaffe und eine starke Alternative für die Innenverteidigung.

Joshua Kimmich
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Joshua Kimmich

Von Henrik Bahlmann, Michel Massing und


Das letzte Testspiel vor dem WM-Auftakt in Moskau hat die deutsche Nationalmannschaft 2:1 gegen Saudi-Arabien gewonnen. So richtig glücklich war mit dem ersten Sieg der DFB-Elf im Kalenderjahr allerdings niemand. Bis zur ersten Partie gegen Mexiko muss sich das deutsche Team deutlich steigern. Die Ergebnisse solcher Testspiele in der Vorbereitung sind wenig aussagekräftig, wir wollen Erkenntnisse aus den zwei Spielen der Vorbereitung ziehen und drei aktuelle Schlüsselspieler betrachten.

1. Kimmich ist der heimliche Spielmacher

Joshua Kimmich ist wichtig für die deutsche Nationalmannschaft - das ist nicht neu. Dass Joshua Kimmich aber eine derart zentrale Rolle im Spiel der DFB-Elf einnehmen würde, ist doch überraschend. Als Rechtsverteidiger hatte Kimmich gegen Saudi-Arabien mit 78 Ballaktionen die drittmeisten aller Akteure auf dem Feld. Nur Toni Kroos (111) und Mats Hummels (90) hatten mehr.

Der 23-Jährige erfüllte nicht nur seine Kernkompetenz als flankengebender Flügelspieler, er war auch häufig beim Spielaufbau im Zentrum zu finden. Wie vor dem 1:0, als er mit einem Flugball hinter die saudi-arabische Viererkette Marco Reus bediente. Solche Pässe sieht man im DFB-Team normalerweise eher von Kroos.

Als ausgebildeter zentraler Mittelfeldspieler könnte sich Kimmich während eines Spiels als Alternative zu Kroos in Position bringen. Versuchen gegnerische Mannschaften, Kroos im Spielaufbau einzuengen, blieb als Variante der lange Ball von den Innenverteidigern. Mit einem spielerisch starken Kimmich, der 83 Prozent seiner 59 Pässe an den Mann brachte, ist die Nationalelf noch variabler im Aufbau und daher unberechenbarer für den Gegner.

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Deutschland vs. Saudi-Arabien: Eigentor und Pfiffe bei der WM-Generalprobe

2. Reus ist der Schlüsselfaktor in der Offensive

Erst mit 29 Jahren wird Marco Reus, dessen Karriere auf dem Platz immer wieder von langwierigen Verletzungen unterbrochen wurde, seine erste Weltmeisterschaft bestreiten. In Russland könnte er endlich die Schlüsselrolle spielen, welche für ihn eigentlich schon in Brasilien 2014 vorgesehen war.

Der ballsichere Reus weiß im Mittelfeld nicht nur auf der zentralen Position zu überzeugen, auch in vorderster Reihe ist er ein nicht zu unterschätzender Faktor. Mit einer starken Vertikalbewegung und schneller Auffassungsgabe bereitete er gegen Saudi-Arabien den Führungstreffer durch Timo Werner vor. Gerade gegen tiefstehende Gegner ist er mit solchen Laufwegen und seinen starken Pässen in die Tiefe die ideale Lösung in Löws Offensivplan. Auch als Torschütze bewies Reus seine Klasse immer wieder. In seinen nur 31 Länderspielen seit dem Debüt in der Nationalmannschaft 2011 traf er neun Mal; in 233 Bundesligaspielen für Mönchengladbach und Dortmund 99 Mal.

Um eine erfolgreiche WM-Teilnahme nicht zu riskieren, nahm Bundestrainer Jogi Löw den Offensivspieler in der 57. Minute vom Feld. Derzeit ist davon auszugehen, dass der 29-Jährige unverletzt in den Flieger nach Russland steigen und endlich seine erste WM spielen wird. Es könnte direkt eine große für ihn werden.

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Deutschland in der Einzelkritik: Die beste Nachricht: Reus blieb unverletzt

3. Niklas Süle ist eine Alternative in der Innenverteidigung

Gegen Österreich spielte Niklas Süle 90 Minuten lang, gegen Saudi-Arabien wurde er als erster Feldspieler eingewechselt, absolvierte die komplette zweite Hälfte. Während Antonio Rüdiger Probleme in der Spieleröffnung offenbarte, überzeugte der Bayern-Verteidiger mit starken Pässen in die Tiefe. In der abgelaufenen Bundesligasaison lief er sogar schon als Mittelfeldspieler auf. Das gute Passspiel ist Süles Plus.

Die beiden Plätze im Zentrum der Defensive haben die Routiniers Mats Hummels und Jérôme Boateng abonniert. Beide sind allerdings noch nicht in WM-Form. Boateng ging angeschlagen in die Turniervorbereitung. Gegen Österreich wurde er genau wie Mats Hummels komplett geschont. Im Spiel gegen Saudi-Arabien stand er 45 Minuten auf dem Platz, hielt sich allerdings aus Zweikämpfen weitestgehend heraus. Hummels verlor sieben von zehn Zweikämpfen.

Muss sich Löw Sorgen um seine Abwehr machen? Nein, denn wie der Bundestrainer betonte, muss sich die Defensivarbeit des gesamten Teams verbessern. Nach zwei Wochen Vorbereitung fehlte die Fitness für das sofortige Gegenpressing und eine geschlossene Rückwärtsbewegung. Und sollten Boateng oder Hummels doch einmal ausfallen oder die Form früherer Tage nicht erreichen, dann ist da ja noch Niklas Süle.



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brian_hollweck 09.06.2018
1. Mein Tipp: Platz 4
Ich denke das Deutschland dieses Jahr den vierten Platz belegt und das geht so: 4 Punkte muss man gegen Mexiko/Schweden holen, die 3 gegen Südkorea sind sicher. So wird Deutschland erster in der Gruppe. Dann kommt wohl die Schweiz, die wird man SICHER schlagen. Im Viertelfinale wartet England, auch hier setzt man sich mit Glück noch einmal durch. Deutschland kommt unter die Top 4 mit Spanien, Brasilien und Frankreich. Hier werden dann zwei mal die Grenzen dieser Mannschaft aufgezeigt, man verabschiedet sich mit 2 Niederlagen von dieser WM. Weltmeister kann gut Spanien werden, aber Brasilien ist mMn die Nummer 1.
Mister Stone 09.06.2018
2.
Versuchen gegnerische Mannschaften Kroos im Spielaufbau einzuengen, blieb als Variante der lange Ball von den Innenverteidigern. Genau das ist der Mangel in Löws System: Khedira kann Kroos nicht unterstützen und nicht absichern, dazu ist er zu behäbig und zu hüftsteif. Er wird ein ums andere Mal leicht ausgetrickst. Auch seine Ballbehandlung im Kurzpasspiel ist dürftig. Seine Qualität wird von Löw immer nur mit "enorme physische Präsenz" und "große internationale Erfahrung" bezeichnet. Das sind ja auch nette Komplimente, aber im Mittelfeld braucht es agile, reaktionsschnelle Spieler, die einen Defensivzweikampf nicht nur andeuten, sondern auch mal gewinnen (ohne den Gegenspieler über den Haufen zu rennen)! Derzeit agiert Khedira als "zusätzliche Anspielstation" in einem 4:1:3(plus Khedira):1 System. Ist ja auch ganz nett, wenn es im vorderen Drittel eine zusätzliche Anspielstation gibt, aber bei Kontern klaffen die Lücken. Neben Kroos sollten Kimmich, Gündogan oder Rudy spielen. Sie würden Kroos absichern und entlasten, so dass dieser Freiraum nach vorne hätte. Khedira kann das nicht. So muss Kroos die Solo-6 spielen und hinten bleiben.
schwaebischehausfrau 09.06.2018
3. Die Überraschung der Saison...
...ist mit Sicherheit Süle. Fast jeder hat ihm nach seinem Wechsel zu Bayern eine Saison auf der Ersatzbank vorhergesagt. Und wenn auch Boateng, Hummels und Rüdiger Normalform haben, ist das mit großem Abstand das beste Innenverteidiger-Quartett aller Teams. Kimmich hat gegenüber Lahm sicher Defizite im defensiven Zweikampfverhalten, aber dafür ist er selbst deutlich torgefährlicher als Lahm und in puncto Flanken sicher auf dem gleichen Level wie Lahm. Angst machen einen aber schon ein wenig die schwache Offensive (da sind Mannschaften wie Frankreich, Brasilien, England und Argentinien) nicht nur 1, sondern fast 2 Klassen besser besetzt und die uninspierierten Auftritte gegen Österreich und Saudi-Arabien - auch im Vergleich zur ,trotz der Niederlage , spielerisch sehr guten 1. HZ gegen Spanien. Und jedes Mal, wenn ich Draxler mit seinen völlig brotlosen Übersteigern sehe, weiß ich, dass Löw die Nichtnominierung von Sané noch böse auf die Füße fallen wird.
realist4 09.06.2018
4. Leider noch viele Probleme
Ganz eindeutig dauert es viel zu lange, das Mittelfeld zu überwinden, das ist nun schon seit Monaten zu beobachten. Wenn man dann endlich vor dem gegnerischen Strafraum ist, kommt man wieder nicht über ein langes hin und her hinaus, immer mit dem Risiko des Ballverlustes und eines schnellen Gegenangriffs. Sollte es Löw nicht doch noch gelingen das Spiel schneller zu machen und seine Spieler zum Torschuß zu animieren, sehe ich schwarz.
realist4 09.06.2018
5. # 3
Zitat von schwaebischehausfrau...ist mit Sicherheit Süle. Fast jeder hat ihm nach seinem Wechsel zu Bayern eine Saison auf der Ersatzbank vorhergesagt. Und wenn auch Boateng, Hummels und Rüdiger Normalform haben, ist das mit großem Abstand das beste Innenverteidiger-Quartett aller Teams. Kimmich hat gegenüber Lahm sicher Defizite im defensiven Zweikampfverhalten, aber dafür ist er selbst deutlich torgefährlicher als Lahm und in puncto Flanken sicher auf dem gleichen Level wie Lahm. Angst machen einen aber schon ein wenig die schwache Offensive (da sind Mannschaften wie Frankreich, Brasilien, England und Argentinien) nicht nur 1, sondern fast 2 Klassen besser besetzt und die uninspierierten Auftritte gegen Österreich und Saudi-Arabien - auch im Vergleich zur ,trotz der Niederlage , spielerisch sehr guten 1. HZ gegen Spanien. Und jedes Mal, wenn ich Draxler mit seinen völlig brotlosen Übersteigern sehe, weiß ich, dass Löw die Nichtnominierung von Sané noch böse auf die Füße fallen wird.
Draxler oder Sané, man weiß nicht wer uneffektiver ist, vermutlich hat Sané beim Münzwurf verloren. Was nützt Talent, wenn man es nicht einzusetzen weiß? Wenn man die Mitspieler nicht sieht oder ignoriert und sich jedesmal festläuft oder in letzter Sekunde einen Notpass in die gegnerischen Füße spielt? Ehrlich gesagt, vielleicht hatte Löw mit der Entscheidung Draxler/Brandt an Stelle von Sané doch recht.
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