Uruguay, Nigeria, Belgien und Co. Die Geh-heim-Favoriten

Auch bei dieser WM gibt es Top-Favoriten, Mit-Favoriten und Geheim-Favoriten. Nur sind Letztere manchmal alles andere als geheim und schon gar nicht erfolgreich. Eine Übersicht über die heißen Tipps der Vergangenheit - und was aus ihnen wurde.

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Diesmal ist es Belgien. Jede Weltmeisterschaft hatte ihn, den Geheim-Favoriten. Mindestens einen. Meist zwei oder drei. Vor dem Turnier in Brasilien scheint sich die Fußballwelt auf die von Marc Wilmots trainierten "Roten Teufel" geeinigt zu haben. Welchen Nationaltrainer man auch nach einem heißen Tipp für die WM fragt, Belgien wird immer genannt. Was zu der Frage führt: Wie lange ist geheim eigentlich geheim?

Heutzutage wären ohnehin die Begriffe "Mit-Favorit" oder "Außenseiter" passender. Auch Spieler von Teams wie Costa Rica oder Iran tauchen längst in den Datenbanken auf. Der Fußball ist weltweit durchleuchtet. "Geheim" gibt es nicht mehr, nur Abstufungen von "bekannt".

Das war mal ganz anders. Uruguay hatte 1924 und 1928 das olympische Fußballturnier gewonnen, die zwischen 1911 und 1951 in Deutschland erschienene Zeitschrift "Fußball" schrieb vor der ersten Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay dennoch in völliger Verkennung der wahren Stärke, dass die "europäische erste Klasse stärker einzuschätzen sei, als die panamerikanische". Das Finale gewann Uruguay 4:2 gegen Argentinien. Geheimnisvoll war daran rückblickend einzig die Arroganz der Europäer.

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Bis in die Fünfzigerjahre hinein war der Favoritenstatus auch von den zu bewältigenden Reisestrapazen abhängig. Die Anreise auf einen fremden Kontinent fand per Schiff statt und dauerte mitunter bis zu zwei Wochen (Italien brauchte mit Zwischenstopp auf den Azoren 15 Tage bis nach Brasilien).

Legendäre Triumphe schafften Mannschaften aber auf ihrem Heimatkontinent. 1950 gelang den inzwischen nicht mehr so dominanten Uruguayern der entscheidende Sieg in der Finalrunde gegen Gastgeber Brasilien. Beim "Wunder von Bern" war Deutschland gegen die Zauberer aus Ungarn keine Chance eingeräumt worden. Im Land der Unterlegenen machten anschließend gar Gerüchte die Runde, die Partie sei an Mercedes, Volkswagen oder Hersteller von Erntemaschinen verkauft worden.

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Dass kleine Fußballnationen fast automatisch zu Geheim-Favoriten werden, wenn sie WM-Gastgeber sind, bewahrheitete sich einmal mehr 1962. Chile wurde im eigenen Land Dritter, 1958 hatte es Schweden bis ins Finale geschafft, 1986 kam Mexiko ins Viertelfinale, die USA 1994 immerhin ins Achtelfinale und Südkorea scheiterte 2002 gegen Deutschland erst im Halbfinale.

Das Bauen auf einen Superstar, der die ganze Mannschaft mitziehen soll, bewies sich jedoch als weniger erfolgreich - selbst wenn der Spieler ein Weltklassemann wie Eusébio war. 1966 war der Portugiese der überragende Angreifer, schoss sein Land mit neun Toren bis ins Halbfinale. Dort scheiterte das Team dann aber am Gastgeber und späteren Weltmeister England.

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Der Eiserne Vorhang sorgte dafür, dass es auch in den Siebziger- und Achtzigerjahren noch reichlich Geheimnisse in der Fußballwelt gab. Die wahre Stärke der Teams aus dem Ostblockstaaten bot immer reichlich Stoff für Spekulationen. 1974 trat die polnische Nationalmannschaft als Olympiasieger an und präsentierte sich tatsächlich als echte Herausforderung. Mit Mühe, Not und einem überragenden Sepp Maier im Tor besiegte Deutschland die Polen dann im legendären Zwischenrundenspiel in Frankfurt.

Ebenfalls häufig hoch gehandelt wurde Jugoslawien. 1990 galt die Elf um Kapitän Zlatko Vujovic als potenzielle Überraschung. Dann kam das erste Gruppenspiel gegen Deutschland, ein Solo von Lothar Matthäus und eine 1:4-Klatsche. Jugoslawien erholte sich davon jedoch gut, im Viertelfinale kam das Aus gegen Argentinien erst im Elfmeterschießen.

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In der gleichen Gruppe wie Jugoslawien und Deutschland spielte damals auch Kolumbien. Der Mannschaft von Franz Beckenbauer trotzten die Südamerikaner ein 1:1 ab, vier Jahre später wurde die "Goldene Generation" noch stärker eingeschätzt. Gesicht - oder besser: Frisur - des Teams war der blondgelockte Carlos Valderrama. Bei der Weltmeisterschaft 1994 spielte zudem Faustino Asprilla vom AC Parma mit, wer sollte diese Kolumbianer also stoppen? Die Antwort: Rumänien, die Schweiz und die USA. Nach der Vorrunde war Schluss.

Spätestens seit Roger Millas Auftritten für Kamerun 1990 waren sich die Experten sicher: Über kurz oder lang würde der Weltmeister aus Afrika kommen. 1998 galten die "Super Eagles" aus Nigeria als mehr als nur Geheimfavorit. Das Team um Sunday Oliseh, Finidi George, Jay-Jay Okocha, Nwankwo Kanu und Victor Ikpeba zeigte tatsächlich tolle Angriffe, aber auch ebenso spektakuläre Abwehrfehler. Dänemark bestrafte diese beim 4:1 im Achtelfinale.

Auch bei der ersten WM auf afrikanischem Boden, 2010 in Südafrika, lief es nicht besser. Von sechs afrikanischen Mannschaften schaffte es nur Ghana in die K.-o.-Runde, gewann im Achtelfinale gegen die USA, schied dann aber im Skandalspiel gegen Uruguay aus. In der Nachspielzeit der Verlängerung klärte Stürmer Luis Suarez per Hand auf der Torlinie, Asamoah Gyan verschoss den Strafstoß, im Elfmeterschießen kamen die Südamerikaner weiter.

Auch 2014 gehört Uruguay zum Kreis der Geheimfavoriten. So wie die Elfenbeinküste, die unberechenbaren Franzosen. Und natürlich Belgien.



insgesamt 31 Beiträge
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idleberg 05.06.2014
1.
Jaja, Geheimfavorit Uruguay. Ganz nebenbei die Nation mit den meisten internationalen Titeln im Fussball. 15 mal Copa America, zwei mal FIFA Weltmeister und zudem zwei mal olympisches Gold aus der Zeit, als die Spiele noch als das höchste internationale Fussballturnier galten. “Four stars appear above the team logo on the jersey. Two represent Uruguay's 1930 and 1950 World Cup victories, and the other two represent the gold medals received at the 1924 and 1928 Summer Olympics and recognised by FIFA as World Championships” Nicht so schlecht für ein Land mit derzeit knapp über 3 Millionen Einwohnern.
ginotico 05.06.2014
2. Skandalspiel?
Warum ist es ein Skandalspiel, wenn ein Spieler in der letzten Minute mit der Hand auf der Linie klärt? Als letzte Möglichkeit ein Gegentor zu verhindern, ist dass unter Hinnehmen des Elfmeters und Platzverweises mit anschliessender Sperre doch legitim.
rational_bleiben 05.06.2014
3. optional
Bei der WM 98 war Kroatien Geheimfavorit und wurde auch Dritter.
Andr.e 05.06.2014
4.
Zitat von ginoticoWarum ist es ein Skandalspiel, wenn ein Spieler in der letzten Minute mit der Hand auf der Linie klärt? Als letzte Möglichkeit ein Gegentor zu verhindern, ist dass unter Hinnehmen des Elfmeters und Platzverweises mit anschliessender Sperre doch legitim.
Als Bub mal auf dem Platz gestanden? Und Schelte bekommen, wenn Sie die Hand auf der Linie hochgerissen haben? Nein? OK, das erklärt's dann...
golfstrom1 05.06.2014
5. Fußball-Weltmeisterschaft
Geheimfavoriten sind alle Teams die individuell in der Lage sind mit der Weltspitze mitzuhalten. Es gibt die Spitzenteams, die gespickt sind mit hoher individueller Klasse und Weltklassespieler in allen Mannschaftsteilen. Dazu zählen Teams wie Brasilien, Spanien, Argentinien, Deutschland, Italien, Holland, Belgien, Portugal oder auch Frankreich. Das sind die Teams die individuell in der Lage sein werden, solch ein Turnier zu gewinnen. In den Spielen zwischen diesen Teams wird es eng zur Sache gehen und Kleinigkeiten werden zwischen Sieg oder Niederlage entscheiden. Den Turniersieger und höchstwahrscheinlich auch die Finalisten werden aus diesen Teams kommen. Die zweite Gruppe sind Teams die durchaus individuelle Klasse haben und wenn alles klappt auch eine der großen Mannschaften ausschalten kann. Die sogenannten Geheimfavoriten. Das sind Teams wie Kroatien, Chile, Kolumbien, Uruguay, England, Ghana oder auch die Schweiz. Diese Mannschaften können durchaus auch mal ins Halbfinale vorrücken. Für mehr wird es aber nicht reichen. Dann gibt es Teams die mithalten können, aber für mehr als das Achtelfinale fehlen einfach die Möglichkeiten und die individuelle Klasse. Das sind Teams wie Mexiko, Kamerun, Elfenbeinküste, Japan, Ecuador, Bosnien, USA, Russland oder Südkorea. Alle anderen Teams werden froh sein über jedes Tor was sie schießen und jeden Sieg feiern. Das sind Teams wie Australien, Griechenland, Costa Rica, Honduras, Iran, Nigeria und Algerien. Diese Mannschaften sind einfach zu schlecht besetzt und ihnen wird die Durchschlagskraft fehlen.
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